Der Neue Merker

ST. FLORIAN/OÖ/Stiftsbasilika/ 20. Bruckner-Tage: DER GRIFF NACH DEN STERNEN – Internationale Bruckner-Orgelnacht

Orgelkonzert in der Stiftsbasilika im Rahmen der 20. Brucknertage St. Florian.  Der Griff nach den Sternen – Internationale Bruckner-Orgelnacht (16.8.2017)


Copyright: Augustinerstift St. Florian

Vor 20 Jahren wurde diese Veranstaltungsserie als Privatinitiative von und für Bruckner-Spezialisten gegründet und zieht heute internationale Kreise.

Die Orgel der Florianer Stiftskirche ist auch Leuten, die nicht aus der LinzerNachbargemeinde stammen, aber schon um 1960 herum dann und wann eine 1.000-Schilling-Note in der Hand hielten, wohlbekannt. Das Instrument (http://www.stift-st-florian.at/musik/die-orgeln.html) wurde 1770 – 1774 von F. X. Krismann erbaut und war in der Ursprungsfassung dem jungen Anton Bruckner wohlvertraut, der 1848 – 1855 Stiftsorganist war. Ein größerer Umbau durch Matthäus Mauracher passte diese größte Orgel der österreichisch-ungarischen Monarchie dem romantischen Klangbild an; bei der Kollaudierung 1875 spielte auch Anton Bruckner wieder die Orgel, die seit 1932 seine Namen trägt. Der vorerst letzte Umbau fand durch die Firma Kögler 1994/96 statt, bei dem die Orgel mit ihren 7.386 Pfeifen eine elektrische Traktur erhielt; der viermanualige Spieltisch kann jetzt komplett elektronisch und damit auch programmierbar registriert werden, in 640 Kombinationen pro Manual – für den heutigen Abend eine Grundvoraussetzung…

Bruckner kam zwar von der Kirchenmusik her und brillierte damals international als Orgelimprovisator, heute steht sein Name aber vor allem für seine hochkomplexen, stilbildenden Symphonien. Die meisten davon wurden, vielleicht auch aufgrund der von seiner Orgelkarriere beeinflußten Kompositionsstrukturen, bereits für Orgel transkribiert. Deren Fünfte, später mitunter „katholische“ genannt, von Bruckner selbst als sein „kontrapunktisches Meisterstück“ apostrophiert, aber widersetzte sich (bisher) solchen Versuchen – die Brucknersche Bezeichnung weist schon auf den Grund dafür hin: z. B. verwendete er im Finalsatz bis zu fünf ineinander verwobene Fugenlinien, und natürlich verlangt die Partitur das spätromatisch groß besetzten Orchester.

Auch wenn deren Aufführung üblicherweise 1 Stunde 15 Minuten währt (bei Celibidace 1½ Stunden), reicht das natürlich noch nicht für eine vielstündige „Orgelnacht“. Diese kann das Publikum stehend oder sitzend, nicht nur in den Kirchenbänken oder auf eingestellten Sesseln, sondern durchaus auf mitgebrachten Matratzen oder Liegestühlen liegend genießen (samt der immer spannenden Bildübertagung des Organisten bei der Arbeit, auf eine große Leinwand vor dem Chor projiziert). Vor der Brucknerschen „pièce de résistance“ gab es daher noch zwei andere Programmpunkte:

Der Warschauer Organist Michał Markuszewski, der sich wie der genius loci großen Ruf mit seinen Improvisationen erworben hat, eröffnete den Abend mit einer solchen, die stilistisch irgendwo zwischen Beethoven und Schubert angesiedelt zu sein schien und bei der er sich puncto spielerischer Schwierigkeiten nicht schonte. Es folgte J. S. Bachs Toccata, Adagio und Fuge in C, BWV 564 – hier ist schon die Einleitung für Hände und Füße eine gewaltige Herausforderung, und man fragt sich, wie damals eine mechanisch aufgebaute Orgel von Meister Silbermann solche perlenden Läufe erlaubte. Natürlich erklang das Werk in höchster Präzision und mit stilsicherer Registrierung, ebenso wie der Solist dann Prélude, Fugue et Variation in h, op.18 (1882) von César Franck gelungen als kontemplatives Nachtstück interpretierte. Virtuosität und spirituelle Freude zeichneten schließlich die Aufführung Olivier Messiaens „Dieu parminous“, das Finale des Zyklus „La Nativitè du Seigneur“, aus; trotz der „modernen“ Tonalität konnte man deutlich merken, daß der 1992 verstorbene Komponist fest auf den Schultern der französischen Romantiker wie Widor oder Boëllmann stand. Großer Applaus für diese eindrucksvolle Eröffnung des Abends.

Nach einer kurzen Pause setzte sich der maltesische Künstler John Aquilina ans Pult; auch er kam an Bach nicht vorbei, wobei BWV 534, Präludium und Fuge in f, umstrittener Herkunft sein soll (Bachs Schüler J. C. Kittel wird als Autor vermutet) – wie auch immer: eine gelungene, klassisch ausgewogene Komposition, meisterlich dargeboten. Eine interessante Rarität aus dem 19. Jahrhundert folgte: Robert Schumann hat für einen „Pedalflügel“, der um 1840 als bürgerlicher Verwandter der Orgel (wieder einmal) Interesse weckte, vier Skizzen (op. 58) verfaßt, von geläufig-akzentuiert bis strahlend, die uns der Interpret mit farbenreicher Registrierung nahebrachte – die Brucknerorgel hat zuvor wohl noch kaum wie ein Klavier geklungen… Außerdem machte er uns musikalisch mit seiner Heimat bekannt, in der sich der europäische Mittelmeerraum mit dem vorderen Orient auf vielen Ebenen vermischt; zum einen mit vier Eigenkompositionen unter dem Titel „Meditations on MalteseHymns“, zum anderen mit „Wine of Peace“ von Charles Camilleri (1931 – 2009). Der Einfluß britischer Kirchenmusik war deutlich zu merken (und ein kleines bißchen „Eleanor Rigby“), aber alles, mit modernerer Harmonik, von südlicher Sonne beschienen. Eine charmante Bekanntschaft, die dem Auditorium ebenso gut gefiel wie der erste Teil.

Der Abend erreichte nun die Ausmaße einer „Akademie“ aus Zeiten der Klassik – als sich der ehemalige Florianer Stiftsorganist und Verfasser der Transkription, Matthias Giesen, zu deren Uraufführung ans Pult setzte, war es 22 Uhr 20. Wie man mitunter bei der orchestralen Aufführung einer Bruckner-Symphonie eine Orgel zu hören glaubt, so ist es ihm im Gegenzug gelungen, Vielfalt und komplexe Struktur der Partitur ohne Verlust deren Vielschichtigkeit so auf die Orgel zu übertragen, daß man dann und wann glaubt, ein Symphonieorchester zu hören… Natürlich ist so ein Unterfangen nicht nur an virtuoseste Fähigkeiten des Interpreten gebunden, sondern auch daran, wie man die von Bruckner so fein abgestimmten oft rasch wechselnden Klangfarben und Dynamiksprünge auf der Orgel nachvollzieht: und da tritt natürlich die elektronische Registriertechnik auf den Plan, denn nur mit dieser ist es überhaupt denkbar, bei so einem gewaltigen Werk die im Schnitt alle drei oder vier Takte, manchmal sogar noch schneller wechselnde Registrierung zu bewältigen. Mit der Videoübertragung konnte man die hektisch umspringenden Registergut verfolgen – wenn man denn wollte (dss alleine diese Programmierung für so eine Aufführung viele Tage Arbeit bedeutet, ist zu vermuten); aber man konnte sich genauso gut nur dem Rausch der Bruckner‘schen Klänge hingeben, die der Bearbeiter so einfühlsam übertragen hatte.

Freilich, das Unterfangen ist sicher auch eine sportliche Übung, aber sie gelang, ohne sich an Bruckner zu vergehen. Sogar der extrem komplexe vierte Satz mit seinem Fugendschungel war die reine Ohren- wie Seelenfreude und ließ im Vergleich zur Originalfassung nichts missen. Der Komponist hat diese Symphonie nie von einem Orchester gespielt hören können. Sie wurde aber schon mehrmals in dieser Kirche von prominenten Orchestern und Dirigenten aufgeführt. Die Orgelfassung ist jedenfalls so gut gelungen, daß Bruckner auch an diesem Abend keinerlei Grund gehabt hätte, aus seiner Gruft unter der Orgel aufzustehen, um Herrn Giesen vom Spieltisch zu jagen.

Als knapp vor Mitternacht der letzte Akkord verklungen war, spendete das Publikum stehend tosenden, begeisterten und sehr langen Applaus. Der rechtschaffen schweißgebadete Arrangeur und Interpret nahm ihn glücklich und dankbar an. Es wird nicht viele seines Faches geben, die diesen neuen Mt. Everest des Orgelspiels ebenso souverän besteigen können wie er.

H &P Huber

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