Der Neue Merker

STRASBOURG: FRANCESCA DA RIMINI. Une production exceptionelle !

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Saioa Hernández (Francesca), Marcelo Puente (Paolo). Copyright: Klara Beck

Strasbourg: „FRANCESCA DA RIMINI“ – 23.12.2017

Une production exceptionelle !

Le Opéra national du Rhin servierte zum Jahresabschluss eine höchst selten szenisch aufgeführte Oper des Verismo, jedoch bevor ich meine Rezension beginne noch einige Zeilen zum Werk: Eine Episode aus Dantes „Göttlicher Komödie“ fächerte Gabriele d´Annunzio zum dramatischen Schauspiel auf, um seiner Lebensgefährtin der Actrice Elonora Duse eine Freude zu bereiten. Der Komponist Francesco Zandonai schuf zu dem blutigen Drama „Francesca da Rimini“ eine Partitur voll veristischer Explosivität. Uraufgeführt wurde das Werk 1914 in Turin. Kurz zum Inhalt der leider selten aufgeführten Oper: Aus politischen Interessen soll Francesca mit Gianciotto dem Sohn Malatestas aus dem Hause der Polentani vermählt werden. Der Auserwählte ist jedoch missgestaltet und sendet seinen Bruder den Beau Paolo als Brautwerber, er tritt Francesca gegenüber, beide verlieben sich und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Auch der dritte Bruder Malestino liebt die Schöne wird jedoch zurück gewiesen. Der Verschmähte rächt sich, erzählt dem Missgestalteten von der Liaison des Liebespaares, beide werden vom gehörnten Ehemann überrascht und in einem Schwertstreich erstochen.

Vertont hatte das Melodrama des 13. Jahrhunderts Francesco Zandonai, dessen eigentliches Hauptwerk im Jahre 1914 in Turin seine UA erlebte. Diese Musik beinhaltet in keiner Weise die rührselig-melodischen, prädikativen Ohrwürmer des Lehrers Mascagni – nein die expressiv-veristischen Klänge elektrisieren, wirken eher wie ein musikalisch spannender Thriller. Zandonais Musik, geprägt durch die italienische Tradition Verdis oder gar Puccinis beinhaltet dennoch sehr starke impressionistische Komponente und spiegelt die Klangwelten eines Strauss oder Debussy in einer durchaus eigenständigen musikalischen Sprache wider, deren Stärken im sicheren dramatischen Gespür und ganz besonders in ihrer brillanten Instrumentation einfach überwältigen. Expansibler, sinnlicher und auch brutaler wurde je kein Drama aus Blut und Begehren musikalisch umgesetzt, findet in der Opernliteratur kein zweites Beispiel und stellt selbst den Opern-Krimi Tosca weitgehend in den Schatten.

Am Pult des Orchestre philharmonique de Strasbourg waltete umsichtig Giuliano Carella und brachte exzellent schwül-parfümiertes Melos in unglaublicher Expansion zum Blühen. Exemplarisch breitete der erfahrene Dirigent mit großem Engagement die tragende melodische Linie, die gewaltigen Eruptionen gleich einem polytonal gewebten Teppich aus. In höchst prägnanter Instrumentation führte Carella das in bewundernswert-akkurater Klangqualität musizierende französische Orchester durch die schillernden Farbnuancen dieser Extrempartitur und zauberte Klangekstasen von umwerfender Expressivität. Auf kongeniale Weise kostete der italienische Dirigent die Akkuratesse der Partitur in höchstem Maße nicht nur als Verismo-Manifest aus, sondern servierte dazwischen auch zarte sensible Weisen und war zudem seiner ausgezeichneten Sängerriege ein umsichtiger Begleiter. Zur „Brautwerbung“ und weiteren Szenen waren Soloinstrumente (Cello, Violine u.a.) auf der Bühne platziert, zauberten sphärische Melodien zum Niederknien zwischen ansonsten recht experimentellen Tonalitäten pathetisch-schweren Kalibers.

Zweifellos gilt Francesca da Rimini als typisch extravertierte italienische Divenpartie, deren beherrschende Aura die Interpretationen großer Soprane bis dato gehörig prägte. In Strasbourg nahm sich Saioa Hernández der anspruchsvollen Titelpartie an und konnte mit ausdrucksvollen Attributen überzeugen. Zur blendend optischen Erscheinung, verlieh die spanische Sängerin der unglücklichen Francesca das tragische Darstellungs-Profil, wartete mit dunkel grundiertem Timbre, bestens fokussierter Mittellage und präsentem Höhenstrahl auf. Schlichen sich im dramaturgisch-technischen Vokalablauf so manche Schärfen ein, sind sie im Vergleich zu Vorgängerinnen keineswegs als negativ anzulasten. Ausdrucksstark hingegen überzeugte Hernández mit vokalreichen Phrasen Portami nella stanza oder Paolo, datemi pace sowie in den Duetten.

In der Rolle des unglücklich verliebten, italienischen Tristans brachte Marcelo Puente als Paolo die reiche Palette an Zwischentönen und feinen gestalterischen Nuancen mit. Sein Tenor hatte Power, wirkungsvoll klang das angenehme Timbre besonders im Mittelbereich, bestach mit leidenschaftlich-strahlenden Höhen und verhalf den Duetten mit seiner Partnerin im vokalen Strömen zu atmosphärischer Dichte.

Das zweifellos höchste Niveau des Abends bot allerdings Marco Vratogna, betraut mit der heiklen Partie des Giovanni keinem Sympathieträger der Opernliteratur und wurde wohl deshalb vom Publikum stiefmütterlich bewertet. Dabei verströmte sein edel timbrierter Bariton belkantesken Schönklang und Gesangskultur vom Allerfeinsten. Die wunderschöne Stimme wollte überhaupt nicht zu dem raubeinigen Krieger und Brutalo passen.

Tom Randle (Malatestino) Marco Vratogna (Giovanni) Copyright Klara Beck
Tom Randle (Malatestino), Marco Vratogna (Giovanni). Copyright: Klara Beck

Die Verschlagenheit des einäugigen und dritten Bruders Malatestino verstand es Tom Randle mit scharfkantigem Charaktertenor auszudrücken. In vokalem Wohllaut und herrlich aufblühendem Mezzoklang interpretierte Josy Santos die treue Samaritana.

Die traurige Ballade von „Tristan und Isolde“ deklamierte tenoral sensibel Dionysos Idis. Dem Ostasio schenkte Ashley David Prewett nachhaltig schöne Baritonklänge. Tenoral hell timbriert hatte Ser Toldo (Stefan Sbonnik) seinen Kurzauftritt. Sehr schön fügten sich die Stimmen Francesca Sorteni (Biancofiore), Marta Bauzá (Garsenda), Claire Péron (Altichiara), Fanny Lustaud (Adonella) und der Sklave (Idunnu Münch) ins spannende Geschehen. Vortrefflich intonierte Choeurs de l´Opéra national (Sandrine Abello) die wenigen und besonders herrlich weichen Damen-Passagen.

Nun muss ich gestehen, empfand ich diese Produktion (neben der Berner „Anna Karenina“) als eine der ästhetisch-optisch besten Inszenierungen welche ich erleben durfte. Die Bühne ein im Halbrund offenes Castello, mit Fensteröffnung, als Interieur ein Chaiselongue und ein Blumenarrangement – variabel gedreht mit Zwischenwänden variiert als Tower, Burgwall, Kriegsschauplatz vom Lichtdesigner James Farncombe vortrefflich illuminierte die raffinierten Episoden. Dazu kreierte der Bühnenbildner Ashley Martin-Davis die opulente Kostümpracht u.a. mit Kettenhemden, Masken und Rüstungen und unterstrich das Geschehen auf besonders optische Manifestation.

Die optimal geniale Atmosphäre der zur Renaissance nahen Epoche orientierte sich Nicola Raab mit ihrer höchst dramatischen Personenregie detailliert an der Partitur.

Einfühlsam verstand es Regisseurin die Massen (während der Kriegsszene) gekonnt zu führen, prägte auf besonders delikate Weise die verbotenen Emotionen der Protagonisten und schuf einen Psycho-Thriller mit Gänsehaut-Effekt. Gleich ob der zarten Annäherungen, der wenigen Momente zaghafter Liebesbeteuerungen, bis zur finalen Eskalation durch den Tod des Paares im einzigen Schwertstreich.

Das aufmerksame Publikum fieberte mit, bedankte alle Beteiligten mit sechs Minuten Bravos und heftigem Beifall. Man sollte derartig hochwertige Produktionen auf DVD der Nachwelt erhalten.

Gerhard Hoffmann

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