Der Neue Merker

NÖ / Gutenstein: DER ALPENKÖNIG UND DER MENSCHENFEIND

Alpenkönig Plakat  Alpnkönig Rappekkopf 
Fotos: Raimundspiele / Joachim Kern

RAIMUNDSPIELE GUTENSTEIN:
DER ALPENKÖNIG UND DER MENSCHENFEIND von Ferdinand Raimund
Premiere: 12. Juli 2017,
besucht wurde die Generalprobe

Im zweiten Jahr der Intendanz von Andrea Eckert erlebten die Raimundspiele in Gutenstein viele Glücksfälle auf einmal. Zuerst wählte man von Raimunds acht Stücken das beste, das er je geschrieben hat – „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“, der Vorläufer einer Freud’schen Analyse und Therapie. Dann verpflichtete man Regisseurin Emmy Werner, eine „alte Häsin“, die nicht beweisen musste, wie großartig und innovativ sie ist, sondern die nur dem Stück gerecht werden wollte. In einer von Matthias Mamedof angeführten Besetzung gab es keinen schwachen Punkt. Und schließlich hatte man für „Prinzipalin“ Andrea Eckert mit dem Alpenkönig eine Traumrolle gefunden, die ihr von der Inszenierung fugenlos auf den schmalen Leib geschneidert wurde. Ideale Zusammentreffen.

Alpenkönig  Bühnenbild  x

Dass die Aufführung im „Zelt“ von Gutenstein ein paar schräge und gestrige Modernismen brachte, um zumindest optisch „heutig“ zu wirken, damit konnte man leben – dass der Herr von Rappelkopf in einem Wohnwagen (?) hausen muss (Bühnenbild: Katharina Wöppermann); dass die Damen der Familie zuhause (!) alberne Pullmannkappen (!) tragen, damit sie – kombiniert mit Brillen – möglichst reizlos wirken (Kostüme: Nina Ball); dass man dem Dienstmädchen einen dicken Ostblock-Akzent verpasst, um nicht Gefahr zu laufen, sie könne „lieblich“ ausfallen – das eigentlich unter dem Niveau des Gebotenen, spielt aber keine weitere Rolle, weil der Rest „stimmt“.

Auch, dass die berühmte „Köhlerhütten“-Szene, von Raimund keinesfalls als rührende Sozialstudie gemeint, hier bei Prekariatsproletariat von heute spielt, überzeugt, ebenso wie viele geschickte Striche, die das Stück straffer machen (man muss die „Entführung“ von Rappelkopfs Schwager wirklich nicht zeigen, es reicht, sie in ein paar Worten zu schildern, und ebenso kann die Szene mit der Erscheinung der toten Gattinnen durchaus aufs Minimum gekürzt sein wie hier) – und dass schließlich die Musik, die dem „Großmeister der Wiener Knöpferlharmonika“ Walther Soyka obliegt (wie sich der Pressetext ausdrückt), hier nicht die Ohren quält, sondern im Grunde die originalen, bekannten Melodien paraphrasiert, ohne in Biedermeier-Kitsch zu verfallen, tut der Aufführung wohl.

Die Stärke des Abends besteht darin, dass sowohl der Alpenkönig wie der Menschenfeind zwar humoristisch-ironisch, aber letztendlich so ernst genommen werden, wie Raimund sie gemeint hat. Herr von Rappelkopf steigert sich in seinem Misstrauen gegen die Menschen in eine Rage hinein, die ihn ja nur selbst bis an die Kippe treibt: Dass Matthias Mamedof hier mit äußerer und innerer Kraft zu dieser Charakterstudie reifen konnte, viel tut und doch nicht zu viel, ist zweifellos auch das Werk der Regisseurin, die überhaupt alle Darsteller immer ganz eng bei ihren Raimund-Originalen belässt und nie willkürliche Umdeutungen vornimmt. Wie dieser Rappelkopf zur Erkenntnis „geheilt“ wird, indem er sich selbst mit den Augen der anderen sieht, hat im zweiten Teil des Abends durchaus seine ergreifenden Momente.

Alpenkönig Eckert in Furor  xx

Das Wunder vollbringt ein Alpenkönig der ganz anderen Art: Andrea Eckert erscheint mit Hut und langem Mantel, mit rauchiger Stimme und fließenden Bewegungen, ein bisschen wie Humphrey Bogart in einem Vierziger-Jahre Film Noir. Sie ist ein undefinierbares Wesen, an dessen Macht man nicht zweifelt, und wenn sie in die Rolle des Rappelkopf schlüpft, um ihm heiligen Schrecken einzujagen, schlägt ihre große Stunde: Sie übertreibt schamlos, sie droht, sie flucht, sie tobt, sie rast, dass es ein wahres Vergnügen ist – und doch darf sie die weisen Schlussworte Raimunds ohne Einschränkung in voller Wahrhaftigkeit sprechen. Dank an die Regisseurin, dass sie zumindest im Theater die ideale Möglichkeit der Selbsterkenntnis nicht in Frage stellt…

Annette Holzmann ist entzückend in ihrer händeringenden Verzweiflung über den Gatten, Tanja Raunig zappelig-reizend in ihrer Liebe zu ihrem Maler, und Anita Kolbert gibt das Lieschen als kraftvollen Putztrampel mit Akzent. Dazu noch zwei starke Leistungen – Stefan Rosenthal zeigt, wie viel innere Kraft man einem Liebhaber geben kann, um ihn aus der Farblosigkeit zu erlösen, und Eduard Wildner als der Bediente Habakuk, der „zwei Jahre in Paris war“, um sich das Prestige seiner Umwelt zu verschaffen, spielt nicht das lustige Bedienten-Klischee, sondern wirklich die arme, gequälte Haut, der um seinen Platz in der Welt zappelt.

Das Ganze geht in kurzweiligen, straffen zweieinhalb Stunden in Szene, erfasst Inhalt, Geist und Seele von Raimunds Stück und ist, was bei ihm immer wichtig ist, auch ein Fest für die Darsteller.

So stellt man sich die Raimundspiele Gutenstein heute und in Zukunft vor.

Renate Wagner

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STUTTGART/ Schauspielhaus: DIE GLORREICHEN – Politwestern von Mario Eick

STUTTGART/ Schauspielhaus: Gastspiel „Die Glorreichen“ im Schauspiel Stuttgart

DIE POSITION VERTEIDIGEN

Gastspiel „Die Glorreichen“ am 8. Juli 2017 im Schauspiel Nord/STUTTGART
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Die Theatergruppe. Copyright: Schauspiel Nord

In 90 Minuten soll in diesem verrückten Politwestern von Mario Eick die Welt gerettet werden. Schauspieler und Musiker aus der Republik Moldau und Deutschland wollen die Bewohner des „Global Village“ vor Geopolitik und Terror sowie neoliberalen Ideen schützen. Sie spielen den Film „Die glorreichen Sieben“ mit Yul Brynner und Horst Buchholz einfach nach, agieren als einsame Revolverhelden. Ein mexikanisches Dorf soll verteidigt werden, das jedes Jahr aufs Neue von Räubern ausgeplündert wird. Da geht richtig die Post ab, die Schauspieler lassen sich einfach ins Internet übertragen, Lady Macbeth lässt grüßen. Die Mexikaner selbst verhalten sich jedoch ebenfalls wenig zimperlich. Und Donald Trump wird plötzlich als Pflaume hingestellt. Die Darsteller Romanita Alexeev, Igor Babiac, Marina Frenk, Janosch Fries, Godje Hansen, Jens Lamprecht, Esra Laske, Erich Maier, Anastasia Nasko, Marcela Nistor, Genia Pasat und Balint Walter agieren in der subtilen Regie von Mario Eick, Manuel Harder und Sava Cebotari voller Energie und mit elektrisierender Kraft. Zwischen Nebelwolken wedelt man mit Putzlappen, ein ehemaliger Student und Universitätsassistent berichtet von seiner Zeit bis zur Promotion in Wien und wird ebenfalls immer wieder erschossen, obwohl er jedes Mal erneut aufsteht.

Das Absurde, Groteske und Surrealistische lässt sich nicht mehr trennen. Im wilden Gewitter der Maschinenpistolen geht auf einmal das Licht aus, die Protagonisten suchen aber ein Land, in dem man ein Zuhause findet. „Ich möchte mein Solo haben!“ fordern die Rivalen untereinander und treten in einen wilden Wettkampf ohne eigentlichen Sieger. Die „sexy“ wirkende Frau mit gebrochenem Herzen lässt einen Luftballon zerplatzen, zwischen Mann und Frau kommt es zu sensiblen Beobachtungen. Und wieder wird gedroht: „Wenn Sie noch einmal den Mund aufmachen, erschieße ich sie!“ Der Schuss wird hier sogar als erotisches Erlebnis zelebriert: „Sex mit dir ist besser als dich zu erschießen...“ Gelegentlich vermisst man bei dieser wirren Handlung aber den roten Faden. Das können die 12 mit Herzblut spielenden Schauspieler aus Ludwigsburg, Berlin, Burghausen, Chisinau und Bukarest auch nicht wettmachen. Alles läuft aus dem Ruder.

Das ist natürlich auch so gewollt. Man hält Monologe über sein Leben und seinen Beruf, sucht das große Glück und verfehlt das Ziel. Die Frage nach dem tieferen Sinn von Politik wird ebenfalls intensiv gestellt: Inwieweit sollte sich der Einzelne in unser Gemeinwesen einmischen? Die schlichte Ausstattung von Peter Schickart und die Musik (Leitung und Sound: Marina Frenk, Erich Maier) verbinden sich suggestiv miteinander. Die Augen sind oft voller Furcht – selbst beim Gespräch mit den Großeltern. „Was willst du wirklich?“ steht als zentrale Frage im Raum. Volkslieder dämpfen nicht die Sehnsucht nach Streit. Sarkasmus und Witz haben aber ihren Platz: „Eine Pizza kann die Familie im Gegensatz zu einem Schauspieler ernähren!“ Immer wieder verhüllen sich die Darsteller in einem schwarzen Tuch, das gelegentlich aufgefaltet wird. Ein berührender „Stehblues“ beendet dann schließlich die zahlreichen und oft unvermittelten Aktionen. Das Publikum applaudierte mit begeisterter Zustimmung. Diese Produktion ist eine Kooperation mit der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, dem Theater „Veniamin Apostol“ Soroca, Teatrul National „Vasile Alecsandri“ Balti – unterstützt vom Auswärtigen Amt, der Stadt Burghausen und der Regierung von Oberbayern. 

Alexander Walther

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STUTTGART/ Schauspielhaus: DER MENSCHENFEIND“ von Moliere. „Ein Flittchen mit Niveau“. Premiere

STUTTGART/ Schauspielhaus:  Premiere „DER MENSCHENFEIND“ von Moliere. EIN FLITTCHEN MIT NIVEAU. 7. 7.2017

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Michael Lieb (Live-Musik), Christian Czeremnych. Copyright: Björn Klein

In die heutige Zeit und ins Foyer des Schauspielhauses übertragen hat Wolfgang Michalek seine Inszenierung von Molieres Komödie „Der Menschenfeind“, die 1666 im Theater des Palais-Royal uraufgeführt wurde. Hier trifft sich die absolutistische Hofgesellschaft zur großen Party im Stil von Versailles. Aber der strenge Sittenrichter Alceste möchte nicht dabei sein. Er verachtet die Schleimereien seiner adligen Freunde und bleibt lieber einsam: „Ach, ich könnte speien, wenn ich euch sehe! Diese Kriechereien, am liebsten möcht ich fliehen...“ Er ist mit der ganzen Welt zerfallen, sieht nichts als Unrecht und Lüge. Aber er betet Celimene an, deren oberflächliches und flatterhaftes Wesen ihn scheinbar aus der Fassung bringt. Alceste rechnet aber auch mit seinem Rivalen Oronte ab, dessen Verse und dichterische Ergüsse Alceste verabscheut. Schonungslos sagt er Oronte die Wahrheit. Celimene greift er wegen deren Verhältnissen mit zahlreichen Liebhabern an. Arsinoe klärt Alceste schließlich über Celimenes Briefwechsel mit Oronte auf. Obwohl er jetzt endlich einen Beweis für die Untreue seiner Angebeteten in Hände zu haben glaubt, erliegt er wieder ihren Reizen. Schließlich kommen die Bewerber um Celimenes Gunst bei ihr zusammen und entlarven sie mit unwiderlegbaren Brief-Dokumenten. Jetzt wird sie plötzlich von allen Liebhabern verlassen – bis auf Alceste, der ihr verzeihen möchte. Sie soll ihm in die Einsamkeit folgen. Doch dazu ist die junge und lebenslustige Celimene nicht bereit. Also wird sich Alceste endgültig von der Welt zurückziehen.

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Michael Lieb (Live-Musik), Peer Oscar Musinowski, Christian Czeremnych, Birgite Unterweger.Copyright: Björn Klein

Wolfgang Michalek (Raum: Julian Marbach; Kostüme: Cinzia Fossati; Musik: Michael Lieb) hat diese eigentlich recht einfach gestrickte Handlung merklich aufgelockert. Dabei helfen ihm der vorzügliche Pianist Michael Lieb und vor allem der brillante Christian Czeremnych als jugendlich-forscher Alceste, dem man die Verbissenheit eigentlich gar nicht abnimmt. Auf dem Holz-Podium vollbringt er jedenfalls vor dem blauen Vorhang allerlei tänzerische Kunststücke. Birgit Unterweger überzeugt als gewiefte Celimene, die von der als ältliche Jungfer agierenden Arsinoe (fabelhaft: Lucie Emons) bis aufs Blut gereizt wird. Zwischen diesen beiden Damen kommt es später zu einem grandiosen Primadonnen-Furioso, bei dem beide Schauspielerinnen alle Register ihres komödiantischen Könnens zeigen können.

Zwischen Chopin und Mozarts „Königin der Nacht“ springt die Dramaturgie dieser rasanten Aufführung immer wieder von Höhepunkt zu Höhepunkt: „Nimm alles von mir!“ Alceste beschimpft Celimene schließlich als „Flittchen mit Niveau“, was zu weiteren erheblichen Turbulenzen führt. Celimene erklärt, dass ihr nur noch ein 20jähriger Student zur Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse recht sei. Sektgläser stürzen herab und es ergießt sich plötzlich ein goldener Konfetti-Regen über Celimene, die vom Pianisten in ihrem weißen Kleid mit einer Luftmaschine geradezu „aufgeblasen“ wird. Dazu hört man die Stimme von Edith Piaf. Das nützt aber alles nichts, denn speziell in der Liebe fehlt den Protagonisten immer der Schwung. Alceste schimpft: „Die Menschen hier sind schlecht!“ Celimene steht zwischen Alceste und Oronte: „Sie müssen mir sagen, ob Sie mich wollen oder nicht!“ Und Oronte ergänzt: „Sie müssen jetzt erklären, wen Sie lieben!“ Doch Celimene kontert: „Merken Sie eigentlich nicht, wie Sie mir auf die Nerven gehen?“ Zwischen Alceste und Oronte entfacht Wolfgang Michalek abermals einen heftigen Steit um die Liebe, was sehr gut inszeniert ist. Birgit Unterweger brilliert als Celimene wiederholt als Chanson-Sängerin: „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre„. Und Lucie Emons macht als verwirrte Arsinoe aus Giacomo Puccinis Arie „O mio babbino caro“ eine satirische Slapstick-Nummer. „Gianni Schicchi“ lässt als gefoppter Erbonkel wirklich grüßen. Die Reimwut der Protagonisten erreicht immer neue Siedepunkte: „Und auf dem Tisch hat sie’s getrieben mit dem Herrn in Reihe 7!“ Birgit Unterweger und Lucie Emons heizen die Stimmung mit dem berühmten Schlager „Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin“ weiter an. „Ich führe dich fort von hier“, erklärt der eigentlich ziemlich verzweifelte Alceste seiner zuletzt immer noch Angebeteten Celimene. Doch das „bessere Leben“ ist nicht erreichbar. „Ich passe“, bemerkt Alceste lakonisch. „Ich weiß nur eines – dass ich die Menschen hasse…“

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Michael Lieb (Live-Musik), Birgit Unterweger. Copyright: Björn Klein

Wolfgang Michalek hat aus Molieres Komödie eine hintersinnige und trotzdem lustige Party gemacht, das Tragische tritt dabei eher in den Hintergrund. Das liegt vor allem an Christian Czeremnych als Alceste, der hier im Grunde genommen als Clown agiert, den man nicht allzu ernst nehmen sollte. Selbst am Ende ist nicht sicher, ob er seine Meinung nicht doch noch ändert und sich von anderen einfach umstimmen lässt. Das gesellschaftliche Leben und Treiben am Hofe König Ludwig XIV. könnte man hier in unsere Zeit übertragen. Nicht nur Macron lässt grüßen. Als „Special Guest“ ist auch die unverwüstliche Rahel Ohm zu jeder „Schandtat“ bereit und hat die Lachsalven auf ihrer Seite.

Das Publikum wird mit Fächern und Wasserflaschen hitzegerecht ausgestattet. Jubelstürme fürs Ensemble für diese ansprechende Leistung, die kaum szenische Schwächen besitzt.  Als Zugabe überrascht der stets wandlungsfähige Peer Oscar Musinowski als Oronte noch mit dem Song „As Time Goes By“, nachdem die Damen „Warum liebt der Wladimir g’rade mir“ von Claire Waldoff angestimmt haben.

Alexander Walther

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NÖ / Reichenau: IM SPIEL DER SOMMERLÜFTE

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Foto: Festspiele Reichenau

NÖ / Festspiele Reichenau: 
IM SPIEL DER SOMMERLÜFTE von Arthur Schnitzler
Premiere: 2. Juli 2017,
besucht wurde die Generalprobe 

Das Stück könnte auch am Semmering spielen – wo es nun schon zum zweiten Mal im Rahmen der Festspiele Reichenau gezeigt wird -, wenn nicht immer die Rede davon wäre, dass man mit dem Omnibus weniger als eine Stunde nach Wien braucht – damals, um 1900. Also „Kirchau“, von Arthur Schnitzler eher metaphorisch als der Ferienort im Niederösterreichischen  gemeint, wo eine wohlhabende Wiener Familie den Sommer in eigener Villa mit Personal verbrachte.

Die Idee zu dem Stück hatte der Dichter schon um die Jahrhundertwende, nach dem Ersten Weltkrieg nahm er es kurz wieder her – und Ende der zwanziger Jahre sollte es dann sein letztes Theaterstück werden: „Im Spiel der Sommerlüfte“ variiert noch einmal seine großen Themen, mit etwas mehr melancholischer Leichtigkeit als früher. Hier gehen Duelle gut aus, Ehepaare versöhnen sich zumindest vorübergehend, und junge Männer laufen nicht gleich in den Tod, weil junge Frauen sie enttäuschen…

Da sind sie wieder die schwankenden Gestalten des Schnitzler’schen Kosmos: Der Ehemann, ein Künstler, der seine Gattin zwar höflich behandelt, sie aber ohne Gewissensbisse betrügt. Der halbwüchsige Sohn, den die Natur und das Botanisieren mehr interessieren als das mögliche Studium, das man von ihm erwartet, und der so nebenbei die Sexualität entdeckt. Der junge Arzt, der sich in eine junge Schauspielerin verliebt hat, der er erotisch verfallen ist und die er ja doch nicht zur Ehefrau nehmen würde, auch wenn er es sich finanziell leisten könnte.

Vor allem aber sind da die Frauen, zwei der „klassischen“ Schnitzler-Gestalten: Josefa Friedlein als Variation der Genia Hofreiter, die in der ihr auferzwungenen Rolle als „nur“ Gattin und „nur“ Mutter (wobei weder Ehemann noch Sohn sich besonders um sie kümmern) nahezu erstickt, die nach Gefühlen geradezu schreit… und dennoch immer Haltung bewahren muss, zumal, wenn man vor ihrem mutigen Vorstoß zurückweicht.

Und Gusti, die junge Schauspielerin, die die nicht-tragische (aber vom Standpunkt der sozialen Stellung so bedauernswerte) Version des „süßen Mädels“ ist: Sie hat mit dem jungen Arzt ein Verhältnis, voll locker hingeplauderter leerer Versprechungen, flirtet mit dem Professor, ihrem angeheirateten Onkel,  verschafft dem 15jährigen Cousin in einer Nacht auf der Berghütte ohne weiteres sein erstes sexuelles Erlebnis, will aber danach nicht mehr belästigt werden, und sichert sich einen feschen Leutnant, dem sie en passant begegnet, gleich für künftige Gelegenheiten… Dabei ist sie hinreißend charmant und für die Männerwelt unwiderstehlich – und bedauernswert, wenn klar wird, dass sie den Beruf einer Schauspielerin, der damals mit Prostitution gleichzusetzen war, einfach aus ökonomischen Gründen annimmt – wenn man keine andere Möglichkeit hat, sich den Lebensunterhalt zu verdienen, macht das ja am Ende immer noch mehr Spaß als das Elend als Dienstmädchen oder Verkäuferin…

Und da ist dann die Figur, um deretwegen das Stück so selten gespielt wird, ja, womöglich 1929 nicht einmal zur Uraufführung gelangt wäre, hätte sich Alexander Moissi damals nicht dafür interessiert, den Pfarrer zu spielen, der von der gnädigen Frau nicht nur als Hochwürden ins Visier genommen wird. Es ist Schnitzlers zweiter katholischer Priester nach dem Pfarrer Reder in „Professor Bernhardi“ – und hier unter gewissermaßen „peinlicheren“ Umständen…

Es geht wohl doch nicht um den Zölibat als Thema, denn dieser Kaplan Holl sucht bei der verheiraten Frau einfach nur Verständnis, doch was sie ihm entgegenbringt, ist erotisch durchwirkt – wobei man als Zuschauer das Gefühl hat, eine Frau von ihrer Intelligenz und Sensibilität dürfte es eigentlich, bei aller Verzweiflung, nicht dazu kommen lassen. Gewiss, Julia Stemberger spielt dieses Schwanken zwischen Verzweiflung und Begierde streckenweise atemberaubend – aber die Hürde der Situation ist nicht zu überwinden. Wie auch Maria Schuchter als Gusti einfach hinreißend ist und doch angesichts der Unechtheit ihrer Gefühle einen unguten Nachgeschmack hinterlässt. Heutzutage nennt man es „Fremdschämen“ – da hat sich der späte Schnitzler auf ein emotionales Drahtseil begeben.

Immerhin rettet Regisseurin Beverly Blankenship das Stück souverän vor dem Absturz, woran auch das Bühnenbild von Peter Loidolt starken Anteil hat: In den Neuen Spielraum von Reichenau ein kniehohes grünes Labyrinth hinzubauen, ist von größter Aussagekraft und bewahrt vor retardierendem realistischem Schnickschnack: Nur das unrettbar fröhliche Dienstmädchen (Fanny Altenburger und folglich die begabte Tochter der Hauptdarstellerin) darf immer wieder das Tablett mit dem Kaffee herumtragen – und hinter der Bühne mit Karacho fallen lassen…

Marcello de Nardo hat die schwierige Rolle des seelisch schwankenden und doch standhaften Kaplans – wie alle Darsteller dieser Rolle tut er sich mit dem „normalen“ Zwillingsbruder, dem „Herrn Leutnant“, der sich von Gusti ancharmieren lässt, leichter. Miguel Herz-Kestranek ist der an sich trockene Typ des Professor-Künstlers, dem man den eleganten Ehebrecher dennoch ohne weiteres glaubt. Hinreißend, wie stürmisch David Jakob unter dem Wesen seiner Gusti leidet – und dann doch seines Weges geht. Was den Sohn des Hauses betrifft, so macht Tobias Reinthaller an sich alles richtig, wirkt nur leider um die zehn Jahre zu alt für die Rolle, die er in der Realität auch zu alt dafür ist… ein Schulbub, nein. Ein guter Schauspieler, ja.

Man mag an diesem Schnitzler-Stück seine Zweifel haben. Dass es in einer Aufführung wie dieser unter die Haut geht und all die Stärken des Dichters entfaltet, daran besteht allerdings kein Zweifel.

Renate Wagner

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NÖ / Reichenau: BAUMEISTER SOLNESS

Solness  Szene~1 
Fotos: Festspiele Reichenau

NÖ / Festspiele Reichenau: 
BAUMEISTER SOLNESS von Henrik Ibsen
Premiere: 1.Juli 2017 
Besucht wurde die Generalprobe

Henrik Ibsen hatte seine großen – und, wie sich zeigen sollte, anhaltenden – Erfolgsstücke wie „Peer Gynt“, „Nora“, „Gespenster“, „Die Wildente“ und „Hedda Gabler“ schon geschrieben, als er sich 1892, mit 64 Jahren, einem Stück zuwandte, in dem es dezidiert um das Altern geht, um Verleugnung, Kampf dagegen und Flucht davor, um die Abrechnung mit dem eigenen Leben und seinen üblen Taten –  und um den unabwendbaren Untergang.

Alles konzentriert sich auf die Figur des Baumeisters Halvard Solness, der – wie viele Ibsen-Gestalten – keineswegs sonderlich sympathisch ist und dessen gnadenlose Rücksichtslosigkeit von Anfang an auf den Tisch gelegt wird. Zeit seines Lebens hat er Möglichkeiten erkannt und zu seinen Gunsten ausgebeutet, auch wenn sie keinerlei moralischen Standards stand hielten – man erlebt es in der Gegenwart, es deckt sich in der Vergangenheit auf.

Mehr noch, man merkt nach und nach, dass Solness und seine Frau, oberflächlich betrachtet nur ein liebloses Ehepaar, schwer gestörte Menschen sind, die ihre Katastrophen nicht verarbeitet haben. Und da stürmt eine junge Frau ins Geschehen, die man bestenfalls als überdreht bezeichnen kann, als hektisches Jugendstilgeschöpf, schlechtestenfalls als Borderline-Persönlichkeit. Sie holt Solness aus seinem Alltag, in dem es nur darum geht, seine berufliche Position zu wahren und die heranrückende Jugend abzuhalten, und holt ihn in die Irrationalität ihrer Hysterie.

Wie stets bei Ibsen ist alles mit dichtem Symbolismus getränkt, auch, dass der Baumeister, der eigentlich unter Höhenangst leidet, um der jungen Frau und ihrer idealistischen Vorstellungen wegen auf einen Kirchturm steigt – und natürlich abstürzt…

Es ist ein kurzer Dreiakter, arm an Nebenhandlungen, konzentriert auf die beiden Hauptfiguren, deren Faszination die Wirkung der Bühnenrealität bestimmt.  In Reichenau gehört der hundertminütige Abend dem Hauptdarsteller. Joseph Lorenz ist seit Jahren der Alpha-Darsteller der Festspiele, in den glanzvollsten Hauptrollen der Theaterliteratur vertreten. Allerdings hat man für den „Baumeister Solness“ keinen Regisseur aufgetrieben – Hermann Beil, der hier möglicherweise die Rauheit Ibsens herausgearbeitet hätte, nahm sich einen freien Sommer, um seinen Weggefährten Claus Peymann beim Abschied vom Berliner Ensemble zu begleiten. Es ist immer wieder einmal gut gegangen, wenn Schauspieler selbst inszeniert haben, selten allerdings, wenn sie dabei auch noch die Hauptrolle spielten.

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Mit sich als Hauptdarsteller ist Joseph Lorenz à la Schnitzler umgegangen – man kennt den Tonfall. Aus der Härte des Solness, der hier gnadenlos bezahlen muss, klingt immer wieder ein Hauch von Sentimentalität durch, er bröselt die Figur mit geradezu lustvoller Freud’scher Detailfreudigkeit auf. Etwas mehr Nüchternheit hätte dem Dichter vermutlich eher entsprochen, ebenso wie bei Alma Hasun, die die Hilde Wangel schlechtweg überzeichnet. Genuin mädchenhafter Zauber würde die Faszination, die sie auf Solness ausübt, erklärbarer machen als die so theaterhaft anmutende Kalkulation, was auch ein wenig an der allzu ausgereizten Bewegungsregie liegt.

Dort, wo die Darsteller „normaler“ bleiben, überzeugen sie mehr – die Verbissenheit, mit der die schmerzgezeichnete Frau Solness Normalität vorspielen will (Julia von Sell); die hilflose Verliebtheit der Sekretärin, ausgebeutet von Solness, was ihn in seiner kalkulierten Manipulation noch unsympathischer macht (Elisa Seydel); die von ihm benützten Männer, die an seiner Seite kein Schicksal haben dürfen (Hans Dieter Knebel, Michael Pöllmann). Schließlich der Arzt, der alles durchschaut und absolut nicht helfen kann (Peter Moucka).

Peter Loidolt hat ein symbolistisches Bühnenbild geschaffen, Spielzeughäuser im Hintergrund, die von der Schuld des Baumeisters erzählen (der die Natur gnadenlos für einen Bauboom verkauft hat), ein Eisengestänge, das Kletterkunststücke ermöglicht, wenn man das „Fallen“ und Sterben des Baumeisters auch nur aus zweiter Hand erleben muss – in der Starre seiner Mitwelt, die dabei zusehen muss…

Es ist nicht Ibsens stärkstes Stück, aber mit Reichenaus Star als Titelrollenheld natürlich in der Sommerfrische bestens zu verkaufen, zumal, wenn es eher nach Schnitzler klingt als nach dem so bitteren Henrik Ibsen.

Renate Wagner

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ATHEN/ Athens & Epidauros Festival zu Gast im Onassis Cultural Centre: DEMOCRACY IN AMERIKA von Romeo Castellucci

Athens & Epidauros Festival zu Gast im Onassis Cultural Centre:

Democracy in America. Besuchte Vorstellung am 1. Juli2017

 Mythos und Mission Amerikas

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Copyright: Guido Mencari Press

 Der italienische Theaterkünstler Romeo Castellucci gehört zu den gefeierten Grössen des Festivalbetriebs. Sein Bildertheater schafft es immer wieder, Fragen unserer Zeit in archetypische, magische Bildwelten zu übersetzen. Dabei schöpft er aus dem visuellen kulturellen Gedächtnis. Castelluccis aktuelle Produktion „Democracy in America“ bezieht seine Inspiration aus einem bedeutenden Werk der Aufklärung, dem 1835 erschienenen Essay „Über die Demokratie in Amerika“ von Alexis de Tocqueville. Der Franzose blickt darin mit Bewunderung auf die politische Aktivität der US-Bürger. Im Zeitalter von Donald Trump drängt sich freilich andere Fragen eher auf – z.B. diejenige, welche nach dem Sendungsbewusstsein und religiösem Hintergrund der amerikanischen Nation schaut. Genau hier setzt nun der archäologische Blick des Regisseurs an.

Castellucci legt die US-Nation auf die Couch und gelangt bei deren Psychoanalyse zur puritanischen Vorgeschichte. Im Zentrum des Abends steht die Geschichte der Puritanerin Elisabeth, die ihre kleine Tochter verkauft, um dafür Ackergerät und Saatgut zu erhalten. Böse Träume der jungen Frau und Klagen gegen Gott sind die Folgen. Die gepeinigte Elisabeth – deren Geschichte sich laut Einblendung 1705 ereignet haben soll – ist das wiederkehrende Motiv der Aufführung, etwa wenn sie ihr langes Haar an eine herabgehängte Stange schlägt oder sich im Kreise anderer Frauen mit roter Farbe übergiesst. Die amerikanische Nation formiert sich mit vormodern anmutenden Opferritualen – das will uns diese Erzählung wohl sagen. Und Einblendungen weisen ergänzend dazu auf frühe gesetzgeberische Akte hin. Ganz am Anfang der Aufführung steht noch ein augenzwinkerndes Spiel mit den Buchstaben des Titels „Democracy in America“. Junge Frauen in weissen Uniformen treten unter rhythmischen Klängen in wechselnder Anordnung mit buchstabenbestickten Fahnen auf und kreieren scheinbar unsinnige Wortfolgen wie „Car Comedy in America“, aber auch Namen von Ländern wie „Macedonia“ oder „Iran“. Assoziationen zur jüngeren Geschichte sind impliziert und lassen einen des öfteren ins Nachdenken geraten. Gleichwohl bleibt das Ganze zu sehr im mythischen Grund stecken, als dass es wirklich hinreichend Erklärungshinweise zum Wesen der amerkanischen Nation liefern könnte. Dass religiöse Mission und ökonomisches Streben im Prozess der Nationenbildung miteinander verwoben waren, dies wird jedenfalls deutlich. Die bildstarke Vergegenwärtigung des Inhalts gelingt, das muss man sagen, nur teilweise. Gerade die lange Dialogszene von Elisabeth und ihrem Mann wirkt in ihrem neorealistisch anmutenden Spielduktus etwas gar bemüht. Der Abend sorgt so für einen gespaltenen Eindruck.

 Castellucci hat sich wie stets ein wundersam-hochästhetisches Bilderreich geschaffen, welches in diesem Fall Stärken und Schwächen aufweist. Die Musik von Scott Gibbons fügt sich bestens in die Absichten des Regisseurs ein. Olivia Corsini, Giulia Perelli, Gloria Dorliguzzo, Evelin Facchini, Stefania Tansini und Sofia Danae Vorvila bilden ein starkes Ensemble. Auf der Bühne sind ferner zwölf griechische Tänzerinnen zu erleben, die ihre Aufgabe tadellos erledigen. Das in Scharen gekommene Publikum spendet am Schluss freundlichen Applaus.

 Ingo Starz

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ATHEN/ Athens & Epidauros Festival Peiraios 260: ELEMENTARTEILCHEN von Michel Houellebecq/ Julien Gosselin

Athens & Epidauros Festival

Peiraios 260

Elementarteilchen
Besuchte Vorstellung am 30. Juni

 Die Geburt des neuen Menschen aus dem Geist der Postmoderne

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Copyright: Simon Gosselin

 Michel Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“ (Originaltitel: Les Particules élémentaires) erschien 1998 und avancierte schnell zum kontrovers diskutierten Kultbuch. Es bietet eine Abrechnung mit der 68er Generation und gleichsam daraus folgernd die Vision eines neuen, von individueller Freiheit erlösten Menschen. Houellebecq erzählt die Geschichte zweier in den späten 50er Jahren geborenen Halbbrüder, die unter den Sexabenteuern und Selbstfindungssuchen ihrer Mutter zu leiden haben und unterschiedlich darauf reagieren: Bruno, der Lehrer, ist sexbesessen und gleichzeitig glücklos bei Frauen, Michel ist zum erfolgreichen Molekularbiologen geworden mit wenig Interesse am anderen Geschlecht. Es geht also, liesse sich sagen, um das soziale Wesen Mensch im Zeitalter scheinbar grenzenloser Möglichkeiten. Der Regisseur Johan Simons hat den Roman vor etlichen Jahren am Schauspielhaus Zürich auf die Figurenkonstellation Mutter und Söhne hin verdichtet und damit eine grossartige Theaterversion geschaffen.

 Der junge französische Regisseur Julien Gosselin (Jahrgang 1987) gelangte zu Bekanntheit, als er seine Version der „Elementarteilchen“ 2013 am Festival d’Avignon mit seinem Kollektiv „Si vous pouviez lécher mon cœur“ (dt.: Wenn ihr mein Herz probieren könntet) herausbrachte. Mit dieser Produktion nahm er 2014 auch am Münchner Festival „radikal jung“ teil. Im Juli letzten Jahres war seine zehnstündige Bühnenadaption von Roberto Bolaños Roman „2666“ in Avignon und Athen zu erleben. Wie ist nun der aufsteigende Star am französischen Theaterhimmel mit dem Kultroman Houellebecqs umgegangen? Nun, man könnte sagen, dass Gosselin einen recht „deutschen“ Zugang zum Thema findet. In einem Interview nannte der Regisseur einmal Nicolas Stemann als prägendes Vorbild. In der Tat erinnert bereits das Bühnenbild, welches Gosselin selbst entwarf, in der Anordnung von umlaufenden Podesten und einer Art Arena im Zentrum sowie die Situation, dass permanent alle Darsteller auf der Bühne sind, an Aufführungen des deutschsprachigen Theaters. Auch der fliessende Übergang von Theater zu Konzert kommt einem nicht nur von Inszenierungen Stemanns bekannt vor. Von solchen Einflüssen abgesehen ist es bemerkenswert, wie souverän der junge Regisseur das komplexe Handlungsgerüst in knapp vier Stunden in wirkungsvollen Tableaus entfaltet. Es beginnt mit starken erzählerischen Momenten und geht hin zu mehr auf Stimmung und Musik gebauten Szenen. Dabei folgt der Ablauf der Chronologie der Geschichte und sorgt auch für gelungene komisch-ironische Momente, etwa wenn die Welt der Mutter Janine zur Darstellung kommt. Die Musik von Guillaume Bachele und die Video Art von Pierre Martin sind bestens mit der Szene verlinkt.

 Auf der Bühne sorgen junge Darsteller und Darstellerinnen für eine sehr lebendige und mit Ironie daherkommende Aufführung: Marine de Missolz, Joseph Drouet, Denis Eyriey, Antoine Ferron, Noémie Gantier, Alexander Lecroc-Lecert, Caroline Mounier / Carine Goron, Victoria Quesnel, Geraldine Roguez, Guillaume Bachele / Maxence Vandevelde. Auch wenn Gosselins Inszenierung nicht die Konzentration erreicht wie diejenige von Johan Simons, weist sie doch bemerkenswerte Qualitäten auf. Der Franzose erweist sich insbesondere als beeindruckender, anregender Erzähler. Das Publikum reagiert mit viel Zustimmung und Begeisterung auf den langen Abend.

 Ingo Starz

 

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NÖ / Schwechat: WEDER Lorbeerbaum | NOCH Bettelstab

LORBEERBAUM  Plakat~1

NÖ / Nestroy-Spiele Schwechat: 
WEDER Lorbeerbaum | NOCH Bettelstab von Johann Nestroy
Premiere: 24. Juni 2016,
besucht wurde die Genralprobe 

„Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab“ ist Johann Nestroys Stück über das Selbstverständnis des Dichters. Ob die prägnanten Zitate darin auf ihn selbst umgelegt werden können, quasi als Offenbarungseid des Komödienschreibers, darüber diskutieren sich die Nestroy-Forscher die Köpfe wund – vergeblich natürlich, denn nichts ist beweisbar. Aber hat je einer schöner die Extreme des Möglichen ausgeschritten, wenn Nestroy über die Schöpfer eines „Zwetschkenkrampus“ ätzt, die sich „für einen Rivalen von Canova“ halten…

Er selbst wäre dieser Gefahr nicht erlegen, Kollegen Raimund, der stets nach Höherem strebte (von der Vorstadt her das Burgtheater im Auge), hätte er es zutrauen können. Und die Vorlage für sein Stücks, „Lorbeerbaum und Bettelstab“ von Karl Holtei (der auch recht viel von sich hielt), jammerte über einen Dichter, dem nicht die gebührende Anerkennung zuteil wurde. Da konnte Nestroy mit seiner Parodie nur in voller satirischer Schärfe zubeißen…

Er stellt den Dichter Leicht von Anfang an als rabiat und gleichzeitig illusionslos hin: Im Gegensatz zu Holteis weinerlicher Sentimentalität herrscht hier grimmige Nüchternheit der Einschätzung. Und dennoch ärgert er sich wahnsinnig, wenn er seine Werke als Perlen vor die Säue eines dummen, hochmütigen Publikums wirft…

LORBEERBAUM  Leicht liest X~2

Sein Abstieg in dem dreiteiligen Stück ist eng mit einer unglücklichen Liebesgeschichte verbunden: In „drei Stationen“ verliebt er sich erst nach einer seiner missglückten „Dichterlesungen“ in die hübsche, reiche Agnes, die seinen dummen Freund Blasius heiraten wird. Im zweiten Akt, ein Jahr später, fällt erst des Dichters Stück durch, dann muss er bei der Hochzeit dabei sein.

Beim dritten Akt sind zwanzig Jahre vergangen, Agnes und Blasius kommen mit ihren beiden Kindern (der Sohn ist das verlassene Kind von Leicht, das sie aufgezogen haben) zum Heurigen, die Ehehölle wird klar. Leicht vaziert als total heruntergekommener Harfenist (eine Art Volkssänger) herum, gilt für seine Mitwelt längst als tot – und dass sein Stück nun Erfolg hat (wovon er gar nichts wusste), gibt seiner Resignation den Rest. Eine bittere Geschichte.

Und eine brüllend komische, die Regisseur Peter Gruber – wie er es bei den Nestroy-Spielen Schwechat traditionell tut – in die Gegenwart holt (selbst wenn Harfenist und Handy sich nicht wirklich vertragen). Die Qualität des Stücks besteht nicht nur im Schicksal des Leicht, das sich nicht wirklich wandelt, sondern in der Darstellung der Umwelt – ob Nestroy die „Dichterlesung“ ausstellt, wo das Publikum den kulturellen Beitrag nur als lästige Nebenerscheinung betrachtet, die den Sturm auf das Buffet verzögert (immer dasselbe, einst und heute…).

Die „Premierenfeier“ nach Leichts durchgefallenem Stück hat Gruber in ein chices „IN-Lokal“ verlegt und ein Couplet in Nestroys Sinn verfasst, das in allen Farben schillert – niemand aus der gegenwärtigen Seitenblicke-Gesellschaft, der den ätzenden Versen von Peter Gruber, zu einer Tom-Jones-Melodie, entgeht… das Publikum lacht sich krumm, wenn jeder in Nestroys Sinn seinen verdienten Teil bekommt. Im dritten Akt breitet sich beim Heurigen das ganze schrille bürgerliche Elend aus, wobei die einen halt „a Geld hab’n“ und die anderen „kan’s“…. Dabei würde sich Nestroy für seinen Dichter ja nur ein ordentliches Auskommen wünschen.

Eric Lingens als Leicht versprüht den Abend lang kraftvoll Gift und Galle und muss sich am Ende umbringen (was eine kleine Zugabe des Regisseurs ist – bei Nestroy darf er weiterleben). Die Rolle der Agnes zeigt wieder einmal, wie unberechtigt das Vorurteil ist, Nestroy habe keine starken Frauenrollen geschrieben – und Lilian Jane Gartner bringt das Monster der Berechnung hinter schöner Fassade absolut selbstverständlich zur Geltung, mit aufgeschminkter Fratze erschreckend verändert nach zwanzig Jahren. Auch Valentin Frantsits darf sich als ihr immer dümmlicher erst Bräutigam, dann Gatte so sehr zum bürgerlich feisten Schmerbauch verändern, dass man ihn fast nicht erkennt… Eine Köstlichkeit ist der Auftritt der Tochter Julie, die Nestroy gnadenlos überdreht hat, um den Spielstil von Karl Holteis Frau zu parodieren, und es ist schier unglaublich, wie Annabelle Staudacher diese alberne, von sich immer in dritter Person sprechende Julie völlig überzeugend in den Griff bekommen hat.

Eine der prächtigen Nebenrollen ist der „Herr Überall“ (wieder ein Kabinettstück für den unverzichtbaren Franz Steiner), der sein Leben „auf Reisen“ zwischen Wien und Fischamed verbringt, sich solcherart für einen erfahrenen Weltmann hält und jede Eventualität des menschlichen Lebens auf seine winzige Perspektive zurechtstutzt. Witzige Väterrollen haben auch Ottwald John und  Christian Dungl (von Peter Gruber in die Sauna geschickt, wo vier wohlgeformte Damen walten), und selbst den Schwechater Beitrag an theaterinteressierten Migranten hat der Regisseur geschickt ins Geschehen gefügt, von den wohl bekannten einheimischen Kräften ganz zu schweigen.

Der Abend ist äußerst musiklastig (wobei nur Thomas Franz-Riegler souverän an seiner Gitarre waltet): Die vielen Musikstücke sind im Original enthalten, auf heute zugespitzt und haben ihre dramaturgische Funktion, selbst wenn sie manchmal zu lang erscheinen. Bloß dass der so melodienverbrämte Abend auf diese Art gelegentlich freundlicher erscheint, als Nestroy und Gruber ihn gemeint haben.

Das Publikum, das sich für den dritten Akt von der Bühne wegbewegen und auf den Holzbänken im Hof Platz nehmen muss (weil schließlich eine Heurigenszene dort richtiger ist), hat einen Abend vor sich, der nicht zuletzt zu mancher Selbsterkenntnis in Sachen „Kulturbertrieb“ anregt.

Renate Wagner

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ATHEN/ Athens & Epidauros Festival/ Theater Olympia. Volksbühne Berlin: MURMEL MURMEL. Letztes Gemurmel

Athens & Epidauros Festival/ Theater Olympia. Volksbühne Berlin: Murmel Murmel

Besuchte Vorstellung am 24. Juni 2017

 Letztes Gemurmel

 Eine Woche bevor die Ära Castorf an der Volksbühne Berlin endet, verabschiedete sich das Theater am Athens & Epidauros Festival mit einer Aufführung von Herbert Fritschs bereits legendärer Produktion „Murmel Murmel“. Es ist viel geschrieben worden über diese theatrale Umsetzung von Dieter Roths 1974 erschienenem Künstlerbuch „Murmel“, welches auf 176 Seiten nur dieses eine Wort „Murmel“ in vielfacher Wiederholung enthält. Nach Castorf, Marthaler, Schlingensief und Pollesch avancierte Fritsch in den letzten Jahren zu einem der Vorzeigekünstler des Berliner Hauses. Sein Roth-Abend, der im März 2012 in Berlin Premiere feierte, liefert ein Feuerwerk an theatralem Dadaismus ab.

 Herbert Fritsch, der sich für Regie und Bûhne verantwortlich zeichnet, setzt ein vielstimmiges und facettenreiches Gemurmel in Szene. Die irrwitzige ‚Geschichte‘ spielt sich auf einer Bühne ab, deren bunte Prospekte auseinander- und zusammengeschoben werden und so mal einen grossen, mal einen kleinen Rahmen für die Darsteller abgeben. Im Orchestergraben des Olympia-Theaters, wo das Gastspiel stattfindet, befindet sich eine grosse, dicke Turnmatte, auf welche die Schauspieler regelmässig plumpsen, wenn sie gerade mal aus dem Geschehen fallen. Das Ganze ist wie ein Konzert, wie eine komödiantische Performance oder wie eine Reihe von Zirkusnumnern. Es ist eine Darbietung, die mit dem Rothschen Gemurmel ein Kaleidoskop menschlicher Charaktere und Regungen in Bild und Klang setzt. Es ist eine in jeder Hinsicht ausserordentliche Aufführung, zu deren Gelingen die wunderbaren Kostüme von Viktoria Behr, die Musik von Ingo Günther und das Licht von Torsten König beitragen.

 „Murmel Murmel“ wird getragen von einem wunderbaren Ensemble, das gleichsam unter der Leitung des Musikers Ingo Günther steht. Es ist ein Vergnügen, dem Treiben des grossartigen Schauspielers Wolfram Koch zuzusehen, der so viele Inszenierungen zwischen Berlin und Zürich geprägt hat, gewahr zu werden, wie er sich auf den geistreichen Nonsense – nein, das ist kein Widerspruch – von Fritsch einlässt. Grossartig sind aber auch alle anderen auf der Bühne: Florian Anderer, Matthias Buss, Werner Eng, Jonas Hien, Simon Jensen, Annika Meier, Anne Ratte-Polle, Bastian Reiber, Stefan Staudinger und Axel Wandtke.

Das Publikum ist am Schluss ganz aus dem Häuschen und feiert das Ensemble und den anwesenden Regisseur Herbert Fritsch.

 Ingo Starz

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ATHEN/ Festival Peiraios 260: DER SPIELER in einer Aufführung der Volksbühne Berlin

Peiraios 260/ Volksbühne Berlin: DER SPIELER
Besuchte Vorstellung am 20. Juni 2017

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 Lernen von Castorf

 Unmittelbar vor Ende der Ära von Frank Castorf als Direktor der Volksbühne Berlin gastiert das renommierte Haus beim Athener Festival. Neben Abenden mit Arbeiten von Pollesch und Fritsch steht Castorfs Adaption von Dostojewskis Roman „Der Spieler“ auf dem Programm und in dessen Zentrum. Die Geschichte, die uns Dostojewski und sein Interpret erzählen, handelt, wie der Leser weiss, von einer Gruppe von Menschen, die vor dem finanziellen Ruin stehend im fiktiven Städtchen Roulettenburg auf Glück im Spiel hofft und noch mehr auf den Geldsegen einer Erbschaft wartet. Die Spielsucht und das vergebliche Bemühen um Liebe kennzeichnen den Roman wie den Theaterabend, in dessen Zentrum der Hauslehrer Alexej Iwanowitsch steht, der Polina, die Tochter des Generals, begehrt.

 Wenn sich Castorf einem Stoff annimmt, dann ist immer die Frage, wie er diesen über- und weiterschreibt sowie seine Schauspieler in die Handlung einschreibt. Texte und Elemente aus Dostojewskis Roman sind die eine Seite der Inszenierung, Fremdtexte und Improvisationen deren andere. Angesichts der postdramatischen Arbeitsweise des Regisseurs überraschen weder die aktuellen Einsprengsel zu Griechenland (und dessen Verhältnis zu Deutschland) noch, um nur ein Beispiel zu nennen, die Reflektion über die künftige Bedeutung Asiens für die Weltpolitik und -wirtschaft. Und natürlich fliessen permanent Aussagen resp. kritische Kommentare zum kapitalistischen System in den Fluss der Handlung ein. Bei alledem erzählt Castorf aber doch auch Schritt für Schritt die Geschichte vom Spieler. Bert Neumann hat für das wort- und bildreiche Spektakel, welches auch Platz für eine Schildkröte und ein Krokodil hat – welche als animalische Anverwandlungen des Stoffs zu lesen sind-, eine wundersam-vielschichtige Raumwelt auf einer Drehbühne geschaffen. Der Lauf der Welt und der Roulettescheibe scheinen der Bühnenbewegung eingeschrieben zu sein.

 Castorf steht wie so oft ein ausgezeichnetes Ensembe zur Verfügung. Herausragend ist Alexander Scheer als wunderbar zappeliger Alexej, der mit einer Fülle an Nuancen in Spiel und Stimme aufwartet. Seine unglaubliche Beweglichkeit gibt dem Abend einen bemerkenswerten Drive. Zu loben ist aber wirklich das gesamte Ensemble. Genannt seien nur noch Sophie Rois als aufgedrehte, divenhafte Grosstante, Kathrin Angerer als ebenso resolute wie zärtlich-verspielte Polina oder Hendrik Arnst als polternder General. Das ist fürwahr ein spielfreudiger und exemplarischer Castorfabend. Das Athener Publikum tut sich gutteils nicht leicht mit dem postdramatischen Import aus Berlin und verlässt zur Pause in Scharen den Spielort. Der verbliebene Rest spendet am Schluss, nach beinahe fünf Stunden Aufführung anhaltend Beifall.

 Ingo Starz

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