Der Neue Merker

STEFAN ZWEIG AM ENDE DER WELT

BuchCover_Zweig, Das unmögliche Exil

George Prochnik:
DAS UNMÖGLICHE EXIL
STEFAN ZWEIG AM ENDE DER WELT
400 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2016

Man weiß, dass Stefan Zweig einerseits an seinem „Nachleben“ zweifelte, es aber andererseits sein inniger Wunsch war, noch „jenseits des Grabes“ Freunde zu finden – und das ist ihm zweifellos gelungen. Er wird auch heute sicher mehr gelesen als die meisten seiner Zeitgenossen, hat er doch Belletristisches, Feuilletonistisches und Historisches für Leser überaus gefällig verpackt.

In letzter Zeit jedoch zeigt sich ohne weiteren äußeren Anlass (die Lebensdaten 1881-1942 verweisen auf keine „runden“ Gedenktage, es sei denn ein 75er für den Todestag) gesteigertes Interesse an ihm als Person, an Details seiner Biographie. (Wobei das bei einem Wiener Autor zu der Geschmacklosigkeit führte, Zweigs sexuelle Abartigkeit unbedingt der Welt bekannt  zu machen.)

Zweig hatte ein sechzigjähriges interessantes Leben, und seine eigene Schilderung davon, in seinen Memoiren „Die Welt von gestern“, ist legendär geworden, auch wenn manche kritische Betrachter (es gibt eine total abwertende Kritik von Hannah Arendt) ihm die Verschönerung einer Monarchie-Welt vorwerfen, die wohl nur für die Reichen so behaglich war – aber welche Gesellschaft dieser Welt wäre das nicht?

Geschrieben hat er den Rückblick in der Emigration, und vordringlich mit diesem Kapitel von Zweigs Leben – von 1934 an bis zu seinem selbst gewählten Tod war er heimatlos unterwegs – befasst sich der amerikanische Autor Georg Prochnik, dessen Buch vom „Impossible Exile“ nun auch in deutscher Sprache vorliegt: „Das unmögliche Exil. Stefan Zweig am Ende der Welt“. Wobei Brasilien für das jüdische Ehepaar Zweig im Grunde ein sehr sicheres Refugium bedeutete – aber eines, in das er sich nicht fügen konnte, wie auch jüngst der sehr schöne Film „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader gezeigt hat…

Emigration, Exil, das Thema so vieler jüdischer Künstler, denen man die Heimat weggenommen hatte: Bruno Walter band eine geglückte Einstellung zu dieser grausamen Zäsur im Leben so vieler Emigranten an die genaue Unterscheidung zwischen einst und jetzt – und wem dies gelang, wie Thomas Mann oder Carl Zuckmayer, der konnte sich in der Notlage einrichten. Zweig hingegen, so der Autor, konnte nicht aufhören, auf sein verlorenes, besseres Leben zurückzuschauen und darüber zu klagen. Er hatte überlebt, aber zu leben allein genügte ihm nicht, die Entwurzelung hatte seine Lebensadern gekappt. Prochnik zeigt, dass Zweig – nicht zuletzt dank seines Reichtums – jede Möglichkeit gehabt hätte, ein zufriedenstellendes „neues Leben“ zu beginnen. Dass er es trotz aller Bemühungen nicht konnte, führte in den selbst gewählten Tod.

George Prochnik tritt nicht gänzlich hinter den Gegenstand seines Buchs zurück, er ist auch als „Ich“ auf den realen Spuren von Zweig in diesem Buch präsent. Als Nachkomme von Vorfahren (der Großvater Arzt, die Großmutter Pianistin, Prochniks Vater war damals noch ein kleiner Junge), die 1938 aus Wien fliehen konnten, kennt er die innere und äußere Problematik von Flucht und „neuem Leben“ aus der eigenen Familiengeschichte, weiß, wie schwer es war, nicht nur in der Realität Fuß zu fassen, sondern sich auch selbst neu zu erfinden. Dabei berührte ihn an Zweig Archetypisches der Flüchtlingssituation, wozu sehr stark die Frage der Identität gehört. Überhaupt durchzieht die generelle Flüchtlings-Problematik das Buch, was es natürlich – in unserer Welt, wo so vieles in Bewegung ist – auch stark in die  Gegenwart rückt.

Der Autor zeichnet nun in Sprüngen Zweigs Leben nach, von den Emigrationsstationen ausgehend, deren hektische Abfolge schon beim Lesen ermüdet – London, PEN-Kongress in Buenos  Aires, Portugal, das Ehepaar als britische Staatsbürger mit Wohnort Bath, dann Paris, New York, Südamerika, längerer Aufenthalt in Ossining im Staate New York, Brasilien, wo er sich mit seiner zweiten Gattin Lotte in Petropolis, in luftigen Höhen in der Nähe von Rio de Janeiro, niederließ. Die letzte Station.

George Prochnik „fährt“ die Emigration in seinem Buch quasi nach, immer wieder mit Schwenks in die Vergangenheit (was dann auch eine ziemlich komplette Biographie ausmacht, allerdings unter Aussparung des Werks als solches, das nur partiell vorkommt und nicht weiter kommentiert wird).

Man erlebt den jungen Zweig, wobei Freunde ihn als kommunikativ schildern, obwohl er im Grunde seines Herzens wohl das war, was wir heute einen „Loner“ nennen, man erlebt die Wichtigkeit des „Kaffeehauses“ an sich für den jungen Zweig, liest, welch ungeheure Rolle Bücher für ihn spielten, lebenslange Tröster und Gefährten (Bücher seien bessere Gesellschaft als Menschen, bemerkte er zu seiner Frau, und Druckerschwärze war für ihn der angenehmste Duft seines Lebens). Man erfährt, dass er trotz starker Bindung zu Theodor Herzl nie Zionist war (und sich immer als „Österreicher“ fühlte), der Autor streift auch Zweigs unübliches Sexualleben, zeigt die unendlichen Schwierigkeiten auf, die er mit der anderen Mentalität der Engländer und gar der Amerikaner (deren Lebensstil er zutiefst verachtete) hatte.

Immer wieder wird über den materiellen Reichtum Zweigs berichtet, teils, weil seine Familie („Textil-Juden“) sehr reich war, teils weil seine in aller Welt gelesenen Bücher sehr viel einbrachten, aber seltsamerweise hat sich der Autor nicht mit der Logistik des Geldes in Zweigs Leben auseinandergesetzt. Ob Reisen, Hotels, zu mietende Häuser, immer stand ihm offenbar das Materielle ausreichend zur Verfügung, aber wie das praktisch ging, dass es immer da war, quer durch Europa und dann in Nord- und Südamerika, in so schwankenden Zeiten, wäre doch einer genaueren Betrachtung wert gewesen. Prochnik schildert nur, wie schlecht etwa Joseph Roth in seiner Eigenschaft als „Schnorrer“ Zweig dessen Großzügigkeit vergalt und auch, wie viel Neid diese finanzielle Sorglosigkeit bei den Zeitgenossen erregte.

Ein Kapitel für sich sind auch die Frauen, die zwielichtige erste Gattin Friderike, die sich nach seinem Tod als allwissende Witwe gebärdete (obwohl sie längst geschieden waren), und jene zweite Gattin Lotte, die an Zweigs Seite wohl als „ewige Sekretärin“ der Ausbeutung anheim fiel, ihm die Kalamitäten des schweren Reisealltags abzunehmen und seine trüben  Stimmungen zu ertragen. Jene Lotte, die Zweig in seinem Abschiedsbrief mit keinem Wort würdigte (!) und über deren Tod sich Prochnik den Kopf zerbricht: Denn offenbar fand der Doppelselbstmord nicht zur gleichen Zeit statt, Lotte trank das Veronal vermutlich erst Stunden später. Natürlich ist alles, was im Kopf der Frau angesichts des toten Mannes vor sich gehen konnte, Spekulation – jedenfalls wählte sie dann doch den Tod an seiner Seite, den Gatten zum letzten Mal umarmend. Ihre Leistung, im Gegensatz zu der sich spektakulär inszenierenden Friderike immer im Hintergrund, wird hier hinterfragt und auch gewürdigt.

Prochnik hat nicht nur als Wissenschaftler nach den Quellen gearbeitet, er war auch als Journalist unterwegs, sprach etwa als wichtigster Augenzeugin mit jener Nichte Eva Altmann, die viel mit den Zweigs zusammen war und in deren Erinnerung sich interessanterweise vieles anders spiegelt als in der überlieferten Literatur. Prochnik war auch als Reisender an den Orten von Zweigs Leben, von Wien bis Petropolis. Er wurde in Ossining rüpelhaft empfangen, sah in Petropolis das Zweig-Haus gänzlich seines Inhalts beraubt und mit einer allgemeinen Exil-Ausstattung bestückt (wobei seltsam erscheint, dass das Buch kein Foto vom Friedhof bietet, wo Zweig und Lotte in einem Doppelgrab, das wie ein Ehebett wirkt, zur letzten Ruhe gefunden haben). Und in Wien ist der Autor dann natürlich auch auf den Spuren der Großeltern gewandert…

Interessant an diesem Buch ist, dass Prochnik die – als solche im Text nicht notierten –  Anmerkungen im Anhang kapitelweise kommentierend auflistet und angibt, wo er jeweilige Informationen her bezog. Das ist jedenfalls (für alle Beteiligten) müheloser, als sich von Zahl zu Zahl, von Verweis zu Verweis zu bewegen. Dass ein Personenregister fehlt, wiegt schon schwerer. Aber so sehr er auch in seine Mitwelt verwoben war, im Ende geht es eben vor allem um Zweig – als einem, der an der Emigration zugrunde gegangen ist.

Renate Wagner

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