Der Neue Merker

SIEGMUND von HAUSEGGER: BARBAROSSA

0761203766628

SIEGMUND von HAUSEGGER: BARBAROSSA, Hymnen an die Nacht; cpo CD

Symphonische Dichtung in drei Teilen, drei Orchesterlieder

Wer hoch- bis spätromantische Musik von Wagner, Bruckner bis Mahler und Strauss mag und weder vor Epigonentum noch Deutschtümelei zurückschreckt, der wird auch Gefallen an der vorliegenden CD finden. Die 1897 erlassene Badenische Reform betreffend „die sprachliche Qualifikation der bei den Behörden in Böhmen angestellten Beamten“ ist beim deutschsprachigen Teil der Bevölkerung auf wütende Proteste gestoßen. Der Grazer Dirigent und Komponist Siegmund von Hausegger, der ab 1920 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker war, nahm dies aus persönlichem Erleben zum Anlass, eine symphonische Dichtung im Stile Franz Liszts zu schreiben: „Barbarossa“ erzählt Geibels Ballade nach von der Sage des Kaisers Friedrich I, der aus jahrhundertelangem Schlaf erwacht das bedrängte Volk befreit. „Die Not des Volkes“, „Der Zauberberg“ und „Erwachen“ heißen dementsprechend die drei Teile. Diese Hauseggers zweite große Tondichtung wurde mit größtem Erfolg seinerzeit in München ur- und in Berlin zweitaufgeführt.

„Barbarossa“ ist keine Programmmusik im landläufigen Sinn, das Absolute der musikalischen Sprache orientiert sich an Stimmungen der poetischen Vorlage. Natürlich gibt es sie, die musikalische Assoziationen und Hörerinnerungen, etwa zu Bruckners vierter Symphonie, der Karelius Suite von Sibelius, der Klangsprache Franz Liszts, Raffs oder Rimsky Korsakovs bzw. der sechsten Symphonie von Gustav Mahler. Kompositorisch und ideologisch befindet sich der Hörer im Fahrwasser der nationalen Schulen, wie es sie u.a. noch in Russland, Polen, der Tschechoslowakei, Finnland, Ungarn oder England gegeben hat.

Zu den „Drei Hymnen an die Nacht“ nach Versen von Gottfried Keller steht im Booklet trefflich vermerkt, dass „sich in diesen Gesängen die Tugenden und Eigenarten ihres Schöpfers zu einem Gesamtbild fügen, in dem die vertikalen Schichten und horizontalen Abfolgen ein harmonisches Ganzes bilden: eine Tondichtung in drei Sätzen von der eher träumerischen Einleitung („Stille der Nacht“) über die dramatisch aufschäumende, komplexe Szene „Unruhe der Nacht“ bis zum feierlich-versöhnlichen Finale „Unter Sternen“. Der ganz vorzügliche Hamburger Bariton Hans Christoph Begemann, singt mit voller satter Stimme äußerst differenziert und ausdrucksstark diese prächtigen Orchesterlieder. Seine Unterrichtsstunden bei Elisabeth Schwarzkopf und Hans Hotter haben offensichtlich gefruchtet. 

Dem Symphonieorchester Norrköping, einem der führenden Klangkörper Skandinaviens,  gebührt ein großes Kompliment, die komplexen und dichten Partituren so transparent und in allen Instrumentengruppen gleichermaßen leuchtend realisiert zu haben. Der niederländische Dirigent Antony Hermus hat gründliche Vorarbeit geleistet und durch sein Engagement dazu beigetragen, dass über das symphonische Werk Hauseggers wieder einmal diskutiert werden kann. Der wohl bekannteste Schüler Eugen Jochum hat Hausegger als wunderbaren Lehrer und spirituellen Musiker beschrieben. Hauseggers 1938 entstandene RCA Aufnahme der Originalversion Bruckners Neunter gilt heute noch vielen als Maßstab (derzeit auf Premier Records erhältlich).

Das Label cpo setzt mit dieser Neuerscheinung seine “Hausegger-Reihe” fort, die mit den Symphonischen Variationen über ein Kinderlied “Aufklänge”, den Symphonischen Dichtung „Wieland der Schmied” und  „Dionysische Phantasie“ sowie der Natursymphonie so erfolgreich und vielbeachtet begonnen hatte.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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