Der Neue Merker

Sophia BROMMER. “Ich versuche einfach geerdet meinen Weg zu gehen.”

“Ich versuche einfach geerdet meinen Weg zu gehen.”  –  

INTERVIEW MIT SOPHIA BROMMER

 Sophia Brommer singt am Grazer Opernhaus derzeit die Juliette in Gounods „Roméo et Juliette“ und die Magda in Puccinis „La Rondine“.

image_sophia_christina_brommer_1
Sophia Brommer. Copyright: Dorothee Falke

Frau Brommer, Sie sind jetzt seit einem Jahr hier in Graz engagiert und sind in kürzester Zeit zum Liebling des Grazer Publikums avanciert, wie geht es Ihnen dabei?

Wunderbar und ich hätte nie damit gerechnet. Vor einem Jahr bin ich mit großer Vorsicht im Gepäck hierhergekommen, ich wusste nicht recht, was mich erwarten würde. Aber ich bin unglaublich herzlich empfangen und aufgenommen worden und das Echo war zu Beginn für mich direkt überwältigend.

Sie waren ja vorher sechs Jahre in Augsburg engagiert und auch dort ein Liebling des Publikums. Dort haben Sie bereits die Chance bekommen viele Traumrollen zu singen. Wie es aussieht machen Sie, so wie es früher üblich war, den Weg durch die deutsche Provinz, wobei ich jetzt den Begriff Provinz nicht negativ meine. Viele große Sänger haben an kleineren Häusern angefangen und sich dort bereits ein Repertoire erarbeiten und Erfahrungen sammeln können. Heute fangen ja viele junge Sänger gleich an großen Häusern an, wo sie dann entweder überfordert oder nur in kleinen Rollen eingesetzt werden.

Ich glaube, mein Weg ist EINE Möglichkeit und für mich hat sich dieser Weg einfach so bewährt, aber ich bin vorsichtig zu sagen, dass das der einzig richtige Weg ist. Ich weiß, dass viele Kollegen, die die Chance bekommen an großen Häusern anzufangen, dadurch die Möglichkeiten haben eine große Karriere zu starten, wichtige Kontakte zu knüpfen und gleich wichtige Erfahrungen mit renommierten anderen Künstlern sammeln zu können.

Ich für meinen Teil bin aber sehr glücklich, dass ich die Möglichkeit hatte, früh tolle Partien ausprobieren zu können. Nachdem ich mein Studium ganz frisch mit der Meisterklasse beendet hatte, durfte ich direkt meine erste Konstanze in Augsburg singen. Das war eine unglaubliche Herausforderung, aber aus heutiger Sicht bin ich wahnsinnig froh, dass ich das Wagnis eingegangen bin. Ich hatte immer das Gefühl, ich konnte wachsen, und ich hatte das große Privileg schon bei meinem ersten Engagement – genauso wie hier in Graz auch – immer gefragt zu werden, welche Partien ich mir zukünftig vorstellen kann, und immer in die Planung mit einbezogen zu werden. Das genieße ich sehr und vielleicht ist das ein Vorteil an den kleineren Häusern, dass man ein bisschen mehr umsorgt und gepflegt wird. Für meine stimmtechnische Entwicklung und auch für die Entwicklung meiner Persönlichkeit war das genau richtig. 

Wie kamen Sie überhaupt mit der Oper oder mit dem Gesang in Berührung?

Meine Eltern sind schon immer große Musikliebhaber gewesen, meine Mutter spielte selbst Klavier und hat mir Musik ganz früh nahe gebracht, mein Vater war immer großer Klassikfan. Da ich als Kind oft Einschlafprobleme hatte, sangen mich meine Eltern jeden Abend in den Schlaf. Bald mussten sie das nicht mehr tun, weil ich selbst dieses Ritual übernommen habe. Mit drei oder vier Jahren war mein größtes Entspannungsritual,  mich nach dem Kindergarten mit Kopfhörern ins Wohnzimmer zu setzen, „Die Zauberflöte“ zu hören und lauthals mitzusingen. Irgendwie war ich schon immer ganz tief berührt von klassischer Musik. Und das hat sich wirklich von Jahr zu Jahr gesteigert. Meine Eltern haben mein Talent von Anfang an gefördert, neben Klavier und Querflötenunterricht, bekam ich bald auch Gesangsunterricht und sang im Kinderchor. Ich wusste schon ganz früh, dass das meine Richtung sein würde und dass ich eine innere Notwendigkeit verspüre, mich auf diese Art und Weise auszudrücken. Anfangs lag der Schwerpunkt eher auf der sakralen Kirchenmusik, meine Leidenschaft für die Oper entbrannte aber nach und nach immer mehr. Und heute bin ich ihr hemmungslos verfallen.

Sie haben im Jahr 2012 beim ARD-Wettbewerb gleich vier Preise bekommen, ist danach Ihre Karriere so richtig in Schwung gekommen?

Es kamen danach einige Angebote, ja. Die tollste Möglichkeit, die sich mir damals aber erschlossen hat, war eine CD-Produktion. Insgeheim war das schon immer mein Traum, eine CD aufnehmen zu können und eine ganze Produktion selbst bestimmen zu dürfen. Durch den Wettbewerb hat sich diese Möglichkeit aufgetan, und ich war wahnsinnig glücklich. Ich hatte  komplette Freiheit bei der Programmauswahl und konnte gute Kontakte zum Plattenlabel Oehms knüpfen. Geplant war ursprünglich nur eine CD. Die Zusammenarbeit war dann allerdings so positiv, dass sich im Anschluss gleich die Idee für eine zweite CD Produktion ergab. Dirk Kaftan, mit dem ich schon in Augsburg eng zusammengearbeitet hatte,  bot damals sofort an, sich mitsamt dem Augsburger Philharmonischen Orchester für eine gemeinsame CD Produktion zur Verfügung zu stellen. Heraus kam unser gemeinsames Arien Album „Promessa“, auf das ich sehr stolz bin.

Das war wirklich eine tolle Chance, denn heute ist es sogar schon für arrivierte Sänger schwierig Platten aufzunehmen. 

Es rechnet sich kaum mehr. So eine Produktion ist verhältnismäßig teuer, da heutzutage kaum noch CDs verkauft werden. Man lädt sich heute größtenteils die Musik aus dem Internet herunter, die wirkliche Abnahme von CDs ist sehr begrenzt. Und dann gesagt zu bekommen „Wir wollen eine junge Sängerin fördern und ihr die Möglichkeit geben, sich auf eine andere Weise zu präsentieren“ war für mich wirklich eine großartige Chance.

Die erste CD war eine reine Lieder-CD. Leider muss man feststellen, dass das Publikum für Liederabende ausstirbt. Das junge Publikum fängt mit Lyrik offensichtlich nicht mehr viel an. Es ist daher erfreulich, wenn sich dennoch junge Sänger noch mit der Liedliteratur beschäftigen.

Ich glaube, dass sich beide Bereiche, Oper und Lied, gegenseitig unheimlich bereichern und dass man jeweils aus der anderen Gattung profitieren kann. Im Liedgesang hat man die Möglichkeit, den Ausdruck, den man auf der Bühne im Großen versucht zu vermitteln, zu komprimieren und für einen sehr erlesenen Kreis in einer intimen Atmosphäre, ohne szenische ‚Ablenkung‘ zu bündeln. Der Schwerpunkt liegt allein auf dem Wort. Das beinhaltet eine andere Qualität zu singen und erfordert eine viel feinere, intimere Dosierung. Das ist im Umkehrschluss wiederum für die Opernbühne nur von Vorteil.

Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass das vielleicht ein Grund ist, warum Liederabende nicht mehr ganz so gut frequentiert werden. Lied hat durch seinen poetischen Ursprung etwas ganz Zwingendes, Packendes, vielleicht auch Überforderndes in gewisser Weise. Wenn man sich aber darauf einlässt, etwas unglaublich Berührendes und Sensibles. Das macht Liedgesang so besonders. Aber beide Genres befruchten sich gegenseitig. Sich auf der Opernbühne nicht nur stimmlich sondern auch körperlich ausdrücken zu können, bietet eine weitere Dimension, die ich persönlich sehr liebe.

Sie haben soeben mit der Juliette in Gounods „Roméo et Juliette“ einen Riesenerfolg gehabt. Die Julia von Shakespeare ist ja für jede junge Schauspielerin die Traumrolle schlechthin. Wie ist es für eine Sopranistin? Was reizt Sie an dieser Partie und wie schaut es dazu im Vergleich mit der Giulietta in Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ aus?

 An Juliette fasziniert mich besonders der irrsinnige emotionale und musikalische Umfang der Partie. Sie entwickelt sich in kürzester Zeit vom jungen kapriziösen Mädchen zu einer tief empfindenden leidenschaftlichen reifen jungen Frau. Diese Übergänge und Grenzen musikalisch sowie darstellerisch auszuloten, finde ich unheimlich spannend. Die Giulietta in Bellinis Capuleti habe ich bisher nicht gesungen und kenne sie daher nicht ganz so gut, als dass ich einen Vergleich anstellen könnte.

Sophia BROMMER

Sophia BROMMER in „La Rondine“. Copyright; Werner Kmetitsch

 Die Premiere von „La Rondine“ vor wenigen Tagen war äußerst erfolgreich. Dieses Werk wird leider viel zu selten aufgeführt. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

 Vielleicht an dem Operettengenre dem dieses Stück oft zugeschrieben wird? Völlig zu Unrecht wie ich finde… Puccinis Melodien gehen auch bei diesem Stück unter die Haut und die Handlung beinhaltet wenig belanglose Oberflächlichkeit. Viel mehr erzählt sie einen Kampf zwischen wahrer Liebe, Freiheit und Selbstbestimmt. Ich hoffe dass wir mit unserer Inszenierung ein wenig dazu beitragen können, das Stück ins Gedächtnis zurückzurufen und ins Herz zu schließen.

 Sie haben in der ersten Saison in Graz bereits drei Traumrollen gesungen, die Luisa Miller, die Konstanze und die Micaela. Gibt es noch Traumrollen, die Sie bis dato noch nicht gesungen haben?

Natürlich! Absolute Wunschrollen sind die Elvira in Puritani, Massenets Manon, Margarete, Tatjana, sowie irgendwann evtl. Leonora, Desdemona, Norma und ganz besonders gerne würde ich einmal Tosca und Madame Butterfly singen. Das wäre zumindest ein geheimer Wunschtraum. Darüber hinaus liegt mir die Wiederaufbereitung der gesungenen Partien wie Lucia, Traviata, Liu, Donna Anna und Fiordilig sehr am Herzen. Zu sehen wie eine Partie wächst und sich weiterentwickelt, stimmlich als auch emotional, reizt mich enorm. Die Liste kennt insgesamt kein Ende. Natürlich würde ich auch gerne das französische Fach weiter ausbauen und mich Richard Strauss Opern widmen. Mal sehen wo es hingeht. Alle existentiellen tiefsinnigen tragischen Charaktere ziehen mich magisch an.

Haben Sie seit Beginn ihrer Karriere schon gemerkt, ob sich Ihre Stimme in eine bestimmte Richtung entwickelt?

Ich fühle, dass sich die Stimme entwickelt. Sie ist runder geworden, die Mittellage ist gewachsen und die Kondition auch. Das ist für mich eine der großen Hürden, die es zu überwinden gilt, eine körperliche und emotionale Kondition zu entwickeln, die einen lange Bögen gestalten lässt. Arien mit Klavier einzustudieren ist die eine Sache, aber dann auf der Bühne zu stehen und den Atem und die Kraft zu haben, das Orchester mitzuziehen und die Stimme fließen zu lassen, sich frei zu fühlen, um emotional gestalten zu können, ist ein Prozess der mit der Erfahrung und der Reife kommt. Da kann man technisch schon dran arbeiten, aber das Erlebte spielt hierbei für mich eine große Rolle. Ich lerne am meisten an Partien, die ich bereits einstudiert habe, die wachsen konnten und dann nach einiger Zeit und Erfahrung neu gestaltet werden können.

Viele Sänger sagen „Singen macht glücklich!“ Stimmt das?

 Das stimmt absolut.

 Demnach muss Opernsänger einer der schönsten Berufe der Welt sein?

Einer der schönsten und zugleich einer der fragilsten, weil die Stimme ein so zartes und zerbrechliches Instrument ist. Man spürt so leicht, ob es einem gesundheitlich oder emotional gut geht oder nicht, und das wirkt sich immer gleich auf die Stimme aus. Deswegen macht es einen unendlich glücklich wenn alles gut ist, aber auch furchtbar hilflos und traurig, wenn man krank ist.

Privatleben für Sänger ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Sie sind aufgewachsen im Schwarzwald und haben dort immer noch ein Standbein, weil ihre Eltern dort leben, sie selbst leben aber jetzt in Augsburg und sind in Graz engagiert. Nicht jeder Sänger hat das Glück seinen Partner mitnehmen zu können an die jeweilige Wirkungsstätte, dann ist man lange Zeit getrennt. Wie lässt sich das alles unter einen Hut bringen?

 Es ist tatsächlich ein logistischer und emotionaler Drahtseilakt. Wir Künstler haben in diesem Bereich nicht wirklich eine Wahl. Manchmal ergibt sich die Möglichkeit, Arbeit und  Privatleben zu verbinden, die Regel ist das aber nicht. Das Gute dabei, man behält eine gewisse Flexibilität im Denken und Handeln dadurch, dass man eben nicht weiß, wo man in drei Jahren sein wird oder welche Menschen einen dann umgeben. Das ist manchmal belastend aber manches Mal auch eine große Chance, sich neu zu erfinden und den Spagat immer wieder neu auf sich zu nehmen, an sich selbst zu wachsen und sich dennoch treu zu bleiben. Ich versuche einfach kommen zu lassen, was kommt und möglichst geerdet meinen Weg zu gehen.

Vielen Dank, Frau Brommer, dass Sie sich die Zeit genommen haben für dieses Interview, und toi, toi, toi für Ihre nächsten Pläne!

 Walter Nowotny

 Sophia Brommer singt am Grazer Opernhaus die Magda in Puccinis „La Rondine“ noch am 2., 5. und 10. Februar 2016 sowie am 5., 11., 18. und 24. März 2016 und die Juliette in Gounods „Roméo et Juliette“ zum letzten Mal am 3. März 2016.

Am 21. Mai 2016 kann man Sophia Brommer auch in Wien hören. Sie wird im Großen Musikvereinssaal, begleitet vom Grazer Philharmonischen Orchester unter Dirk Kaftan,

Lieder für Sopran und Orchester von Henri Duparc singen.

 

Weitere Informationen über Sophia Brommer sind auf ihrer Homepage zu finden: http://sophiabrommer.com/

 

Diese Seite drucken