Der Neue Merker

SPIELBERG/ Stmk: BLUES- UND ROCKKONZERT MIT DEN „STONES“. Wenn Halleluja zum Teufel geht. Eine Nachlese zum Rock im Schlamm

Blues- und Rockkonzert in Spielberg/Stmk am 16. September 2017

 

Wenn Halleluja zum Teufel geht

Eine Nachlese zum Rock im Schlamm

Schlammfüße
Bringt man diese Schuhe wieder wirklich sauber? . Foto: Petra und Helmut Huber

John Lee Hooker ist einer der Blueskünstler, die Anfang der 1960er sozusagen an der Wiege der „Rolling Stones“ sangen. Sein Sohn gleichen Namens hatte lange Zeit gravierende Probleme, im Leben Halt zu finden; nicht zuletzt diese Schwierigkeiten waren 1971 der Anlaß für seinen Vater, das Lied Kick Hit 4 Hit Kix U (Blues for Jimi and Janis), das anhand der Schicksale von Jimi Hendricks und Janis Joplin eindringlich vor Drogenabhängigkeit warnt, zu schreiben. Nach schrecklichen Erlebnissen (u. a. Schuß- und Stichverletzungen und nahezu tödliche Drogenräusche) fand John Lee Hooker, Jr. schließlich Stabilität und konnte sich mit Anlagen und wohl auch Gelerntem vom Vater als professioneller Musiker,wenige Jahre nach dessen Tod,etablieren. Halt verlieh und verleiht ihm die Religion (er ist auch als Priester ordiniert), und das ließ er uns bei seinem Auftritt als erster im Programm der „No-Filter“-Tour der Rolling Stones auch ausdrücklich wissen. Die Häufigkeit, mit der er das Publikum zu Halleluja-Rufen aufforderte, kam an die Frequenz, die man aus TV-Sendungen wie „Hour of Power“ kennt, heran.

Natürlich ist es eine große Freude, wenn jemand dem Tod nachhaltig von der Schaufel springen kann, und die Hallelujas aus dem Publikum kamen recht kräftig. Das lag aber sicher auch daran, daß der Sänger als solcher mit seinen Blues, Balladen und Gospel Songs (nur wenige stammen von JLH Seniors Repertoire) eine überzeugende Leistung bot. Anders als sein Vater spielt er dabei nicht die Gitarre; dafür hat er einen erstklassigen und virtuosen Spezialisten namens Jeffrey James Horan mitgebracht, der mit einem akustischen Instrument mit viel fingerpickingkomplexeste Polyphonie schafft.

Juliusson
Jökull Juliusson. Foto: Petra und Helmut Huber

Die Isländische Band Kaleo schöpft aus ähnlichen Quellen wie die Stones. Jedoch – die Band ist erst 5 Jahre alt, und lead-Sänger und -Gitarrist Jökull Júlíusson (in Spielberg bemerkenswert steirisch gekleidet!) wurde 1990 geboren, zählt also nur ein rundes Drittel der Lenze der steinernen Protagonisten des Abends. Seine Stimme hat ein höchst bemerkenswert kehlig leuchtendes Timbre, und die ganze Band rockt mit Saft und Kraft. Kaleo hat auch hierzulande mit Way Down We Go einen größeren Erfolg gehabt, was als letztes Stück des sets erklingt; begonnen aber wird mit dem (stilistisch an J. J. Cale erinnernden, spannungsgeladenen) Titel The Devil Is Gonna Set Me Free. Auch wenn mit längerer Umbaupause nach Reverend Hooker: ausgerechnet!!

JaggerRichards
Mick Jagger und Keith Richards. Foto: Petra und Helmut Huber

Mick Jagger und Keith Richardsmit ihren Kollegen hatten ja schon 1967 ein Albumveröffentlicht,mit dem sie Wünsche satanischer Majestäten erfüllen („TheirSatanicMajesties‘ Request“). Vollends teuflisch wurde es ein Jahr später, als auf „BeggarsBanquet“ eine Nummer des Namens „Sympathyforthe Devil“ zu hören war, die nicht nur Jean-Luc Godard zu einem weit über eine bloße Musikdoku hinausreichenden Film inspirierte, sondern die auch seit 1975ein Hauptstück jedes Stones-Konzerts ist. Meist erklingt „Sympathy“ erst gegen Ende des Programms – aber heuer, auch wieder ausgerechnet! als erstes Stück der 55-jährigen und kein bißchen leisen Formation. Freilich sind Satanismusvorwürfe mehr als weit hergeholt – im Text werden, durchaus konform mit der Bibel („when Jesus Christ hadhismoment of doubt and pain“) schlimme historische Ereignisse mit teuflischem Einfluß in Zusammenhang gebracht und wird vor dem weltläufig-elegant auftretenden Luzifer gewarnt. Und natürlich kokettiert Mick Jagger immer, so auch am Samstag in Spielberg, mit dem Teufel als Verführer, vielleicht ein klein wenig Vorbild?

Richards
Keith Richards. Foto: Petra und Helmut Huber

Über das Konzert, das dritte und vermutlich publikumsmäßig größte auf der aktuellen Europatournee, ist ohnedies schon in vielen Medien ausführlich berichtet und rezensiert worden. Es war für uns ein begeisternder Abend, der die Faszination der Stones auf deren Quintessenz reduzierte und deshalb im Grunde noch stärker war als frühere Konzerte, in denen es ablenkende Kostümvielfalt und Bühnentricks gab. Diesmal: auf vier große Säulen übertragene live-Bilder von der Bühne, und sonst nichts, von einem Feuerwerk ganz zu Ende, nach zwei Zugaben, abgesehen.

Das Programm umfaßte Altbekanntes, aber auch zwei Nummern aus dem 2016 erschienen Blues-Album, in dem die Stones meisterlich auf ihre Ursprünge als „kleine Bluesband“ setzen. Auch die – ohnedies jedes Mal ein bißchen anders klingenden – Arrangements ihrer großen Hits wie z. B. „YouCan’talwaysGetwhatYou Want“, „Tumblin‘ Dice“, „Satisfaction“ waren trocken und pur Stones, mitunter puristischer als im Original auf Platte; und wenn auch die Gitarre von Keith nicht immer exakt gestimmt war: ein einziger, knackig angerissener Akkord von ihm genügt, und jeder versteht, was Sache ist. Für Virtuosität auf 6 Saiten war diesmal der – von einer schlimmen Diagnose erfreulich gut erholte – Ronnie Wood zuständig, und der Bassist seit 1993, Darryl Jones, legte nicht nur das rockige Fundament, sondern brillierte auch als Solist, höllisch schnell auf den dicken Saiten. Unerschütterlich im Zentrum: Charlie Watts, der den unverkennbaren drive der Stones mit seinen Stöckchen vorgibt.

Das (über facebook etc. erhobene) Wunschstück des Abends, „She’s like a Rainbow“ hat einige rubato-Stellen, die erst gut funktionierten, als keyboard-Mann Chuck Leavell als Dirigent eingriff – ein gutes Argument gegen die ohnedies reichlich weit hergeholten playback-Vorwürfe, die manchmal auftauchen.

Jagger
Mick Jagger. Foto: Petra und Helmut Huber

Der unermüdliche Mick Jagger absolvierte wieder sein übliches Laufpensum, das auch halb so Alte (ohne zu singen) an ihre Grenze bringen würde. Wie sehr er mobil ist, kann man daran ermessen, daß es immens schwierig ist, ein scharfes Foto von ihm zu schießen… Dazu ist er auch (durchaus gerne auch in der Landessprache) sarkastisch-witziger Conferencier, greift auch achtbar zur Gitarre, und ist natürlich erstklassiger Harmonikaspieler. Im Grunde merkt man das Alter der Band und ihrer Mitglieder nur daran, daß da und dort die Texte sachte adaptiert werden: z. B. ist in „UnderMy Thumb“ die Betreffende vom girlzur woman mutiert.

Auch über den jämmerlichen Zustand des Platzes wurde schon einiges vermeldet – ebenso, daß sich Mick Jagger über die Befindlichkeit unserer Gummistiefel erkundigte. Na gut, haben eben Nachgeborene auch ein (fast) Original-Woodstock-Erlebnis gehabt. Nur für einen neuen „summer of love“ wars definitv zu kühl und zu gatschig, auch wenn wenigstens der Regen während des eigentlichen Konzerts pausierte.

In Summe waren wir für das Konzert fast 12 Stunden ohne Sitzmöglichkeit auf den Füßen (weil den schönen Platz nahe der Bühne will man nicht verlieren, und der Rückmarsch zum Parkplatz war mehr als aufhaltsam); die Schuhe wieder sauber zu bekommen wird noch einiges an Nacharbeit erfordern. Aber: es hat sich ausgezahlt!! Bei der Vitalität der alten Steine ist keineswegs sicher, daß das 15. ihr letztes Konzert in Österreich war.

H &P Huber

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