Der Neue Merker

STUTTGART/ Ballett: „CRANKO PUR“ – Drei Ausrichtungen eines Choreographen. Premiere

Stuttgarter Ballett

„CRANKO PUR“ 3.10.2017 (Premiere) – Drei Ausrichtungen eines Choreographen

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L’ESTRO ARMONICO –  David Moore, Marti Fernandez Paixa + Damen-Corps. Copyright: Stuttgarter Ballett

Als Ballettintendant Reid Anderson 1969 in John Crankos Compagnie nach Stuttgart kam, wurde gerade dessen „L’ESTRO ARMONICO“ geprobt. Dieses dem Genre des sogenannten konzertanten Balletts zuzuordnende Opus aus dem Jahr 1963 komplettierte auch den letzten Uraufführungsabend mit Crankos späten Arbeiten „Green“ und „Spuren“ vor dessen jähem Tod im Juni 1973. Somit war es nun eine passende Gelegenheit die letzte Spielzeit Andersons im Rahmen des Cranko-Schwerpunkts anlässlich dessen 90. Geburtstag im August auf dieses lange nicht mehr aufgeführte Stück zurück zu greifen und es erstmals mit zwei seiner populäreren Arbeiten zu einem Programm zu kombinieren.

Das zu drei von zwölf Streicherkonzerten Antonio Vivaldis entworfene und von Crankos musikalischem Begleiter Kurt Heinz Stolze eingerichtete Werk wandelt als quasi handlungsfreies Ouevre auf den neoklassischen Spuren eines George Balanchine. Es verfügt zwar nicht über dessen kristallklare und exakte musikalische Struktur, stattdessen aber über mehr Wärme und auch Lebensfreude, die bei aller Nachdenklichkeit in den langsamen Sätzen spürbar bleibt. Cranko geht bei aller auch ihm innewohnenden Musikalität freier mit den Noten um und erzielt doch eine Einheit im fließenden Übergang bzw. Ineinandergleiten von Soli und Gruppenszenen. Die weißen, schwarzen bzw. weiß-roten Trikots schaffen dabei auf der überwiegend hell ausgeleuchteten leeren Bühne reizvolle Kontraste. Aufgrund der glatten Demonstration akademischer Ballett-Figuren belebt durch ein gewisses Strahlen weist die perfekt als „harmonische Eingebung“ bezeichnete Choreographie ideale Eignung für Ballettschul-Abschlussklassen auf ohne es als schulmeisterlich bezeichnen zu wollen. Es zeigt viele der formellen Errungenschaften Crankos, seinen Sinn für originelle Ideen, musikalische und strukturelle Freiheiten doch zu einem Einklang zu bringen. Da begegnen sich durchaus so entgegen gesetzte Parameter wie z.B. einfache Linien und Trippelschritte im Plié oder gleitendes Spiel der Arme und virtuoser Einsatz der Beine bis hin zu kurzen Stepp-Sequenzen. Im ersten Satz stehen die drei Solisten sechs weiblichen Corps de ballet-Mitgliedern gegenüber, im zweiten ist es die Solistin mit sechs männlichen Gruppentänzern, ehe sich im letzten Satz alle vereinen.

Elisa Badenes erfüllt alle Anforderungen mit einer selbstverständlichen federnden Brillanz auf Spitze, Arme und Beine sind perfekt ausbalanciert, und dazu schimmert durch ihre strahlende Präsenz noch jene Note an Keckheit durch, die Crankos Handschrift ausmacht und dieses im Stil des Concerto barocco gehaltene Werk von den strengeren Arbeiten Balanchines unterscheidet. Der mehr elegante David Moore und der quecksilbrigere  Marti Fernandez Paixa folgen ihrer Kollegin in ihren vielen gleichzeitigen Drehungen und Sprüngen auf hohem Niveau ohne deren überlegene Sicherheit zu erreichen. In den Gruppen tun sich nach und nach Neuzugänge unterschiedlichster Couleur hervor.

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BROUILLARDS  –  Friedemann Vogel. Copyright: Stuttgarter Ballett

BROUILLARDS“ entstand 1970 zur gleichnamigen Prélude-Sammlung von Claude Debussy als Zwitter zwischen konkreter Handlung und Abstrahierung, ist somit also eine Folge von kurzen Impressionen, in denen der Mensch und die Natur gleichermaßen beleuchtet werden oder Naturerscheinungen menschliches Handeln widerspiegeln. Cranko hat sich einerseits an den Titeln der einzelnen Episoden orientiert, andererseits seine eigene Interpretation und Vorstellung eingebracht. Der titelgebende „Nebel“ rahmt das intime, wie entrückt wirkende Werk wie eine Symbiose, in der sich Menschen mit baumelnden Armen, kreisenden Köpfen, überkreuz ineinander verschlungen oder vornübergekippt zu immer wieder neuen Gebilden verdichten und dann wieder auflösen. Eine beeindruckende Metapher für Nebelschwaden. In den acht dazwischen liegenden Kurzgeschichten teilen sich alle Corps-TänzerInnen des rahmenden Nebels in verschiedene Rollen auf:

Rocio Aleman zieht mit hüftbetonten Bewegungen drei Verehrer an sich, doch die Vereinigung von Wein und sinnlicher Liebe ist nicht dauerhaft; Elisa Badenes und David Moore symbolisieren mit ruhigen Hebungen und feinen horizontalen Linien fast zelebrierend das wechselnde Einklappen und Aufblähen von Segeln, Alessandro Giaquinto, Matteo Miccini und Cedric Rupp servieren danach einen herrlich augenzwinkernden Cake Walk mit Ragtime-naher Rhythmik, Slapstick-Anleihen und marionettenhaft hölzernen Formationen.

Friedemann Vogel vereint in einer Szene auf der Heide in seiner Anbetung eines schlafenden Mädchens jugendliche Frische mit reifer innerlicher Gefühlswärme, seine Drehungen sind so leicht und gelöst, wie es choreographisch arrangiert ist. In einen poetisch feinen Wettstreit treten Angelina Zuccarini und Agnes Su als Tanz-Kontrahentinnen, die eine so titelgemäß exquisit wie die andere. „Tote Blätter“ stehen für die vergängliche Liebe eines Paares, das Alicia Amatriain und Roman Novitzky in noch nicht ganz wackelfreien, irrsinnig komplizierten stützenden Balancen am Boden seine Verbundenheit zum Ausdruck bringt. Louis Stiens ist wiederum die passende Chaplin-Verkörperung, die in einer „Hommage à S.Pickwick Esq.“ mit Schirm, Melone und dem komplettierenden Charme von einer bedrängenden Gruppe begraben wird. Zuletzt kann sich Miriam Kacerova in ihrem ersten Auftritt nach der Babypause in „Schritten im Schnee“ nicht zwischen Marti Fernandez Paixa und dem sein 20jähriges Stuttgart-Jubiläum feiernden Jason Reilly entscheiden.

Alexander Reitenbach unterstützt mit einer teils schon sehr verinnerlichten, aber auch komische Elemente betonenden Interpretation die poetische Dichte der Choreographie.

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JEU DE CARTES – Adhonay Soares Da Silva. Copyright: Stuttgarter Ballett

JEU DE CARTES“ bildet mit seinen drei verschieden gemischten Poker-Partien, Crankos narrativem Geschick und Igor Strawinskys origineller neobarocker Musik den idealen stimmungstreibenden Abschluss dieses Programms. 1965 wurde dieses mehr erzählende als handlungstragende Opus aus der Taufe gehoben und übertraf international die bis dahin dominierende Uraufführungs-Choreographie von Balanchine im Jahr 1937. Mit vielen gestischen Ergänzungen der Arme, Hände und des Kopfes sind die einzelnen Spielkarten lebendig gewordene Chiffren einer unterschiedlichen Gesellschaft, über die schließlich ein Außenstehender, der Joker, siegt. In der ersten Runde verdrängt er die köstlich schmollende und locker auf Spitze um ihre Chancen kämpfende Herzdame von Ami Morita, weil er Zehner und Siebener höherwertiger ergänzen kann als diese, im zweiten Spiel hat er allerdings gegen die bestens aufeinander eingespielte und sich ergänzende fünfköpfige Herz-Suite keine Chancen, erst im dritten Teil komplettiert er eine Pik-Gruppe als deren Königin zum Royal Flush, indem er die von Jessica Fyfe mit drolligem Eifer und wieselflink zum Leben erweckte Karo Zwei hinaus wirft. Diesen Joker tanzt jetzt, miteinstudiert von Crankos Premieren-Interpreten Egon Madsen, Adhonay Soares Da Silva. Die Maske seines Clownsgesichtes und das parodierende rosarote Tutu helfen dem noch jungen, bislang im Ausdruck noch eher verhaltenen brasilianischen Solisten, den Part neben der geforderten und von ihm exzellent präzise und kraftvoll beherrschten Sprungtechnik auch mimisch weitgehend auszufüllen. Nur die melancholische Seite kommt freilich noch etwas zu kurz.

Mit den mannsgroßen beim Mischen vor sich her getragenen Spielkarten und den Spielfarben und –Werte genau anzeigenden Kostümen von Dorothee Zippel ist das Ganze eine äußerst vergnügliche, mal witzige, mal nachsinnende Ballettkost.

Aivo Välja sorgte als Gast mit dem Staatsorchester Stuttgart nach Vivaldis feierlich leicht und schlank servierten Klängen hier für eine gute musikalisch-rhythmische Unterstützung der Spielrunden.

Großer Beifall und einzelne Ovationen für alle drei Beiträge – ein kurzweiliger vielschichtiger Saisonstart.

Udo Klebes                  

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