Der Neue Merker

STUTTGART/ Ballett: „20 JAHRE INTENDANZ REID ANDERSON“. Ein großes Fest

Stuttgarter Ballett

„20 JAHRE INTENDANZ REID ANDERSON“

mit Abschiedsvorstellung von SUE JIN KANG 15.-24.7. Ein großes Fest

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Bewundert gefeiert und bedankt vom gesamten Stuttgarter Ballett: Sue Jin Kang. Copyright: Stuttgarter Ballett

 Jubiläen beim Stuttgarter Ballett werden bekanntlich groß gefeiert. Keine Frage, dass das zwei Jahre vor Reid Andersons Amtsende 2018 erreichte 20 Jahr Jubiläum seiner Intendanz Anlass für eine besondere Würdigung war. Nicht nur mit einer Gala, nein mit einer 10tägigen Festwoche, die all das berücksichtigte, was seine Spielplan-Gestaltung und seine Verdienste um den Nachwuchs bei Tänzern und Choreographen ausmacht.

Den Auftakt bildete nicht eine Premiere oder spezielle Repertoire-Aufführung, sondern ein schon lange ausgestandenes Film-Portrait über die Geschichte des Stuttgarter Balletts von seinen Anfängen unter John Cranko über die Direktionszeit von Marcia Haydée bis zur Gegenwart. Ein gutes Jahr lang begleitete Regisseur und Autor Harald Woetzel mit einem Team des SWR-Fernsehens die Compagnie, sowohl zu Hause im Trainings- und Probenalltag als auch auf der letzten großen Tournee nach Japan im Herbst letzten Jahres. Mit älteren teilweise schon bekannten historischen Aufnahmen wird die Entwicklung des Ensembles zum Weltruhm beim Gastspiel 1969 in New York mit dem seither zum Zitat gewordenen „Ballettwunder“ ebenso demonstriert wie die bis heute andauernde Position als eine der führenden Compagnien mit den aktuell als Superhelden ihrer Kunst illustrierten Tänzer/innen. Der eine volle Spielfilm-Länge von 90 Minuten dauernde Portrait-Beitrag, der ein paar Tage später unverständlicherweise erst zu mitternächtlicher Zeit auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde, bildete den ungewöhnlichen Festwochen-Beginn im Stuttgarter Metropol-Kino.

Der Folgeabend unter dem Titel „NEXT GENERATIONS“ bot einen Überblick über die aktuell von ehemaligen Stuttgarter Tänzern geleiteten Ballett-Ensembles. Dass fast überall auf der Welt Spuren, die nach Stuttgart führen, zu finden sind, wissen wir en detail bereits seit dem 50Jahr Jubiläum 2011. Doch erscheint es schon bewunderungswürdig, wie vielen Tänzern/Innen Anderson in seinen Stuttgarter Jahren nicht nur den Weg zum Choreographen geebnet hat (das ist seit der Gründung der Noverre-Gesellschaft mit ihren Foren-Abenden für Nachwuchs-Schrittmacher längst eine Tradition), vielmehr auch zahlreiche seiner Tanzkünstler zur Funktion als Ballettdirektoren ermutigt und beraten hat. Und so schickten an diesem Abend Bridget Breiner (Ballett im Revier Gelsenkirchen), Sue Jin Kang (Koreanisches Nationalballett Seoul), Filip Barankiewicz (Tschechisches Nationalballett Prag ab 2017/18), Robert Conn (Ballett Augsburg) und Eric Gauthier (Gauthier Dance Stuttgart) einige ihrer Ensemble-Mitglieder für jeweils zwei Beiträge für diesen Abend nach Stuttgart. Nur Christian Spuck (Ballett Zürich) und Ivan Cavallari (Ballett National du Rhin Strasbourg, ab 2017/18 Les Grand Ballets Canadien Montreal) war dies nicht möglich, weil ihre Compagnien bereits in die Sommerpause gegangen sind, doch kamen beide selbstverständlich, auch um am darauffolgenden Sonntag-Vormittag in einer launigen, von Kommunikations- und Dramaturgiedirektorin Vivien Arnold moderierten Gesprächsrunde ihre Ansichten und Erfahrungen zu schildern. Als bereits bestellter Nachfolger von Anderson gehörte der jetzige Stellvertreter Tamas Detrich korrekterweise auch dazu.

Der nächste Programmpunkt „SKIZZEN“ mit insgesamt drei Vorstellungen im Kammertheater bot einen Rückblick auf eine Auswahl aus dem mit 95 neuen Stücken rekordverdächtigen Uraufführungs-Archiv der vergangenen 20 Jahre. So gab es eine Wiederbegegnung mit Arbeiten von Mauro Bigonzetti und Kevin O’Day, die Ende der 90er Jahre in Stuttgart ihren Durchbruch erzielt haben, eine Szene aus Christian Spucks erstem Handlungsballett „Lulu.Eine Monstretragödie“, Edward Clugs Kammerballett „Ssss…“, stilprägende Kreationen der ehemaligen Ersten Solisten Bridget Breiner und Douglas Lee und vor allem Schöpfungen der Hauschoreographen Marco Goecke und Demis Volpi sowie der jüngsten Schrittmacher Katarzyna Kozielska und Louis Stiens. Eine grandiose Zusammenstellung, die naturgemäß viele Rollendebuts mit sich brachte, worunter Gruppentänzer Adhonay Soares da Silvas „Firebreather“ als Nachfolger des inzwischen nach Amsterdam gewechselten Power-Tänzers Daniel Camargo sicher die bemerkenswerteste und überraschendste, wieder einmal Andersons bekannte Instinktsicherheit verratende war.

Der fünfte Abend verwies auf die Bedeutung der Hauschoreographen und bot noch einmal die erstmals im Frühjahr gezeigte starke Zusammenstellung von William Forsythes sportivem „SECOND DETAIL“, Marco Goeckes erfreulich fließendem „LUCID DREAM“ und Uwe Scholz harmoniesatter „SIEBTER SINFONIE“.

Die drei großen Handlungsklassiker von Gründervater John Cranko an den Nachfolgeabenden waren natürlich ein Muss als fester unverzichtbarer Repertoirepfeiler des Stuttgarter Balletts. Als „ROMEO UND JULIA“ standen die beiden weltweit bekanntesten Stuttgarter Tänzer Alicia Amatriain und Friedemann Vogel an der Spitze einer Besetzung, die mit der ehemaligen Primaballerina und heutigen Direktorin des Badischen Staatsballetts Karlsruhe Birgit Keil als Lady Capulet ein besonderes i-Tüpfelchen bekam. In „DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ kam es wohl bedingt durch den überraschenden Weggang von Daniel Camargo zum vorgezogenen Rollendebut von Constantine Allen als Petrucchio, an der Seite der bereits erprobten Katharina von Elisa Badenes. Eine Wertung dieser Premiere erfolgt dann anlässlich eines Aufführungsbesuchs zu Beginn der neuen Spielzeit. Der dritte Cranko-Abend war denn mit sehr viel Wehmut, aber auch Dankbarkeit für unzählige unvergessliche Begegnungen verbunden und sei daher genauer gewürdigt:

ONEGIN“ 22.7. mit Bühnenabschied von SUE JIN KANG – auch ein Ballettwunder!

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Viele Solo-Ovationen für Sue Jin Kang. Copytight: Stuttgarter Ballett
 

Seit Marcia Haydée war keine andere mehr so mit Puschkin/Crankos Tatjana verschmolzen wie die seit 1986 zum Stuttgarter Ballett gehörende Koreanerin. Ihre Identifikation mit dieser (und vielen anderen) Rollen ist von einer solchen Direktheit, Natürlichkeit und Dringlichkeit geprägt, dass der Zuschauer in das Drama der vom träumerisch befangenen Landmädchen zur St. Peterburger Dame aufsteigenden älteren der beiden Larin’schen Töchter förmlich hineingezogen wird. Bei ihr ist alles wie wahrhaft erlebt, durchdrungen, wie von einer magischen innerlichen Kraftquelle belebt, angetrieben, leicht wie ein Schmetterling und doch von eiserner Energie. Vom ersten Anhimmeln Onegins, ihrem schwärmerischen Traum über die Demütigung beim Geburtstagsfest, den flehentlichen Versuch der Duell-Abwendung, den unmissverständlich strengen Blick der Maßregelung Onegins nach seiner Tat, die später an der Seite ihres Mannes Fürst Gremin ausstrahlende Geborgenheit bis zum wilden Kampf des Schluss-Pas de deux mit Onegin lässt uns Sue Jin Kang tief in ihre Seele blicken und macht gleichzeitig Staunen, wie sie im äußerst reifen Alter einer Primaballerina von bald 50 Jahren sowohl ihre alterslos erscheinungsmäßige wie auch ihre bis in alle Winkel der Choreographie reichende aparte und sich nichts schenkende, alles musikalisch präzise und gestreckt austanzende Form bewahrt hat. Es ist kaum zu fassen, dass dies nun endgültig Vergangenheit sein soll. Symbolisch spiegelt sich das perfekt wieder im letzten Moment der Aufführung, wenn Tatjana nach Onegins endgültiger Abweisung total aufgewühlt mit frontalem Blick an der Rampe ihr Gesicht wie zu einem stummen Schrei formt. So herzzerreißend vermochte das keine andere!

ONEGIN Sue JIn Kang, Jason Reilly 22.7.16 DSC_3046
 Ein letzter verzweifelter Kampf: Sue Jin Kang (Tatjana) und Jason Reilly (Onegin). Copyright: Stuttgarter Ballett
 
Dass sich Sue Jin Kang bei diesem Abschied noch einmal so unvergleichlich mit Haut und Haaren in ihren Part und in die komplizierten Hebungen werfen und fallen lassen konnte, lag am starken und innerlich doch sensiblen Jason Reilly, einem ihrer langjährigen Partner, der als Onegin noch mehr als bisher in den schwierigen Charakter hineinfand, gleich am Anfang so auf sich konzentriert wirkte, dass er Tatjana erst ganz abrupt wahrzunehmen schien, im Spiegel-Pas de deux und auch auf Olga noch verführerischer wirkte, dass sich Hyo Jung Kang mit sichtbarem Genuss in das böse Spiel hineinziehen ließ. Ganz zum Verdruss ihres Lenskis, den Pablo von Sternenfels nach anfänglichen Ungleichmäßigkeiten, aber gewinnendem Charisma, mit großer persönlicher Verzweiflungs-Note im Solo, zu einem überzeugenden Charakter formte. Roman Novitzky trug als Gremin seine Frau sicher und solide auf Händen. Die besondere Abschieds-Stimmung mobilisierte nicht nur das Corps de ballet zu noch erhöhtem Engagement (z.B. zeigten sich die Senioren auf Tatjanas Geburtstagsfest noch nie so echauffiert über die Erscheinung und das arrogante Verhalten Onegins.), auch das Staatsorchester Stuttgart ließ sich von James Tuggle zu besonders schön phrasierten Stimmungsmalereien hinreißen.

Der Dank für die Ausnahme-Künstlerin Sue Jin Kang war gewaltig: fast 25 Minuten jubelte das Publikum, während unzählige Blumengebinde von beiden Seiten auf die Bühne flogen, alle Tänzer und der gesamte Mitarbeiterstab des Stuttgarter Balletts zur zweimal wiederholten Polonaise aus dem dritten Akt an ihr vorbei defilierten und sich mit der Überreichung einer roten Rose persönlich von ihr verabschiedeten, der noch- und der kommende Intendant riesige Rosensträuße überbrachten, Luftballons von der Decke schwebten, ein Transparent „Alles Gute, wir lieben Dich und werden Dich vermissen!“ im Hintergrund herabgelassen wurde und draußen der Himmel seine Abschiedstränen in Strömen vergoß.

Sie wird uns schmerzlich fehlen, doch müssen wir dankbar sein, sie so lange gehabt zu haben. Ein rotes Herz mit den Worten „Danke Sue Jin“ stand denn auch auf einem DINA3 Poster, das auf jedem Platz auslag und auf Zeichen von Reid Anderson in die Höhe gehoben werden sollte. Eine wirklich rührende Geste, die bezeugte, wie sehr dem Stuttgarter Ballett bewusst ist, welch besonderes Ansehen Sue Jin Kang hier genossen hat und wie sehr sie in unseren Herzen verankert ist.

   Udo Klebes

 

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