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STUTTGART/ Ballett: DON QUIJOTE – mehr Show als Authenzität, aber trotzdem viel Spaß

Stuttgarter Ballett: „DON QUIJOTE“ 4.6. 2017– Mehr Show als Authenzität, aber trotzdem viel Spaß

Don Quijote Amatriain, Allen_dsc_3230
Einer der vielen virtuosen Momente: Constantine Allen (Basilio) und Alicia Amatriain (Kitri). Copyright: Stuttgarter Ballett

Im Dezember war sein Rollendebut als Basilio von Knie-Problemen (mit anschließender Pausierung) überschattet – jetzt holte Constantine Allen diesen für einen jungen technisch virtuosen Tänzer sehr dankbaren Part-Einstand unter ungetrübten Umständen nach. Und das mit einer solchen Vehemenz und Rasanz in den Drehungen samt Triple tours, die selbst beim Zuschauen Schwindel erregten. Von seinem ersten Auftritt an beherrschte der große und attraktive Latin Lover-Amerikaner mit hohen Beindehnungen und lockerer Attitude den Schauplatz der mit Hilfe von Don Quijotes ritterlichem Einsatz gelingenden Vereinigung mit der geliebten Gastwirtstochter Kitri. Mit wenigen gestischen Mitteln und einer etwas neutralen Mimik lässt er den Spaß daran sichtbar werden. Im wie immer mit Spannung erwarteten großen Pas de deux vor dem Finale warf er sich vielleicht mit einem Zuviel an Emphase in die Manege mit den Überschlag-Sprüngen, dass keine Steigerung mehr möglich war und dadurch die zugkräftige Wirkung eingeschränkt wurde. In der Coda machte er dieses Manko durch fast endlose, blitzschnelle und saubere Drehungen mit weit ausschwingendem Bein dann mehr als wett. Kaum weniger spektakulär gelangen die zahlreichen einarmigen Hebungen als wirkungsvolle Verzögerungsmomente. Vor dem Hintergrund seiner überraschenden, mit Vorstellung der neuen Saison verlautbarten Kündigung zum Spielzeitende (und dem sich damit schon bedrohlich fortsetzenden Kahlschlag an männlichen Kapazitäten) ist diese Leistung trotz einer mehr auf Show-Spiel denn auf authentische Charakterisierung setzenden Gestaltung umso höher einzuschätzen.

Letzteres betrifft auch die – allerdings aufgrund ihres fortgeschrittenen Ballerinen-Alters dem Mädchensein entwachsene Kitri von Alicia Amatriain, die nach wie vor alle technischen Finessen mit einer Selbstverständlichkeit und einer immer wieder bewundernswerten Agilität ausfüllt. Gegen Ende machten sich dann – ob Tagesform oder altersbedingt nachlassende Kraft – Konditionsgrenzen bemerkbar, so dass sie ihrem Partner keine so zündende Kette an Pirouetten entgegenhalten konnte.

Im weiteren Ensemble ließ Hyo Jung Kang als Königin der Dryaden eine aufgrund ihres gemäßigten Tempos sehr schwere Verbindung von Arabesquen und Spitzenbalancen vorbildlich leicht, ausgewogen und spannungserfüllt zur Geltung kommen. Viel Temperament und Wendigkeit offerierten Myriam Simon als Straßentänzerin Mercedes und Roman Novitzky als Toreador. Gruppentänzerin Aiara Iturrioz Rico zeigte als Kitris Freundin Eva vielversprechendes klassisches Ballerinen-Potenzial, Cedric Rupp genoß konträr dazu die spielerisch-tänzerischen Möglichkeiten von Quijotes treuem Gefährten Sancho Pansa. Jessica Fyfe regierte als quicker Amor auf leichter Spitze, Alexander Mc Gowan schnöselte sich ohne Übertreibungen durch die herrschaftlichen Auftritte von Kitris Verehrer Camacho.

Viel südländisches Feuer entlockte Wolfgang Heinz einiger Grobheiten zum Trotz dem Staatsorchester Stuttgart, so dass auch er und die Musiker in den Schlussjubel einbezogen wurden.

  Udo Klebes

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