Der Neue Merker

STUTTGART: ARIODANTE – Hahnenkampf der Primadonnen. Wiederaufnahme

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Copyright: Christoph Kalscheuer
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HAHNENKAMPF DER PRIMADONNEN
Georg Friedrich Händels „Ariodante“ als Wiederaufnahme am 5. Januar 2018 in der Staatsoper/STUTTGART
Bühnentechniker auf der Bühne? In Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oper „Ariodante“ nach Ludovico Ariosto („Der rasende Roland“) und Antonio Salvi sind sie zu sehen. Sie verbinden zwischen Stahlgerüsten und historischen Kostümen die moderne Welt mit der vergangenen Zeit.

Als italienischer Ritter hat Ariodante im schottischen Heer Karriere gemacht. Dem Aufsteiger wird deshalb die Hand der angebeteten Prinzessin Ginevra versprochen, was ihn zugleich zum Thronfolger machen würde. Doch nach den Verlobungsfeierlichkeiten kommt es zum Eklat. Ariodantes Bruder Lurcanio klagt Ginevra öffentlich der Untreue an, sie ist dem Wahnsinn nahe. Ariodante überlebt seinen Selbstmordversuch. Er trifft auf Dalinda, die Polinesso als Mitwisserin seiner Intrige beseitigen wollte. Polinesso erklärt, Ginevras Ehre gegen Lurcanio verteidigen zu wollen. Im Kampf um Ginevras Ehre erschlägt Lurcanio Polinesso. Der totgeglaubte Ariodante kehrt jedoch zurück und spricht Ginevra von aller Schuld frei. Sie wird aus dem Kerker befreit und Dalinda erhört Lurcanios Liebe.

In Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung wird der Hahnenkampf der Primadonnen auf die elektrisierende Spitze getrieben, er erreicht sogar den Orchestergraben. Immer wieder werden die Stahlgerüste und elektrischen Geräte hochgezogen und heruntergelassen, die Akteure umhüllen sich mit riesigen Tüchern, es kommt sogar zu sinnlichen Handlungen hinter den schroffen schwarzen Mauern. Und der Kampf Lurcanios mit Polinesso endet in einem Boxkampf, der auf einem großen Boxring als Kampfgerüst in fast schon skurriler Weise ausgetragen wird. Jossi Wieler und Sergio Morabito unterstreichen bei ihrer Inszenierung die starken Affekte von Georg Friedrich Händels Musik, man sieht sogar Hornisten auf der Bühne.

Das Staatsorchester Stuttgart musiziert unter der souveränen Leitung von Giuliano Carella fast auf offener Bühne (Bühne und Kostüme: Nina von Mechow). Im Beleuchtungs- und Videokonzept von Voxi Bärenklau kann man neben einem Feuerwerk auch die Gesichter der Protagonisten in mysteriösen Großaufnahmen wahrnehmen. Die Theatersituation stellen Jossi Wieler und Sergio Morabito konsequent heraus. Es kommt hier zu grellen Übertreibungen, Worte des Philosophen Rousseau werden sogar im Zuschauerraum von der Empore aus zitiert: „Die Schamlosigkeit passt so gut zum Stand der Schauspielerinnen, und sie wissen das selber so gut, dass es nicht eine unter ihnen gibt, die sich nicht lächerlich zu machen glaubte...“ Der Schauspielerin auf der Bühne wird unterstellt, dass sie sich letztendlich auch für Geld den Männern anbietet. So wird das Theater auf dem Theater gleichsam in fast satirischer Weise persifliert.

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Musikalisch ist diese Interpretation noch mehr aus einem Guss wie die Inszenierung. Das liegt vor allem auch am temperamentvoll und einfühlsam zugleich agierenden Dirigenten Giuliano Carella, der die Sängerinnen und Sänger zusammen mit dem Staatsorchester glänzend zu führen versteht. Die dynamischen und kontrapunktischen Spitzfindigkeiten von Händels Musik nehmen so immer mehr Gestalt an. Man begreift auch, wie stark Händel überhaupt die moderne Musik beeinflusst hat. Eine hervorragende Sängermannschaft stellt sich hier vor. Allen voran zu nennen sind Ana Durlovski als feinnervige Ginevra und Diana Haller als Ariodante, die beide ein beispielloses Koloraturfeuerwerk abbrennen, dessen Funken sofort in den Zuschauerraum überspringen. Und die zahlreichen tonmalerischen Effekte geraten so nie aus der Balance. Die Rolle des Königs von Schottland wird hier von Matthew Brook (der erkältungsbedingt nur die Rezitative singt) und Simon Bailey (Arien) gemeinsam gestaltet. Sie finden im Laufe der Aufführung auch darstellerisch so kongenial zusammen, dass man kaum einen Unterschied wahrnimmt. In weiteren Rollen fesseln Lauryna Bendziunaite, Kai Kluge als Lurcanio, Gerald Thompson als Polinesso und Philipp Nicklaus als Odoardo.
Große Intervallsprünge, rasende Läufe und unheimliche Triller wachsen so ganz zusammen. Auch die Form der Dacapo-Arie nach neapolitanischem Muster blitzt dank Giuliano Carellas erfrischendem Dirigat leuchtkräftig auf. Die geheimnisvollen Reize der melodisch fast schon überquellenden Partitur werden in exzellenter Weise ausgekostet. Und die heftige Auseinandersetzung Lurcanios mit Polinesso gerät fast schon zur Schlachtmusik. Ana Durlovski kann der Ginevra gleich bei der Auftrittskavatine „Vezzi, lusinghe, e brio“ in G-Dur ein strahlkräftig-leuchtendes Timbre verleihen, das nicht nachlässt. Den verhassten Polinesso weist sie mit einem rasanten Oktavsprung sofort in die Schranken. Auch bei den beiden Liebesduetten mit Ariodante kann Ana Durlovski als Ginevra glänzen. Ausgezeichnet verdeutlicht sie außerdem im zweiten Akt, wie die Welt über ihr zusammenbricht. Starre Kadenzharmonik und aus Akkorden zusammengesetzte Melodik führen zu düsterem f-Moll. Und im dritten Akt wächst Ana Durlovski als Ginevra dann wahrhaft über sich selbst hinaus. Ergreifend wirkt die Abschiedsszene zwischen Vater und Tochter vor dem Zweikampf. Auch die Tonart d-Moll färbt die harmonische Aura dabei ins Dunkel-Düstere, was Giuliano Carella mit dem Staatsorchester Stuttgart präzis unterstreicht. In der Arie „Io ti bacio, o mano augusta“ erteilt Ginevra ihrem fassungslosen Vater auch eine Lektion, wobei die dissonante Wirkung des Septakkords hier ebenfalls stark auf die Moderne weist. Höchste Leidenschaft flammt bei den beiden „Primadonnen“ Ana Durlovski und Diana Haller zweifellos immer wieder neu auf. Die buffonesken Züge dieser Musik akzentuiert Carella auch angesichts der grellen Gegensätze zwischen dem Bassbariton des Königs und dem Countertenor von Polinesso. Matthew Brook, Simon Bailey und Gerald Thompson wachsen dabei zur beglückenden gesanglichen Einheit zusammen. Ernste und heitere Elemente sowie Pathos und spielerische Leichtigkeit geraten dabei nie aus den Fugen (Gambe: Franziska Finckh; Basse de violon: Matthias Bergmann; Laute: Andrea Baur, Johannes Vogt; Cembalo: Alan Hamilton).
Ovationen des Publikums waren diesem fabelhaften Ensemble am Schluss in jedem Fall sicher.
Alexander Walther

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