Der Neue Merker

STRALSUND: ENDSTATION SEHNSUCHT als deutschsprachige Erstaufführung der Oper von André Previn. Premiere

Stralsund: ENDSTATION SEHNSUCHT als deutschsprachige Erstaufführung der Oper von André Previn

25.11.2017 (Premiere)

Die Oper in drei Akten A STREETCAR NAMED DESIRE von André Previn erlebte nun, nach verschiedenen Aufführungen in Deutschland in der englischen Originalsprache am Theater Vorpommern ihre deutschsprachige Erstaufführung  in der Textübertragung von Bettina Bartz und Werner Hinze unter dem deutschen Titel ENDSTATION SEHNSUCHT. Das ist zunächst einmal bemerkenswert in einer Zeit, da es üblich geworden ist, alle Werke in Originalsprache zu spielen und deren Verständnis beim deutschen Zuhörer dadurch erheblich zu erschweren. Insofern leistete Stralsund einen wichtigen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte des Werkes, das – uraufgeführt am 19. September 1998 an der San Francisco Opera – schnell Verbreitung in Amerika und Europa, und nicht zuletzt in Deutschland fand. Die Oper basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel von Tennessee Williams, das ebenfalls unter dem gleichen deutschen Titel eine weite Verbreitung auf den Schauspiel-Spielplänen fand und als Film mit Vivian Leigh und Marlon Brando ein breites Publikum fand. Die Geschichte darf mal also als bekannt voraussetzen, dennoch finde ich es wichtig und richtig, dass nun auch eine praktikable deutsche Fassung vorliegt, sie wird der weiteren Verbreitung des Werkes dienen – und das ist zunächst als positive Bilanz zu vermelden.

„Literaturopern“ sind ein besonderes Terrain innerhalb der  Gattung und – sehen wir einmal von geglückten Versionen dieser Art, wie Verdis DON CARLOS oder dessen Geniestreich des  OTELLO ab – selten erfolgreicher und oft nur mit Abstrichen zu ertragende Versionen des Originals.Entscheidend wird immer in diesen Fällen die Qualität der Musik sein und die Frage, ob es ihr gelingt, dem Stoff eine Dimension zu erschließen, die die Sprache allein dem Werk schuldig bleiben muss. Sicher ist das nicht nur eine Gratwanderung, sondern letztendlich auch eine Frage der Akzeptanz beim jeweiligen Zuhörer. Die Musik von Previn bedient sich vielerlei stilistischer Wurzeln, von klassisch-modernen Anklängen über Filmmusiken und das Musical – alles Bereiche, in denen der Komponist sehr erfolgreich tätig war. Insofern stellt sie keine unüberwindbaren Anforderungen an den Hörer, vieles erscheint dem „heutigen Ohr“ gemäß und einiges ist auch durchaus „eingängig“. Sie vermag dieser überschaubaren Story durchaus Akzente zu versetzen, die der Vertiefung ebenso wie der „Überhöhung“ dienen, ist insofern ambivalent und bedient Handlung und Charaktere gleichermaßen.

Die Handlung ist scheinbar leicht zu überblicken: Blanche DuBois kommt recht erschöpft zu ihrer Schwester Stella zu Besuch, um Ruhe und Entspannung zu finden. Sie hat viel Unan-genehmes durchlebt, u. a. den Tod der Eltern und der Tante, den Verlust der elterlichen Villa und damit auch ihre gesellschaftliche Verwurzelung. Stella nimmt sie zunächst freundlich auf, ein Problem kommt mit dem Erscheinen von Stellas Ehemann, Stanley Kowalski, der „aus einer anderen Welt“ zu sein scheint: jedenfalls läß er mit seinem brutalen Macho-Gehabe nicht nur erkennen, dass ihm dieser „Besuch“ nicht passt, sondern findet ebenso das Missfallen von Blanche. Die Tatsache, dass alle drei nun für eine gewisse Zeit gemeinsam in der kleinen Zweizimmer-Wohnung miteinander leben müssen, sorgt für weitere Konflikte. Und Stanley misstraut der Zugereisten nicht nur, sondern er beginnt auch, deren Vergangenheit zu erforschen. Er ist jederzeit und überall der Boss – gleichgültig, ob es sich um seine eigene Frau oder seine „Kumpane“ handelt, mit denen er die Freizeit nach eigenem Gusto verbringt. Er ist es auch, der einen seiner Kumpane, Mitch, soweit „beherrscht“, dass er dessen aufkeimende Beziehung zu Blanche nicht nur ungern sieht, sondern sie letztlich zerstört. Dass diese Beziehung vielleicht Blanches Probleme zu lösen imstande wäre, nimmt er nicht zur Kenntnis. Nach den „Enthüllungen“, die er aufgrund von Auskünften anderer über Blanche gesammelt hat, zerstört er die „Dreisamkeit“ und weist der Schwägerin die Tür. Als dies nicht zum gewünschten Erfolg führt, spitzt sich die Lage zu – Stella hält letztendlich doch zu ihrem Ehemann und die angereiste Schwester wird für irrsinnig erklärt und dem Nervenarzt übergeben. Das Leben für die Familie Kowalski, die inzwischen ein Baby bekommen hat, geht weiter – Blanche wird ausgeschaltet, auf neudeutsch: entsorgt. Dieser äußeren Handlung stehen innere Kämpfe und Träume Blanches zur Seite, die für sie existentiell, für ihre Angehörigen nicht relevant sind.

Previn wurde seinerzeit zum Vorwurf gemacht, dass die Oper den falschen Titel habe – sie müsste eigentlich „Blanche“ heißen. Sicher hat zu der Überbewertung dieser Figur die Tatsache beigetragen, dass dem Komponisten für die Uraufführung die Star-Sopranistin Renée Fleming zur Verfügung stand, der er die Rolle nicht nur „auf den Leib“ sondern in besonderem Maße auch „auf die Stimmbänder“ schrieb. Das merkt man in jeder Szene und es ist in gewisser Weise ein Handicap für das Werk. Jedenfalls ist eine Sopran-Partie entstanden, die man mit anderen Ausnahmerollen wie Salome, Carmen, Tosca – und wie die entsprechenden Opern-Diven immer heißen mögen – vergleichen kann. Das macht die Besetzung des Werkes in bestimmter Weise kompliziert.

Das Philharmonische Orchester Vorpommern nahm sich des Werkes unter Leitung seines neuen Generalmusikdirektors Florian Csizmadia mit großer Sorgfalt und spürbaren Enga-gement an, die musikalisch-orchestrale Seite überzeugte, namentlich aus deshalb, weil der Dirigent um Durchsichtigkeit bemüht war, große Rücksicht auf die Sänger nahm und somit einen „Klangherd“ schuf, der jederzeit voll auf das Bühnengeschehen fokussiert war. Horst Kupich schuf eine klar gegliederte Inszenierung und nutzte den ihm von Christopher Melching entwickelten Bühnenraum geschickt und vielseitig aus, man konnte das Stück jederzeit verstehen und die Handlungsweisen nachvollziehen. Dabei war die Personenführung durchaus stimmig, wenn auch nicht jede Nuance zum Tragen kam und beispielsweise im Umfeld des Stanley Wünsche offen blieben bzw. eine gewisse, auf Brutalität und Lautstärke reduzierte Beschränkung nicht zu übersehen waren. Möglicherweise war das auch den Besetzungsmöglichkeiten geschuldet.

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Karo Khachatryan als Harold Mitchell (Mitch) und Gunta Cēse als Blanche DuBois – Foto: Vincent Leifer – Theater Vorpommern

Die überzeugendste sängerisch-musikalische Leistung erbrachte Karo Khachatryan als Mitch – ein junger Tenor mit einer technisch gut geführten Stimme, der in allen Situationen die Kontrolle behielt, der klangschön und textverständlich sang und darstellerisch in der Lage war, die Zuneigung zu Blanche einerseits und die Abhängigkeit von Stanley andererseits überzeugend zu gestalten. Ein Ruhepol in der sehr lauten Umgebung – der Rolle absolut adäquat. Als Stanley setzte Thomas Rettensteiner seine durchaus imponierenden stimmlichen Möglichkeiten meiner Meinung nach zu vordergründig zum Poltern und Brüllen ein, was zur Figur wohl passt, aber dem Manne doch auch einiges schuldig bleibt; letztlich entscheidet sich seine Frau doch für ihn, obwohl nicht erkennbar wurde, wieso das so ist. Hier ging wohl das Temperament des Sängers ein wenig mit der Rolle „durch“! Seine Frau Stella fand in Franziska Ringe eine Interpretin, die bemüht war, ihre Stimme größer zu machen, als sie in Wahrheit ist. Dies ging nicht nur zu Lasten der Textverständlichkeit, sondern blieb dem Charakter dieser Stella auch einiges schuldig. Überhaupt hätte man sich, betrachtet man die beiden Sängerinnen, die deutsche Übersetzung sparen können – von beiden war so gut wie nichts zu verstehen und ich habe mich mehrmals dabei ertappt, dass ich auf die Übertitelungs-Anlage schaute, um den Fortgang der Handlung verstehen zu können.

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Franziska Ringe und Thomas Rettensteiner als Ehepaar Stella und Stanley Kowalski – Foto: Vincent Leifer – Theater Vorpommern

Das größte Problem hatte ich mit Gunta Cēse in der Rolle der Blanche DuBois. Die junge Sängerin war damit absolut überfordert, rettete sich in Lautstärke, die man – vielleicht der Rolle entsprechend mit Hysterie umschreiben könnte, meines Erachtens eine eklatante Fehlbesetzung, mit der man ihr keinen Gefallen tat. Dass man den Text nicht verstand, war noch das kleinere Übel; die mangelnde Gesangstechnik, die nur auf große Töne setzte und jede Geschmeidigkeit oder Klangentfaltung vermied, war beängstigend. Hier sollte man Vorsicht walten lassen um keine Entwicklung vorzeitig unmöglich zu machen.

Die kleineren Rollen waren akzeptabel besetzt mit Doris Hädrich-Eichhorn (Eunice Hubbell und Blumenfrau), Johannes Richter (Steve Hubbell und Zeitungsverkäufer), Hans Löbnitz a. G. (Pablo Gonzales und Arzt) sowie Katja Böhme (Krankenschwester).

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Franziska Ringe (Stella), Hans Löbnitz (Gonzales), Gunta Cēse (Blanche), Thomas Rettensteiner (Stanley) und Johannes Richter (Steve Hubbell) – Foto: Vincent Leifert / Theater Vorpommern

Die Aufführung kam gut beim Publikum an, ich bleibe dabei – die deutsche Übersetzung wird der Verbreitung des praktikablen Werkes helfen,  ungeachtet aller Besetzungsschwierigkeiten. Das Stück braucht Zeit – nicht nur bei der Durchsetzung in den Spielplänen der Theater, sondern auch am Abend: knapp drei Stunden dauerte die Vorstellung, da kommt es dann immer darauf an, was an Spannung zu leisten ist. Hier gäbe es wohl noch Reserven, die nichts mit Kürzungen zu tun haben müssen.

Werner P. Seiferth

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