Der Neue Merker

STANISLAS DE BARBEYRAC: „Ein unstimmiges Angebot abzulehnen, ist der Schlüssel zum Erfolg“

Zur Staatsopernpremiere „Armide“ von C. W. Gluck
Stanislas de Barbeyrac:
(Oktober 2016 / Renate Publig)

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© Yann Piriou

Glucks Oper Armide stand zum letzten Mal vor rund 120 Jahren auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper – und erstrahlt nun in neuem Glanz. Den heroischen Ritter, der sich der Zauberin Armide erst beugt, nachdem sie ihre magischen Kräfte wirken ließ, singt der junge französische Tenor Stanislas de Barbeyrac – und sein Rollendebüt stellt zugleich sein Hausdebüt dar.

In Rückblick auf ihre Karriere konstatieren erfahrene Sänger oft, das Wichtigste sei die Fähigkeit, nein sagen zu können, um sich eine gesunde Stimme zu bewahren. Ihre Karriere erweckt einen wohldurchdachten Eindruck: An großen Häusern sangen Sie zunächst kleineren Partien, während Sie an kleineren Häusern bereits Hauptrollen bekamen.

 SdB: „Ein unstimmiges Angebot abzulehnen, ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg. Meine Karriere verlief rasant: Als ich die Opernwelt betrat – erst mit 28! – wusste ich darüber so gut wie gar nichts, ich stamme nicht aus einer musikalischen Familie.
Doch bereits nach drei Jahren Gesangsstudium wurde ich im Pariser Opernstudio aufgenommen, wo ich zwei anstrengende Jahre verbrachte. Es gab so viele Werke einzustudieren! Meine eigentliche Karriere begann gleich danach, also musste ich sehr vorsichtig mit meiner Stimme umgehen. Ich erhielt oft den Rat, mit Mozart oder Donizetti zu beginnen, das sei „gesund“ für die Stimme – aber um Mozart überzeugend singen zu können, erfordert es eine extrem ausgefeilte Stimmtechnik!

 

Und wie einfach ist es gerade für einen jungen Sänger, ein Angebot abzulehnen?
Es ist nicht immer leicht, aber um sich die Stimme zu bewahren, muss es manchmal eben sein. Als lyrischen französischen Tenor wurde mir bereits angeboten, Werther, Lescaut oder Don José zu singen, was jedoch noch viel zu früh ist. Diese Angebote lehnte ich daher ab. Im Moment konzentriere ich mich auf Tamino, Don Ottavio oder L’elisir d’amore. Alfredo/ La Traviata war bereits der nächste Schritt, nun werde ich Stufe für Stufe mein Repertoire aufbauen.

 

Wer berät Sie in der Wahl Ihrer Rollen?

Über neue Rollen spreche ich mich nach wie vor mit meinem Gesangslehrer in Frankreich ab. Wenn ich ihm ein neues Angebot vorstelle, will er stets wissen, von welchem Haus die Anfrage kam und welcher Dirigent die Produktion leiten würde. Es macht einen immensen Unterschied aus, wo und unter welchen Bedingungen man eine Rolle erstmals präsentiert!

 

Wie kamen Sie zum Gesang und wann war Ihnen klar, dass dies Ihr Beruf war?

Nachdem sich In meiner Familie zwei erfolgreiche Journalisten befinden, war mein ursprünglicher Plan, in ihre Fußstapfen zu treten. Ich sang als Kind in einem Knabenchor, danach spielte Musik lange keine große Rolle, Rugby fand ich viel interessanter! Meinen Stimmbruch hatte ich erst ziemlich spät, mit 16. Danach wollte ich wieder in einem Chor singen, und so trat ich mit 20 am Konservatorium Bordeaux zu einem Vorsingen an – und erlebte in meiner ersten Gesangsstunde einen regelrechten Wirbelsturm. Ich war beeindruckt von der Wucht, von der Klangkraft meiner Stimme, und sofort wurde mir klar: Ich musste auf die Bühne. Davon musste ich erst meine Eltern überzeugen, die zunächst erstaunt reagierten, waren Oper und Gesang doch so gar nicht ihre Welt! Sie begriffen jedoch, dass ich für diesen Beruf brannte, und gaben mir ihre volle Unterstützung. Das empfinde ich nicht als selbstverständlich, und ich bin darüber dankbar und glücklich!

 

Werden Ihre Eltern bei der Premiere anwesend sein?
Nicht am ersten Abend, aber sie kommen zu einer der Folgeaufführungen!

 

Die Mitwirkung in „Armide“ ist für Sie ein Doppeldebüt: Es ist Ihr erster Auftritt an der Wiener Staatsoper und zusätzlich Sie singen erstmals diese Partie. Wie fühlt sich das an?

Einfach toll! Ich bin Dominique Meyer sehr dankbar für diese unglaubliche Chance, die er meiner Kollegin Gaëlle Arquez und mir gab. Es ist ein großes Wagnis, eine relative unbekannte Oper mit unbekannten französischen Sängern in den Hauptrollen auf den Spielplan zu setzen. Doch wir werden alles geben, um das Publikum für diese Musik zu begeistern. Es ist eine wunderbare Produktion, mit einer sehr eindringlichen Regie. Wir entführen die Zuschauer in eine fremde Welt, in eine zeitlose Produktion mit beeindruckender Lichtregie und herrlichen Kostümen.

 

Beim Einstudieren einer neuen Partie steht Sänger meistens nur ein Klavier zur Verfügung – wie fühlt es sich an, wenn man bei den Orchesterproben erstmals den vollen Klang hört?

Das ist ein beeindruckender und zugleich aufreibender Moment! Es ist tatsächlich so anders, nur mit dem Klavier zu proben; Marc Minkowskis Orchester Les Musiciens du Louvre spielt auf historischen Instrumenten, dadurch erzielt Marc Klänge und Farben, die sich deutlich von modernen Orchestern unterscheiden. Generell hat man relativ wenige Proben, um sich auf den Orchesterklang einzustellen; wobei die Situation in Wien besser ist, hier gibt es zwei Sitzproben – aber im Prinzip feilt man einen ganzen Monat an den Feinheiten der Regie, und hat dann lediglich eine Woche Zeit, um sich klanglich mit dem Orchester abzustimmen. Das ist eine äußerst dichte Woche, und wir sind sehr froh, zwischen Generalprobe und Premiere zwei Tage Pause zu haben!

 

„Armide“ wird in einer ungewöhnlich tiefen Stimmung gespielt, 400 Hertz – wie gehen Sie damit um?

Mein Vorsingen war noch in der normalen Stimmung, bei 442 Hertz. Die Partie, der Renaud liegt relativ hoch, und um diesen besonderen „fliegenden“ Ausdruck der Musik zu vermitteln, man muss sehr oft die Mittelstimme, die „voix mixte“ einsetzen.

Tatsächlich wurde die Oper für diese tiefe Stimmung komponiert, es ist überliefert, dass Berlioz sich über die spätere „normale“ Orchesterstimmung beschwerte, weil diese zu hoch sei. Die Herausforderung für mich liegt darin, dass die Partie des Renaud sehr heroisch beginnt, was in dieser tieferen Stimmung einerseits bequem für mich ist. Andererseits muss ich besonders bei den heroischeren Passagen und bei den Rezitativen darauf achten, nicht zu viel Brustregister einzusetzen und plötzlich wie ein Bariton zu klingen. Ich habe im zweiten Teil eine sehr lyrische Arie zu singen, die hoch liegt. Deshalb ist es wichtig, von Anfang an die Register sorgfältig zu mischen und die Stimme schlank zu führen.

 

Sie arbeiten mit Marc Minkowski bereits seit einigen Jahren zusammen – was ist das Besondere an dieser Kooperation?

Ich verdanke ihm sehr viel. Als ich ihm das erste Mal vorsang, war ich noch sehr jung, es war mein erstes Jahr im Opernstudio in Paris! Durch seine Unterstützung durfte ich an großen Häusern debütieren – beispielsweise in Covent Garden mit dem Arbace in Idomeneo, oder in Paris in Alceste. In Salzburg wirkte ich in zwei Konzerten mit. Es liegen noch viele gemeinsame Projekte in der Zukunft vor uns. Wir sprechen sehr ausführlich über meine gesangliche Entwicklung, uns verbindet eine Mischung aus professioneller und freundschaftlicher Zusammenarbeit!

 

Er scheint einer jener Dirigenten zu sein, dem Stimmen sehr wichtig sind und der die Sänger unterstützt.

Das stimmt, er liebt Sänger und Gesangslinien. Für ihn bildet das Orchester die musikalische Grundlage, aber besonders der französische Text, die Deklamation sind ihm wichtig. Immer wieder dämpft er das Orchester, das ist für Sänger großartig!

 

Wenn man Ihren Auftrittskalender betrachtet, sind Sie bestrebt, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes nicht zwischen Gesangsstilen zu wechseln – Sie kombinieren zwar Gluck und Mozart, in dieser Zeit singen Sie jedoch nicht Verdi.

Das stimmt – und dennoch kann es sogar zwischen den Opern von Gluck große gesangstechnische Unterschiede geben, bedingt durch die unterschiedlichen Stimmungen. Hier in Wien wird Armide eben in einer tieferen Stimmung gespielt. In Paris singe ich den Pylades in Glucks Iphigénie jedoch in normaler Orchesterstimmung, die Partie ist sehr heroisch und hoch. Ein gutes Training für Partien, an denen ich in der Zukunft arbeiten möchte, wie etwa Werther oder Faust! Doch ich muss sehr achtsam sein: Es ist verlockend, einige Töne bereits im „schwereren“ Klang zu produzieren, trotzdem darf ich mich nicht zu sehr verleiten lassen, muss diese Entwicklung langsam angehen und die richtige Balance bewahren, um beispielsweise weiterhin Tamino singen zu können. Und es ist wichtig, die gesamte Partie im Fokus zu haben: Wenn wie in Armide erst am Schluss noch eine sehr lyrische Arie zu singen ist, muss ich von Anfang an auf eine schlanke Stimmführung achten. Und doch ist es wichtig, sich auf ein zukünftiges Repertoire langsam vorzubereiten, Stimmfarben auszuprobieren – mir dabei jedoch die Kunst des gemischten Registers und der weichen Klänge zu bewahren!

 

Widmen Sie sich auch dem Liedgesang?

Oh ja, unbedingt! Im Dezember gebe ich einen Liederabend in Paris mit ausgewählten Liedern von Beethoven. Schumanns Dichterliebe habe ich schon öfters gesungen, auch Lieder von Gustav Mahler. Natürlich widme ich mich auch dem französischen Repertoire wie Duparc oder Fauré. Ich plane außerdem eine CD mit Liedern von Schubert. Leider ist es nicht immer einfach, einen Liederabend im Auftrittskalender einzubauen, innerhalb einer Opernproduktion, die natürlich einige Wochen in Anspruch nimmt, ist es fast nicht möglich, einen Liederabend zu geben. Umgekehrt benötigt es viel Zeit, um einen Liederabend vorzubereiten. Doch für einen Sänger, für die Stimme ist es wichtig, zu mischen: Lied, Oper, aber auch Oratorium!

 

Welche Musik, welche Komponisten schätzen Sie besonders?

Im Französischen Fach liebe ich die Lieder von Poulenc. Das ist meine Musik, meine Harmonien! Wenn ich wählen müsste, welche Musik ich auf die berühmte Insel mitnähme, dann wäre das Poulencs „Dialogues des Carmélites” und Tschaikowskys Eugen Onegin. Und noch Schostakowitsch. Außerdem schätze ich Mozart, vor nicht langer Zeit sang ich Don Ottavio – Don Giovanni ist ein Meisterwerk!

 

Viele Sänger empfinden es als schwierig, in französischer Sprache zu singen. Natürlich ist das Ihre Muttersprache – stimmen Sie dennoch zu?
Das stimmt absolut, sogar für Franzosen ist es nicht leicht. Mit unseren nasalen Vokale, „en“, „in“ etc. schließen wir die Stimme, durch die verringerten Resonanzräume fehlt es an Volumen, das birgt die Gefahr zu forcieren. Um dem gegenzusteuern, muss man nach einer geeigneten Position des Stimmfokus suchen, um die Vokale zu öffnen, ohne an Textdeutlichkeit zu verlieren.

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Armide“ an der Wiener Staatsoper. © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Um zu Armide zurückzukommen: Es wird gesagt, dass das Libretto von Philippe Quinault ein Meisterwerk ist, vergleichbar mit der Qualtität von Shakespeare.

Quinaults Text ist fantastisch, wir haben hier eine Mission zu erfüllen, diese Qualität dem Publikum zu vermitteln. Quinault überlässt nichts dem Zufall – während es in anderen Opern manchmal zu eigenwilligen Handlungsabläufen kommt, verläuft die Geschichte in dieser Oper von Anfang bis zum Ende in einem Bogen. Das Libretto ist tiefgründig, stark, es lässt sich lesen wie gute französische Literatur.

 

Ihre Partie Renaud hat ihre Auftritte nur im zweiten und im fünften Akt. Was machen Sie zwischendurch, um die Spannung zu halten?

Das ist eine große Herausforderung. Der erste Akt, die Einleitung, ist nicht sehr lang, diese Zeit verbringe ich in meinem Ankleideraum mit Einsingübungen. Aber zwischen zweiten und fünften Akt ist auch noch die Pause – eine sehr lange Zeitspanne. Die verbringe ich, indem ich mich mit komplett anderen Dingen beschäftige: Ich studiere eine andere Rolle oder höre Musik. Dieser Zeitraum ist zu lange, um ständig in Spannung zu bleiben, das macht nur müde und unkonzentriert. Erst etwa 15 Minuten, bevor ich auf die Bühne gehe, fokussiere ich mich wieder auf dieses Werk und lasse mich hineinkippen.

 

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Zunächst singe ich die kommenden drei, vier Jahre einige Opern von Mozart und Gluck. Doch wird dies eine sehr wichtige Saison sein für meine weitere Zukunft, ich muss Entscheidungen treffen für mein nächstes Repertoire. Diese Überlegungen, das richtige Werk für den richtigen Ort auszuwählen und dabei die Entwicklung der Stimme zu berücksichtigen, sind nicht einfach. Natürlich singe ich Don Ottavio und Tamino sehr gerne, doch später möchte ich das französische Repertoire singen, es empfiehlt sich aber wahrscheinlich, mit La Damnation zu beginnen, dann vielleicht Manon, danach Don José. Aber wer weiß … ich bin erst 32, also habe ich noch ein bisschen Zeit!

 

Vielen Dank für das Gespräch und toi, toi, toi für Ihr Doppeldebüt!

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