Der Neue Merker

Sergei Rachmaninov: TROIKA (Brüssel, 2015)

DVD Cover Troika

Sergei Rachmaninov
TROIKA

Bel Air Classics, 2 DVDs, 185 min.

Die Idee war von großem Reiz, vor allem, weil Sergei Rachmaninov ja kein häufiger Gast auf unseren Bühnen ist. Drei Opern von ihm sind erhalten („Monna Vanna“ nach einem einst berühmten Theaterstück von Maeterlinck hat er nie vollendet), und alle rangieren unter dem Damoklesschwert der „Kurzoper“, mit denen das Repertoire im allgemeinen (die Ausnahme ist natürlich die „Cavalleria“ /  „Bajazzo“-Paarung) so wenig anfangen kann.

Aus den drei Rachmaninov Stücken „Aleko“, „The Miserly Knight“ (Der geizige Ritter) und „Francesca da Rimini“ nun (erstmals in der Operngeschichte) ein Bühnen-Trio zu machen, oder vielmehr eine „Troika“, was noch interessanter klingt, war eine fabelhafte Idee 2015 in Brüssel, wo ohnedies Notstand herrschte: Während das Haupthaus, das Theatre de la Monnaie, renoviert wurde, war man auf der Suche nach einer Ausweichspielstätte. Und tatsächlich, das „Theatre National“ war ein interessanter und passender Rahmen für eine Produktion, die normale Operngewohnheiten hinter sich ließ (wenn man nicht gerade an Robert Wilson denkt…)

Man kann aus der Not eine Tugend machen. Ein Einheitsbühnenbild für drei Werke, auch noch eine (bei geringen Variationen) im Grunde einheitliche Ästhetik, aller inhaltlicher Unterschiede zum Trotz. Eine Treppe ist – außer für Sänger, denen das singende Leben treppauf, treppab nicht wirklich erleichtert wird – szenisch oft eine gute Idee, zumal wenn die Regie auf strenge Stilisierung ausgerichtet ist und man diese Treppen zwischendurch  irrational schimmern oder quasi wellenartig fließen lassen kann.

Das war der Zugang der Dänin Kirsten Dehlholm, die auch als Performance- und Medienkünstlerin bekannt ist, als solche eine eigene Compaganie, „Hotel Pro Forma“  leitet, und mit ihnen diese Idee des optisch bestimmten Gesamtkunstwerks vor die akkurate szenische Umsetzung der Inhalte (zweimal zu einer Puschkin-Vorlag, einmal Dante) gestellt hat. Gemeinsam mit einer weiblichen Crew (Maja Ziska für die Bühnenbilder, Manon Kündig für die oft abenteuerlichen Kostüme, die mehr auf Schock als auf Geschmack setzen) bietet sie vor allem absurd-surreale Schauwerte. Im Mittelteil des Abends spielen dann auch Videosequenzen eine große Rolle.

Wilson wurde erwähnt, seine gemessene Bewegungschoreographie greift auch hier, und wie bei Wilson wird das Publikum gespalten sein, in jene, die sich von einer fast meditativen Betrachtung des Irrationalen gefangen nehmen lassen, und jenen, die – zweifellos zu Recht, diese Werke sind als „Opern“ mit starker Handlung gedacht – Bühnenhandlung reklamieren. Aber, wie die Kritik schrieb, in Brüssel ist man bekannt dafür, „abenteuerliche“ Interpretationen zu bevorzugen (was der interessierte Opernfreund mitverfolgen kann, da immer wieder Produktionen des Monnaie, nachdem sie abgespielt sind, kurze Zeit als Streams zugänglich gemacht werden).

Musikalisch hat man diese griffigen, russisch-romantischen Werke dem jungen russischen Dirigenten Mikhail Tatamikov aus St. Petersburg anvertraut, der – im ersten und letzten Stück mit dem Orchester hoch vor der Treppen-Bühne gelagert – die Musik so dicht webt, dass sie das Schiff ist, auf der das seltsame Boot dieser Inszenierung beruhigt segeln kann.

Auch wenn man von der Handlung nicht viel mitbekommt und die Sänger allein durch die Kostüme wie Kunstfiguren durch das Geschehen tapsten, so ragte doch unter den durchwegs russischen Sängern Anna Nechaeva hervor. Auch wenn nicht jede Anna „die nächste große Anna“ ist, beeindruckte sie stimmlich in „Aleko“ als die ungetreue Ehefrau des Titelhelden und im letzten Stück als Francesca.

Im ersten Stück ist Kostas Smoriginas der betrogene Titelheld, im zweiten begegnet man in der Rolle des geizigen alten Vaters den einst auch auf unseren Bühnen zu hörenden Sergeï Leiferkus, dem sein feindlicher Sohn in Gestalt von Dmitry Golovnin künstlerisch wacker zur Seite steht. Sergey Semishkur ist sowohl für „Aleko“ wie als Paolo in „Francesca da Rimini“ für die jungen Liebhaber zuständig. Und das Publikum an den Bildschirmen daheim muss sich wie jenes in Brüssel entscheiden, ob man sich hingerissen in diese seltsame Welt fallen lässt oder nur den Kopf schüttelt. Immerhin, die Musik siegt auf ganzer Linie.

Renate Wagner

P.S.  Die DVD hat neben französischen und flämischen nur englische Untertitel.

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Sergei Rachmaninov

TROIKA

Brüssel, Juni 2015

Dirigent: Mikhail Tatarnikov
Brussels La Monnaie – De Munt Opera Chor und Orchester
Regie: Kirsten Dehlholm
Bühnenbild: Maja Ziska
Kostüme: Manon Kündig

ALEKO
Aleko – Kostas Smoriginas
Young gipsy – Sergey Semishkur
Old gipsy – Alexander Vassiliev
Zemfira – Anna Nechaeva
Gipsy woman – Yaroslava Kozina

 THE MISERLY KNIGHT
Baron – Sergei Leiferkus
Albert – Dmitry Golovnin
The Duke – Ilya Silchukov
Money lender – Alexander Kravets
Servant – Alexander Vassiliev

FRANCESCA DA RIMINI
Lanceotto Malatesta – Dimitris Tiliakos
Francesca – Anna Nechaeva
Paolo – Sergey Semishkur
Virgil’s shade – Alexander Vassiliev
Dante – Dmitry Golovnin

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