Der Neue Merker

STUTTGART/ Ballett: DON QUIJOTE – erst Skepsis, dann Staunen

Stuttgarter Ballett: „DON QUIJOTE“ 19.5. 2017– Erst Skepsis, dann Staunen

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Ein Staunen machendes Paar: Ami Morita (Kitri) und Alexander Mc Gowan (Basilio), Copyright: Stuttgarter Ballett

Vor ein paar Jahren hatte wohl niemand daran gedacht, dass das Stuttgarter Ballett mit seinem bewundernswert stark ausgeprägten Reservoir an markanten Ersten Solisten innerhalb kurzer Zeit in Besetzungsnöte gelangen könnte. Die beiden Kammertänzer der Compagnie haben die Partie des Basilio nicht bzw. nicht mehr in ihrem Repertoire, der ursprüngliche Aufhänger für die Wiederaufnahme der dicht an Petipa angelehnten Choreographie von Maximiliano Guerra war ebenso wie ein nachrückender Anwärter unerwartet schnell abhanden gekommen. Wie wir aus der langen Amtszeit von Reid Anderson mittlerweile wissen, bekommt auch immer wieder ein Nachwuchs die Chance, für das Publikum unerwartet früh mit einer Hauptpartie betraut zu werden. Der Halbsolist Alexander Mc Gowan war bislang in kleinen sehr lebhaft gestalteten Soli oder im Ensemble durch seine überragende Größe aufgefallen. Zwei Meriten, die ihm zweifellos trotz aller vorherigen Bedenken zum Vorteil bei seinem Debut gereichten. Durch seine endlos lang erscheinenden Beine bekommen Sprünge und  Drehungen in jeglicher Form eine ausgreifendere Wirkung, sie verleihen ihm eine Grundhaltung und Dominanz, die über ein noch vorhandenes Persönlichkeits-Defizit hinweg helfen. Vor allem die Sprünge evozieren von Beginn an eine enorme Weite und steigern sich in den virtuosen Teilen des Grand Pas de deux zu fast beängstigender Überschlagskraft. In dieser forderndsten Nummer vor dem Finale haben sich auch seine Drehungen zu gleichmäßiger Konstanz entwickelt. Das Spiel des gewitzten Barbiers fällt vorerst noch etwas trocken aus und wird sicher mit Wegfall der Premierenanspannung wie seine Präsentation insgesamt an Spritzigkeit gewinnen. Alle gebotenen Parameter zusammen genommen ist das ein erfreulich runder Einstand in einer Partie, die vorwiegend aus der Vereinigung von technischer Perfektion und unwiderstehlichem (Latin Lover-) Charme lebt. Letzteren kann er als blonder Lockenkopf zwar nicht bieten, dennoch stimmte Mc Gowans Gesamtpaket in seiner beständig spürbaren Emphase noch mehr zu wollen als an diesem Abend möglich war.

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Mit Rasse und Stolz:  Rocio Aleman (Mercedes) und Roman Novitzky (Torero). Copyright: Stuttgarter Ballett

Noch ein weiterer Aspekt ist besonders hervor zu heben: das Partnern mit Kitri zeichnete sich von Beginn an durch viel Geschick und damit verbundene Sicherheit aus, so dass vor allem die zahlreichen einarmigen Hebungen organisch in den Ablauf integriert und von beachtlicher Effizienz waren. Auf dieser Basis konnte sich die Solistin Ami Morita nach ihrem Debut im Dezember frei entfalten und besonders in geschmeidiger Bein- und Fußarbeit eine feine Technik beweisen. Die Pirouetten gelingen mühelos und ausdauernd, die Linien sind ausgewogen. Obwohl ihre Gastwirtstochter nicht unbedingt vor Leben sprüht, blitzen in ihrer schlichten, aber im richtigen Moment entscheidenden Mimik Schalk und die Lust am Schmollen durch, wenn ihr der Vater den Geliebten verweigert.

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Matteo Crockard-Villa (Don Quijote) mit Myriam Simon (Dulcinea) und Rocio Aleman (Königin der Dryaden)- Copyright: Stuttgarter Ballett

Im weiteren, mehr als Ausschmückung und Kolorit dienenden Ensemble fügte die Halbsolistin Rocio Aleman ihren allesamt erfreulichen Rollen-Einständen eine mit Rasse und Biss getanzte Straßentänzerin Mercedes hinzu und verwandelte sich im Mittelakt noch in eine nicht ganz so gut disponierte Königin der Dryaden, wo es der langsamen Kette an Arabesquen an durchgehender Spannkraft mangelte. Roman Novitzky  gestaltet den choreographisch kniffligen Torero jetzt mit klarer gesetzten Akzenten und stolzer Attitude, Myriam Simon kombiniert als Dulcinea aparte Form und feine Spitzen-Balancierung zu einer seelenvollen Muse, Veronika Verterich und Agnes Su zeigen als Kitris Freundinnen viel versprechende solistische Qualitäten, Katarzyna Kozielska ist wieder der entzückende Amor, Fabio Adorisio der nicht überkandidelt dosierte Verehrer Camacho und Adhonay Soares da Silva der Prinz der Zigeuner, der in seinem kurzen rasant hingelegten Solo seine parallele Einsetzung als Basilio erahnen lässt. Matteo Crockard-Villa (Don Quijote) und Louis Stiens (Sancho Pansa) füllen ihre eigentlich wichtige, aber lediglich Staffage bietende Funktion so gut wie möglich aus. Seitens des Corps de ballet war vor allem die Garnierung der bunten Volksszenen von mitreißendem Schwung, so wie ihn James Tuggle manchmal auch etwas zu schnell vorwärts drängend an das munter mitziehende Staatsorchester Stuttgart weiter gab.

Jubel für ein berechtigtes Staunen zurück lassendes Hauptpaar.

                                                                                                                      Udo Klebes       

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