Der Neue Merker

Sigrid Bauschinger: DIE CASSIRERS

BuchCover_Bauschinger  Die Cassieres

Sigrid Bauschinger: 
DIE CASSIRERS
Unternehmer, Kunsthändler, Philosophen
Biographie einer Familie
464 Seiten, C. H. Beck Verlag, 2016 

Wer hierzulande „Cassirer“ sagt, meint  mit einiger Sicherheit zuerst einmal Paul. Paul Cassirer (1871-1926), der als Kunsthändler und Verleger so unerschütterlicher für die Moderne – die deutsche, die französische – kämpfte, der so wichtig in seiner Welt war, dass er seine zweite Gattin, die Schauspielerin Tilla Durieux, von Stuck, Corinth, Slevogt, Oppenheimer, Gulbransson, Kokoschka und sogar Renoir porträtieren lassen konnte, was wohl alles über seinen Wirkungskreis und seinen Einfluß aussagt. Man weißt auch, dass er inmitten wüster Scheidungsverhandlungen mit Tilla Selbstmord beging – aber auch in nur 55 Lebensjahren hat der Mann, dem man im übrigen einen mehr als unsteten Charakter nachsagte, aus besten und schlechtesten Eigenschaften gemischt, Unglaubliches geleistet.

In der Welt der Geisteswissenschaften ist es dann auch Ernst Cassirer (1874-1945), ein Cousin von Paul, der einen ganz besonderen Rang einnimmt, dessen Werkverzeichnis von imposanter Breite der Interessen zeugt, dessen Rezeption bis heute ungebrochen ist.

Und sie sind nur zwei aus einer riesigen Familie, die sich nach dem Stammvater über vier Generationen bis in die Gegenwart zieht, wobei die Cassirer heute nicht mehr in Deutschland zu finden sind… Der „ganzen“ Familie – auch wenn das angesichts der Fülle ihrer Mitglieder nur teilweise möglich ist – hat sich nun die deutsche Germanistin Sigrid Bauschinger angenommen. Sie ist schon während ihrer Arbeit an der Biographie von Else Lasker Schüler auf Paul Cassirer gestoßen (die beiden hatten eine keinesfalls friktionsfreie Beziehung), und sie hat den immerhin 400seitigen Briefwechsel zwischen Eva Cassirer-Solmitz und Rilke herausgegeben. Und nun also – alle Cassirer, die von Bedeutung waren. Und das waren viele.

Zuerst mag man sich wundern, dass man in dem Buch am Ende keine Stammtafel findet, aber bei so vielen Nachkommen – Stammvater Moses hatte sieben Söhne, sein zweiter Sohn Marcus zehn Kinder, neun von ihnen hatten jeweils bis zu sieben Kinder – gäbe es kein Buch, das dies in aller Breite im vollsten Wortsinn auf“zeichnen“ könnte, also ist die Aufzählung von Generation zu Generation sinnvoller, auch wenn man als Leser tatsächlich immer zurückblättern muss, wer nun eigentlich wer ist – es waren einfach zu  viele.

Jene Kapitel, die versuchen, die Familiengeschichte zusammen zu fassen, können daher auch durch die Fülle der Namen manchmal verwirrend werden. Aber sehr viel Grundsätzliches ist doch über die Cassirer zu sagen, die bemerkenswerterweise nach dem „Urvater“ Moses mit wenigen Ausnahmen (Salomon, Isidor) ihren Kindern keine jüdischen Namen mehr gaben. In Schlesien reich geworden, haben sie schon seit Max Cassirer (1857-1843) Geld vor allem in geistige und soziale Werte umgesetzt, wie es ja dem jüdischen Ideal entspricht. Sie hingen ganz eng zusammen, heirateten sogar stark untereinander (Cousins und Cousinen), suchten in Berlin stets in der Nähe der anderen zu wohnen, um für einander da zu sein.

Sie waren – mit wenigen Ausnahmen, die sich katholisch taufen ließen – gläubige, aber keinesfalls fanatische Juden, und sie verstanden sich als „Deutsche jüdischer Abstammung“ und nicht als deutsche Juden. 15 von ihnen dienten im Ersten Weltkrieg, und manch einer gab sich auch angesichts der herandämmernden Nationalsozialismus der Illusion hin: Dieses Land ist mein Land. Gestorben sind bereits die meisten Cassirer der zweiten Generation in der Emigration. Ungeachtet dessen, dass sie davor an Leistung erbracht hatten, was die Juden dem deutschen Geistes-, Wirtschafts- und Sozialleben nur beisteuern konnten.

Übersichtlich wird das Buch, wenn die Autorin dann in teilweise sehr langen und ausführlichen Kapiteln einzelnen Schicksalen Raum gibt: Aus der ersten Generation Max, deutscher Patriot, der den guten „preußischen“ Werten verbunden war, erfolgreicher Fabrikant, in der Folge seine Neffen Paul, Bruno (gleichfalls Verleger), der Musiker Fritz und vor allem der Wissenschaftler Ernst – sie alle, die unter dem Motto „Kunst und Wissenschaft“ zusammen zu fassen sind.

Edith Geheeb-Cassirer, die Tochter von Max, wird von der Autorin der Kategorie „Sozialarbeit und Pädagogik“ zugeordnet, hat sie doch die Odenwaldschule begründet und geführt.

All diese Schicksale werden zuerst bis zur Zäsur der Emigration erzählt – und dann in eigenen Kapiteln, wie es in anderen Teilen der Welt weiterging, ob Schweiz, England, Skandinavien, USA, Südafrika. Am Beispiel von Wolfgang Richard Cassirer, geboren 1924 in Berlin, der als Wilfrid Cass in England lebt (und die Verkürzung des Namens bedauert), kann die Autorin zeigen, dass sich die besten Eigenschaften der Familie über die Generationen hinweg erhalten haben – Talent, gepaart mit großem Fleiß, die Fähigkeit, rasche Entscheidungen zu treffen, monetären Gewinn nicht um seiner selbst willen zu suchen, sondern zu Wohltätigkeit zu verwenden, oft zur Unterstützung von Kunst und Künstlern. So haben die Cassirer, in Bewältigung aller Schwierigkeiten, auch in der Emigration ihren Weg gefunden, wobei man nicht weiß, ob es in der Familie wirklich kaum „schwarze Schafe“ gab, oder ob diese einfach in der Schilderung unter den Tisch gefallen sind.

Am Ende widmet sich die Autorin drei bedeutenden „angeheirateten“ Cassirer-Frauen, zuerst Tilla Durieux, die schon bei Paul prominent vorkam, aber hier noch einmal in der ganzen Breite ihres Schicksals ersteht; Eva Solmitz, die den Kunsthistoriker Kurt (Sohn von Max) heiratete und die u.a. eine bedeutende Rolle im Leben von Rilke spielte; und schließlich, das überrascht, Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer, die in zweiter Ehe mit Reinhold Cassirer verheiratet war, dessen Vater bereits den Weg nach Südafrika gefunden hatte. Die Cassirer haben, wenn sie nicht untereinander heirateten, auch bedeutende Frauen angezogen…

Schade jedenfalls, dass die Fähigkeiten der Familie Cassirer, dass ihre einzelnen Erfolgsgeschichten, in Zukunft nicht mehr ein beneidenswerter Teil der deutschen Geschichte sind.

Renate Wagner

Diese Seite drucken