Der Neue Merker

STUTTGART/ Ballett: „DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ – Gut gelaunt in die neue Saison

Stuttgarter Ballett

„DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ 29.9. 2016 – Gut gelaunt in die neue Saison

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002 die Rolle des Petrucchio im Sturm erobert: Constantine Allen. Copyright: Stuttgarter Ballett

Eine Woche nach der Oper startete auch das Ballett mit einem Repertoire-Klassiker in die neue Spielzeit und legte mit Crankos unverwüstlicher Shakespeare-Komödie so geschlossen gut gelaunt los, als würden sich die TänzerInnen sich genauso wie das Publikum amüsieren und glücklich sein, wieder auf der heimischen Bühne aufzutreten. Unterstützt wurde der frische Eindruck durch das nach den Originalen von Elisabeth Dalton neu gebaute Bühnenbild und einer von Steen Bjarke neu entworfenen, intensivierten Beleuchtungstechnik. Vor allem der letzte Pas de deux vor tiefblauem Hintergrund erhält jetzt eine besonders glanzvoll essentielle Note.

Mit neuen Besetzungen sind automatisch neue Spiel- und Interpretations-Varianten verbunden. So bot diese Aufführung diesbezüglich mit teilweise neuen Rollen-Gesichtern allerhand Potential. Constantine Allens Einstand als Petrucchio noch während der Ballettwoche im Juli konnte nicht besucht werden, jetzt musste er aufgrund interner Partnertausch-Aktion mit einer anderen Katharina den Kampf aufnehmen. Der große dunkle Latin Lover-Typ ist schon rein äußerlich der unwiderstehlich strahlend selbstbewusste Draufgänger und verbindet diesen Vorzug mit einer gut dosierten Mischung aus Herz und Verstand. Die Ironie kommt dabei weder zu kurz noch wird sie überbetont. Allen macht spürbar, wie der Charakter aus der Choreographie heraus entsteht; darauf verlässt er sich, ohne den Drang, etwas Künstliches draufzusetzen. Technisch gesehen vermag er mit leichten Sprüngen und gleichmäßig rasanten Drehungen in große Vorgänger-Fußstapfen zu steigen, nur beim Partnern traten mit Zunahme des Abends, vor allem im Final-Pas deux, Haltungs-Schwächen auf. Ob diese nachlassender Kraft oder sonstiger Nachlässigkeit geschuldet sind, ist schwer zu beantworten.

In Alicia Amatriain hat er eine Katharina, die hinsichtlich klassischer Bravour und Sicherheit in den waghalsigen Pas de deux-Verschlingungen beste Figur macht. Ihre Neigung zur Übertreibung vermag sie leider nie abzustreifen, sie ist so biestig und wild, mimisch überzeichnet, dass sie manchmal nahe einer Karikatur kommt, während Katharinas zusehends befreites Lächeln mehr einem Grinsen ähnelt. Ob dies Crankos/Shalespeares Sinn entspricht, ist eher zu bezweifeln.

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 Oase der Glückseligkeit: Elisa Badenes (Bianca) und David Moore (Lucentio). Copyright: Stuttgarter Ballett
 
Dieses Zuviel wird besonders neben ihrer Bühnenschwester Bianca in Gestalt der jedes Mal aufs Neue so erfrischend natürlich aus sich heraus wirkenden und alle Parameter harmonisch zur Verschmelzung bringenden Elisa Badenes deutlich. Damit hat sie auch positive Auswirkung auf ihren Partner David Moore, der unterstützt von seiner inzwischen geöffneten Persönlichkeit ein vorbildlich ausgeglichener Lucentio zwischen edler Strahlkraft und spielerisch dynamischem Einsatz ist. Beider Pas de deux geriet so zu einem Höhepunkt, der alles Drumherum total vergessen ließ. Dass es am Ende um ihr Glück nicht so gut bestellt scheint, teilt Lucentio mit den anderen beiden Anbetern Biancas: Louis Stiens, dem choreographierenden Halbsolisten gelingt dabei auf Anhieb ein bis ins Detail erfasstes Debut als Gremio mit bislang ungeahnt komischen Eingebungen zwischen Ständchen und verschnupftem Ehedasein – ein Geck, der trotz aller mimischen Verlockungen seine Würde als ernst zu nehmender Mensch wahrt. Auch Roman Novitzky hielt als eitler Hortensio die Balance zwischen zugespitzter körperlicher Artikulierung und Standard-Gestik. Angelina Zuccarini und etwas zurück haltender Ami Morita verdingten sich als Dirnen, die zuerst Petrucchio ausnehmen und dann durch eine Maskerade an die beiden Vorgenannten verkuppelt werden. Alexander McGowan unterstreicht seine komischen Einsätze als Wirt und noch mehr als Priester allein schon durch seine Größe, Rolando D’Alesio hat sich als genervter Vater Baptista mehr und mehr zum versierten Charakter-Darsteller gemausert.

Auf frischen Glanz geputzt zeigte sich der Pas de six im finalen Festakt, zu neu motivierten Späßen aufgelegt waren die vier frechen Diener Petrucchios. Auch das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle nahm sich der auf Domenico Scarlatti fußenden vitalen neobarocken Musik von Kurt Heinz Stolze mit Gefühl und Leichtigkeit an, um Esprit und Nachdenklichkeit gleichermaßen zu ihrem Recht kommen zu lassen.

So kann es weitergehen – in gelöster Stimmung und mit vielen Ovationen!

                                                                                                          Udo Klebes

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