Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: Eduard Mörike „DAS STUTTGARTER HUTZELMÄNNLEIN“. Drahtseilakt der Liebe

Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännlein im Schauspielhaus Stuttgart

DRAHTSEILAKT DER LIEBE

Premiere: Eduard Mörikes „Stuttgarter Hutzelmännlein“ im Schauspielhaus am 21. Januar 2017/STUTTGART

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Manja Kuhl, Peer Oscar Musinowski, Viktoria Miknevich, Christian Czeremnych, Felix Mühle. Copyright: JU

Mit dem „Stuttgarter Hutzelmännlein“ hat der Dichter Eduard Mörike enge regionale Grenzen ganz bewusst ausgeweitet. Das 1853 entstandene Werk wurde in Mörikes Freundeskreis aufgrund vermeintlicher formaler Schwächen getadelt. Die Regisseurin Hanna Müller versucht in ihrer Stuttgarter Inszenierung, den Stoff in einem weniger komplizierten Licht darzustellen. Denn diese Erzählung besitzt eine komplexe Struktur ineinander verschachtelter Handlungsstränge.

Der Stuttgarter Schustergeselle Seppe möchte auf Wanderschaft gehen. Christian Czeremnych stellt ihn als einen Utopisten und Idealisten dar, der sich allerdings leicht verführen lässt. Am Tag vor seiner Abreise erscheint ihm das Hutzelmännlein, das Gabriele Hintermaier mit knitzer Hinterlist und langem Bart spielt. Das Hutzelmännlein sitzt hier zunächst auf der Spitze des seltsam verschachtelten Holzgerüsts. Es gibt Seppe zwei Paar Glücksschuhe und Hutzelbrot. Seppe verwechselt die Schuhe jedoch miteinander und gerät plötzlich rettungslos in Verwirrung. Diese Situationskomik inszeniert Hanna Müller mit einem verschmitzten Augenzwinkern und viel Humor. Dass Seppe gegenüber dem Hutzelmännlein auch eine Verpflichtung hat, macht die Aufführung deutlich. Er soll ihm ein geheimnisvolles Klötzlein Blei bringen, das die Kraft besitzt, die Menschen unsichtbar zu machen. Seppes Nachbarin Vrone, die von Manja Kuhl mit viel Einfühlungsvermögen gespielt wird, muss sich genauso wie er mit einem falschen Schuh herumplagen. Zusammen mit der unverwüstlichen Vrone besteht Seppe jedoch viele Abenteuer. Manja Kuhl verwandelt sich aber auch in geheimnisvoller Weise in die schöne Lau. Die ist eine Wasserfrau vom Schwarzen Meer. Diese Fürstentochter ist halbmenschlicher Abstammung. Sie wurde von ihrem Mann, einem alten Donau-Nix nach Blaubeuren verbannt, denn sie gebar ihm nur tote Kinder. Manja Kuhl kann das Leid dieser schönen Lau bewegend auf die Bühne bringen. In einem Traum beginnt die Lau zu lachen. Der Kuss eines Jungen erweckt sie schließlich aus ihren Träumen. Manja Kuhl bietet bei ihrer ungewöhnlichen Darstellung der Wasserfrau viel Akrobatik, steigt in einen von der Bühne überdimensional herabhängenden Ring, der an Seilen hängt. Als Seppe endlich in Blaubeuren eintrifft, sind märchenhafte 100 Jahre vergangen. Von den Wirtsleuten im Nonnenhof erhält er weit mehr zurück, als er bezahlt hat – er kann seiner zukünftigen Braut Vrone sogar eine silberne Haube schenken. Auf dem Heimweg findet Seppe dann das gewünschte Zauber-Blei. Und die Glücksschuhe führen ihn und Vrone schließlich endgültig zusammen. Vor aller Welt sollen sich Seppe und Vrone nun küssen. Das ist eine sympathische Schluss-Szene, die viel Humor und Hintersinn besitzt. Die beiden Schauspieler gehen hier in ihren Rollen auf. Die Glückskinder scheinen sich am Ende wie auf einem Trapezseil durch die magische Kraft der Zauberschuhe zu treffen. Die nicht zerreißbaren Schuhe werden zwar verwechselt, lassen aber nun „verkehrtes Glück“ entstehen.

Für die wunderbaren Geschehnisse dieses Märchens findet Hanna Müller mit dem fantasievollen Bühnenbild von Natascha von Steiger und den Kostümen von Nina Gundlach und Birgit Klötzer ansprechende Bilder, die sich stark einprägen. Man blickt im Hintergrund gleichsam auf den Meeresgrund, sieht Fische, Krabben und Muscheln. Manja Kuhl scheint sich als schöne Lau mit diesen Utensilien zu verbinden. Vor allem die abwechslungsreiche Live-Musik von und mit Max Braun, Stefan Hiss, Bobbi Fischer, Daniel Kartmann und Jörg Bielfeldt zeigt nicht nur bei der Hymne an „Marie“ Verve und Drive.

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Manja Kuhl,  Christian Czeremnych, Viktoria Miknevich. Copyright: JU

In weiteren Rollen überzeugen Viktoria Miknevich als Kurt und Sara, Felix Mühlen als Dr. Veylland, Frau Betha Seysolffin, Frau Bläse und Bernd Jobsten sowie Peer Oscar Musinowski als Hirtenjunge, Jörg Seysolff, Witwe und Schustermeister Bläse. Jonas Alsleben blendet die Video-Sequenzen höchst geschickt ein. Auch die Luftakrobatik-Choreografie von Iryna Jerabek beeindruckt die Zuschauer.

Dass die Geschichte von der schönen Lau die Binnenhandlung dieses Märchens bildet, wird bei der Inszenierung plastisch deutlich. Sie spielt 100 Jahre vor der Seppe-Handlung. Und die Veylland-Episode findet zur Zeit des Grafen Konrad von Württemberg statt, als es noch „keine Stadt mit Namen Stuttgart gab“. In dieser poetischen Veylland-Episode wird dann der Gründungsmythos Stuttgarts beschrieben. Doktor Veylland konnte sich übrigens unsichtbar machen. In diesen Augenblicken verwandelt sich in Hanna Müllers Inszenierung die Bühne und wird märchenhaft. Der geheimnisvolle Zauber geht weiter, als man erfährt, dass Doktor Veylland im Sterben liegt. Er bittet seinen Diener Kurt, das Bleilot im Blautopf zu versenken. Und der Lau stiehlt ein frecher Hirtenjunge das Lot im Glauben, es sei Gold. Manja Kuhl zeigt deutlich, dass auch Vrones Leben durch die vertauschten Schuhe auf den Kopf gestellt wurden: „Besonders ging es ihr beim Tanz: da sah man sie zuweilen so conträre, wiewohl kunstreiche, Sprünge thun, dass Alles aus der Richte kam und sie sich schämen mußte.“ Nach der kuriosen Fasnachts-Episode lässt sich nicht mehr verbergen, dass Seppe sein Glück mit einem Mädchen aus der unmittelbaren Nachbarschaft geradezu finden musste.

Im Programmheft stößt man noch auf Brigitte Kronauers hintersinnige Rede auf Eduard Mörike. Da erfährt man dann, dass die beiden noch fast kindlich Liebenden aus dem Geiste Mörikes weltklüger sind als mancher, der nicht versteht, wie der Dichter Mörike in seinem Leben erotisch auf die Nase gefallen ist. Christian Czeremnych als Seppe und Manja Kuhl als Vrone setzen als Schauspieler gerade diesen Aspekt in fesselnder Weise um. Vor allem ist es weitgehend gelungen, den komplizierten Handlungsfaden zu entwirren. Entsprechend stark war der Schlussapplaus für alle Darsteller und das Regie-Team.  

Alexander Walther

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WIEN / Burgtheater-Vestibül: OBERÖSTERREICH

Alina Fritsch (Anni), Christoph Radakovits (Heinz)

Alina Fritsch (Anni)    Foto: Burgtheater

WIEN / Vestibül des Burgtheaters: 
OBERÖSTERREICH von Franz Xaver Kroetz   
Premiere: 20. Jänner 2017  

 Die siebziger Jahre waren seine große Zeit, wenn Franz Xaver Kroetz, Jahrgang 1946, auch noch immer wieder einmal ein Stück schreibt, aber damit nicht mehr viel Beachtung findet. Vor einem knappen halben Jahrhundert aber traf er mit seinen Stücken über die „armen Leute“ (lapidarer als Horvath, in dessen Fußstapfen er vage trat) den Nerv der Zeit. Die Frage stellt sich, ob die Naivität seiner Protagonisten, die er psychologisch brillant auf die Bühne brachte, heute noch einsichtig ist – etwa in dem Stück „Oberösterreich“, das 1972 uraufgeführt wurde.

Im Vestibül des Burgtheaters hat sich ein Regisseur des Werks angenommen, der überhaupt erst 13 Jahre nach der Uraufführung von „Oberösterreich“ geboren wurde. Andreas Schmitz, drei Jahre lang Regieassistent am Burgtheater, debutierte nun mit einer eigenen Arbeit auf der Nebenbühne des Vestibüls. Und obwohl er – ein geistiger Verwandter von Kroetz – in seiner bayerischen Heimat Volksstücke schreibt und inszeniert, hat der „Oberösterreich“ sowohl den bayerischen Dialekt wie auch den für diese Art Stücke üblichen Prekariats-Naturalismus ausgetrieben. Er fand für Anni und Heinz, das schlichte Pärchen aus der Unterschicht, einen neuen Zugang, eine neue Perspektive – und das ist in ganz erstaunlichem Maß gelungen.

An sich hat man es mit zwei Fällen von „armer Haut“ zu tun, die sich –  er LKW-Fahrer, sie „im Verkauf“, beide in derselben Firma – ziemlich ärmlich durchs Leben kämpfen und in einer Folge von realistisch ausgemalter Kurzszenen ihren schäbigen Alltag rationalisieren, der sich durch Annis Schwangerschaft entschieden verschärft. Kroetz hat keine andere Lösung für die beiden, die er durch ihr Elend geleitet, außer ihnen das ewige Weitermachen zu befehlen.

Bei Regisseur Andreas Schmitz wird das Stück zum einzigen Versuch, sich eine den Illustrierten abgeschaute  Idylle vorzugaukeln. Selbstbetrug, Lebenslüge, Schönfärben. Wenn Christoph Radakovits auftritt, im schwarzen Anzug, linkisch, das Gesicht zu starrem Lächeln verzogen, schlägt er den Ton an, den Alina Fritsch übernimmt, die noch mehr lächelt – wie die lächeln kann! Bis zur Maske erstarrt, die  den eisernen Willen anzeigt, alles in ihrem Leben gut zu finden. Kein Wunder, dass die beiden zu Beginn die längste Zeit als Brautpaar erscheinen (sie in einem so eleganten Kleid, wie sie es sich vermutlich nie leisten kann: Korbinian Schmidt zeichnet für das kaum vorhandene, aus zwei Plastiksesseln, einem roten Vorhang und papierverklebten Wänden bestehende Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich). Dann wechselt sie zum einem roten Kleid, das eine Frau wie Anni sicherlich schön findet, aber nur von höchster Primitivität zeugt.

Am Ende, wenn das Schicksal den beiden alles Mögliche vor die Füße geknallt hat, stehen sie buchstäblich „ausgezogen“ da – sie im Unterhemd, er in der Unterhose. Und ihre anfangs so betulichen Aktionen sind immer schärfer, härter, verzweifelter geworden, die Lebenslügen zerbröseln ihnen zwischen den Händen. Da hat sich ein Regisseur wahrlich etwas gedacht, das Sinn macht, zumal man das Stück kaum noch aus dem Proletariermief von anno dazumal hätte heraus interpretieren können.

Viel Applaus für den erfolgreichen Versuch der Regie und der exzellenten Darsteller, ein altes Stück aufs Neue interessant zu machen.

Renate Wagner

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STUTTGART/Kammertheater: E. BAUERS SAMMELSURIUM DER UNSTERBLICHEN STERBLICHEN – von Jan Neumann. Premiere

 Uraufführung E.Bauers Sammelsurium der unsterblichen Sterblichen im Kammertheater Stuttgart

VON FLIEGENDEN SCHUSTERN UND VERRÜCKTEN LUFTFAHRTPIONIEREN
Uraufführung im Kammertheater von Jan Neumann – „E. Bauers Sammelsurium der unsterblichen Sterblichen“ am 20. Januar 2017/STUTTGART

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Manuel Harder, Lea Ruckpaul, Susanne Schieffer, Mark Ortel, Boris Burgstaller. Copyright: JU

Töchter und Söhne Stuttgarts werden in dieser ungewöhnlichen „Stückentwicklung“ von Jan Neumann konsequent beleuchtet. Die fulminanten Schauspieler Boris Burgstaller, Manuel Harder, Mark Ortel, Lea Ruckpaul, Susanne Schieffer und Birgit Unterweger lassen im mit Holzgerüsten ausgestatteten Bühnenbild von Dorothee Curio und den auf Tiere spezialisierten Kostümen von Nini von Selzam sowie der Musik von Thomas Osterhoff das Leben dieser recht skurrilen Stuttgarter Protagonisten Revue passieren. Da erscheint der verrückte Cannstatter Schuster Salomon Idler, der im 17. Jahrhundert bei einem Flugversuch in eine Holzbrücke stürzte. Der Schuster wollte nach dem Tod von vier Hühnern nur noch Poet und Schauspieler sein.

Weitere Luftfahrtpioniere und nationalsozialistische Prähistoriker werden in dieser rasanten, komischen und grotesken Inszenierung messerscharf aufs Korn genommen. Insbesondere Birgit Unterweger steigert sich in ihre Schilderung der Euthanasie-Morde der Nazis in heftiger Weise hinein.

Auch der „Verfasser Katalogkunde“ wird beleuchtet, ganz zu schweigen vom Erfinder der Fliegenklatsche. Kunsterzgießer und Giftgasentwickler stürmen über die Bühne, deren Aussehen sich immer wieder verändert. Es sind Persönlichkeiten, die in Vergessenheit geraten sind und von Neumann wieder mit prallem Leben gefüllt werden. Das ist ein spannender Prozess, der durchaus elektrisierend wirkt und die Zuschauer nicht kalt lässt. Diese Unbekannten und Vergessenen stellen sich hier grell ins Rampenlicht: „Wenige Tage vor Eintritt in den Ruhestand, lang ersehnt, lehnt Emil Bauer, Kriminalhauptkommissar, seinen korpulenten Körper an die mit zarten Blumen verzierte Tapete eines Zimmers…“ Es geht bei dieser ungewöhnlichen Uraufführung um jene Spuren, die wir vom Gewesenen noch lesen können. Vom Leben soll in jedem Fall eine Spur bleiben. Biografien sind auch hier davon geprägt, etwas zu schaffen oder zu zerstören. Die Verstrickungen und Verknüpfungen zwischen den Einwohnern dieser Stadt fesseln die Zuschauer, weil sie spüren, wie sehr dieser Aspekt Jan Neumann interessiert.

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Susanne Schieffer, Boris Burgstaller, Lea Ruckpaul, Mark Ortel. Copyright: JU

Im Wikipedia-Eintrag der Stadt hat Neumann diese Töchter und Söhne Stuttgarts gefunden, von denen er sich rasch ein Bild machen kann. Er findet Unsterbliche, die plötzlich in den Listen und Archiven auftauchen. Diese Erkenntnis überträgt er auf seine Inszenierung. Der Mensch wird hierbei in all seiner verrückten Komik und Exzentrik geschildert. Die Biografie wird so zum Magazin der menschlichen Erfahrung. Ein Sammelsurium des Lebens wird so als Welt erfahrbar, was die Schauspieler gut verdeutlichen. Durch Gespräche und Materialien haben Neumann und die Schauspieler gemeinsam versucht, was sie an den Biografien berührt und interessiert. Improvisationen werden deswegen bei dieser Inszenierung großgeschrieben. Erfolge, Misserfolge, Geburt, Tod, Heirat und Krankheiten laufen dabei wie eine Film-Sequenz ab, es ist eine verrückte Reise ins Ungewisse, die von den Schauspielern mit Intensität gemimt wird. Die gemeinsame Erzählung steht deutlich im Mittelpunkt. Es ist eine theatralische Erkundungstour, die spannungsvoll verläuft. Und der Sprung ins Leere gelingt meistens. Luftballons versinnbildlichen die Geburt von Kindern – und wenn sie zerplatzen, wird ihr Tod geschildert. Ein „Erklär-Bär“ tritt zusammen mit Schwein und Krokodil auf, selbst ein Storch ist mit von der Partie, der danach von Kugeln getötet wird. Ein schauspielerischer Paukenschlag, den Birgit Unterweger genussvoll zelebriert. Sie imitiert auch eine bekannte Stuttgarter Radiosprecherin aus den 20er Jahren, deren Gedicht vom „Wassertröpfle“ mit schwäbischem Sarkasmus vorgetragen wird. Selbst Friedrich Hölderlin hat Stuttgart poetisch besinnlich verewigt: „Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset, und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr…“ Diese seltsame Stückentwicklung entwickelt sich vom Stoff und vom Thema her, dabei entfalten auch die Arbeits- und Spielformen eine ungeheure Aktivität und Präzision. Dies ist auch dann der Fall, wenn der biedermeierlich-pietistische Geist Stuttgarts im 19. Jahrhundert bloßgestellt wird. Die große Anzahl von Geschichten und Figuren gipfelt in der absurden Verwandlung der Menschen in Tiere, die zu krächzenden Papageien mutieren, die „FDP“ und „RAF“ durcheinanderwürfeln. Und die an den einzelnen Holzwänden hängenden Bilder scheinen eine ganz eigene Sprache zu sprechen. Rembrandt lässt auf irritierende Weise grüßen. Scheitern und Erfolg im Leben eines Menschen geraten zu Pointen des Schicksals, die die Zuschauer nachdenklich werden lassen. Man bewundert diese schwäbischen Tüftler und Genies, die massenweise Patente erfunden und die Automobilindustrie entscheidend befruchtet haben. Zwischen russischen Geisterstimmen mit Hall-Effekten erregen kabbalistische Impressionen das Gemüt. Cannstatter Affen machen zudem das Auditorium unsicher. Plötzlich erscheint Prinzessin Antonia von Württemberg, die sich ebenfalls der Wissenschaft verschrieben hat. Zuweilen gelingt Jan Neumann sogar eine liebevolle Sichtweise auf die Stuttgarter Bürger der damaligen Zeit, die sich vergeblich aus der sie umgebenden Enge befreien wollen. 2011 erhielt Jan Neumann nicht umsonst den Förderpreis Komische Literatur Kassel.

Es ist eine Uraufführung, die eigentlich einen schmunzelnden Blick auf das Panoptikum der unergründlichen schwäbischen Seele wirft (Dramaturgie: Carmen Wolfram). Der berüchtigte schwäbische Geiz und die Kleinlichkeiten im Zusammenleben der Menschen geraten in den Fokus des Geschehens. Großen Applaus gab es für diese komödiantischen Höhenflüge, weil auch Jan Neumanns Personenregie neue Wege geht.

Alexander Walther

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WIEN / Vienna’s English Theatre: SLEUTH

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WIEN / Vienna’s English Theatre:
SLEUTH von Anthony Shaffer
Premiere: 17. Jänner 2017,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 18.
Jänner 2017 

So berühmt (zwei Verfilmungen mit absoluten Spitzenbesetzungen) und doch im deutschen Sprachraum, also auch bei uns, extrem selten gespielt: „Sleuth“ von Anthony Shaffer, dem Zwillingsbruder des ungemein berühmteren Peter „Amadeus“ Shaffer. Immerhin, Anthony schrieb Drehbücher, darunter für Hitchcock, und im englischsprachigen Raum ist „Sleuth“ ein viel gespielter Hit. Das Stück ist auch so very british, dass hier tatsächlich eine Mentalitätsschranke zu überspringen ist, abgesehen davon, dass man in vielen Fällen hierzulande gar nicht weiß, was die Herren auf der Bühne da zitieren und womit sie „spielen“… nämlich mit einer gewissen Nonsense-Tradition, die wir so nicht kennen.

Um das Spielen als hochmütiger Lebenszweck, Spielen mit dem Leben, mit dem Nächsten, geht es in diesem allemale über die Maßen brillanten Zwei-Personen-Stück, das nur mit allerhöchster Besetzung funktioniert. Im Kino waren es 1972 Laurence Olivier als der unerträglich eitle Autor und Michael Caine, 2007 schlüpfe Caine dann in die Olivier-Rolle, konfrontiert von Jude Law. In Wien hat man das Stück, lang ist’s her, 1984 hier am Ort, dem Vienna’s English Theatre gesehen (mit einer Traumrolle für David Cameron), während es 2006 als Bezirksvorstellung des Volkstheaters nicht unbedingt am rechten Platz war. Nun also wieder in Vienna’s English Theatre, wo die Originalsprache das Stück geradezu „jagen“ kann.

Zwei Männer liefern sich ein Duell, und der sich überlegen dünkt, ist es am Ende vielleicht doch nicht… das erfordert schon die Dramaturgie dieser Art von Stücken, die eine knallige Schlußpointe brauchen. Es ist natürlich ein Thriller, aber leider nur für die Leute wirklich nervenzerreißend spannend, die das Stück zum ersten Mal sehen. Die nicht wissen, worauf das sprachlich köstlich pointierte Katz-und-Maus-Spiel hinausläuft, die zur Pause meinen, dass da wirklich eine Leiche auf der Bühne liegt, die vielleicht im zweiten Teil noch kurz darüber zu täuschen sind, wer da unvermutet auftaucht… Kennt man das Stück, ist es immer noch amüsant, wenn die Darsteller stimmen, aber Überraschung gibt es keine mehr.

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Fotos: Vienna’s English Theatre

Die Konstellation stellt Andrew Wyke, einen grenzenlos überheblichen Verfasser von Kriminalromanen, einem anfangs schüchternen jungen Mann namens Milo Tindle entgegen, an dem Wyke alles reizt – dass er eine italienisch-jüdische Mischung ist (Ausländer, minderwertig), dass er nicht viel Geld hat und Lebensstil (Champagner, Bahamas!) nicht für die unabdingbare Voraussetzung des Glücks hält, vor allem aber, dass er Wykes Frau heiraten will, natürlich wenn sie geschieden ist. Diese Frau mag Wyke zwar längst nicht mehr, aber wegnehmen lässt er sich auch nichts. Schon gar nicht von „so einem“… Also besteht der erste Akt des Stücks aus einer trickreichen, abgrundtief bösartigen, niederträchtigen Falle, die er dem armen Milo stellt.

Der zweite Teil zeigt dann die Rache, auch der Underdog kann Spielchen spielen und seinen Quäler zum Schwitzen bringen, und das nicht schlecht. Am Ende… aber man soll es sich ja ansehen, also nichts darüber.

Ein Stück wie dieses muss schnell gespielt werden, und dafür sorgt Regisseur Philip Dart, wie Dart-Pfeile schnurren und treffen die Pointen, die Jonathan Coote als Andrew Wyke serviert, wobei der Darsteller einen wahren Rekord an Schnellsprechen hinzulegen scheint (manchmal vielleicht zu atemlos, man kommt ja nicht einmal zum Lachen). Chris Polick als Milo Tindle ist langsamer, bedächtiger, natürlich liebenswerter, obwohl er im zweiten Akt als Verwandelter (Todesangst geht an niemandem spurlos vorüber) in eine neue Souveränität hineinwächst.

Möglicherweise geht das Spiel am Ende unentschieden aus. Gewinner ist das Publikum – wenn man sehr gut Englisch spricht.

Renate Wagner

16 Jan – 25 Feb 2017  Performances daily at 7.30pm, ex. Sundays
www.englishtheatre.at

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LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark: LEONCE UND LENA von Büchner mit dem Ensemble des Nationaltheaters Mannheim

Büchners „Leonce und Lena“ mit dem Nationaltheater Mannheim im Forum am Schlosspark Ludwigsburg

EIN MODERNES ROADMOVIE

Georg Büchners „Leonce und Lena“ mit dem Nationaltheater Mannheim am 18. Januar 2017 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG

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Copyright: Christian Kleiner

Regisseur Sebastian Schug lässt in seiner Inszenierung von Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ die Jugend gegen die starren Regeln der Alten aufbegehren. Der Mensch ist hier ein taumelndes Geschöpf, das sich im Kreis dreht. Die Überwindung des Lebensekels in einer im Automatismus erstarrten Welt durch die Liebe wird auch im Bühnenbild von Christian Kiehl deutlich thematisiert. Man sieht eine schwarze Wand im Hintergrund, die sich hinter Vorhängen plötzlich schließt und die Sicht auf einen rötlichen Hintergrund freigibt, der eine Hausfassade in sich birgt. Im Vordergrund erklingt Musik von Johannes Winde mit bekannten Songs, die von den Schauspielern fantasievoll intoniert werden.

Es ist eine neue Sichtweise auf das Stück, Prinz Leonce wird von David Müller passagenweise völlig nackt gespielt. Jacques Malan kann als König Peter glaubwürdig verkörpern, wie einsam er ist. Er weiß nicht einmal mehr, worüber er eigentlich seine Rede halten wollte. Sein melancholischer Sohn Leonce stellt nur fest: „Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke...“ Sein oder Nichtsein erscheint dabei in Forum eines modernen Roadmovies. Zusammen mit dem von Matthias Thömmes furios gespielten Narren Valerio macht sich Leonce hier in rasanter Weise auf die Reise, die Zuschauer werden vom Regisseur Sebastian Schug stark ins Geschehen mit einbezogen, müssen stellenweise „Vivat!“ rufen und sich erheben. Prinzessin Lena vom Reiche Pipi wird von Carmen Witt glaubwürdig verkörpert, weil diese die Verzweiflung der jungen Frau gegen eine staatlich verordnete Ehe drastisch deutlich werden lässt. Zwischen Weinkrämpfen und euphorischen Aufschwüngen wechseln ihre Auftritte ab. Die satirische Komik dieses Lustspiels kommt dabei keineswgs zu kurz. Leonce findet nach der Trennung von seiner von Julius Forster als „schwule“ Geliebte gemimten Rosetta rasch zu Lena, in der er das weibliche Idealbild erblickt. Als er sich im Überschwang seiner Liebessehnsucht in den Fluss stürzen will, wird er von Valerio gerettet. Das Brautpaar Leonce und Lena erscheint am Hof des völlig vertrottelten Königs Peter vom Reiche Popo, um zwischen flatternden Geldscheinen eine rauschende Hochzeit zu feiern. König Peter dankt ab und der Narr Valerio ernennt sich zum Staatsminister. Sebastian Schug lässt in seiner Inszenierung ganz bewusst vieles aus dem Ruder laufen, die Handlung entgleitet den Protagonisten immer mehr, die „Leutnantsromantik“ wird in drastischer Weise mit tuntenhaftem Gehabe verspottet. Dazwischen nimmt man einen Song von Walt Whitman wahr: „Ich singe den Leib, den elektrischen“. Die Leistungsgesellschaft wird karikiert und auf den Kopf gestellt und der Müßiggang gefeiert. Dafür sorgen nicht nur Jacques Malan als Gouvernante,  sondern auch Boris Koneczny als Hofmeister, erster Kammerdiener, Präsident des Staatsrats und Landrat, Schulmeister, Bedienter und fulminantes Bandmitglied. Julius Forster mimt zudem den zweiten Kammerdiener, ein Mitglied des Staatsrats, den Ceremonienmeister, ein Ausnahmetalent, einen Bauern, eine junge Dame, die Wache und ein weiteres Bandmitglied mit furioser Nonchalance. 

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Copyright: Christian Kleiner

Luches Huddleston vermag den Coaching Tanz passend ins atemlose Handlungsgeschehen zu intergrieren. Dass vieles überdreht wirkt, ist eine Schwäche dieser Aufführung, die jedoch durch deutlichen Sarkasmus kompensiert wird. Auch Valerio wirkt in der Darstellung von Matthias Thömmes stellenweise viel zu stark überdreht, er findet nicht mehr zu sich selbst zurück. Die „Kommunion des guten Geschmacks“ will hier nicht gelingen, denn die Welt steht völlig auf dem Kopf. Zu Mozart-Musik reicht der Hofmeister dem Publikum schließlich Schnaps. Da driftet die Inszenierung plötzlich ins Klamaukhafte ab. Pistolenschüsse krachen in die Luft, Erschütterungsmomente verbinden sich mit Massenwahn, man verhöhnt Gott als „Scherzkeks“. Ein kaputtes Auto fährt über die Bühne. Auf der anderen Seite besitzt Valerios närrische Lebensphilosophie eine politische Bedeutung. Leonce und Lena möchten sich ganz bewusst den Anforderungen des Hofes entziehen. Am Schluss steht der Zusammenhang zwischen Utopie und Liebe im Zentrum des Geschehens. Die Automaten-Szene gerät bei dieser Aufführung eher in den Hintergrund, denn die Menschen agieren im Grunde genommen die ganze Zeit als Automaten, die aber letztendlich aus ihren festgefahrenen Rollen stürmisch ausbrechen. Das kommt gut zum Vorschein. Das Reich Popo stellt Sebastian Schug als trügerisches Schlaraffenland bloß, das keinen Wahrheitsanspruch besitzt. Paradiesische Zustände wünscht sich auch Leonce in der Darstellung von David Müller für sein Zauberland. König Peter führt die Königskinder trotz aller Verwirrung zurück in die höfische Ordnung, die aber deutlich angeknackst ist. König, Prinz und Prinzessin sind Schablonen, die wie Marionetten zu platten Konventionen tanzen. Aber Schug lässt auch den Geist der Revolution aufleben. Matthias Thömmes kann als Valerio glaubhaft darstellen, dass er wirklich die körperhafteste Figur von allen ist. Am Ende tanzen alle im Figuren-Karussell. Die Unentrinnbarkeit und Unabwendbarkeit der Langeweile zeigt sich in dieser Inszenierung von ihrer grotesken Seite. Die Illusion ist hier wirklicher als das reale Leben. Lena bringt das auf den Punkt: „Auf dem Kirchhof will ich liegen, wie ein Kindlein in den Wiegen.

Alles in allem ist es eine Inszenierung, die viele Fragen offen lässt und manche Zuschauer auch überfordert. So verließen einige Theatergäste vorzeitig den Saal. Jubel gab es jedoch am Schluss fürs gesamte Team.

Alexander Walther

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WIEN / Off Theater: HARPER REGAN

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WIEN / Produktion von KILLA (die Kultur/Nah/Versorger) im OFF Theater:
HARPER REGAN von Simon Stephens
Premiere: 17. Jänner 2017,
besucht wurde die Generalprobe

Simon Stephens, Engländer, 46 Jahre alt, beliefert die Bühnen seiner Heimat und darüber hinaus seit knapp zwei Jahrzehnten mit gewissermaßen lapidaren, radikalen Stücken, die sich, tief in britischen Tradition verankert, in semi-realistischer Form mit dem Hier und Heute auseinandersetzen. Bei uns hat schon – neben anderen Häusern – das Burgtheater zwei seiner Stücke herausgebracht, „Motortown“ (2008, inszeniert von Andrea Breth) und „Wastwater“ (2012, inszeniert von Stephan Kimmig). Erstaunlich, dass sich hierzulande noch niemand für sein Stück „Harper Regan“ interessiert hat (2008 in London uraufgeführt, wurde es bloß im gleichen Jahr als Hamburger Gastspiel bei den Salzburger Festspielen gezeigt). Immerhin gibt das nun einer Off-Gruppe die Möglichkeit, diesen sonst eher „teuer“ gehandelten Autor auf die Bühne zu bringen.

Harper Regan ist ein Frauenname, und man lernt die 41jährige ziemlich genau kennen: verschüchtert ihrem gnadenlosen  Chef im Büro gegenüber, in einer verunsicherten Ehe, in problematischer Beziehung zu ihrer 17jährigen Tochter, die die Mutter (wie das in diesem Alter so ist) vor allem peinlich findet, im Gespräch mit einem Halbwüchsigen, an dem sie seltsames Interesse zeigt. Bis dahin eine ganz normale Frau, untere Mittelklasse, ein trauriges Schicksal.

Der Autor gibt ihr nun die Möglichkeit auszubrechen – dass sie einfach losfährt, ihren sterbenden Vater zu besuchen (den sie nur noch tot findet), dass sie sich im Pub von einem Faschisten anquatschen lässt, dem sie dann ein Glas blutig über den Kopf zieht, dass sie sogar per Internet einen One-Night-Stand in der Fremde riskiert… das wirkt wie ein Befreiungsschlag.

Dennoch verliert das Stück im Laufe des Geschehens aus einem ganz einfachen Grund seine schlichte Glaubwürdigkeit (zumal in der großen Auseinandersetzung mit der Mutter): Denn indem Stephens sich nun nicht mehr damit begnügt, die Situationen aus sich selbst sprechen zu lassen, sondern seiner Heldin auf einmal jede Menge verquollener Selbstanalyse in den Mund legt, wird die Sache künstlich. Noch mehr, wenn eine Art Traumidylle am Ende ausbricht – Harper, ihr Mann, die Tochter am Frühstückstisch, der Ehemann träumt sich eine glückliche Zukunft, wie es sie nie geben wird… Wahrscheinlich hätte Stephens seinem Stück Besseres getan, hätte er es härter angepackt und am Ende wieder zum Anfang, zum unverständigen Chef zurückgeführt.

Als Produktion der Gruppe KILLA (die Kultur/Nah/Versorger), die sich in den Räumlichkeiten des Off Theaters in der Kirchengasse 41 eingemietet hat, konzentriert sich Regisseur Markus Emil Felkel ohne weiteren szenischen Aufwand auf die Konfrontation seiner Figuren (wobei er noch mehr Rollen auf einzelne Darsteller zusammen gezogen hat, als bei Stephens vorgesehen, und aus dem Chef eine Frau machte, was wegen der nun schwammigen sexuellen Prägung nicht ganz überzeugt).

Er kann sich dabei voll auf seine Hauptdarstellerin stützen: Pilar Aguilera macht eine wahre Wandlung durch, vom armen Hascherl zur Frau, die an ihren Ketten rüttelt und zu Erkenntnissen gelangt, die sie weiter bringen. Hemmungen und Lebenslügen werden abgeschüttelt, manchmal mit einem wahren Veitstanz: Pilar Aguilera bleibt bei der ganzen Achterbahnfahrt, die der  Autor ihr auferlegt hat, immer glaubwürdig.

Bemerkenswert, wie Rafael Schuchter vom Ehemann mit Dreck am Stecken zum brutal-faschistoiden Journalisten im Pub und dann zum glatten Sex-Freak wird, der seine online gefundenen Partnerinnen für eine Nacht routiniert und nicht einmal unsympathisch einwickelt: Das sind nicht drei verschiedene Masken, sondern drei verschiedene Menschen. Benjamin Plautz schließlich ist ein unsicherer 17jähriger, hier zum jungen Moslem gemacht, und der peinlich aufdringliche Schmarotzer-Gatte einer älteren Frau.

Diese Mutter-Figur, von Petra Strasser hervorragend in den Griff bekommen, ist auf ihre Art so typisch und von  Stephens so glänzend erfasst wie die Tochter (Stefanie Darnesa), wobei beide Darstellerinnen noch je eine zweite Rolle verkörpern.

Es ist ein kleines  Alltagsschicksal, das Simon Stephens da entwirft, ohne uns zu sagen, in welche Zukunft er seine Heldin entlässt. Entscheidend ist, dass man sich immer für sie interessiert.

Renate Wagner

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BASEL / Kleine Bühne: „GOLDRAUSCH“ von Guillermo Calderon. Premiere

Theater Basel, kleine Bühne: „GOLDRAUSCH“ von Guillermo Calderon
Premiere: 12. Januar 2017

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 Vincent Glander, Ingo Tomi, Inga Eickemeier, Leonie Merlin Young, Orlando Klaus   ©Simon Hallström

Das Theater Basel bringt ein Werk des lateinamerikanischen Schriftsteller/Regisseurs Guillermo Calderon als Welt-Uraufführung auf die Bühne. Goldrausch ist die Geschichte um den Emigranten (Flüchtling/Wirtschaftsflüchtling?) General Sutter. Calderon bediente sich des Romans „GOLD“ von Blaise Cendrars als Vorlage. In Gold erzählt Cendrars die ungeheuerliche Geschichte des Schweizers Johann August Suter aus Rünenberg im Baselland. Der Roman ist so knapp und verdichtet geschrieben, dass er bereits wie die Zusammenfassung eines Romans wirkt. Calderon zeigt auf einem Filmset die Rückkehr des verarmten Protagonisten und erzählte so die Geschichte, wie im Roman, harten, filmartigen Schnitten. Aber: „Wen interessiert schon ein Film, der 1850 spielt“ (Zitat: Marlene) Daher wird der Film aufgepeppt durch Sexszenen, welche aber immer wieder zu lautstarken Diskussionen unter den Protagonisten führen.

Die Umsetzung des Romans erscheint mir sehr gelungen, die Essenz der Handlung wird dramaturgisch hervorgehoben. Die Charakterisierung Sutters als Despot erlaubt den SchauspielerInnen eine grosse Spannweite im Spiel.

Die Hektik jedoch, welche von der Personenführung, Regie führte in Basel der Autor Guillermo Calderon,  verhindert jedoch in weiten Teilen der Aufführung eine vertiefte Charakterisierung der einzelnen Protagonistinnen und Protagonisten. Die Wutausbrüche der SchauspielerInnen wirken dramaturgisch aufgesetzt und, obgleich hervorragend interpretiert, störend. Die besten Momente erlebt der Zuschauer in den intimen Szenen, welche dann auch sehr stark wirken. Dies auch, weil der Gegensatz zu den hektischen, lauten Szenen so gross ist. Unverständlich für mich sind die musikalischen Gesangseinlagen (Gitarre/Moderation Ana Castano Almendral), welche die Schnitte, Filmschnitte darstellen. Weniger Hektik, „Langsam“, wie der Filmregisseur immer wieder betont, wäre mehr und würde eine reflektierte Charakterisierung erlauben.

Ein Highlight ist der Schluss vor dem Vorhang: Bei der Preisverleihung für den Film Goldrausch bitten die SchauspielerInnen, dass das Publikum doch die verfolgten Amerikaner, welche unter einem faschistischen Regime leiden, als Flüchtlinge aufzunehmen. Damit sind wir im Jahr 2017 angelangt.

Die Leistung des Ensembles auf der Bühne ist ansprechend. Die Diktion hervorragend, dies vor allem in den leisen/intimen Szenen. Greta, die Schauspielerin wird hervorragend interpretiert von Inga Eickemeier. Ihre Verletzlichkeit ist förmlich spürbar, dies vor allem auch wegen der subtilen Körpersprache, welche optimal mit dem Text einhergeht. Dasselbe gilt im gleichen Mass für Marlene, das Modell, gespielt von
Leonie Merlin Young. Orlando Klaus in der Rolle als Schauspieler überzeugt wesentlich mehr als sein Gegenspieler Vincent Glander, Erik, das männliche Modell. Etwas farblos gespielt von Ingo Tomi erscheint mir die zentrale Rolle von Oskar, der Regisseur.
Für die Bühne und die Kostüme verantwortlich war Anna Sophia Röpcke. 

Gesamthaft darf man feststellen, dass dem Team im Theater Basel (Intendanz: Andreas Beck) eine ansprechende Leistung gelungen ist. Dabei ist anzumerken, dass das Stück nur eine Anlehnung an Blaise Cendrars Gold ist, aber eine gelungene Dramatisierung (Dramaturgie: Almut Wagner) darstellt.

Das Premierenpublikum verdankte den gelungenen Theaterabend mit verdientem Applaus.

Peter Heuberger, Basel

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WIEN / Scala: EINE ITALIENISCHE NACHT

Scala Ital Nacht
Foto: Theater Scala

WIEN / Scala:
EINE ITALIENISCHE NACHT
– oder Ich stelle den Antrag, dass wir uns nicht stören lassen!
Komödie nach Ödön von Horváth
Premiere: 14. Jänner 2017 

Ödön von Horvath hatte im Grunde nur ein Thema: seine Zeit, ihren politischen Umriß und die armen Menschenkinder, die sich darin umtaten. In den zwanziger Jahren hat er damit experimentiert, 1931 schrieb er „Italienische Nacht“, gefolgt von jenem Quartett von Stücken (Geschichten aus dem Wiener Wald / Glaube Liebe Hoffnung / Kasimir und Karoline / Die Unbekannte aus der Seine), die ihn für alle Zeiten berühmt und für das Repertoire der deutschsprachigen Bühnen unentbehrlich machten. „Italienische Nacht“ zählt noch nicht zu den großen Würfen und wird entsprechend selten gespielt. Immerhin ist Bruno Max in seinem Theater Scala damit zweierlei höchst bemerkenswert gelungen – er holte das Publikum in die Handlung und die Handlung zu uns her…

Max selbst hat mit Hilfe von Marcus Ganser Bühne und Zuschauerraum eingeebnet und in einen großen Wirtshausgarten verwandelt, wo das Publikum rundum an den Tischen sitzt und gewissermaßen Teil der Handlung ist. Vor allem aber hat er die Handlung von 1930 erstaunlich gelungen in unsere Gegenwart versetzt, wofür ein bald gezogenes Handy den Ton anschlägt. Aber was soll daran unglaubhaft sein, dass sich in einer kleinen Stadt die regierenden „roten“ Potentaten, die längst fette Bürger sind, von rechtsradikalen Krawallmachern belästigt, aber noch nicht wirklich geängstigt fühlen? Nur dass eine rebellierende Jugend sich als Marxisten geriert, ist nicht ganz so glaubwürdig – aber was sagt es andererseits, wenn man das Bild von Che Guevara auf dem T-Shirt trägt? Mit einem Wort: Es hat sich an den Konstellationen gar nicht so viel geändert, und das malt Bruno Max als Regisseur so genussreich wie überzeugend aus, wobei er die Komödie nie ans Kabarett verkauft.

Horvath hat hier schon zwei junge Paare auf die Bühne gestellt, aber sie sind eher theoretische Ideenträger, noch nicht lebendige, ergreifende Menschen wie in „Kasimir und Karoline“ (und das ist dann auch die Schwäche des Stücks): Da ist der junge, radikale Kommunist und das ihn liebende Mädchen, das sich von ihn so weit benützten lässt, mit einem Nazi anzubandeln, um die Absichten der „Feinde“ auszuspionieren. Und da ist der „Künstler“, der sich gerne als „links“ bezeichnet, aber damit im Grunde nichts am Hut hat – und seine Freundin, die von Politik nichts wissen will.

Am stärksten ist Horvath der joviale Ortspolitiker Amtsrat Ammetsberger gelungen, vollmundig, populistisch, mit großer Geste als Leithammel seiner lächerlichen kleinen Herde, absolut widerlich zu seiner Ehefrau, bereit, den Schwanz einzuziehen, wenn es echt gefährlich wird (Haue von den Rechten kriegen, das ist nicht drin), aber gleich wieder in Pose, wenn die Gefahr vorbei ist – natürlich aufgrund seiner genialen Aktionen…

Die vielen aktuellen Anspielungen dieses Theaterabends gehen weit über Horvath hinaus, und das gibt Bruno Max auch zu, indem er dem Stück, das er als „nach Horvath“ deklariert, auch noch einen anderen Titel gibt: Aus der simplen „Italienischen Nacht“ des Originals wurde „Eine Italienische Nacht – oder Ich stelle den Antrag, dass wir uns nicht stören lassen!“, ein sehr österreichisches Statement. Wo die Handlung noch simpel verläuft, taucht Bruno Max sie (auch mit Hilfe von Musik) in dichte Stimmung, lacht immer wieder über den Zeitgeist  (etwa, wenn eine der Partei-Damen immer politisch korrekt darauf besteht, dass alles gendergerecht auch „weiblich“ formuliert wird), bedient die Komödie (etwa auch in dem Kärntner Tonfall des Nazi-Chefs) und zeigt trotzdem ganz genau, wo es langgeht…

In Georg Kusztrich hat die Scala wie bekannt einen außerordentlichen Schauspieler, der auch als Stadtrat wieder messerscharf und mit akkurater Genauigkeit in jeder Reaktion brilliert. Es ist nicht amüsant, sondern im Grunde tragisch, wie Christina Saginth als seine Frau unter seiner seelischen Brutalität leidet, wobei Horvath ihr am Ende den theatergerechten Clou erlaubt, den Gatten gegen die Nazis zu verteidigen: Ganz richtig auch, wie der aufbrausende Leopold Selinger als „Kameradschaftsführer“ ganz kleinlaut wird, wenn er frontal angegriffen wird – noch dazu von einer Frau.

Marion Rottenhofer (die schier unermüdlich tanzt), Christoph Prückner und Bernie Feit sind köstliche Variationen (aber keine aufgelegten Karikaturen!) von kleinen Lokalpolitikern, und ganz, ganz prächtig zeichnet Karl Maria Kinsky einen Wirt, der sich keine politische Überzeugung leisten kann – wer zahlt, ist willkommen, ob links, rechts oder wo immer angesiedelt.

Wolfgang Fahrner spielt den politisch rabiaten Martin, Thomas Marchart den geschmeidigen Karl, der die Politik letztlich so ernst nicht nehmen kann, Claudia Waldherr ist die aufopfernde Gefährtin mit gesunden Instinkten und Jacqueline Rehak die Kellnerin, die von Politik nur ihre  Ruhe haben will. Ein kleines Mädchen (Alina Ilhan) wurde aus unerfindlichen Gründen in die Handlung hineingeschrieben, und eine Handvoll junger Männer ist erfolgreich darin, als Nazis nicht nur lächerlich, sondern auch ein wenig bedrohlich zu sein.

Es sind hundert pausenlose Minuten, die nicht der Gefahr erliegen, politisches Kabarett zu machen. Was Horvath noch eher versuchsweise als Beschreibung einer politischen Situation formulierte, wird hier durch einen dichten Theaterabend zu einer Aufforderung zum Nachdenken.

Renate Wagner

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WIEN / Theater der Jugend: DER TALENTIERTE MR. RIPLEY

Szenefotos

Fotos: Rita Newman

WIEN / Theater der Jugend im Theater im Zentrum:
DER TALENTIERTE MR. RIPLEY von Patricia Highsmith
in einer Fassung von Thomas Birkmeir
Premiere: 13. Jänner 2017
 

Das Positive zuerst: Thomas Birkmeir, Direktor des Theaters der Jugend, der immer wieder (aber keinesfalls so oft, dass es unstatthaft wäre) im eigenen Haus als Regisseur antritt, hat seine schon öfter bewiesene glückliche Hand in der Umsetzung von Prosa auf die Bühne erneut gezeigt (bei seiner ersten Sherlock-Holmes-Dramatisierung ist ihm das ja geradezu vorzüglich gelungen). Diesmal ist wieder ein „Krimi“ an der Reihe, ein absoluter Klassiker des Genres, „Der talentierte Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith.

Man kennt die Geschichte des  Tom Ripley (wenn man sie nicht in diesem ersten Roman und dann auch noch in einigen Fortsetzungen gelesen hat) zweimal aus dem Kino, mit Alain Delon oder Matt Damon  –  der junge Kerl aus bescheidenen Verhältnissen, der sich nicht mit seinem Schicksal abfindet, sondern es wendet und sich die Identität eines reichen (und von der Highsmith als oberflächlich und nutzlos gezeichneten) jungen Mannes aneignet – mit List, Tücke und schließlich Mord, der bald noch einen weiteren nach sich zieht.

Thomas Birkmeir als Regisseur realisiert dies bemerkenswert minimalistisch – eine fast leere Bühne, die jeweils nur die notwendigsten Requisiten bekommt, im Hintergrund ganz diskret die Andeutung von Orten projiziert (Bühne: Goda Palekaitė, Kostüme: Susanne Özpinar) und im übrigen nur die Figuren. Tom Ripley hier als Ich-Erzähler (was er im Buch nicht ist), der mit Partnern agiert, aber immer wieder aus der Rolle fällt, um den Publikum zu erzählen, was eigentlich Sache ist – ein uralter Trick, aber ein sehr guter, wenn man ihn beherrscht.

Da kann die Geschichte in ausgewählten Szenen, einfach nur die wichtigsten mit dem aus dem Buch geholten Dialogen, ablaufen: Birkmeir hat auch noch ein diskretes, aber perfekt ausgefeiltes System von etwas Musik und Geräuschen eingebaut, um mit Riesensprüngen die Handlung gleicherweise zu gliedern wie voranzutreiben – Schnipp, und man ist schon wieder woanders.  

Szenefotos

Jakob Elsenwenger

Im übrigen ruht der Abend fest auf den Schultern des 24jährigen Jakob Elsenwenger, der alles spielt, was dieser Tom Ripley verlangt: den ehrgeizigen Aufsteiger, der von Anfang an ein Meister der Verstellung ist (kurz: der geborene Lügner und Betrüger), den Täter, der Schritt für Schritt in der Ausübung seiner kriminellen Instinkte sicherer wird, die Verwandlung des „Niemand“ Tom Ripley in den selbstbewussten Millionärssohn Dickie Greenleaf – und am Ende den unverschämt über das  Schicksal triumphierenden Sieger.

Da sind die anderen nur Staffage: Julian Schneider, der das ungute Wesen des Dicke perfekt ausspielt, die vielleicht etwas laute Ursula Anna Baumgartner als einzige Dame des Geschehens, dazu noch Uwe Dreysel als fieser Freddy, Uwe Achilles als Vater Greenleaf, Frank Engelhardt als Polizist. Die beiden Morde auf der Bühne „entschärft“ Birkmeir als Regisseur durch „Slow Motion“, aber er kommt vom Buch / Stück her nicht darum herum, dass einer mit einem Bootspaddel, ein anderer mit Kopie einer antiken Statuette erschlagen wird …

Und das ist nun auch der Einwand, dieses Stück einem Teenager-Publikum ab 13 Jahren vorzusetzen, ohne dass man sich aufs moralische Roß schwingen will. Aber das ist keine amüsante Gaunerkomödie, das ist auch mehr als nur die psychologische Studie eines Zu-kurz-Gekommenen, der Gelegenheiten am Schopf packt, es ist die Geschichte eines Verbrechers – und da weiß man eigentlich nicht, was sie einem jugendlichen Publikum sagen soll (zumal die Highschmith ja absichtsvoll keine „Moral“ kennt)? Was als Lektüre, was im Kino für Erwachsene einfach ein Highsmith-Meisterstück ist – als Theaterstück für Jugendliche fühlt man sich definitiv nicht wohl dabei.

Renate Wagner

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WIEN / Josefstadt: SIEBEN SEKUNDEN EWIGKEIT

Turrini Sieben_Sekunden_Ewigkeit Plakat
Alle Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt:
SIEBEN SEKUNDEN EWIGKEIT von Peter Turrini
Uraufführung
Premiere: 12. Jänner 2017,
besucht wurde die Generalprobe 

Großaufnahme vom Gesicht einer jungen, dunkelhaarigen Frau: Sie wendet den Kopf hin und her, einmal, zweimal, dreimal. Dann die Totale: Sie läuft durch einen Wald, man sieht sie aus der Ferne. Erst als sie sich am Ende hinkauert und dann aufrichtet, realisiert man eine Sekunde lang, dass sie wirklich ganz nackt ist. 7 Sekunden dauert die Sequenz, die man im Theater in der Josefstadt nun zahllose Male (gelegentlich auch im Rücklauf) sehen kann. „Sieben Sekunden Ewigkeit“ nennt Peter Turrini seinen von Genre her nicht näher bezeichneten Monolog der Hedy Lamarr. Ja, 1933 konnte man mit 7 Sekunden Nacktheit auf der Filmleinwand noch berühmt werden…

Die „schönste Frau der Welt“ war Hedwig Kiesler, damals keine 20, noch lange nicht: ein hübsches Gesicht, ein schlanker Körper mit kleinem Busen, keine Idee von den gewaltigen Formen, mit denen Sexbomben später prunkten. Hollywood hat sie allerdings geholt und „schön“ gemacht, bildschön sogar, ein rassiger Elizabeth Taylor-Typ lange vor dieser, nur eben gar keine Schauspielerin: Man kann sich noch so viele Lamarr-Filme ansehen – und sie machte von den dreißiger bis in die fünfziger Jahre mehr als zwei Dutzend – , immer steht man vor dem schönen, leeren, talentlosen Gesicht…

Dafür war sie nicht dumm: Als man 2014 die Artikel zu ihrem 100. Geburtstag schrieb, stand die Tatsache im Mittelpunkt, dass sie (zusammen mit Pianisten George Antheil, was Turrini verschweigt) „Frequency Hopping“ erfunden hatte, während des Zweiten Weltkriegs eine Grundlage zur Feindabwehr unter Wasser, später eine Voraussetzung für die Handy-Technologie. Das kluge Köpfchen hatte gut aufgepasst, als sie ihre Nase in die Waffenfabrik ihres sehr miesen ersten Gatten steckte. Es folgten auf ihren Wiener Waffenhändler noch fünf Ehemänner, die mittelmäßige Hollywood-Karriere, der übliche tragische Abstieg mit Alkohol und Drogen, Ladendiebstahl und Polizeigewahrsam. Da gäbe es sehr viel zu erzählen für Peter Turrini.

Dieser aber wollte nicht die glatte Biographie der Lamarr auf die Bühne zu bringen, das wäre der Kritik vermutlich zu billig gewesen, die Vorwürfe vorprogrammiert. Die aufgeplusterte Kunstfigur, die er sich statt dessen ausgedacht hat und die nie zu wirklichem Leben erwacht, ist allerdings wahrlich keine überzeugende Alternative.

Das arme versoffene Menschenkind der späten Jahre, das tragische Frauenwrack, das sie im hohen Alter zweifellos war  – so schickt Turrini sie hinaus, wegen Trunkenheit am Steuer von einem (nicht auftauchenden) Polizisten aufgegriffen und zu sich heimgenommen, wofür er sich Teile ihrer Lebensgeschichte anhören muss. Eineinhalb pausenlose Stunden lang. Der Mann ist nicht zu beneiden, und das Publikum der Josefstadt, die eigentlichen Zuhörer, auch nicht.

Turrini Sieben_Sekunden_Ewigkeit_Maske  Turrini Sieben_Sekunden_Ewigkeit_liegend

Die Hauptdarstellerin muss den Großteil des Abends in einem Nacktheit vortäuschenden,  fleischfarbenen Body absolvieren, dem auch noch ein paar Speckfalten eingearbeitet sind, die Haare unter einer Haube verborgen, auf die sich nur selten die schwarzhaarige Lockenperücke stülpt, am Körper nur selten ein Glitzerkleid. Grundsätzlich erleben wir eine abgehalfterte Frau, deren Schicksalsweg uns nicht wirklich klar wird, denn nur wenige der von Turrini bunt durcheinander gewählten Lebensstationen sind sonderlich signifikant. Die meisten zielen auf Judentum, auf Österreich-Kritik ab.

Am Ende dichtet Turrini Hedy Lamarr, die dergleichen nie erlebt hat, aus gänzlich unerfindlichen Gründen noch ein Kinderschicksal der Vertreibung aus Galizien (!) an, um ihren (angeblich realen) Wunsch, dass mam ihre Asche im Wienerwald (Höhenstraße, Kilometerstein 21, wie Turrini weiß) verstreuen möge, quasi zu verorten. Damit wird ihr ein extremes jüdisches Schicksal auferlegt, das sie in diesem Sinne nie so getroffen hat – sie war schon in den USA, als die Nazis an die Herrschaft kamen, und sie lebte in Hollywood, einer Welt, wo es keinen Nachteil bedeutete, jüdisch zu sein. Abgesehen davon hat Hedwig eine sehr gepflegte Kindheit in Döbling verbracht… Und einen Teil ihrer Asche haben ihre beiden Kinder tatsächlich im Wienerwald verstreut, der andere Teil liegt (wie es sich gehört…) in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof. Und eine Hedy-Lamarr-Gasse gibt es im antisemitischen Wien mittlerweile auch.

Ganz schlimm ist dann das Ende des Stücks, das der Autor wohl als Akt seiner persönlichen Gnade empfindet: Da öffnet sich eine Tür im Hintergrund, ein Mann in Chauffeursuniform mit einem Tablett und Wodkaflasche erwartet sie. Das ist noch nicht alles: Die Aufschrift auf der Chauffeursmütze identifiziert ihn als „Gott“. Gott Alkohol, die ultimative Seligkeit…

Regisseurin Stephanie Mohr stellt die einsame Protagonistin auf ein Podest vor einer Leinwand (Bühnenbild: Miriam Busch): Wenn hier nicht die 7 Sekunden „Ekstase“ laufen, ist es eine Autofahrt durch den Wienerwald, außerdem werden (um das Publikum nicht allzu sehr zu verwirren) die jeweiligen Stationen der Handlung auf der Leinwand aufgeschrieben. Um das Podest stehen Kleiderpuppen, die Kostüme reichen vom Dirndl bis zum Abendkleid, Pelze, Brillen, Perücken, was eine Diva so braucht (Kostüme: Alfred Mayerhofer). Die Hauptdarstellerin muss nicht alles anziehen, da hätte sie viel zu tun, im Gegenteil, nur selten reißt sie einer Puppe das Kleid herunter und schlüpft hinein.

Die meiste Zeit muss Sandra Cervik zeigen, dass sie vor allem uneitel ist, bereit, in die abgehalfterte, tragische Alte hineinzukriechen. Im übrigen hilft die Regisseurin dabei, dass die Theaterklischees, die in diesem Monolog abgefeiert werden, als Virtuosenstück herauskommen, das Auf- und Ab-Spielen von Emotionen, Aggressionen, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, oft im lallenden Ton der Betrunkenen, meist überdreht. Vordergründiger, oft unter der Gürtellinie angesiedelter Turrini’scher Theaterdonner. Er ist es schließlich seinem  Ruf schuldig, ein „unbequemer Autor“ zu sein.

Wenn man die Biographie der Hedwig Kiesler alias Hedy Lamarr wirklich kennt, ein Leben, das so bunt und turbulent und natürlich auch tragisch war und das der Autor großteils verschmäht, muss man sagen, dass die echte Hedy Lamarr um einiges interessanter und spannender war als die Kunstfigur, die Turrini da nicht sehr überzeugend zusammengekrampft hat.

Renate Wagner

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