Der Neue Merker

SELCUK CARA: Aus der Beamtenstellung heraus…

Selcuk CARA –  aus der Beamtenstellung heraus…

Sein Name ist Selcuk Cara. Er ist ein türkischstämmiger Bass, der in der Nähe von Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickte. Seine ersten Erfahrungen als junger Sänger sammelte er im Jugendchor des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Zunächst studierte er  Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, u.a. bei Jürgen Habermas.

Antonis Papakonstantinou, ein griechischer Gesangsprofessor, bereitete den Türken Selcuk Cara auf die Aufnahmeprüfung der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main vor, die Selcuk Cara zur Überraschung seiner Familie tatsächlich bestand. Es sollte erwähnt werden, dass seine Eltern ihm nur einen einzigen Versuch, eine einzige Aufnahmeprüfung gestatteten, und diese auch nur in ihrer Nähe, in Frankfurt am Main. Hätte er sie nicht bestanden, dann wäre er jetzt wahrscheinlich kein Opernsänger.

Bald lernte er Eike Wilm Schulte kennen, der ihm wie eine Erscheinung vorkam. Mühelos sang der die schwersten Partien. Selcuk Cara wurde sein Schüler und reiste mit ihm um die Welt. Schon früh erkannte der junge Türke, was das größte Problem des vielen Gastierens auch für die namhaftesten Künstler war. Nicht das ermüdende Reisen, sondern die Einsamkeit nach den Proben und Vorstellungen!  Auf diese Einsamkeit konnte er sich zwar sehr lange vorbereiten, aber als die Zeit dafür reif war,  brauchte auch er Jahre, um sich an diesen Zustand zu gewöhnen.. Doch er fand eine Lösung: er kam auf die Idee eines seiner Lieblingsprofessoren, Prof. Dr. Peter Ackermann, zurück. Er hatte bei ihm in Musikgeschichte über „Tristan und Isolde“ eine – man darf es nun sagen – außergewöhnlich gute Diplomprüfung abgelegt, so dass er gemeinsam  mit seinem Lehrer den Entschluss traf,  über Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ zu promovieren. Die einsamen Stunden zum Beispiel in Wien verbringt der Bassist in einem alten Wiener Cafe an seiner Doktorarbeit oder – jetzt wird es etwas sonderbar – im Tiergarten Schönbrunn, für den er eine Jahreskarte besitzt.

Aber zurück zur Oper. Die Festengagements an zahlreichen Opernhäusern hatte er schon durch. Staatstheater Oldenburg, dann die Oper Köln und zuletzt die Oper Bonn. Die künstlerische Arbeit im Festengagement befriedigten den aufstrebenden Sänger nicht sehr. In manchen Spielzeiten sang er 17 Partien – und diese fachübergreifend vom tiefen Bass bis zum Heldenbariton – im gleichen Zeitraum. Vormittags Proben im Heldenbariton-Fach und am Abend eine Vorstellung als Bass. Die Zuschauer/Zuhörer ahnten natürlich nichts davon, aber Selcuk kämpfte sich von  Vorstellung zu Vorstellung, vom Kurzzeit-Memorieren zum Kurzzeit-Memorieren.

Schließlich zog er die Notbremse und stieg aus dem Festvertrag aus – spontan und auf eigenes (großes) Risiko – ohne Vorbereitung. Das heißt, er ging aus einer quasi Beamtenstellung hinaus in die Erwerbslosigkeit. Diese Zeit nutzte er aber sehr gut, um sich noch konzentrierter auf das Deutsche Fach zu stürzen und mit Eike Wilm Schulte und Richard Trimborn eingehend zu studieren. Eike Wilm Schulte hatte ihn mit seinen vielen Freikarten für die Generalproben unzähliger Vorstellungen in Bayreuth wagnersüchtig gemacht, so war dieser Weg, der Weg ins Deutsche Fach, der für den jungen Sänger der einzig denkbare.

Die Engagements blieben nicht aus. Bald sang er den Kaspar in C.M. von Webers „Der Freischütz“ im Festspielhaus Bregenz, an der Oper Freiburg, an der Komischen Oper Berlin und schließlich am Theater an der Wien. Parallel dazu sang er  an weiteren Opernhäusern zahlreiche Partien aus dem Wagner-Fach. Von Fasolt bis Hunding, von König Marke bis Hagen.

Gerade sein jüngstes Projekt war wieder eines, das ihm große Freude bereitet hat. Am 07.09.2013 hat er den Hagen in Richard Wagners „Götterdämmerung“ gesungen. Alles hat gestimmt. Die NDR – Radiophilharmonie unter der hervorragenden Leitung des ungemein freundlichen Eivind Gullberg Jensen war wundervoll. Die Sängerkollegen waren ebenfalls hervorragend, vor allem Andreas Schager als toller Siegfried und Caras Vorbild aus Studentenzeiten, Wolfgang Schöne, als Alberich. Die gemeinsame Szene Alberich/Hagen (Traumszene) wird ihm noch lange in Erinnerung bleiben. Schöne ist ein außergewöhnlich freundlicher Mensch, der ihm jetzt auch etwas beratend unter die Arme greifen möchte. Das ist für Selcuk Cara eine große Ehre und Motivation. Diese „Götterdämmerung“ wird bald über die ARD Sender ausgestrahlt.

Einige Partien im Wagner Fach stehen demnächst an, da wird er reichlich Hilfe von echten Künstlern und Eingeweihten des Deutschen Faches wie Eike Wilm Schulte, Richard Trimborn und Wolfgang Schöne brauchen. Wenn das Fundament bei Wagner nicht stimmt, dann klingt es nicht nur schlecht, sondern man verliert die Stimme. Einige Sänger hat er schon an ihm vorbei nach oben und leider auch bald wieder tief nach unten rauschen sehen – oder auch rauschen hören. Da hofft er doch, dass ihm das erspart bleibt und er seine Karriere ruhig genug aufbaut und/oder aufgebaut hat.

Das Gespräch mit Selcuk Cara führte A.C. im September 2013


Selcuk Cara
  ist ein deutscher Opern- und Konzertsänger in der Stimmlage Bass. Er tritt hauptsächlich als Wagnersänger auf. Er konzentriert sich in erster Linie auf das Deutsche Fach. Selcuk Cara gastiert im In- und Ausland, so u.a. in der Philharmonie Berlin, der Komische Oper Berlin, der Oper Köln, der Philharmonie Köln, der Oper Bonn, beim Beethovenfest Bonn, in der Alten Oper Frankfurt, im Teatro Comunale di Bologna, im Festspielhaus Bregenz, bei den Bregenzer Seefestspielen, den Wiener Festwochen und im Theater an der Wien.

Homepage: www.selcuk-cara.com

 

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