Der Neue Merker

STUTTGART/ Ballett: DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG – Unverwüstliches Komödienglück

Stuttgarter Ballett

„DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ 20.10.2016 – Unverwüstliches Komödienglück

DSC_6772
Adam Russell-Jones als Gremio mit köstlich trockenem Humor. Copyright: Stuttgarter Ballett

Die Besetzungsplanungen wurden gleich in den ersten Wochen der neuen Spielzeit durch mehrere Tänzer-Ausfälle gehörig durcheinander gewirbelt. Davon betroffen war leider auch diese Vorstellung, die die für den Rezensenten erste Begegnung mit dem neuen Petrucchio von Pablo von Sternenfels und seiner Partnerin Elisa Badenes gewesen wäre. Doch weil der mexikanische Solist wie auch ein weiteres Alternativ-Paar nicht einsetzbar waren, schlüpften wie schon bei der Saisoneröffnung am 29. September Alicia Amatriain und Constantine Allen in die charakterstarken Rollen von Katharina und ihrem Bändiger und zeigten sich inzwischen bestens aufeinander eingespielt. Auch wenn sie das störrische Element der älteren der beiden Töchter des Edelmannes Baptista immer wieder zu dick aufträgt und er es bei den Pas de deux hin und wieder nicht so genau nimmt, überzeugen sie beide durch ihre Leidenschaft und spielerische Spontaneität, mit der sie sich ins Geschehen werfen, ohne das technische Geschick zu vernachlässigen.

DSC_6829
 Selbstbewusstsein gepaart mit Kindlichkeit: Jessica Fyfe (Bianca) und Adhonay Soares da Silva (Lucentio). Copyright: Stuttgarter Ballett

Die verstärkte Konzentration richtete sich indes auf die sechs neuen Mitstreiter dieser auch in traditioneller und inzwischen erneuerter Ausstattung zeitlosen Komödie. Vor allem die ganz ungewohnt für Reid Andersons Politik von außen engagierte Halbsolistin Jessica Fyfe verschaffte sich mit ihrer leicht auf der Schwelle zwischen Mädchen und Erwachsensein balancierenden und durch eine schöne grazile Linie erfüllten Bianca viel Aufmerksamkeit und lässt so damit bald auf weitere Solo-Rollen hoffen. Neben ihrer selbstbewussten Persönlichkeit kommen die noch kindlichen Züge des Adhonay Soares Da Silva umsomehr zum Vorschein. Der Brasilianer dürfte auch sicher mit der jüngste Lucentio in der nunmehr bald fünfzigjährigen Geschichte dieses Ballettklassikers sein. Das nimmt dem von der Rollenanlage her ohnehin etwas akademisch angelegten Liebhaber Biancas wohl einiges an Gewicht und menschlicher Größe, doch rein technisch gesehen rechtfertigt die sauber fließende Bewältigung diesen frühen Einsatz. Letztlich gehört auch dieser zu den letztlich wichtigen Chancen, die die Direktion immer wieder vielversprechendem Nachwuchs zu einem Zeitpunkt gibt, wo unsereins noch nicht so viel erkennt.

Nach Louis Stiens bot Adam Russell-Jones einen kaum weniger köstlichen, doch wieder so ganz anders gearteten Einblick in den übel zugesetzten Gecken Gremio – etwas skurril, teilweise knochentrocken und mit einem speziellen Sinn für Charakterhumor, wie er nur Engländern zu eigen ist. Ob als nervender Sänger oder verschnupfter Jammerlappen – der Spaß, den der bereits als brillanter Techniker bewiesene Gruppentänzer dabei hat, kann er nie ganz verbergen. Fabio Adorisio hat es als ohnehin blasser gezeichneter Musiker Hortensio generell schwerer, doch bleiben die seine Auftritte bestimmenden Eitelkeiten in der etwas glatten Interpretation des Italieners noch zu unterbelichtet.

Von den beiden raffinierten Freudenmädchen hat Katarzyna Kozielska mit ihrer vifen spielerischen Ader die Nase deutlich vorn, so dass Anouk van der Weijde im Hintertreffen bleibt.

Es wird höchste Zeit, dass die so quirlig und stimmungsvoll erzählende und vom Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle wieder mit guter Laune servierte neobarocke Komposition von Kurt Heinz Stolze endlich auf Tonträger gebannt wird. Vielleicht schafft dies Reid Anderson ja noch bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2018. Die vollgültige, auch weil so ganz eigenständige Ballettmusik hätte es schon lange verdient!

  Udo Klebes

Diese Seite drucken