Der Neue Merker

STUTTGART: 5 SINFONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS/ Hannu Lintu/ Markus Groh

 5. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart

RISS DURCH DEN WALZER

Das Staatsorchester Stuttgart musizierte beim 5. Sinfoniekonzert Werke von Britten und Mahler am 9. April 2017/STUTTGART

Der finnische Dirigent Hannu Lintu feierte sein Debüt beim Staatsorchester Stuttgart. Zusammen mit dem aus Waiblingen stammenden Pianisten Markus Groh interpretierte er sehr zupackend das hierzulande recht unbekannte Klavierkonzert op. 13 von Benjamin Britten, wo sich Britten als geistiger Bruder Gustav Mahlers zu erkennen gibt. Hier finden Gegensätze wirklich zusammen, was Markus Groh bravourös durch das chromatische Dickicht hindurch beschwor. Pizzicato-Sequenzen korrespondierten mit leidenschaftlichen Passagen und Staccato-Attacken. Posaunenklänge wurden von flimmernden Streicherpassagen ergänzt. Sehnsuchtsvolle Englischhorn-Kantilenen beherrschten die Toccata des Eröffnungssatzes, wobei das naturhafte Rufen der Holzbläser stark auffiel. Im „Waltz“ des zweiten Satzes fand Markus Groh dann sofort das richtige rhythmische Gleichgewicht und kam nie aus der Balance. Es war auf jeden Fall ein überzeugender Abgesang auf die Wiener Walzer-Seligkeit. Sehr lyrisch kam dann das Impromptu des dritten Satzes mit seinem geradezu sphärenhaften Zauber daher. Es schien ein Lamento für die Toten einer Schlacht zu sein. Schlagzeug-Donner ließ den Hörer zuletzt aufschrecken. Er leitete zum „March“ des vierten Satzes über – es war eine bissige Parodie auf den Militarismus seiner Zeit. Der Einmarsch von Hitlers Truppen huschte als Schreckgespenst vorüber. Die unheimlichen Tritonus-Akkorde drängten sich ins Gehör. Und der Marsch-Rhythmus von Trommel und Becken schien sich in die Klänge des Klaviers zu bohren, was zu einem orgiastischen Abschluss führte.

Als Zugabe spielte Markus Groh noch sehr berührend Franz Liszts kunstvolle Bearbeitung von Richard Wagners Arie des Wolfram „O du mein holder Abendstern“ aus der Oper „Tannhäuser“. Zum Abschluss war dann Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 5 in einer sehr robusten Wiedergabe zu hören, die im Jahre 1902 vollendet wurde. Der erste Satz mit seinem gespenstischen Trauermarsch wurde von schmerzlich-duldender Klage beherrscht, anders als dies in Mahlers zweiter Sinfonie der Fall ist. Nach wildem Aufbäumen folgte dann wieder die ergebene Marschweise. Sie wurde neu beleuchtet von der Verheißung jener Melodie, die Mahler in seinen „Kindertotenliedern“ verwendete. Hannu Lintu arbeitete diese Passagen facettenreich heraus. Selbstquälerisch brach sich dann der zweite Satz Bahn, wo das Staatsorchester Stuttgart dynamische Tiefen voll auslotete. Entfesselte Naturgewalten behaupteten sich bei dieser Wiedergabe energisch, bis sich von den Celli her eine Trostmelodie eindringlich ausbreitete. Hier klang das Schlussthema des ersten Satzes merklich nach. Doppelt gewaltsam schnellte die grelle Klage dann wieder hervor. Über dem Paukenwirbel erklang die versöhnliche Melodie wehmütig, bis dann fanatische Peitschenhiebe zum gewaltigen Choral hinüberleiteten. Das gelang Hannu Lintu mit dem Staatsorchester vorzüglich. In die aufstampfenden Naturlaute des Scherzos drängten sich Naturlaute immer ungestümer, unterbrochen von lustigen Hornrufen. Das Adagietto wurde dann von Frederike Wagner auf einer Harfe aus dem Hause Lyon & Healy sensibel vorgetragen. Der Klang war vielfältig und vermischte sich überzeugend mit den leidenschaftlichen Streicherklängen des gesamten Orchesters. Berühmt wurde diese Melodie durch Viscontis Verfilmung von Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“. Und an Venedig dachte man bei dieser Wiedergabe auch. „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ könnte das Motto dieser einfühlsamen Interpretation sein. Ruhig-innig und sanft drängend kamen die Melodien daher. Energisch und froh klangen dann alle Themen im Rondo-Finale, die Hannu Lintu zu einem wilden Rausch steigerte. Das Finale wirkte als Krönung alles Vorangegangenen. Themenreichtum und kunstvolle Arbeit stachen hier hervor. Die Doppelfuge mit Choral wirkte trotz geringfügiger Intonationstrübungen der Bläser imponierend und letztendlich grandios. Und die kraftvollen Gedankengänge bis zum Ende lösten beim Publikum schließlich Jubel aus.  

Alexander Walther

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