Der Neue Merker

ST. PETERSBURG / Mariinsky-Konzerthalle: GALA DES X. INTERNATIONALEN RIMSKY-KORSAKOV-GESANGSWETTBEWERBES

Gala des X. Internationalen Rimsky-Korsakov-Gesangswettbewerbs – Mariinsky-Konzerthalle, 6.12.2016

Im Jahre 2008 wurde in St. Petersburg der VIII. Rimsky-Korsakov-Wettbewerb ausgetragen, der X. nun erst 2016. Was hat zu dieser Pause geführt? Nun, offenbar war das Geld ausgegangen, so dass dieser Konkurs erst im vergangenen Jahr wiederbelebt worden war, statt in St. Petersburg nun in Tikhvin, der Geburtsstadt des Komponisten Nikolai Rimsky-Korsakov.

Gesangswettbewerbe gibt es heute wie Sand am Meer, und es herrscht ein wahrer Tourismus vor, sowohl was die Juroren als auch die Teilnehmer anbetrifft. Vielerorts dieselben (natürlich namhaften) Juroren, aber auch dieselben Sänger, die so lange teilnehmen, bis sie von großen Agenturen oder Opernhäusern entdeckt werden. Natürlich sollte man den jungen Künstlern nicht den Glauben daran nehmen, dass es bei den Wettbewerben gerecht zugeht, dass es keine Manipulationen oder Mafia ähnliche Zustände gibt, doch manchmal ist es ganz angebracht, ein bisschen hinter die Kulissen zu schauen. So würde ich es zumindest mit einem Fragezeichen versehen, dass kürzlich bei der Moskauer Vorentscheidung zum spanischen Francisco Viñas-Konkurs lediglich Juroren vom Moskauer Bolshoi-Theater anwesend waren, niemand aus Barcelona, und zuvor in der derselben Stadt zur Competizione dell’Opera nur der deutsche Wettbewerbsgründer und ein russischer Kollege die Vorauswahl vorgenommen haben.

Doch dies sind Petitessen, verglichen mit den Vorkommnissen beim VI. Rimsky-Korsakov-Wettbewerb 2004, der damals unter Leitung LARISA GERGIEVAs durchgeführt wurde, der Schwester Valery Gergievs, Direktorin der Mariinsky-Akademie, mit Vladimir Atlantov als Vorsitzenden. Außer einigen russischen Gefolgsleuten, die Larisa Gergieva um sich geschart hatte, gab es auch einige renommierte Jury-Mitglieder aus dem Ausland, am prominentesten Ioan Holender, Eva Wagner-Pasquier und Mark Hilldrew von der Agentur Askonas Holt.

Natürlich war nicht zu übersehen, dass die Mitglieder der Mariinsky-Akademie bevorzugt worden waren, doch dies war noch nicht alles. Die Regel sahen vor, dass im Finale 2 verschiedene Arien zu singen waren, eine aus der russischen sowie eine aus der westlichen Opernliteratur; diese Auswahl dufte nicht verändert werden. Doch Madame Gergieva entschied, dass eine einzige Arie zu genügen hätte, und bestimmte auch höchstpersönlich den Bereich der Opernliteratur. In einem Fall änderte sie sogar die Auswahl ab.

Die ausländischen Jury-Mitglieder, gewieft im Rechnen, überblickten sogleich, dass der erste Teil des Finales nun kürzer sein würde, und erkundigten sich nach dem Beginn des zweiten. Die Auskunft, dass der zweite Teil wie vorgesehen nach einer längeren Pause beginnen würde, hatte sich jedoch nicht zum Dirigenten bzw. zum Inspizienten herumgesprochen, so dass, als die ersten Sängerinnen nach der Pause begannen, erst zwei der Juroren anwesend waren und der Rest erst nach und nach „eintrudelte“. „Zum Glück“ waren es keine Akademie-Sängerinnen, so dass darauf verzichtet wurde, sie unter Anwesenheit aller Juroren ihre Arie wiederholen zu lassen. Warum auch, denn wer nicht zur Akademie gehörte, hatte von vornherein weniger Chancen, wie auch in späteren Jahren die Beispiele Venera Gimadieva und Nadine Koucher zeigten, die r preislos blieben, doch auch so eine Weltkarriere machten bzw. 2015 den prestigereichen BBC Singers oft he World Wettbewerb gewannen.

Auch Ioan Holender schien damals in St. Petersburg nicht seine beste Zeit gehabt zu haben. Gefragt auf einer Pressekonferenz, wechen der Teilnehmer er an die Wiener Staatsoper verpflichten würde, antwortete er, niemanden. Also auch nicht den Bariton Alexey Markov, der seitdem eine enorme Karriere an großen Bühnen gemacht hat. Stattdessen wurde der Mariinsky-Akademie-Bariton Vladimir Moroz nach Wien verpflichtet, den Holender beim Moniuszko-Wettbewerb in Warschau hörte und der an der Wiener Staatsoper – um es einmal vorsichtigst auszudrücken – nicht gerade reüssierte und nach kurzer Zeit (in verkehrten Partien eingesetzt) wieder zurück ans Mariinsky-Theater ging. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Holender nicht erst zum Semi-Finale in St. Petersburg erschienen wäre, doch dieser Fehler ist bei vielen Wettbewerben zu beobachten, dass die Juroren zu verschiedenen Zeitpunkten in einen Wettbewerb einsteigen und somit zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Der geneigte Leser möge mir diesen Exkurs verzeihen, denn angesichts des nicht schlechten, aber insgesamt eher durchschnittlichen Niveaus dieser „Gala“ der 15 Finalisten schweiften meine Gedanken zurück zu „besseren“ Zeiten. Die Finalisten kamen vorwiegend aus dem Raum der ehemaligen Sowjetrepubliken, d.h. außer aus Russland aus der Ukraine, Kazakhstan, Uzbekistan, der Mongolei, dazu jeweils ein Teilnehmer aus Brasilien, Bulgarien und China. Auffallend, aber nicht mit einem Preis versehen, die junge Russin SAMIRA GALIMOVA, die mich als „Idomeneo“-Elettra mit interessantem Timbre und dramatischem Ausdruck begeisterte, während die Preisträger der 2. und 3. Preise offensichtlich im Wettbewerb – dies war hier nur die Preisträger-Gala – viel besser gewesen sein müssen – nicht schlecht, doch „nothing to write home about“. Der erste Preis sowie der Grand Prix wurde – nicht weiter überraschend – an Mitglieder der Mariinsky-Akademie verliehen. Den ersten Preis teilten sich TATIANA STARKOVA (mit „Trovatore“-Leonora“) und GULNARA SHAFIGULLINA (mit „Norma“), während der Grand Prix an DIANA KAZARYAN ging, die fehlerlos, aber wenig begeisternd Violetta sang.

Nun, man sollte die Qualität eines Wettbewerbs nicht nach den Finalisten bewerten, denn so mancher Künstler schaffte eine Weltkarriere, obwohl Juroren sie/ihn nicht zum Finale zugelassen hatten. Ich denke da gerne zurück an das Jahr 1991, als ich beim „Junge Stimmen“-Wettbewerb in Gütersloh eine litauische Mezzosopranistin hörte, die es trotz einer fulminanten Eboli-Arie nicht bis ins Finale schaffte. Dies war eine gewisse Violeta Urmanviciute, die später als Violeta Urmana eine Weltkarriere machte.

Sune Manninen

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