Der Neue Merker

SIMON KEENLYSIDE: Nur in der Musik macht das Leben Sinn

Keenlyside Meyer x~1

SIMON KEENLYSIDE IM STAATSOPERN-GESPRÄCH

Nur in der Musik macht das Leben Sinn

Fernab von seinem Image eines „Schwierigen“ plauderte Simon Keenlyside in der Agrana-Bühne der Staatsoper lockere 50 Minuten mit Direktor Dominique Meyer, in einem überraschend guten Deutsch, humorvoll, positiv in seiner Ausstrahlung, aber doch auch gelegentlich kritisch, wenn er beispielsweise mehrfach (!) anmerkte, was schlechte Bühnenbilder einem Sänger antun können… Ob er das gegenwärtige von „Pelleas und Melisande“ meinte, sagte er nicht, wohl aber, dass er sich lang gegen die Rolle des Golaud gewehrt hätte, einfach weil ihm die eigene Stimme nicht dunkel genug dafür erschien. Außerdem kann er den Kerl nicht leiden, der alle Menschen um sich quält. (Dafür ist es immerhin eine sängerisch-darstellerische Meisterleistung von ihm geworden.)

Keenlyside, der 58 ist, blickt auf 50 Jahre Musikausübung zurück, wobei es Musik in seiner Familie immer gab – Vater und Großvater waren anerkannte Geiger, wobei der Großvater ihm riet, doch seinen Namen anzunehmen (er sah in dem Enkel natürlich den künftigen Instrumentalisten): Ein Geiger könne doch nicht Keenlyside heißen, Hirsch hingegen schon…

Seit seinem achten Lebensjahr singt Keenlyside, der als Junge Choralschüler im St John’s College, Cambridge, war. Die Unterbrechung seiner Karriere durch das Studium der Zoologie (der Natur ist er nach wie vor auf engste verbunden) war keine ernsthafte Konkurrenz für den Gesang. Er bewundert sich selbst, mit welcher Entschlossenheit er als junger Sänger beispielsweise ohne Geld im Mozarteum herumschlich, bis sich Professor Rudolf Knoll seiner erbarmte und ihm Unterricht gab.

Warum ist es das Singen geworden?

„Das Leben ist so schwer, so chaotisch“, meint Simon Keenlyside. „Musik ist die einzige Logik, der einzige Ort, wo es Sinn macht.“

Direktor Meyer führte Keenlyside nun quasi durch seine Karriere, wobei dieser zugab, sich an manche Details seines Lebens (etwa den Sommer in Glyndebourne) überhaupt nicht mehr zu erinnern. In Wien debutiert er 1999 als Rossinis Barbier. Mehr als an seine eigene Leistung erinnert er sich an Kollegen Juan Diego Florez, der am gleichen Abend in Wien debutierte und ihn durch seinen absolut „strategischen“ Umgang mit seinen Stimmmitteln beeindruckte.

Wien ist nun nicht eine Stadt, in der Keenlyside, der geborene Londoner, sich wirklich so zuhause fühlt wie in London, Covent Garden, und auch in München, wie er sagte. Aber was er hier schätzt, sagte er dem Publikum auf Englisch: „You value your culture. You are in the same club as me.“

Lieder sind neben der Oper für ihn besonders wichtig. Wien plant auch in der Staatsoper einen Keenlyside-Liederabend mit der „Winterreise“, wobei Thomas Ades am Klavier der Begleiter sein wird, jener Komponist, in dessen Oper „Der Sturm“ Keenlyside so überzeugend reüssierte. Er werde das Werk wieder ansetzen, erklärte Dominique Meyer – hoffentlich wird es sich dann terminlich mit Keenlyside als Prospero endlich ausgehen.

Was hat er in Zukunft weiter vor? Einfach das machen, was er jetzt tut, Mozart, auch Verdi – er glaubt nicht, dass dieser nur von großen, schweren Stimmen geschrien werden kann, wie viele Opernfreunde meinen. Vielleicht fügt er noch den Boccanegra seinem Repertoire hinzu, vielleicht auch den René, vor dem er ja zurückgeschreckt ist.

Aber Karriere ist nicht das Einzige, was in seinem Leben zählt – aus der Ehe mit Zenaida Yanowsky, der Prima Ballerina des Royal Ballet, die vor ganz kurzer Zeit „in Pension“ gegangen ist, hat er zwei Kinder, für die er Zeit haben möchte. Und auch noch eine Farm in Wales, wo er mit dem Traktor herumfährt und sich leidenschaftlich der Natur widmet.

In Wien ist es übrigens der Wienerwald, in den es ihn zieht – mit dem Wohnmobil (Motorrad dabei), mit dem er unterwegs ist. Hotelzimmer sind ihm zu einsam…

Renate Wagner

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