Der Neue Merker

STUTTGART: ARIODANTE – Die Ankunft am Ende

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Ana Durlovsky (Ginevra) und Matthew Brook (König. Foto: Christoph Kalscheuer

Stuttgart

„ARIODANTE“ 5.1.2018 – Die Ankunft am Ende

Welche Funktion Händels Opern zu seiner Zeit, darunter speziell thematisch auch der 1735 uraufgeführte „Ariodante“, ausgefüllt hatten, wurde von Jossi Wieler und Sergio Morabito in ihrer Inszenierung aufgegriffen und in eine moderne, von Technik geprägte Präsentationsform umgewandelt. Die Zurschaustellung pompöser Roben sowie eines zirzensischen Wettbewerbs um die größte musikalische Virtuosität in der Barockzeit entspricht dem heutigen Charakter einer Show, in der die Darsteller nach wie vor dem Publikum gegen gutes Geld ihre Künste demonstrieren. Das Regie-Duo ging noch weiter, indem es Texte von Jean Jacques Rousseau aufgegriffen hat, in denen damals besonders der Auftritt einer Frau als eine Form von Prostitution angeklagt wurde. Die zentrale Bedeutung der Verkleidung und Verwandlung in diesem Stück brachte die beiden Regisseure auf die Idee, die Solisten zuerst in ihren Alltags-Trainingsklamotten mit übergehängten Teilen eines späteren Kostüms zu präsentieren, während ein über der Bühne hängender und in sich drehende Rechtecke unterteilter Bildschirm wie bei einem Film die Rollen und ihre Darsteller einblendet. Sowie während des Schlussapplauses die weiteren Funktionsträger hinter der Bühne angezeigt werden, tauchen im Verlauf der Handlung immer wieder Bühnenarbeiter und Techniker auf, die entweder auf offener Szene Veränderungen vornehmen oder als Beobachter ins Spiel einbezogen werden. Erst am Ende, wenn sich der Knoten nach einem Boxkampf zwischen dem Intriganten Polinesso und Ariodantes Bruder Lurcanio in einem nachgebauten Ring-Podest gelöst hat und das richtige Paar Ariodante und Ginevra zusammen gekommen und der Thronfolger für den König von Schottland gesichert ist, schlüpfen die Sänger in ihre üppigen barocken Gewandungen (Bühne und Kostüme: Nina von Mechow).

Das Ergebnis zeitigte auch jetzt bei der zweiten Begegnung einen etwas uneinheitlichen, auch durch die von Polinesso dazwischen gesprochenen erwähnten Roussau-Texte gebrochenen Eindruck, was aber über weite Strecken durch die gewohnt intensive, Drama und unfreiwillige Komik aufeinander prallen lassende Personenführung des Regie-Duos ausgeglichen wird.

Musikalisch gesehen blieb dieses trotz einer reinen Spieldauer von 3 ¼ Stunden meist keine Längen ergebende Händel-Unterfangen in den Händen von Giuliano Carella, der mit der weit oben sitzenden kleinen Formation des Staatsorchesters Stuttgart jenseits von akribischen historischen Nachempfindungen eine in den raschen Abschnitten frisch dahin sprudelnde, aus dem Augenblick heraus ganz natürlich entwickelte und in den verlangsamten nachsinnenden Passagen ohne zerdehnende Tempi auskommende Lesart erzielte. Abgesehen davon kamen die so farbenreich angelegten Begleitungen der Arien durch ein ganz harmonisches Zusammenwirken von Streichern und Bläsern, ergänzt durch ein Continuo aus Gambe, Bass, Laute und Cembalo zu hingabevoller Entfaltung.

Von den Solisten sei den drei neu besetzten Partien der Vorrang gewährt. Lauryna Bendziunaite betört als Dalinda mit einem hellen, klaren und sprühenden Sopran, dessen Energie und Lust regelrecht mitreissen. Dazu spielt sie die sich aus blinder Liebe zu Polinesso als ihre Herrin Ginevra verkleidende Vertraute mit intensivem Wandel zur reumütig den Avancen des Lurcanio folgenden Frau. Diesen erfüllt der erst in dieser Saison aus dem Opernstudio ins Ensemble übernommene Kai Kluge mit sportlicher Gestaltungslust und einem verständlicherweise noch ausbaufähigen, aber den hohen Anforderungen an vokaler Agilität und Register-Sicherheit bereits erfreulich gut gewachsenen Tenor. Trotz eines lyrisch weichen Kerns kommt schon eine Tendenz zum kraftvolleren Zwischenfach zum Vorschein.

Zusammen mit Gerald Thompson als Polinesso liefert er sich einen effektiven und für ihn siegreichen Boxkampf in der Verteidigung der Ehre der angeblich fremd gegangenen Königstochter Ginevra. Der amerikanische Counter-Tenor verfügt über eine feine, in den sich manchmal fast überschlagenden Koloraturen gewandte und flink ansprechende Stimme, die jedoch mit dem Absenken der Lage so abflacht und in der Tiefe versandet, dass sie sich gegenüber dem Orchester nicht immer durchsetzen und als böses Element in dieser Geschichte nur wenig glaubwürdigen Ausdruck bewirken kann. Den intriganten Anwärter des Königsthrons, der sich mit der erzwungenen Verkleidung Dalindas als Ginevra sich an dieser rächend therapieren möchte, gibt er dagegen schauspielerisch sehr präsent und mit manchmal exaltiertem Sarkasmus.

Als die beiden Helden des Abends wurden vor der Vorstellung die beiden Interpreten des schottischen Königs angekündigt: während der stark erkältete Matthew Brook das Leid des Regenten um die der Unkeuschheit angeklagte Tochter mit erschütternder Anteilnahme veranschaulicht und für die kurzen Rezitative den erforderlichen Nachdruck mobilisiert, stattet Simon Bailey die kurzfristigst gelernten drei Arien aus dem Orchestergraben mit soviel Bass-Grundierung und sicherem Vortrag aus, dass kaum ein Bruch zwischen ihm und dem parallel dazu mimenden Kollegen entsteht. Kompliment!

Über alle bereits genannten positiven Eindrücke hinaus reichen indes wieder die beiden zentralen Interpreten: Ana Durlovski als hypersensibel a- und reagierende Ginevra, die mit individuell timbriertem Sopran in entsprechend nuancierten und langen Bögen mit zartesten Tongespinnsten ihrer Psyche nachspürt sowie ganz besonders Diana Haller, die dem übel mitgespielten, durch Ginevras angeblichen Betrug zum Selbstmord verleiteten, aber nach Überleben von Dalinda aufgeklärten Ariodante soviel gestalterische Wärme einverleibt und mit erdig wohllautend dunklem Tiefenregister, seelen- wie geschmackvoller Linienführung,  fast sopranigem Höhenstrahl und einer mit Zunahme des Abends immer lockerer gewordenen  Koloratur-Geläufigkeit zum verdienten Sympathieträger der Aufführung wurde.

Philipp Nicklaus ergänzte wieder als Königsgünstling Odoardo mit daneben nicht unauffällig bleibendem Spiel-Engagement und in seinen wenigen Solo-Passagen guten Sitz beweisendem Tenor.

Jubel für das ganze Ensemble und ebenso fein verteilt auf die einzelnen Beteiligten.

Udo Klebes

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