Der Neue Merker

SCHWETZINGEN: VEREMONDA, L’AMAZZONE DI ARAGONA von Francesco Cavalli

Barocke Neuentdeckung bei den Schwetzinger Festspielen: „Veremonda, l’amazzone di Aragona“ von Franceso Cavalli

(Vorstellung: 1. 5. 2016)

 

Lawrence Zazzo u. Netta Or_Delio u. Veremonda
Eine der kriegerischen Szenen: Veremonda (Netta Or) bedroht Delio (Lawrence Zazzo) © SWR / Martina Pippich

Immer wieder überraschen die Schwetzinger Festspiele in ihrem schmucken Rokokotheater mit einer Opernrarität, so auch heuer mit: „Veremonda, l’amazzone di Aragona“ von Franceso Cavalli, wobei es sich um eine Koproduktion mit dem Staatstheater Mainz handelt. Die Uraufführung der Oper in drei Akten und einem Prolog fand im Jahr 1652 in Venedig statt.

Der Inhalt der Oper, deren Libretto von Giulio Strozzi stammt, in Kurzfassung: Alfonso, der König von Aragon, will Granada von den Mauren zurückerobern und belagert deshalb den Felsen von Gibraltar, auf dem die Festung der Königin Zelemina steht. Da jedoch der König mehr an Astrologie als an Kriegsführung interessiert ist, überlässt er es dem jungen General Delio, die Auseinandersetzung zu führen, der ein Liebesverhältnis mit der verfeindeten Königin pflegt. Veremonda, die Gattin des Königs, schart eine Gruppe mutiger Frauen um sich, da sie nicht an einen Erfolg der Kriegsstrategie glaubt, und will mit ihren „neuen Amazonen“ Gibraltar selbst erobern. Nach vielen Intrigen und von erotischen Leidenschaften bestimmten Liebesverwirrungen, in die auch Veremonda verstrickt ist, stürmen die Christen die Stadt, während die Mauren zum Fest in der Arena versammelt sind. In der Moschee muss Zelemina ihre Niederlage zur Kenntnis nehmen. Als Delio ihr seine Liebe bekennt und ihr seine Hand anbietet, konvertiert Zelemina zum Christentum, Veremonda jedoch treibt den König dazu an, die letzten flüchtigen Mauren niederzumetzeln.  

 

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Es gab nicht nur Gewaltszenen: Polina Pasztircsák als Vespina und Miriam Gadatsch als La Vendetta (© SWR / Martina Pippich)

Die Regisseurin Amélie Niermeyer, zurzeit Professorin am Salzburger Mozarteum und demnächst auch am Theater an der Wien tätig, wies in einem im Programmheft abgedruckten Gespräch mit der Dramaturgin Ina Kerr über „Veremonda“ darauf hin, dass der historische Hintergrund der Oper „wie eine Folie für die Angst vor dem Fremden, vor der anderen Religion, anmutet. Diese Vermischung von undefinierbarer Angst und dezidierten Vorurteilen empfinde ich als sehr gegenwärtig.“ Vermutlich fiel ihre Inszenierung deshalb so martialisch aus. Es wurde gerauft, gekämpft, geschlagen, gefoltert…

Ein Teil der oft mit Holzkisten angeräumten, ansonsten aber meist leeren Bühne (Gestaltung: Stefanie Seitz) war geflutet – wohl in Anspielung auf die Lage der umkämpften Stadt. Die Kostümierung der Darsteller war der kriegerischen Handlung angepasst (Entwürfe: Kirsten Dephoff), für die Lichteffekte sorgte Gerrit Jurda.

Das seit 30 Jahren zu den führenden Orchestern im Bereich der historischen Aufführungspraxis zählende Ensemble Concerto Köln wurde vom argentinischen Dirigenten Gabriel Garrido geleitet, der als Spezialist für italienische Musik des 17. Jahrhunderts und des lateinamerikanischen Barock gilt. Damit lag die farbenreiche Partitur von Francesco Cavalli in besten Händen und wurde mit allen Facetten, wie bei den kunstvollen Rezitativen,  dargeboten.

Wie auch in den letzten Jahren boten die Schwetzinger Festspiele ein ausgewogenes Sängerensemble auf. Hervorragend die israelische Sopranistin Netta Or in der Titelrolle der Amazone Veremonda. Figürlich und gesanglich stellte sie die amazonenhafte Königsgattin exzellent dar, die sich nur mühsam eines Vergewaltigungsversuchs von Delio erwehren kann.  Der junge General wird vom amerikanischen Countertenor Lawrence Zazzo gespielt, der seine Rolle ebenso spielfreudig auslebt. Die Maurenkönigin Zelemina, die schließlich für ihre Liebe zu Delio zum Christentum konvertiert, wurde von der griechischen Sopranistin Alexandra Samouilidou mit oft tänzerischer Grandezza dargestellt. Mit starkem stimmlichem und schauspielerischem Ausdruck wartete der auch in Wien gut bekannte Altus Matthias Rexroth als König Alfonso auf. Ebenso eindrucksvoll die ungarische Sopranistin Polina Pasztircsák in der Rolle der Vespina, der Vertrauten von Veremonda.

Zur guten Ensembleleistung trugen auch die Darsteller der kleineren Rollen bei, wie beispielsweise die kanadische Mezzosopranistin Frances Pappas als Zeleminas Amme Zaïde, die Sopranistin Miriam Gadatsch als La Vendetta, die Mezzosopranistin Ruth Katharina Peeck als Amore und der koreanische Bariton Kyung Jae Moon als Zeleminas Wächter Giacutte, dessen warme, tiefe Stimme das Publikum sosehr faszinierte, dass er am Schluss einige Bravo-Rufe einheimste.

Don Buscone, der beim König Zweifel an der Treue seiner Ehefrau weckt, wurde vom deutschen Tenor Ralf Simon, Delios Vater Ronaldo vom Bariton Stefan Sevenich gespielt. Als Il Sole war der rumänische Altus Alin Deleanu zu hören, in der Doppelrolle als Sergeant und Furore der kolumbianische Countertenor Leandro Bermudez-Lafont. In einer weiteren Doppelrolle fungierte der deutsche Tenor Johannes Mayer als Il Crepuscolo und Zeriffo, Delios Diener.

Lang anhaltender Applaus des begeisterten Festspielpublikums am Schluss der mehr als dreistündigen Vorstellung für alle Mitwirkenden und Bravo-Rufe für das Orchester und seinen Dirigenten.

Udo Pacolt

PS: Die Aufführungen in Mainz werden im Kleinen Haus des Staatstheaters am 20. Juni sowie am 6. und 13. Juli 2016 in leicht geänderter Besetzung stattfinden.

 

 

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