Der Neue Merker

ST. PETERSBURG / Mariinsky-Theater: Ein Wochenende mit CARMEN / DIE FRAU OHNE SCHATTEN /ENCHANTED WANDERER.

Mariinsky-Theater, April 2017 – Ein Wochenende mit Carmen, Frau ohne Schatten und Enchanted Wanderer

Es fällt nicht leicht, das Besondere am St. Petersburger Mariinsky-Theater mit nur einem einzigen Begriff zu charakterisieren, aber einer ist unumgänglich: „Flexibilität“ (wir Westler würden dies vielleicht eher mit bewältigtem Chaos umschreiben). Wie anders soll man es nennen, wenn am Abend vor einer Nachmittagsaufführung am nächsten Tag (Shchedrins „The Enchanted Wanderer“) noch nicht feststeht, ob diese überhaupt stattfinden kann, weil man in dem dicht gedrängten Terminkalender keine Zeit für Proben dieses lange Zeit nicht gespielten Werks gefunden hat? Oder wenn nur wenige Tage vor Beginn einer ausgedehnten Tournee durch Russland (Moskauer Oster-Festival) noch nicht bekannt ist, welche Programme eigentlich gespielt werden. Warum auch? Das Label „Mariinsky-Theater“ scheint so attraktiv zu sein, dass die Zuschauer kommen, ohne die Werke oder die Besetzung zu kennen.

„Empathie“ scheint mir ein weiterer, für diese Institution wichtiger Begriff zu sein. Schon verstorbene Künstler, aber auch noch aktive werden zu ihren Gedenktagen mit ihnen gewidmeten Konzerten oder Aufführungen geehrt, und auch auf traurige Ereignisse wird sofort reagiert. So wurde statt der Rimsky-Korsakov-Oper „Coq d’or“ das Verdi-Requiem in szenischer Version gespielt (bei Google wird „Coq d’or“ auf Deutsch übrigens statt mit „Der goldene Hahn“ mit „Der goldene Schwanz“ übersetzt!!!), und zu Beginn der meine Besuche einleitenden „Carmen“ wurde das Publikum gebeten, sich von seinen Plätzen zu erheben, um damit der Opfer des Attentats wenige Tage zuvor zu gedenken.

Am 6.4. war die „Carmen“-Vorstellung selber ein Beweis dafür, dass auch am Mariinsky nur mit Wasser gekocht wird, manchmal sogar mit reichlich abgestandenem. Der Regisseur ALEXEI STEPANYUK hat vielmals mit seinen Inszenierungen von Werken Rodion Shchedrins gezeigt, auf welch‘ phantasievolle Weise er Stücke umsetzen kann. Die Bizet-Oper würde ich nicht zu seinen besten zählen (um es milde auszudrücken). Ärgerlich war das Dirigat PAVEL SMELKOVs, der keine Mitte fand zwischen überhetzten (Vorspiel 1. Akt, Schmuggler-Quintett) und zerdehnten Tempi  und damit den Sängern mehr im Wege stand, als sie zu unterstützen. Ein Mehr an Klangraffinesse wäre wünschenswert gewesen statt des Breis, der aus dem Orchestergraben klang. Die Leistungen des Sängerensembles waren durchwachsen. Am besten noch die verlässliche, aber doch wenig aufregende ANNA KIKNADZE in der Titelrolle, während VIOLETTA LUKYANENKO bei ihrem Micaela-Debüt bewies, dass diese Rolle für einen leichten silbrigen Sopran ihre Tücken hat. Sehr schön gelangen ihr die lyrischen Passagen des Duetts und auch ihrer Arie, während ihre Stimme bei der auch in dieser Partie enthaltenen Dramatik ins Grelle umschlug. YEVGENY AKIMOVs helles Timbre entsprach noch nie meinem Geschmack, doch bewältigte er bei seinem Don José zumindest die ersten beiden lyrischeren Akte recht passabel, während die dramatischeren Akte nach der Pause trotz einiger Höhen mit Strahlkraft eher seine Grenzen aufzeigten. Für VIKTOR KOROTICH (Escamillo) hätten die linke und rechte Seite der Bühne tabu sein müssen, hier war er vokal kaum auszumachen. Zwar hatte er keinerlei Schwierigkeiten mit der diffizilen Tessitura seiner Rolle, doch war er mit seinem angenehm timbrierten Bariton insgesamt zu leichtgewichtig. Als Moralès debütierte GRIGORY CHERNETSOV, zweifellos ein großes Talent, das man jedoch sehr behutsam aufbauen sollte, zumal der junge Mann dazu neigt, das Volumen seines Kavaliersbaritons künstlich zu vergrößern.

Die Produktion von „Die Frau ohne Schatten“ (7.4.) war vom historischen Theater hinüber zur Neuen Bühne transportiert worden – ob zum Vorteil, möchte ich einmal dahingestellt sein lassen. Neben der Regie JONATHAN KENTs, über die ich mich schon bei früheren Kritiken ausgelassen habe, krankt sie vor allem an der Unfähigkeit oder dem Unwillen vieler Bühnenbildner (hier: PAUL BROWN), ein adäquates Bühnenbild zu bauen, das die Stimmen trägt und sie nicht zum Verschwinden bringt. Wenn auf der Riesenbühne des neuen Mariinsky-Theaters die Seitenwände bei den Kaiser/Kaiserin-Szenen offen gelassen werden, darf man sich nicht wundern, wenn selbst die voluminösesten Stimmen im Nirwana verschwinden. Es war also nicht die Schuld des Dirigenten MICHAEL GÜTTLER, dass es mehr wie eine Sinfonie mit begleitenden Gesangsstimmen klang, denn Strauss‘ Werk ist nun einmal sehr dick instrumentiert. Es war interessant, Michael Güttlers Dirigiertechnik mit der Valery Gergievs zu vergleichen, der dieses Werk sonst hier dirigiert. Bei Gergiev zuckt sein rechter Arm nur im äußersten Notfall, wenn Bühne und Graben nicht zusammen sind, blitzartig nach oben, weil er sich auf die Anpassungsfähigkeit seiner Künstler (siehe „Flexibilität“) verlassen kann, die dies nicht anders gewohnt sind. Güttler jedoch fand Zeit, neben seiner für das Orchester exakt ablesbaren Zeichengebung (auch etwas, was ihn von Gergiev unterscheidet) den Sängern jeden Einsatz zu geben. Nun, dies sind Fähigkeiten, die man eigentlich von jedem Kapellmeister erwarten sollte, doch was seine Interpretation für mich so memorabel machte, war sein Klanggefühl, das die lyrischen Passagen nicht wie lästige Unterbrechungen der Fortissimo-Ausbrüche erscheinen ließ, und das unsentimentale, aber gefühlsvolle Auskosten solcher Momente wie des Nachspiels nach Baraks „und Freude im Herzen“ und des Schlusses des 1. Aktes. Kein Wunder, wenn ein Dirigent, gebürtig aus Dresden, das Klangbild eines Strauss-Orchesters wie der Staatskapelle Dresden mit der Muttermilch aufgesogen hat.

Zwar sind die Defizite in der Aussprache nicht mehr ganz so stark wie bei der Premiere (oder sollte ich mich etwa daran gewöhnt haben?), doch sollte es zu denken geben, wenn der debütierende Geisterbote ILYA BANNIK stimmlich wesentlich durchschlagskräftiger als sein Vorgänger Nikolai Putilin, doch, was die Diktion anbelangt, genauso unverständlich ist. Gibt es denn keinen „language coach“ am Mariinsky-Theater, der für das Deutsche zuständig ist? Bemerkt denn niemand, dass der Barak, ansonsten relativ gut verständlich, immer noch „seeltsam“, „seelber“, „Möörser“ etc. singt? Es ist doch ein Witz und grenzt an Rufmord, wenn im Programmheft immer noch der legendäre Richard Trimborn genannt wird. Wie bei Regisseuren, allerdings wohl mehr im Westen, sollte es „nach Trimborn“ heißen.

Allen Sängern ist gemein, dass wohl niemand auf die Idee käme, sie für ihre Rollen im Ausland zu verpflichten, obwohl sie alle sich gegenüber der Premiere im Jahre 2009 verbessert haben: AVGUST AMONOV (Kaiser), ELENA VITMAN (Amme), EDEM UMEROV (Barak), OLGA SERGEYEVA (Färbersfrau). Nicht wirklich schlecht, aber „nothing to write home about“. Neu für mich war die Kaiserin von IRINA VASILIEVA, die mit viel schlankerem, aber gut fokussiertem Material eine mich überzeugende Interpretation dieser Partie fand, interessant im Gegensatz zur volumenreicheren Mlada Khudoley. Postscriptum: Auf dem Programmzettel konnte ich den Namen der Stimme von oben nicht finden (war es Yekaterina Krapivina?), und der sein Solo wundervoll erfüllt spielende Cellist war mitnichten der Genannte. Soviel zur Verlässlichkeit von Mariinsky-Informatuonen.

Am nächsten Nachmittag (8.4.) ereignete sich dann mit Shchedrins „The Enchanted Wanderer“ das Mariinsky-Wunder: probenlos, aber überaus überzeugend und bewegend. Am Pult saß VALERY GERGIEV, und wie beim greisen Karl Böhm reichte allein seine Anwesenheit bei aller minimalster Zeichengebung aus, den Adrenalinspiegel (siehe Flexibilität) aller Mitwirkenden zu erhöhen und maximale Aufmerksamkeit zu sichern. Mit ANDREI POPOV und SERGEI ALEKSASHKIN standen Künstler auf der Bühne des Mariinsky-Konzertsaals, die mit ihren Rollen langjährig vertraut sind. Popov mit seinem charakteristischen hellen Timbre und großer Ausstrahlung, ein Charaktertenor par excellence, und der Veteran Aleksashkin, der dem Ensemble seit 1989 angehört, mit immer noch intaktem volumenreichen Bass. Zumindest in der Rolle der Grusha neu war für mich YEKATERINA SERGEYEVA, eine junge Mezzosopranistin, deren Werdegang ich seit mehr als 10 Jahren verfolge. Es fällt mich leicht, ihre Leistung mit nur einem einzigen Wort zu charakterisieren: sensationell! Ihr verführerisches Timbre bleibt lange im Ohr haften; eine Stimme, die keine Grenzen kennt. Dazu ein überzeugendes, bewegendes, die Aufmerksamkeit auf sich ziehendes Spiel – einzigartig! Glück für das Mariinsky, das die westliche Welt bis auf gelegentliche Gastspiele in München und Berlin als Onegin-Olga diese Sängerin mit Star-Qualitäten noch nicht für sich entdeckt hat. Mit Yekaterina Sergeyeva und Yuliya Matochkina stehen die Nachfolgerinnen einer Olga Borodina bereits in den Startlöchern.

Sune Manninen

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