Der Neue Merker

Stephen GOULD – bei Tristan zuhause. Angekommen „im echten Land, im Heimatland…“

Stephen Gouldbei Tristan zuhause                                            Angekommen „im echten Land, im Heimatland…“

Ja, aber er brauchte nicht „von Tod und Wunden“ zu genesen, ehe er seine Wagner-Karriere mit ihrem nunmehrigen Höhepunkt startete.  Stephen Goulds „Vorleben“ dürfte Opernfreunden allgemein bekannt sein. Wir wollen uns hier auf seine „Ankunft“ konzentrieren,  über die ich mich mit dem Künstler in einem 3-stündigen Gespräch am Nachmittag nach seinem 2. Wiener Tristan-Abend ausführlich unterhalten durfte.

Stephen Gould in action.
Stephen Gould. Copyright: Royal Opera House/ Clive Barda

Seit er mit 18 Jahren, zu Beginn seiner Musikstudien, in Chicago die Wagner-Oper erstmals sah und hörte, hat er sich innerlich damit auseinander gesetzt. Die Komplexität der Geschichte und der Musik verhinderte damals noch (wie dies bei den meisten Musikfreunden, die später diesem Ouevre verfallen, die Regel ist) ein auch nur annäherndes Verständnis der Vorgänge und der Komposition.  Seit, wie er das gerne formuliert, „Wagner ihn gefunden hat“ – da war er nach den Studienjahren,  nach Konzert-, Opern- und Musical-Auftritten aller Art in den USA, bereits 38 – begann mit seinem fabelhaften Tannhäuser in Linz eine Wagner-Karriere, die ihn über Bayreuth und Wien  sehr rasch in alle Welt führte.  Immer wieder Tannhäuser, Parsifal und die Siegfriede, dazwischen mal dort und da ein Erik und ein Lohengrin, jüngst erst in Japan Loge und Siegmund…Nur der Tristan musste – oder vielmehr: durfte warten. Sorgsam einstudiert und erstmals gesungen in Tokio (2010), danach in Dresden, Berlin, München, Bayreuth, London, Hamburg, Zürich…

Sein  nunmehriges Wien-Debut in dieser Rolle (12.3.) war die 49. Vorstellung. Jetzt, meint er, sei er für sie reif. Und es ist ihm klar, dass die kommenden Jahre vor allem „Tristan“-Jahre sein werden. Darüber ist er gar nicht böse. Freilich hofft er, weiterhin seine anderen Wunschrollen, wie Samson, Otello, Bajazzo, Peter Grimes, Florestan, Loge, Siegmund und Lohengrin,  und Konzerte angeboten zu bekommen. Die Operndirektion, die ihn einmal „Leichteres“ singen lässt, tut ihm bzw. seiner Stimme damit sicher etwas Gutes. In unserem Merker-Festkonzert hat ihm sogar der Tamino großen Spaß gemacht! (Kapazitäten wie Karajan oder Wieland Wagner ließen auch Windgassen zwischen hunderten Siegfrieden und Tristanen den Loge singen, ohne auf „Fachgrenzen“ zu verweisen. Und auch Jerusalem durfte sich bei Loge von den schweren Brocken erholen.)

Unser Gespräch über „Tristan“ offenbarte,  dass Stephen Gould sich umfassendst  mit dem Themenkomplex auseinander gesetzt hat. Von der Lektüre der mittelalterlichen Quellen bis zu Schopenhauer,  von den Plattenaufnahmen seiner Rollenvorgänger bis zum jahrelangen eigenen Studium der Partie mit wissenden Lehrern und lieben Kollegen,  die ihm Ratschläge erteilt haben, und natürlich beim Anhören aktueller Aufführungen.

So ganz generell sieht er das Werk als „eine fantastische Meditation über die Möglichkeiten der Liebe.“  Er findet es gut, dass die Frage bis zuletzt offen bleibt: Gibt es solch eine ideale Liebe überhaupt? Ja, Tristan und Isolde „überleben“, aber Gould meint, dass Isolde nach Tristans Tod, der ja sein Plansoll wirklich erfüllt hat, noch nicht bereit ist, ihm körperlich nachzusterben, weil sie ja viel jünger ist als er. Daher findet er es in der hiesigen McVicar-Inszenierung  passend, dass Isolde am Schluss abgeht – offenes Ende…

Der Sänger erinnert daran, dass Wagner in den 50erjahren des 19. Jhs. die Politik abgegeben hatte. Bis dahin,  inkl. dem noch im Entstehen begriffenen „Ring“,  kursierte sein dramatisches Denken immer um die Frau als Erlöserin. Er hatte aber letztlich nie gewusst, ob ein finales Zusammenkommen möglich sei. Die Schöpfung von „Tristan und Isolde“ war diesbezüglich eine enorme Herausforderung.

Unsere McVicar-Inszenierung aus dem Jahr 2013 kennt Gould sehr gut aus Tokio, von wo wir sie – mit raumbedingten kleinen szenischen Änderungen – als Co-Produktion übernommen haben. Der Sänger schätzt diesen Regisseur schon deshalb sehr, weil ihm eine glaubwürdige Darstellung der handelnden Personen weit wichtiger ist als jegliches „Regiekonzept“. In Tokio hat der schottische Regisseur intensiv mit allen Darstellern geprobt, vor allem hinsichtlich der Texterarbeitung. Auch Iréne Theorin, die als Isolde schon viel Bayreuth-Erfahrung mitbrachte, war da hilfreich. Eine präzise Aussprache mit Beachtung der Bedeutungs- und Klangwerte aller Konsonanten und Vokale, die im Deutschen ja anders eingesetzt werden als etwa im Italienischen, stand im Vordergrund. Aber trotz der intensiven Deklamation sollen alle Phrasen legato gesungen werden. An der Wiener Staatsoper gab es zusätzlich noch sehr ergiebige Proben mit dem großartigen Korrepetitor  James Pearson. Das Ergebnis war letztendlich eine unheimlich eindringliche, in erlesenem Deutsch  gesungene Wiedergabe des Vokalparts .  (Diese fehlte seinen Mitstreitern in der aktuellen Aufführungsserie,  da sie nicht an der Originalproduktion beteiligt waren. Anm. d. Red.)

Stephen Gould spricht zwar fließend, aber weder akzent- noch fehlerfrei Deutsch, aber er singt es! Es gab Stellen an diesen 3 Abenden, die ich nie zuvor so markant gehört hatte: das mit ritterlicher Noblesse auf wohlklingendem baritonalem Fundament gesungene „Ehrfurcht hielt mich in Acht“; oder: „Tristans Ehre – höchste Treu‘! Tristans Elend – kühnster Trotz!“ – das deklamierte mir der Sänger gleich noch einmal so fest und explosiv vor, wie er es am Vorabend gesungen hatte; oder: die sinngemäß unterschiedliche Stimmfärbung bei den Wörtern „Hass“ und “Klage“ ; oder: „zu welchem Los?“ wirklich als Frage intoniert). Das sind Feinheiten, die sich allmählich ergeben, die allerdings mit Unterstützung von Seiten des Dirigenten bzw. Orchesters erst wirklich zur Perfektion geführt werden können. So sehr der Sänger auch hier das Publikum beglückte, aus seiner Sicht fehlte es dem jungen Mann am Pult (der ums eigene „Überleben“ zu kämpfen hatte) einfach an der nötigen Erfahrung, um die Sänger unterstützen zu können. Der Sänger musste, wie er verärgert konstatierte, viel zusätzliche Kraft aufbringen, um Wagners emotioanle  Botschaft voll herüberzubringen. Das führte im 3.Akt sogar einmal zu einem Textausstieg, was ihm sonst noch nie passiert ist. Gould hatte ja immer gesagt, er wolle seinen ersten Tristan „weit weg von Bayreuth“ oder anderen Opernmetropolen  „ausprobieren“.  Das hat sich gelohnt.

Es ergab sich natürlich meinerseits die Frage, warum diese Dinge ausgerechnet in Japan so gut funktionieren. Und erfuhr, dass dort derartig hochwertige Künstler am Werk sind, sowohl einheimische wie Gäste aus dem Westen. Und dass man in Japan ganz besonders auf alle Arten von Poesie ganz großen Wert legt. Ebenso hat man aus dem traditionellen No-Theater die hohe Bedeutung des Zusammenwirkens von Musik und Drama übernommen und weiß es demnach bei Wagner besonders zu schätzen. „So for them Wagner wrote the grandest of all great opera.“  (Wir führten unser Gespräch bi-lingual, wie es sich eben gerade ergab.) „It is Shakespearean in its totality.“  Und ich erfahre,  dass die Japaner keine triviale Kunst mögen, dass sie große Dichter und Künstler besitzen, dass sogar der Militärdienst von Mitgliedern einer gebildeten Gesellschaftsschicht geleistet wird. Und ich kann Stephen Goulds Überzeugung nur beipflichten, dass die USA und Europa heute nur mehr vorgeben, eine Einteilung der Staatsbürger in „Klassen“ zu wünschen. Während  auch in Japan  die sozialen Strukturen zusammenbrechen, übertrifft dieses Volk mit seinen Autos und Electronics die restliche Welt, behält aber seine Spiritualität auch in Verbindung mit mondäner Kunst. Der Buddhismus hilft mit Liebesmeditationen, irdisches Leid zu transzendieren. Obwohl Tristan eigentlich schon am Ende des 2. Aktes tot ist bzw. sein könnte, bedarf es des 3. Aktes als ausgedehnte Meditation – denn über Isoldes Vorleben haben wir ja im 1. Akt schon alles erfahren – , um auch Tristan zu einer Selbtreinigung  oder Erlösung zu verhelfen – mittels „flashbacks“ , die gar nicht wirklich Fieberträume sind, sondern Visionen. (Ich musste unwillkürlich hinzufügen, dass Isoldes „Liebestod“, der ja eigentlich eine Liebesverklärung ist, auch nichts mit Fieber zu tun hat.)

Wir sprachen natürlich auch über Bayreuth und die verschiedenen Aspekte von Katharina Wagners „Tristan“-Inszenierung, wobei Stephen Gould insbesondere mit der Personenregie  sehr zufrieden war und die Trankszene sehr gut fand, wo Tristan und Isolde in stillem Einverständnis den Trank wie in einem Zeremoniell ausschütten,  weil sie längst erfasst haben, dass sie zueinander gehören – mit oder ohne Trank. Dieser war nur das auslösende Moment, das ihnen den Mut zu diesem Bekenntnis gab. Gould kann aber auch den vielkritisierten Schluss in Katharinas Inszenierung nachvollziehen: Dass Isolde durch König Marke von Tristans Leiche weggezerrt wird und sich nicht wirklich dagegen wehrt, bezeuge, dass sie da gar nicht mehr bei sich ist.

Da man ja heute, wenn von notwendigen Erneuerungen in Bayreuth die Rede ist, nur das Regietheater meint, erinnert Stephen Gould daran, dass mit „Werkstatt Bayreuth“ ursprünglich gemeint war, dass die Mitwirkenden dort besser als anderswo lernen, wie man Wagner werkgerecht aufführt.

Dass ich diesen wunderbaren Sänger, der im amerikanischen Virginia das Licht der Welt erblickte und in Boston und Chicago seine künstlerische Ausbildung erhielt und demnach in jenen Landesteilen aufwuchs, die vor allem von Engländern und Schotten kolonialisiert wurden, mentalitätsmäßig immer schon eher als  Europäer eingeschätzt habe, wurde mir nun quasi als richtig bestätigt: Seine Vorfahren stammten teils aus Nordengland, teils aus Schottland, und der Name „Gould“ geht wahrscheinlich auf einen gälischen Familiennamen zurück. Auch wollten die Eltern seinen Vornamen, wie in Schottland üblich, mit „f“ , also „Steffen“ ausgesprochen haben. Scherzend fügt der Sänger hinzu: „Endlich hat sich nun auch Christian Thielemann gemerkt, dass er mich als „Steffen“ anreden soll! Katharina Wagner hat es immer schon getan.

im Zusammenhang mit dem Tristan-Thema lässt das somit den Schluss zu: Ein bisschen keltisches Blut hilft doch wohl bei der perfekten Rollenerfassung! Schottland-Kenner wissen auch, dass dort die Dichter so hochgeschätzt werden wie in wenigen anderen Ländern. (Der höchste Turm in Edinburgh ist das Denkmal für Sir Walter Scott, den Lieferanten unzähliger Opernstoffe!)

Dass Gould nach seinen ersten großen Erfolgen auf unserem Kontinent Wien zu seinem Hauptwohnsitz erkoren hat, freut uns natürlich immens. Nun ist er auch „unser Tristan“ geworden. Und wir möchten ihm nochmals ganz herzlich dafür danken, dass er in unserem Merker-Festkonzert mitwirkte – noch dazu unmittelbar nach einer intensiven Tristan-Probe für den 3.Akt (!) – mit einer wunderschön gestalteten Mozart-Arie.

Wir freuen uns auf ein oftmaliges Wiederhören und Wiedersehen!          

  Sieglinde Pfabigan (April 2017)

 

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