Der Neue Merker

WIEN / Off Theater: HARPER REGAN

Harper Reagan halb~1

WIEN / Produktion von KILLA (die Kultur/Nah/Versorger) im OFF Theater:
HARPER REGAN von Simon Stephens
Premiere: 17. Jänner 2017,
besucht wurde die Generalprobe

Simon Stephens, Engländer, 46 Jahre alt, beliefert die Bühnen seiner Heimat und darüber hinaus seit knapp zwei Jahrzehnten mit gewissermaßen lapidaren, radikalen Stücken, die sich, tief in britischen Tradition verankert, in semi-realistischer Form mit dem Hier und Heute auseinandersetzen. Bei uns hat schon – neben anderen Häusern – das Burgtheater zwei seiner Stücke herausgebracht, „Motortown“ (2008, inszeniert von Andrea Breth) und „Wastwater“ (2012, inszeniert von Stephan Kimmig). Erstaunlich, dass sich hierzulande noch niemand für sein Stück „Harper Regan“ interessiert hat (2008 in London uraufgeführt, wurde es bloß im gleichen Jahr als Hamburger Gastspiel bei den Salzburger Festspielen gezeigt). Immerhin gibt das nun einer Off-Gruppe die Möglichkeit, diesen sonst eher „teuer“ gehandelten Autor auf die Bühne zu bringen.

Harper Regan ist ein Frauenname, und man lernt die 41jährige ziemlich genau kennen: verschüchtert ihrem gnadenlosen  Chef im Büro gegenüber, in einer verunsicherten Ehe, in problematischer Beziehung zu ihrer 17jährigen Tochter, die die Mutter (wie das in diesem Alter so ist) vor allem peinlich findet, im Gespräch mit einem Halbwüchsigen, an dem sie seltsames Interesse zeigt. Bis dahin eine ganz normale Frau, untere Mittelklasse, ein trauriges Schicksal.

Der Autor gibt ihr nun die Möglichkeit auszubrechen – dass sie einfach losfährt, ihren sterbenden Vater zu besuchen (den sie nur noch tot findet), dass sie sich im Pub von einem Faschisten anquatschen lässt, dem sie dann ein Glas blutig über den Kopf zieht, dass sie sogar per Internet einen One-Night-Stand in der Fremde riskiert… das wirkt wie ein Befreiungsschlag.

Dennoch verliert das Stück im Laufe des Geschehens aus einem ganz einfachen Grund seine schlichte Glaubwürdigkeit (zumal in der großen Auseinandersetzung mit der Mutter): Denn indem Stephens sich nun nicht mehr damit begnügt, die Situationen aus sich selbst sprechen zu lassen, sondern seiner Heldin auf einmal jede Menge verquollener Selbstanalyse in den Mund legt, wird die Sache künstlich. Noch mehr, wenn eine Art Traumidylle am Ende ausbricht – Harper, ihr Mann, die Tochter am Frühstückstisch, der Ehemann träumt sich eine glückliche Zukunft, wie es sie nie geben wird… Wahrscheinlich hätte Stephens seinem Stück Besseres getan, hätte er es härter angepackt und am Ende wieder zum Anfang, zum unverständigen Chef zurückgeführt.

Als Produktion der Gruppe KILLA (die Kultur/Nah/Versorger), die sich in den Räumlichkeiten des Off Theaters in der Kirchengasse 41 eingemietet hat, konzentriert sich Regisseur Markus Emil Felkel ohne weiteren szenischen Aufwand auf die Konfrontation seiner Figuren (wobei er noch mehr Rollen auf einzelne Darsteller zusammen gezogen hat, als bei Stephens vorgesehen, und aus dem Chef eine Frau machte, was wegen der nun schwammigen sexuellen Prägung nicht ganz überzeugt).

Er kann sich dabei voll auf seine Hauptdarstellerin stützen: Pilar Aguilera macht eine wahre Wandlung durch, vom armen Hascherl zur Frau, die an ihren Ketten rüttelt und zu Erkenntnissen gelangt, die sie weiter bringen. Hemmungen und Lebenslügen werden abgeschüttelt, manchmal mit einem wahren Veitstanz: Pilar Aguilera bleibt bei der ganzen Achterbahnfahrt, die der  Autor ihr auferlegt hat, immer glaubwürdig.

Bemerkenswert, wie Rafael Schuchter vom Ehemann mit Dreck am Stecken zum brutal-faschistoiden Journalisten im Pub und dann zum glatten Sex-Freak wird, der seine online gefundenen Partnerinnen für eine Nacht routiniert und nicht einmal unsympathisch einwickelt: Das sind nicht drei verschiedene Masken, sondern drei verschiedene Menschen. Benjamin Plautz schließlich ist ein unsicherer 17jähriger, hier zum jungen Moslem gemacht, und der peinlich aufdringliche Schmarotzer-Gatte einer älteren Frau.

Diese Mutter-Figur, von Petra Strasser hervorragend in den Griff bekommen, ist auf ihre Art so typisch und von  Stephens so glänzend erfasst wie die Tochter (Stefanie Darnesa), wobei beide Darstellerinnen noch je eine zweite Rolle verkörpern.

Es ist ein kleines  Alltagsschicksal, das Simon Stephens da entwirft, ohne uns zu sagen, in welche Zukunft er seine Heldin entlässt. Entscheidend ist, dass man sich immer für sie interessiert.

Renate Wagner

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WIEN / Scala: EINE ITALIENISCHE NACHT

Scala Ital Nacht
Foto: Theater Scala

WIEN / Scala:
EINE ITALIENISCHE NACHT
– oder Ich stelle den Antrag, dass wir uns nicht stören lassen!
Komödie nach Ödön von Horváth
Premiere: 14. Jänner 2017 

Ödön von Horvath hatte im Grunde nur ein Thema: seine Zeit, ihren politischen Umriß und die armen Menschenkinder, die sich darin umtaten. In den zwanziger Jahren hat er damit experimentiert, 1931 schrieb er „Italienische Nacht“, gefolgt von jenem Quartett von Stücken (Geschichten aus dem Wiener Wald / Glaube Liebe Hoffnung / Kasimir und Karoline / Die Unbekannte aus der Seine), die ihn für alle Zeiten berühmt und für das Repertoire der deutschsprachigen Bühnen unentbehrlich machten. „Italienische Nacht“ zählt noch nicht zu den großen Würfen und wird entsprechend selten gespielt. Immerhin ist Bruno Max in seinem Theater Scala damit zweierlei höchst bemerkenswert gelungen – er holte das Publikum in die Handlung und die Handlung zu uns her…

Max selbst hat mit Hilfe von Marcus Ganser Bühne und Zuschauerraum eingeebnet und in einen großen Wirtshausgarten verwandelt, wo das Publikum rundum an den Tischen sitzt und gewissermaßen Teil der Handlung ist. Vor allem aber hat er die Handlung von 1930 erstaunlich gelungen in unsere Gegenwart versetzt, wofür ein bald gezogenes Handy den Ton anschlägt. Aber was soll daran unglaubhaft sein, dass sich in einer kleinen Stadt die regierenden „roten“ Potentaten, die längst fette Bürger sind, von rechtsradikalen Krawallmachern belästigt, aber noch nicht wirklich geängstigt fühlen? Nur dass eine rebellierende Jugend sich als Marxisten geriert, ist nicht ganz so glaubwürdig – aber was sagt es andererseits, wenn man das Bild von Che Guevara auf dem T-Shirt trägt? Mit einem Wort: Es hat sich an den Konstellationen gar nicht so viel geändert, und das malt Bruno Max als Regisseur so genussreich wie überzeugend aus, wobei er die Komödie nie ans Kabarett verkauft.

Horvath hat hier schon zwei junge Paare auf die Bühne gestellt, aber sie sind eher theoretische Ideenträger, noch nicht lebendige, ergreifende Menschen wie in „Kasimir und Karoline“ (und das ist dann auch die Schwäche des Stücks): Da ist der junge, radikale Kommunist und das ihn liebende Mädchen, das sich von ihn so weit benützten lässt, mit einem Nazi anzubandeln, um die Absichten der „Feinde“ auszuspionieren. Und da ist der „Künstler“, der sich gerne als „links“ bezeichnet, aber damit im Grunde nichts am Hut hat – und seine Freundin, die von Politik nichts wissen will.

Am stärksten ist Horvath der joviale Ortspolitiker Amtsrat Ammetsberger gelungen, vollmundig, populistisch, mit großer Geste als Leithammel seiner lächerlichen kleinen Herde, absolut widerlich zu seiner Ehefrau, bereit, den Schwanz einzuziehen, wenn es echt gefährlich wird (Haue von den Rechten kriegen, das ist nicht drin), aber gleich wieder in Pose, wenn die Gefahr vorbei ist – natürlich aufgrund seiner genialen Aktionen…

Die vielen aktuellen Anspielungen dieses Theaterabends gehen weit über Horvath hinaus, und das gibt Bruno Max auch zu, indem er dem Stück, das er als „nach Horvath“ deklariert, auch noch einen anderen Titel gibt: Aus der simplen „Italienischen Nacht“ des Originals wurde „Eine Italienische Nacht – oder Ich stelle den Antrag, dass wir uns nicht stören lassen!“, ein sehr österreichisches Statement. Wo die Handlung noch simpel verläuft, taucht Bruno Max sie (auch mit Hilfe von Musik) in dichte Stimmung, lacht immer wieder über den Zeitgeist  (etwa, wenn eine der Partei-Damen immer politisch korrekt darauf besteht, dass alles gendergerecht auch „weiblich“ formuliert wird), bedient die Komödie (etwa auch in dem Kärntner Tonfall des Nazi-Chefs) und zeigt trotzdem ganz genau, wo es langgeht…

In Georg Kusztrich hat die Scala wie bekannt einen außerordentlichen Schauspieler, der auch als Stadtrat wieder messerscharf und mit akkurater Genauigkeit in jeder Reaktion brilliert. Es ist nicht amüsant, sondern im Grunde tragisch, wie Christina Saginth als seine Frau unter seiner seelischen Brutalität leidet, wobei Horvath ihr am Ende den theatergerechten Clou erlaubt, den Gatten gegen die Nazis zu verteidigen: Ganz richtig auch, wie der aufbrausende Leopold Selinger als „Kameradschaftsführer“ ganz kleinlaut wird, wenn er frontal angegriffen wird – noch dazu von einer Frau.

Marion Rottenhofer (die schier unermüdlich tanzt), Christoph Prückner und Bernie Feit sind köstliche Variationen (aber keine aufgelegten Karikaturen!) von kleinen Lokalpolitikern, und ganz, ganz prächtig zeichnet Karl Maria Kinsky einen Wirt, der sich keine politische Überzeugung leisten kann – wer zahlt, ist willkommen, ob links, rechts oder wo immer angesiedelt.

Wolfgang Fahrner spielt den politisch rabiaten Martin, Thomas Marchart den geschmeidigen Karl, der die Politik letztlich so ernst nicht nehmen kann, Claudia Waldherr ist die aufopfernde Gefährtin mit gesunden Instinkten und Jacqueline Rehak die Kellnerin, die von Politik nur ihre  Ruhe haben will. Ein kleines Mädchen (Alina Ilhan) wurde aus unerfindlichen Gründen in die Handlung hineingeschrieben, und eine Handvoll junger Männer ist erfolgreich darin, als Nazis nicht nur lächerlich, sondern auch ein wenig bedrohlich zu sein.

Es sind hundert pausenlose Minuten, die nicht der Gefahr erliegen, politisches Kabarett zu machen. Was Horvath noch eher versuchsweise als Beschreibung einer politischen Situation formulierte, wird hier durch einen dichten Theaterabend zu einer Aufforderung zum Nachdenken.

Renate Wagner

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WIEN / Theater der Jugend: DER TALENTIERTE MR. RIPLEY

Szenefotos

Fotos: Rita Newman

WIEN / Theater der Jugend im Theater im Zentrum:
DER TALENTIERTE MR. RIPLEY von Patricia Highsmith
in einer Fassung von Thomas Birkmeir
Premiere: 13. Jänner 2017
 

Das Positive zuerst: Thomas Birkmeir, Direktor des Theaters der Jugend, der immer wieder (aber keinesfalls so oft, dass es unstatthaft wäre) im eigenen Haus als Regisseur antritt, hat seine schon öfter bewiesene glückliche Hand in der Umsetzung von Prosa auf die Bühne erneut gezeigt (bei seiner ersten Sherlock-Holmes-Dramatisierung ist ihm das ja geradezu vorzüglich gelungen). Diesmal ist wieder ein „Krimi“ an der Reihe, ein absoluter Klassiker des Genres, „Der talentierte Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith.

Man kennt die Geschichte des  Tom Ripley (wenn man sie nicht in diesem ersten Roman und dann auch noch in einigen Fortsetzungen gelesen hat) zweimal aus dem Kino, mit Alain Delon oder Matt Damon  –  der junge Kerl aus bescheidenen Verhältnissen, der sich nicht mit seinem Schicksal abfindet, sondern es wendet und sich die Identität eines reichen (und von der Highsmith als oberflächlich und nutzlos gezeichneten) jungen Mannes aneignet – mit List, Tücke und schließlich Mord, der bald noch einen weiteren nach sich zieht.

Thomas Birkmeir als Regisseur realisiert dies bemerkenswert minimalistisch – eine fast leere Bühne, die jeweils nur die notwendigsten Requisiten bekommt, im Hintergrund ganz diskret die Andeutung von Orten projiziert (Bühne: Goda Palekaitė, Kostüme: Susanne Özpinar) und im übrigen nur die Figuren. Tom Ripley hier als Ich-Erzähler (was er im Buch nicht ist), der mit Partnern agiert, aber immer wieder aus der Rolle fällt, um den Publikum zu erzählen, was eigentlich Sache ist – ein uralter Trick, aber ein sehr guter, wenn man ihn beherrscht.

Da kann die Geschichte in ausgewählten Szenen, einfach nur die wichtigsten mit dem aus dem Buch geholten Dialogen, ablaufen: Birkmeir hat auch noch ein diskretes, aber perfekt ausgefeiltes System von etwas Musik und Geräuschen eingebaut, um mit Riesensprüngen die Handlung gleicherweise zu gliedern wie voranzutreiben – Schnipp, und man ist schon wieder woanders.  

Szenefotos

Jakob Elsenwenger

Im übrigen ruht der Abend fest auf den Schultern des 24jährigen Jakob Elsenwenger, der alles spielt, was dieser Tom Ripley verlangt: den ehrgeizigen Aufsteiger, der von Anfang an ein Meister der Verstellung ist (kurz: der geborene Lügner und Betrüger), den Täter, der Schritt für Schritt in der Ausübung seiner kriminellen Instinkte sicherer wird, die Verwandlung des „Niemand“ Tom Ripley in den selbstbewussten Millionärssohn Dickie Greenleaf – und am Ende den unverschämt über das  Schicksal triumphierenden Sieger.

Da sind die anderen nur Staffage: Julian Schneider, der das ungute Wesen des Dicke perfekt ausspielt, die vielleicht etwas laute Ursula Anna Baumgartner als einzige Dame des Geschehens, dazu noch Uwe Dreysel als fieser Freddy, Uwe Achilles als Vater Greenleaf, Frank Engelhardt als Polizist. Die beiden Morde auf der Bühne „entschärft“ Birkmeir als Regisseur durch „Slow Motion“, aber er kommt vom Buch / Stück her nicht darum herum, dass einer mit einem Bootspaddel, ein anderer mit Kopie einer antiken Statuette erschlagen wird …

Und das ist nun auch der Einwand, dieses Stück einem Teenager-Publikum ab 13 Jahren vorzusetzen, ohne dass man sich aufs moralische Roß schwingen will. Aber das ist keine amüsante Gaunerkomödie, das ist auch mehr als nur die psychologische Studie eines Zu-kurz-Gekommenen, der Gelegenheiten am Schopf packt, es ist die Geschichte eines Verbrechers – und da weiß man eigentlich nicht, was sie einem jugendlichen Publikum sagen soll (zumal die Highschmith ja absichtsvoll keine „Moral“ kennt)? Was als Lektüre, was im Kino für Erwachsene einfach ein Highsmith-Meisterstück ist – als Theaterstück für Jugendliche fühlt man sich definitiv nicht wohl dabei.

Renate Wagner

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WIEN / Josefstadt: SIEBEN SEKUNDEN EWIGKEIT

Turrini Sieben_Sekunden_Ewigkeit Plakat
Alle Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt:
SIEBEN SEKUNDEN EWIGKEIT von Peter Turrini
Uraufführung
Premiere: 12. Jänner 2017,
besucht wurde die Generalprobe 

Großaufnahme vom Gesicht einer jungen, dunkelhaarigen Frau: Sie wendet den Kopf hin und her, einmal, zweimal, dreimal. Dann die Totale: Sie läuft durch einen Wald, man sieht sie aus der Ferne. Erst als sie sich am Ende hinkauert und dann aufrichtet, realisiert man eine Sekunde lang, dass sie wirklich ganz nackt ist. 7 Sekunden dauert die Sequenz, die man im Theater in der Josefstadt nun zahllose Male (gelegentlich auch im Rücklauf) sehen kann. „Sieben Sekunden Ewigkeit“ nennt Peter Turrini seinen von Genre her nicht näher bezeichneten Monolog der Hedy Lamarr. Ja, 1933 konnte man mit 7 Sekunden Nacktheit auf der Filmleinwand noch berühmt werden…

Die „schönste Frau der Welt“ war Hedwig Kiesler, damals keine 20, noch lange nicht: ein hübsches Gesicht, ein schlanker Körper mit kleinem Busen, keine Idee von den gewaltigen Formen, mit denen Sexbomben später prunkten. Hollywood hat sie allerdings geholt und „schön“ gemacht, bildschön sogar, ein rassiger Elizabeth Taylor-Typ lange vor dieser, nur eben gar keine Schauspielerin: Man kann sich noch so viele Lamarr-Filme ansehen – und sie machte von den dreißiger bis in die fünfziger Jahre mehr als zwei Dutzend – , immer steht man vor dem schönen, leeren, talentlosen Gesicht…

Dafür war sie nicht dumm: Als man 2014 die Artikel zu ihrem 100. Geburtstag schrieb, stand die Tatsache im Mittelpunkt, dass sie (zusammen mit Pianisten George Antheil, was Turrini verschweigt) „Frequency Hopping“ erfunden hatte, während des Zweiten Weltkriegs eine Grundlage zur Feindabwehr unter Wasser, später eine Voraussetzung für die Handy-Technologie. Das kluge Köpfchen hatte gut aufgepasst, als sie ihre Nase in die Waffenfabrik ihres sehr miesen ersten Gatten steckte. Es folgten auf ihren Wiener Waffenhändler noch fünf Ehemänner, die mittelmäßige Hollywood-Karriere, der übliche tragische Abstieg mit Alkohol und Drogen, Ladendiebstahl und Polizeigewahrsam. Da gäbe es sehr viel zu erzählen für Peter Turrini.

Dieser aber wollte nicht die glatte Biographie der Lamarr auf die Bühne zu bringen, das wäre der Kritik vermutlich zu billig gewesen, die Vorwürfe vorprogrammiert. Die aufgeplusterte Kunstfigur, die er sich statt dessen ausgedacht hat und die nie zu wirklichem Leben erwacht, ist allerdings wahrlich keine überzeugende Alternative.

Das arme versoffene Menschenkind der späten Jahre, das tragische Frauenwrack, das sie im hohen Alter zweifellos war  – so schickt Turrini sie hinaus, wegen Trunkenheit am Steuer von einem (nicht auftauchenden) Polizisten aufgegriffen und zu sich heimgenommen, wofür er sich Teile ihrer Lebensgeschichte anhören muss. Eineinhalb pausenlose Stunden lang. Der Mann ist nicht zu beneiden, und das Publikum der Josefstadt, die eigentlichen Zuhörer, auch nicht.

Turrini Sieben_Sekunden_Ewigkeit_Maske  Turrini Sieben_Sekunden_Ewigkeit_liegend

Die Hauptdarstellerin muss den Großteil des Abends in einem Nacktheit vortäuschenden,  fleischfarbenen Body absolvieren, dem auch noch ein paar Speckfalten eingearbeitet sind, die Haare unter einer Haube verborgen, auf die sich nur selten die schwarzhaarige Lockenperücke stülpt, am Körper nur selten ein Glitzerkleid. Grundsätzlich erleben wir eine abgehalfterte Frau, deren Schicksalsweg uns nicht wirklich klar wird, denn nur wenige der von Turrini bunt durcheinander gewählten Lebensstationen sind sonderlich signifikant. Die meisten zielen auf Judentum, auf Österreich-Kritik ab.

Am Ende dichtet Turrini Hedy Lamarr, die dergleichen nie erlebt hat, aus gänzlich unerfindlichen Gründen noch ein Kinderschicksal der Vertreibung aus Galizien (!) an, um ihren (angeblich realen) Wunsch, dass mam ihre Asche im Wienerwald (Höhenstraße, Kilometerstein 21, wie Turrini weiß) verstreuen möge, quasi zu verorten. Damit wird ihr ein extremes jüdisches Schicksal auferlegt, das sie in diesem Sinne nie so getroffen hat – sie war schon in den USA, als die Nazis an die Herrschaft kamen, und sie lebte in Hollywood, einer Welt, wo es keinen Nachteil bedeutete, jüdisch zu sein. Abgesehen davon hat Hedwig eine sehr gepflegte Kindheit in Döbling verbracht… Und einen Teil ihrer Asche haben ihre beiden Kinder tatsächlich im Wienerwald verstreut, der andere Teil liegt (wie es sich gehört…) in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof. Und eine Hedy-Lamarr-Gasse gibt es im antisemitischen Wien mittlerweile auch.

Ganz schlimm ist dann das Ende des Stücks, das der Autor wohl als Akt seiner persönlichen Gnade empfindet: Da öffnet sich eine Tür im Hintergrund, ein Mann in Chauffeursuniform mit einem Tablett und Wodkaflasche erwartet sie. Das ist noch nicht alles: Die Aufschrift auf der Chauffeursmütze identifiziert ihn als „Gott“. Gott Alkohol, die ultimative Seligkeit…

Regisseurin Stephanie Mohr stellt die einsame Protagonistin auf ein Podest vor einer Leinwand (Bühnenbild: Miriam Busch): Wenn hier nicht die 7 Sekunden „Ekstase“ laufen, ist es eine Autofahrt durch den Wienerwald, außerdem werden (um das Publikum nicht allzu sehr zu verwirren) die jeweiligen Stationen der Handlung auf der Leinwand aufgeschrieben. Um das Podest stehen Kleiderpuppen, die Kostüme reichen vom Dirndl bis zum Abendkleid, Pelze, Brillen, Perücken, was eine Diva so braucht (Kostüme: Alfred Mayerhofer). Die Hauptdarstellerin muss nicht alles anziehen, da hätte sie viel zu tun, im Gegenteil, nur selten reißt sie einer Puppe das Kleid herunter und schlüpft hinein.

Die meiste Zeit muss Sandra Cervik zeigen, dass sie vor allem uneitel ist, bereit, in die abgehalfterte, tragische Alte hineinzukriechen. Im übrigen hilft die Regisseurin dabei, dass die Theaterklischees, die in diesem Monolog abgefeiert werden, als Virtuosenstück herauskommen, das Auf- und Ab-Spielen von Emotionen, Aggressionen, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, oft im lallenden Ton der Betrunkenen, meist überdreht. Vordergründiger, oft unter der Gürtellinie angesiedelter Turrini’scher Theaterdonner. Er ist es schließlich seinem  Ruf schuldig, ein „unbequemer Autor“ zu sein.

Wenn man die Biographie der Hedwig Kiesler alias Hedy Lamarr wirklich kennt, ein Leben, das so bunt und turbulent und natürlich auch tragisch war und das der Autor großteils verschmäht, muss man sagen, dass die echte Hedy Lamarr um einiges interessanter und spannender war als die Kunstfigur, die Turrini da nicht sehr überzeugend zusammengekrampft hat.

Renate Wagner

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ATHEN – Onassis Cultural Centre: OBEN UND UNTEN – EIN MÖRDER IN ATHEN von Syllas Tzoumerkas und Youla Boudali

Onassis Cultural Centre, Athen

Oben und unten – Ein Mörder in Athen

Besuchte Vorstellung am 6. Januar 2017

 Das Publikum sucht einen Mörder

Masterclass by Syllas Tzoumerkas and Youla Boudali
Syllas Tzoumerkas und Youla Boudali. Foto: Onassis Cultural Centre

 Auf deutschsprachigen Bühnen haben Roman- und Filmhandlungen schon lange Hochkonjunktur. Und dabei kann es bisweilen ziemlich trashig zu- und hergehen. So ist man kaum überrascht, dass sich für die jüngste Schauspielinszenierung am Onassis Cultural Centre, wo griechische und internationale Produktionen gezeigt werden, ein Filmmann und eine Theaterfrau zusammengefunden haben, Syllas Tzoumerkas und Youla Boudali. Sie haben einen Stoff gewählt, der als Roman und als Film vorliegt: „King’s Lösegeld“. Das Buch von Ed McBain erlangte durch seine Verfilmung Berühmtheit – Akira Kurosawas Film „Zwischen Himmel und Hölle“ von 1963 ist ein Klassiker. In beiden Werken geht es um eine Kindsentführung aus dem Haus eines Managers. Da versehentlich der Sohn des Chauffeurs gekidnappt wird, gerät der Manager in Gewissensnöte. Er bezahlt schliesslich das hohe Lösegeld, was ihn zum Helden macht, aber auch seinen sozialen Abstieg nach sich zieht. Auf der anderen Seite steht der Entführer, der es gewohnt ist, aus den Niederungen des Elendsviertels auf den Hügel der Reichen zu schauen. Die erlebte Diskrepanz ist der Grund für seine Tat, wie er dem Manager in einem letzten Gespräch vor seiner Hinrichtung darzulegen versucht. Das ist fraglos ein psychologisch ergiebiger Stoff, der Eignung für die Bühne aufweist.

 Tzoumerkas und Boudali haben sich für eine Zweiteilung des Abends entschieden. Erst verfolgt man die Entführungsgeschichte auf der Kleinen Bühne, dann folgt man den Schauspieler auf einem Rundgang durchs Haus und die nähere Nachbarschaft. Leider entwickelt sich der erste Teil zu einem recht zähen Kammerspiel, das in seiner Anlage nicht überzeugen kann. Die Überzeichnung resp. Verfremdung des Spiels ist deutlich, aber nicht auf den Punkt gebracht. Eine psychologische Durchdringung der Figuren war, möchte man aufgrund des zu Sehenden annehmen, wohl nicht gefragt. Die schauspielerischen Leistungen sind dabei eher mässig, so dass keine wirkliche Spannung aufkommt. Die auf die Bühne gesetzte Luxuswohnung des Managers in einem Hochhaus (der Blick aus dem Fenster zeigt die Umgebung des Onassis Cultural Centre) ist immerhin schön anzuschauen (Bühnenbild: Konstantinos Zamanis). Die Kostüme von Marli Aleiferi lassen japanische und westliche Kleidermode aufeinanderprallen. Musik und Sound von George Konstantinidis tragen zur Strukturierung des Geschehens bei. Entschieden interessanter wird es, wenn wir den Zuschauerraum der Kleinen Bühne verlassen. Die Schauspieler und das Hauspersonal führen das Publikum nun vom fünften Stock nach unten, wobei jede Etage szenisch bespielt wird. Zu erleben ist der Abstiegskampf des Managers und seiner Frau, aber auch die Geschichte des Chauffeurs. Das Stationendrama geht schliesslich im Aussenraum weiter, wo etwa ein leerstehendes Ladengeschäft zum Nachtclub hergerichtet wurde. Man erlebt den Entführer nun als Mörder und am Schluss als Verurteilten.

 Der Aufwand, den diese Produktion betreibt, ist erheblich und macht durchaus Eindruck. Bedauerlichweise hinkt die Qualität der Darbietung demgegenüber hinterher. Sicher, Haris Attonis als Chauffeur kann mit seiner Wandlungsfähigkeit überzeugen, Youla Boudalis Spiel gewinnt im Laufe des Abends an Facetten und Thanassis Dovris liefert als Entführer eine starke Leistung ab – gleichwohl reicht das nicht, um der Aufführung ausreichend Spannung für drei pausenlose Stunden zu geben. Den übrigen Schauspielern ist für ihren unbedingten Einsatz zu danken: Konstantinos Voudouris, Pavlos Iordanopoulos, Romanos Kalokyris, Makis Papadimitriou und Thanos Tokakis. Ein paar starke Bilder gelingen dem Regieteam, etwa der erste Auftritt des Kidnappers im japanischen Kostüm im Freien, zu viele geraten aber nur nett und harmlos, was immer zu wenig ist. So kommt man am Ende der (zu) langen Aufführung zum Fazit, dass man einen streckenweise interessanten, aber keinen hochklassigen Theaterabend miterlebt hat.

 Ingo Starz

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ATHEN/ Kunstraum Fabrica/ Theaterkollektiv Nikolas Spanos: DER BÄR von Anton Tschechow

Kunstraum Fabrica, Athen/ Theaterkollektiv Nikolas Spanos: Der Bär von Anton Tschechow

Besuchte Vorstellung am 3. Januar 2016

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Copyright: Spiros Panagiotopoulos

Wo die Liebe hinfällt

 Die Dramen von Anton Tschechow nehmen bis heute einen festen Platz auf den Theaterspielplänen ein. Das ist in Griechenland nicht anders als im deutschsprachigen Raum. Die von den Auswirkungen der Krise gezeichneten Menschen in Athen fühlen sich vielleicht auch anders und stärker angesprochen vom Eigensinn der Tschechowschen Figuren und deren Sehnsüchten. Platz für Theater ist in der griechischen Hauptstadt beinahe überall. Die Kulturszene boomt. Der zentrumsnahe Kunstraum Fabrica ist Café-Bar und Theater in einem und wurde vor wenigen Jahren von ein paar Schauspielern gegründet. Er bietet Theatergruppen einen attraktiven Ort, um eigene Projekte zu realisieren.

 Das Theaterkollektiv Nikolas Spanos zeigt nun dort Tschechows frühen Einakter „Der Bär“ aus dem Jahr 1888. Der Autor bezeichnete sein Stück als „Scherz“ – und man kann diese Bezeichnung nachvollziehen, wenn man erkennt wie der Autor französische Komödientradition und russische Seele in seinem Werk miteinander verschmilzt. Der Ort der Handlung gleicht späteren Stücken Tschechows: Ein Gutshof auf dem russischen Land. Allein die Situation ist eine etwas andere. Im Stück „Der Bär“ prallen zwei aus dem Leben gefallene, man könnte auch sagen exzentrische Charaktere zusammen, die verwitwete Gutsbesitzerin Jelena Iwanowna Popowa und der Leutnant a.D. Grigorji Stepanowitsch Smirnow. Sie ist noch ein Jahr nach dem Tod des Gatten in Trauer vergraben, er hingegen heruntergekommen und hochverschuldet. Smirnow geht die Witwe rüde wegen Schulden des Verstorbenen an, weigert sich ohne Zahlung zu gehen und fordert schliesslich die Popowa zum Duell. Statt zu diesem kommt es allerdings zur finalen Annäherung der beiden, welche vom lebensweisen Diener Luka mit heiterem Erstaunen quittiert wird. Die komisch-groteske und gleichwohl melancholisch grundierte Handlung lässt sich in der Tat als „Scherz“ mit gesellschaftskritischer Note auffassen.

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Copyright:
Spiros Panagiotopoulos

Der Regisseur Nikolas Spanos hat eine in vielen Details schillernde, in der Entstehungszeit des Werks angesiedelte Inszenierung geschaffen, die in perfekter Weise die Balance hält zwischen russischer Schwermütigkeit und französischem Esprit. Es ist ein Vergnügen anzuschauen, wie sich Popowa und Smirnow wie verwundete Tiere belauern und umkreisen, einander abstossen und anziehen. Spanos hat eine eindrucksvolle Choreographie der Körper entwickelt, die auch den Diener Luka miteinbezieht. Der Rhythmus dieser wechselnden Konstellationen korrespondiert mit präzise gesetzten Wechseln der Sprechweisen: Vom innigen Flüstern bis zum groben Schreien kommt dabei alles vor. Die Darsteller Katerina Tsakanaki als Popowa, Michalis Zacharias als Smirnow und Konstantinos Blathras als Luka übertragen dieses Konzept mit grossartigem Spiel auf die Bühne. Wie der Regisseur beispielsweise mit seinen Darstellern Tsakanaki und Zacharias von deren erstem Aufeinandertreffen an eine knisternde Spannung in den Raum setzt, diese immer wieder beschleunigt und verlangsamt, das zeugt von erstklassigem Handwerk. So bleibt das Geschehen stets in der Schwebe, behält einen traurig-komischen Grundton. Vassiliki Spanou hat dazu Kostüme und einen Bühnenraum geschaffen, der mit treffenden Symbolen die Handlung belebt und deren Hintersinn unterstreicht. Das Sofa zwischen dem Stuhl für die Gäste und dem verwaisten Platz des verstorbenen Gatten: Ein treffendes Bild für die Grundbewegung der Szene, die folgerichtig damit endet, das Smirnow die gerahmte Fotografie des Toten versehentlich zu Fall bringt und – sich hinter dem Tisch duckend – sein Kopf an die Stelle des Gattenporträts tritt. Und es liessen sich noch viele solcher treffenden Details nennen. Die Musik von Themis Teloglou ergänzt und erweitert mit ihren Klängen aufs Beste das szenische Geschehen. Sie strukturiert den Handlungsverlauf und setzt dezente, stilvolle Zeichen. Am Ende ist es die Musik, welche zum Tanze lädt und die Spannung auflöst. Schliesslich ist die gelungene Lichtführung von Polydefkis Papadopoulos lobend zu erwähnen.

 Nikolas Spanos und seinem Team gelingt eine berührende und erfrischende Tschechowaufführung. Man kommt aus dem Staunen kaum heraus bei dieser seltsam-wunderbaren Inszenierung.

 Ingo Starz

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WIEN / Burgtheater: HEXENJAGD

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Fotos: (c) Georg Soulek / Burgtheater

WIEN / Burgtheater: 
HEXENJAGD von Arthur Miller
Premiere: 22. Dezember 2016 

Als Arthur Miller – damals schon mit dem „Tod des Handlungsreisenden“ berühmt – 1953 seine „Hexenjagd“ herausbrachte, waren Aussage und Tendenz klar: Der linksliberale Meisterdramatiker hatte sein „Schlüsselstück“ zu den McCarthy-Prozessen geschrieben, indem er auf historische Ereignisse zurückgriff, die sich Ende des 17. Jahrhunderts tatsächlich in Salem (Massachusetts) abgespielt hatten. Die „Hexenjagd“ als Menschenjagd, als Massenhysterie, als Prototyp für Verhalten unter totalitärem Druck.

Und diese Aussagekraft ist dem Stück geblieben. Junge Mädchen, die etwas zu verbergen haben (dass sie ihre erotischen Gelüste in einer total repressiven Gesellschaft auslebten), merken, dass der beste Weg des Selbstschutzes darin besteht, andere anzuklagen, wobei die starke „Führerin“ Abigail Williams auf ihre Gruppe einen lange Zeit ungestört funktionierenden Druck ausübt. Eine in diesem Fall christlich-fundamentalistische Gesellschaft findet einerseits Lust an der totalen Macht, Menschen unter Vorwänden (hier ist es der so wohlfeil zu behauptende „Teufel“) zu terrorisieren und auszuschalten, nimmt andererseits die Gelegenheit wahr, die wirtschaftlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich daraus ergeben, sich seiner Feinde zu entledigen und  sich zu bereichern. Eine Grundsituation, die immer stimmt, wenn künstlich „Schuldige“ kreiert und verfolgt werden…

Miller erzählt es an einer Handvoll Schicksalen, voran Abigail, die aus Rachegelüsten die Gattin von John Proctor, die ihr im Wege steht, vernichten möchte. Eben dieses Ehepaar Proctor steht gleichfalls im Mittelpunkt, dazu einige starke Nebenfiguren unter den Betroffenen. Auf der anderen Seite der im Namen Gottes gegen den Teufel agierende Reverend John Hale, dem später Zweifel am eigenen Tun kommen, und schließlich als bewegende Kraft des zweiten Teils der allmächtige Gouverneurs-Stellvertreter Danforth, wenn es um die Gerichtsverhandlung geht (so spannend, wie einst in den Perry Mason-Krimis, wo es dann vor dem Richtertisch so richtig losging und knisterte).

Das ist ein dramatisches, auch lautes und schnelles Stück – sollte man meinen. Dass Martin Kusej es im Burgtheater ganz anders gepolt und gegen den Strich gebürstet hat, wundert bei diesem Regisseur nicht. Zwar ziehen sich zu Beginn eine Handvoll Mädchen nackt aus und beginnen, sich selbst zu befriedigen, aber das Motiv der unterdrückten Erotik wird vom Regisseur nur am Rande bedient. Unter mächtigen Holzkreuzen, die das Bühnenbild von Martin Zehetgruber bestimmen (die heutigen Kostüme stammen von Heide Kastler), geht es um den Druck, der sich in der  Gesellschaft durch eine sich abweichend verhaltende Mädchenschar aufbaut. All das findet nicht nur in extrem düsterer Atmosphäre, sondern auch (Spieldauer: volle dreieinhalb Stunden) extrem langsam und ausgewalzt statt. Die allgemeine Hysterie wird nicht ausgespielt, sondern gedämpft, auch in einem sprachlich hingenuschelten Mezzavoce, das die Dialoge schon in der 12. Reihe überaus schwer verständlich macht. Mühselig schleppt sich die Geschichte zur Pause, als wollte der Regisseur ihr jegliches (Bühnen-)Leben austreiben und nur vom grausigen Druck der Ereignisse erzählen.

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Erst nach der Pause, wenn Michael Maertens als allmächtiger Ermittler und Richter zugleich das Geschehen (auch sprachlich stark) mit der Schärfe eines Eisenmessers durchschneidet, kommt eine Spur von Dramatik auf, wobei Martin Kušej die Figur selbst nicht ganz klar macht – weder ist er ein Heuchler, noch ein felsenfest von seinem Tun überzeugter Mann, eher ein leerer, glatter Technokrat. Im Gerichtssaal spielt dann Marie-Luise Stockinger ganz faszinierend den Zwiespalt der Mary Warren, die nicht mehr lügen will, aber begreifen muss, dass es um ihre eigene Haut geht, wenn sie auf der Wahrheit besteht – und wahnwitzig in die Gruppe zurückkehrt, um sich selbst zu retten.

Für eine der interessantesten Figuren des Stücks, weil sie zu Erkenntnissen kommt und sich diesen stellt, hat man sich aus der Josefstadt (schon wieder) Florian Teichtmeister ausgeborgt: Dieser Reverend John Hale ist entschlossen, aber nicht geifernd auf den Spuren des Teufels, bis ihn keine Überzeugung der Welt mehr von dem Blut rein wäscht, das an seinen Händen klebt. Philipp Hauß (gerade noch Tasso, wenn auch nicht sehr überzeugend) zappelt hier sehr eindringlich als Reverend Parris verzweifelt angesichts einer Situation, der er nicht gewachsen ist und der er nichts entgegen zu setzen hat.

Weniger überzeugend die anderen, die eigentlich die „großen“ Rollen sind: Andrea Wenzl muss die Abigail Williams so starr verkörpern, dass sie fast leblos wirkt, nur selten blitzt das absolut Böse auf, das sie verkörpert. Für den John Proctor hat man Steven Scharf aus München geholt, der zweifellos ein interessanter Typ ist, aber für den aufrechten, kämpfenden Mann viel zu wenig stark, viel zu wenig geradlinig auch. Und Dörte Lyssewski muss die Elisabeth Proctor dermaßen künstlich „zerspielen“, dass gar keine greifbare Figur übrig bleibt (auch sie ist ja bei Miller eine Art Heldengestalt).

In Nebenrollen sieht man Barbara Petritsch, Sabine Haupt und die für Wien neue Barbara de Koy (es sei denn, man erinnert sich an ihre Tante in Kusejs „Hedda Gabler“-Inszenierung, die auch in Wien gastierte), Martin Schwab, Ignaz Kirchner und Daniel Jesch. Das Regiekonzept engt alle jedoch dermaßen ein, dass der Abend nicht auf den darstellerischen Leistungen, sondern auf den Bildern und Stimmungen beruht. Beklemmend düster, ja, aber im Grunde nicht so stark und wirkungsvoll, wie das Stück sein kann.

Selbstverständlich gab es viel Beifall, und Regisseur Kusej hatte auch sehr viel Prominenz in den Zuschauerraum dieser Premiere gebracht. Wer weiß, vielleicht ist er ja doch einmal der nächste Burgtheater-Direktor, da macht man am besten rechtzeitig seinen Kotau.

Renate Wagner

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WIEN / Volx: MUGSHOTS

Mugshots 2 Robert Polster  sitzend
Fotos: Robert Polster / Volkstheater

WIEN / Volkstheater im Volx/Margareten: 
MUGSHOTS von Thomas Glavinic
Uraufführung
Premiere: 16. Dezember 2016,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 20. Dezember 2016

Um diese „Mugshots“ gab es schon jeglichen Wirbel – na ja, man weiß ja erst nachher, dass er nicht der Mühe wert war. Aber als Autor Thomas Glavinic die Uraufführung seines Stücks, das schon vorige Saison durch die Bezirke des Volkstheaters reisen sollte, zurückzog, weil ihm die Regie nicht passte, hatte man Verständnis: Da sorgte sich einer, der sich bisher mit Prosa einen Namen machte, um sein erstes Bühnenkind. Und es war auch nobel von Volkstheaterdirektorin Anna Badora, das Projekt selbst zu verschieben, damit der Autor selbst die Inszenierung übernehmen konnte.

Wenn er uns mit „Mugshots“ erzählen will, dass die Mitmenschen, die sich gar nicht genug auf ihre „politische Korrektheit“ einbilden und diese im Bauchladen vor sich her tragen, letztlich Heuchler sind, wenn es um den Ernstfall geht… dann könnte das als Vorgabe eine scharfe Komödie ergeben. Aber dazu scheitert sein Stück an der verdrehten Story, die er sich ausgedacht hat.

Gewiss, Hauptfigur Christoph wird ziemlich gnadenlos vorgeführt: Früher hatte man Yuppie gesagt, heute ist neuerdings die Bezeichnung „Bobo“ dran, Bohemiens möchten sie gerne sein, Bourgeouise sind sie in tiefster Seele, die Mischung ist teuflisch. Geld haben sie, das sie am liebsten für chices Essen ausgeben (da sind sie wirklich Fachleute, da muss noch ein extra besonderer Käse extra geliefert werden, damit man ihn über irgendetwas reiben kann – ja, und bitte, Wachteleier soll man schon würdigen und nicht Eierspeise daraus machen). Zu viel trinken gehört dazu, ist aber als Fehlverhalten nicht so ernst zu nehmen, mehr als einmal im Monat stürzt man nicht ab. Aber wenn man gefragt wird – also ideologisch ist alles richtig, für die Rechte und Würde der Frau, gegen Rassismus, Antisemitismus, gegen all die hässlichen Sachen, für die nur die hässlichen Leute sind… kurz, dieser Christoph ist sehr zufrieden mit sich selbst.

So richtig gelungen ist er dem Autor von Anfang an nicht, wenn er aus dem Rausch erwacht und sich schrecklich „wie im Theater“ benimmt, und wenn dann die fremde junge Frau in seinem Bett auftaucht – ja, da ist der Dialog recht hölzern, so redet man nicht, wenn es letztlich ja doch realistisch gemeint ist, das holpert und stolpert sprachlich die meiste Zeit nicht wirklich überzeugend daher.

Wenn nun, was ohnedies klar ist, Christoph als Schaumschläger vorgeführt wird, hat sich der Autor allerdings den denkbar schlechtesten, letztlich einfach albernen Anlassfall ausgedacht. Dass die junge Dame im Bett sich nicht als One Night Stand herausstellt, sondern offenbar als mit nach Hause genommene Prostituierte – gut. Dass diese Anastasia aus Kiew nun fordert, von Christoph „gerettet“, sprich: von ihrem Zuhälter „freigekauft“ zu werden (so 50.000 bis 100.000, wobei einem dies ohnedies wie ein Schnäppchen vorkommt), ist einfach eine Albernheit (wobei sie für das Opfer, das sie spielt, ganz schön gewieft ist). Nicht vom schwächlichsten Gutmenschen würde man verlangen können, dürfen, dass er für eine besoffene Nacht, an die er sich nicht erinnert, und blödes Gerede (das er von sich gegeben hat oder nun nicht) das Schicksal eines fremden Menschen mit voller Verantwortung (und Konsequenzen jeder Art) um den Hals gehängt bekommt. Dass die Prostituierte aus dem Osten es versucht – na gut. Aber da geht es jetzt nicht mehr um eine moralische Frage, wie der Autor impliziert, sondern darum, ob der gute Mann ein Trottel ist oder nicht. Bitte, etwas gesunden Menschenverstand!

Mugshots BodenRobert Polster sitzend

Besonders wackelig ist dann das Ende – irgendwann drückt die Dame, deren Benehmen nicht zu glauben und nicht zu erspielen ist (Nadine Quittner kann nichts dafür), offenbar den richtigen Knopf, und der arme, hin und her wackelnde Bobo (Christoph Rothenbuchner tut, was er kann, mit diesem Text) hält lange Reden über das Elend der Welt, das ihn überkommt, wäre sogar zu 50.000 bereit – und auf einmal will die Lady nicht mehr und zieht ab. Wie bitte? Was soll das?

Und im übrigen kann man Thomas Glavinic nur eines sagen, falls er weiter Regie führen will: Es ist elementar ungünstig, ein Stück dauernd im Zwielicht spielen zu lassen, denn das strengt die Zuschauer mehr an als nötig. Dann kommen einem auch eineinviertel pausenlose Stunden sehr lang vor – zumal, wenn da ein Stück herumsegelt, das seinen Zielhafen nicht wirklich kennt und zwischen Boulevard und moralischem Zeigefinger ins Nichts stürzt.

Renate Wagner

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STUTTGART/ Schauspielhaus: DIE ERFINDUNG DER ROTEN ARMEE FRAKTION von Armin Petras

STUTTGART: Die Erfindng der Roten Armee Fraktion“ im Schauspiel Stuttgart

NAZIS UND ROTE REVOLTE

„Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ am 19. Dezember 2016 im Schauspiel Stuttgart

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Copyright: Thomas Aurin

„Ich will nicht mehr hier sein!“ Ein Junge aus der hessischen Provinz bleibt in der Schule sitzen, wird plötzlich in die Psychiatrie eingewiesen, er scheitert an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Diese Lehr- und Wanderjahre werden in Frank Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ad absurdum geführt. „Was habt ihr eigentlich gegen die DDR?“ lautet die ultimative Frage. Militärmärsche aus der Honecker-Zeit begleiten eine junge Frau in Uniform, die das Publikum für eine bessere Form des Sozialismus begeistern will. Die Bundesrepublik möchte sich hier vom Muff der Nazi-Zeit befreien, das Gesprächsprotokoll wechselt rasant zu atemlosen Action-Szenen. Ein innerer Monolog führt plötzlich zum philosophischen Traktat. Dazu gibt es fetzige Live-Musik mit der Band „Die Nerven“ (Julian Knoth, Kevin Kuhn, Max Rieger), die den Geist der Beatles und Rolling Stones beschwören. Dem Regisseur Armin Petras liegt insbesondere die Auseinandersetzung mit der Ost-West-Geschichte am Herzen. Darauf zielt seine Theaterfassung des Romans ab, die er zusammen mit Maja Zade geschaffen hat. Das Bühnenbild von Katrin Brack ist von vielen Plastikfiguren bevölkert, hinter denen die Schauspieler hervorschlüpfen und die Nachkriegsgeschichte Revue passieren lassen. Gegen die kalte Gesellschaft begehrt die Jugend auf. Es ist die Zeit zwischen erster Liebe und Radikalisierung. Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader lassen grüßen, die Terror-Zeit der Roten Armee Fraktion beginnt mit einer Warenhausbrandstiftung. Man mokiert sich über alte Nazis wie Kiesinger, dieses „Nazibehaftetsein“ ruft aber auch die Polizei auf den Plan. Mit diesem verhaltensauffälligen Dreizehnjährigen wird eine Bundesrepublik geschildert, die so kaputt wie Österreich und so abgründig wie Kalifornien ist. Annette Riedels Kostüme weisen zuweilen ironisch auf den Zeitgeist hin. Und Rebecca Riedels Video-Einblendungen beleuchten unterschiedliche Stress-Situationen des Lebens bis hin zu einer verendenden Fliege im Wasserglas. Das alles wird von der Live-Band mit zuweilen ohrenbetäubenden Einlagen begleitet: „Ich mach‘ den Mund auf zähl meine Narben meine Frisur stört mich unheimlich...“ Wahn und Wirklichkeit werden hier immer wieder wild durcheinandergeschüttelt. Das Sittenbild reicht von den verstörten Erwachsenen bis zu den abweisenden Mädchen und der Einweisung des depressiven Teenagers in die „Klapsmühle“. Die Leugnung des Holocaust wird gegeisselt: „Ich war es nicht gewesen.“ Es ist die Unfähigkeit, sich mit der Hitler-Zeit angemessen zu beschäftigen, die die Menschen schmerzt. Witzels hessische Impressionen aus Wiesbaden-Biebrich schildern auch die revoltierenden „Vorderberger“, die den etablierten Großbürgern das Leben zur Hölle machen. Man klatscht eine gelbe Schmiere an die Wand – Vergewaltiger, Mörder und Entführer machen die Gegend unsicher.

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Copyright: Thomas Aurin

Die Normalität wird angesichts angehender Terroristen zu Grabe getragen. Und auch den Katholizismus nimmt Armin Petras gehörig auf die Schippe – etwa dann, wenn Peter Rene Lüdicke als würstchenverspeisender Beichtvater Tilman Strauß die Absolution erteilt. Und auch die anderen Schauspieler Jule Böwe, Julischka Eichel und Paul Grill erwecken den Wahnsinn dieser Nachkriegszeit zum Leben. Der Teenager blickt durch die „rosarote Beatles-Brille“ auf die Zeitläufe, die für ihn die Welt bedeuten. Im Jahre 1969 verwandelt sich das Unbewusste in unheimlicher Weise zum Bewusstsein. Alles endet in einem Furioso zwischen Frotteesocken und psychedelischen Farbspielen, die sich vervielfältigen. Der „Summer of Love“ mit sphärenhaftem Hippietum weicht auf einmal der brutalen RAF-Welt, die in die gutbürgerliche Stube wie eine ungeheure Krake hereinbricht. Die Wut der Jugend nimmt Armin Petras zum Anlass, den Erwachsenen die Leviten zu lesen. Da geht es richtig ab, die Wiedergänger der verdrängten Gewalt kehren zurück. Verschiedene Brechungen in der Erinnerung der Protagonisten lassen das System zusammenbrechen. Man beantwortet keine Fragen mehr, sondern nimmt den verrückten Gründungsmythos der BRD einfach nur so hin. Doch Friede, Wohlstand und Sicherheit sind gefährdet. Das zeigt Armin Petras‘ Inszenierung sehr deutlich. Der Absturz ist nicht aufzuhalten, die Risse im Fußboden werden immer größer. Kindermörder und Entführer wie Jürgen Bartsch und Timo Rinnelt geistern als imaginäre Gespenster über die Bühne, die die Nerven der Protagonisten strapazieren. Die Aura des „Film noir“ lässt grüßen. Armin Petras zeigt, wie plötzlich das Grauen über dem biedermeierlichen „Wirtschaftswunder“ Ludwig Erhards hereinbricht und den ewigen Spießer Ödon von Horvaths verzweifeln lässt. Natürlich überzeugt hier nicht jede Sequenz in der gleichen Weise. Aber die Musik der Band „Die Nerven“ erreicht eine ungeahnte Intensität und Glaubwürdigkeit: „Inmitten der Leere hinter Raststätten versteckt deine Stimme die wie Teer die Straßen bedeckt…“ Ganz versteckt lauert das Grauen des Dritten Reiches, das nachts im Luftschutzkeller zwischen Brandbombem endet. Diese deutsche Wunde will sich nicht schließen. Man wünscht sich sehnlichst ein Happy End, das hier nicht stattfindet.

Alexander Walther

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WIEN / Kammerspiele: DIE KEHRSEITE DER MEDAILLE

Bühnenbild
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt: 
DIE KEHRSEITE DER MEDAILLE von Florian Zeller
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 15. Dezember 2016 

Erstens: Wir lügen immer.
Zweitens: Alles ist Wettbewerb.
Drittens: Nichts frisst an uns so stark wie der Neid.

Von diesen drei Prämissen geht Florian Zeller, der französische Autor mit dem deutschen Namen, bei seinem Vier-Personen-Stück „Die Kehrseite der Medaille“ aus, das nun an den Josefstädter Kammerspielen seine Österreichische Erstaufführung erlebt und an alte Boulevard- und Konversationsstück-Tradition anschließt.

Wenn zwei Paare auf der Bühne stehen, sind wir mittlerweile gewohnt, reflexhaft „Yasmina Reza“ zu denken, und gar so weit entfernt ist die Geschichte nicht. Wie bei der Reza werden auch hier durchaus heutige Probleme reflektiert und vor allem in der Peinlichkeit des täglichen Umgangs ausgestellt.

Aber Zeller hat einen alten Theatertrick neu belebt: Das A-Part, das Beiseitesprechen einzelner Figuren, das nur für den Zuschauer gedacht ist, von den Mitspielern aber angeblich nicht bemerkt wird. Also erfährt man das, was die Figuren denken, und was natürlich dem, was sie laut sagen, durchaus diametral entgegen gesetzt sein kann. Das produziert mühelos Pointe für Pointe.

die vier

Dabei hat die Geschichte, so schwankhaft sie sich gibt, in einer Welt andauernder Partnerwechsel realistische Substanz. Freunde von Paaren, die sich trennen, geraten in echte Loyalitätsprobleme. Wie Daniel und Isabelle, einst „beste Freunde“ von Patrick und Laurence, bis Patrick die Gattin von Jahrzehnten gegen eine junge Frau austauschte – und nun ausgerechnet diese Emma zum Abendessen mitbringt. Natürlich, um stolz seine Trophäe zu zeigen… dieser Angeber!

Im Grunde ist Daniel der tragikomische Held der Geschichte, die Alexandra Liedtke in einem sensationellen Bühnenbild von Volker Hintermeier (so etwas hat man in den Kammerspielen noch nicht gesehen) inszeniert: Der großbürgerliche Wohnraum auf einer Drehbühne, vor Dschungeltapeten, mondän und künstlich, so wie Daniel (der erfolgreiche Verlagslektor) und Isabella (die erfolgreiche Geschichtsdozentin) selbst. Zwei, die sich dauernd einreden, alles sei bestens. Und da muss der alte Freund nur die junge Schönheit mitbringen, und schon fängt Daniel geradezu peinlich zu hecheln und zu zappeln an… Ein Klischee natürlich, aber vermutlich kein ganz falsches.

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Michael Dangl ist Daniel, eigentlich ein feiger Pantoffelheld, der angesichts der jungen Emma in lächerliche Männer-Verhaltensrituale verfällt und sich vor Neid und Begierde richtig körperlich verbiegt. Marcus Bluhm hat das Burgtheater einst verlassen, als er noch spät-jugendlichen Heldenumriß hatte – nun begegnet man ihm mit Glatze, mittelalterlich, angesichts seiner  Beutefrau vor öliger Zufriedenheit strahlend.

Diese ist Alma Hasun, schlank, lockig, sexy, vielleicht ein bisschen zu wenig ordinär für die Stripperin, die sie wahrscheinlich ist. Und eigentlich hätte Sona MacDonald als in vieler Hinsicht verbissene Isabelle den schwarzen Peter – Loyalität gegenüber der Freundin, deren abtrünniger Mann mit billiger Frau ihr nun gegenübersitzt, Ärger über das Verhalten des sich lächerlich machenden eigenen Gatten, da verliert man schon mal die Souveränität. Aber Zeller lässt sie am Ende siegen, und im Grunde beherrscht Sona MacDonald als stärkste Persönlichkeit von allen permanent die Bühne mit bissiger Brillanz.

Eines allerdings nervt auf die Dauer: Die A-parts werden zu viel, die ganze Sache retardiert, was anfangs urkomisch wirkt, ist am Ende kaum noch lustig. Die Schauspieler allerdings tragen den Abend – bis zum heiteren Ende.

Renate Wagner

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