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SERGEI PROKOFIEV: Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution Op. 74 Live-Aufnahme vom Kunstfest Weimar August 2017

SERGEI PROKOFIEV: Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution Op. 74

Live-Aufnahme vom Kunstfest Weimar August 2017

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Vor 100 Jahren kam es in Russland zum großen Umbruch: Im März stürzte die Zaren-Monarchie, am 7. November 1917 – nach altem julianischen Kalender der 25. Oktober – ergriff Wladimir Lenin mit seinen Bolschewiki die Macht. Dieser Tag ging in die Geschichte als Oktoberrevolution ein. In Deutschland berichteten Medien aus diesem Anlass ausführlich darüber, dass das Erbe der Oktoberrevolution Russland noch heute prägt. Die FAZ meint etwa, dass derzeit eine Neubewertung der Ereignisse stattfindet – aber anders, als man im Westen vermuten würde. Doch das hat nichts mit Musik zu tun und gehört daher nicht hierher.

 

Wir drehen das Rad der Zeit um 80 Jahre zurück. Sergei Prokofiev, 1936 freiwillig aus dem Exil zurückgekehrt, versucht, ein angepasster und braver Sowjetkomponist zu werden. Wohl wollte Prokofiev auch der erste Tonsetzer am Roten Platz werden, weil Shostakovich nach dem Verriss seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk zur persona non grata geworden war, wie das so berührend aus der Warte des Komponisten im Roman „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes nachzulesen ist. Allerdings ist Prokofiev seine so nachdrücklich deklarierte „Heimatliebe“  mit einem Bekenntnis, seinen eigenwilligen Personalstil mit der Hinwendung zu Einfachheit und Liedhaftigkeit neu ausrichten zu wollen, vom Regime vorerst so gar nicht gedankt worden. Seine „Revolutionskantate“ fiel nämlich beim Komitee für Kunstangelegenheiten durch. Bei den Feierlichkeiten erklangen diverse andere Kantaten. Prokofiev hingegen stürzte sich in andere Arbeiten, „Alexander Newski und die Oper „Semjon Kotko“  ließen offenbar nicht allzu viel Zeit für Gram und  Trauer zu.

 

Das Kunstfest Weimar und Kirill Karabits, Chefdirigent des Deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle Weimar, haben sich entschlossen, 2017 den historischen Ereignissen mit einer beeindruckenden Aufführung dieser pompös aufgeblasenen opernhaften Kantate zu gedenken. Wir hören die Massen aufmarschieren und singen, begleitet von einem gigantischen Orchesterapparat, Doppelchor und Bläserensemble. Russische Folklore und krachendes Militärgetümmel, lyrische Nabelschau und Kommunistisches Manifest. Prokofiev zeichnete selbst für den Text verantwortlich, wobei er sich nicht scheute, auch Teile der sowjetischen Verfassung, Lenin Reden bzw. eine Rede Stalins zum Tode Lenins auf dem II. Sowjetkongress der UdSSR am 26.1.1924 irgendwie in Töne zu gießen. Lesen Sie diesen „Der Schwur“ genannte Abschnitt und sie werden staunen, wozu der Komponist von „Peter und der Wolf“ oder vieler anderer großartiger Symphonien, Ballette und Kammermusik sich hinreissen ließ. Das stilistische Panorama der Kantate reicht von Chörsätzen bis hin zu Textdeklamation, die teilweise wie pseudoreligiöse Psalmodien klingen. Auch drei instrumentale Teile sind in das musikalische  Monstrum eingearbeitet. Natürlich wäre es nicht Prokofiev, wenn diese durch und durch propagandistische Musik nicht auch vereinzelt inspirierte Passagen enthielte und das kompositorische Niveau insgesamt erstaunlich hoch ist, was sich unter anderem in der komplexen Behandlung der Chöre zeigt.

 

Die musikhistorisch verdienstvolle Aufführung stützte sich auf die Kräfte der Staatkapelle Weimar, des Ernst Senff Chors Berlin sowie Mitglieder des Luftwaffenmusikkorps Erfurt. Das ist aber nicht alles, zu dem gesellen sich noch eine neunköpfige Schlagzeugergruppe, ein Akkordeon-Quartett, Gewehrschüsse, Alarmsirenen. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

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