SCHRANCK II – Anonyme Konzerte aus dem Repertoire der Dresdner Hofkapelle; La Folia Barockorchester, Pia Grutschus – deutsche harmonia mundi CD

by ac | 29. Dezember 2017 13:36

SCHRANCK II – Anonyme Konzerte aus dem Repertoire der Dresdner Hofkapelle; La Folia Barockorchester, Pia Grutschus – deutsche harmonia mundi CD

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Meine persönliche CD des Jahres!

 Die vorliegende Weltersteinspielung von barocken, anonym überlieferten Violinkonzerten verdankt ihre Entstehung der Neugierde von Robin Peter Müller. Schon als Jugendlicher hat er sich in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek SLUB in die Sammlung Schranck II eingegraben. Sie besteht aus 1750 Handschriften, die allesamt aus der Musikbibliothek des Konzertmeisters Pisendel stammen und das Orchesterrepertoire des 18. Jahrhunderts während der augusteischen Epoche (Regierungszeit des Kurfürsten Friedrich August I. alias August der Starke und seines Sohnes Friedrich August II.) widerspiegeln. Die Konzerte belegen eine intensive Auseinandersetzung der Dresdner Hofkapelle mit der italienischen Musik. Pisendel war nämlich nicht nur Schüler von Giuseppe Torelli, sondern traf in Venedig persönlich auf Vivaldi. Aber auch galantere Elemente fehlen nicht. Am Dresdner Hof verschmolzen geradezu als Markenzeichen italienische, französische und deutsche Stilistik, das Ergebnis kann nicht anders als prächtig und höchst kurzweilig bezeichnet werden. 

 

Der Dirigent des beschwingt und flott aufspielenden La Folia Barockorchesters hat fünf Konzerte hoher und höchster Qualität für diese Einspielung ausgesucht: Die Concerti für Violine, Streicher und Basso continuo in A-Dur, d-Moll und a-Moll, ein viersätziges Konzert in F-Dur, das von mehreren Schreibern während der Amtszeit von Pisendels Vorgänger Woulmyer verfasst wurde und als Prunkstück das großartige Concerto in D-Dur für Violine, 2 Oboen, 2 Hörner, Fagott und Streicher samt Basso Continuo. Dass Letzteres so stark an Vivaldi erinnert, ist kein Zufall. Weite Strecken der Solopassagen wurden notengetreu aus dem Violinkonzert „Il grosso Mogul“ RV 208 übernommen und in einer Art Baukastenprinzip mit den vermutlich neu komponierten Ritornellenabschnitten kombiniert. „Von Pisendel ist bekannt, dass er Violinsonaten aus Werken verschiedener Komponisten zusammenstellte. So kann auch das vorliegende D-Dur Konzert ein Arrangement Pisendels sein und stellt damit ein Beispiel der Dresdner Vivaldi Rezeption dar“, weiß Steffen Voss in seinem informativen Booklet-Aufsatz.

 

Die Interpretation durch das brillante Orchester La Folia stützt sich auf eine dynamisch reich abgestufte Artikulation, einen transparenten Klang sowie ein energetisches und farbliches Instrumentalfeuerwerk sondergleichen. La Folia – dieser Begriff stand im Barockzeitalter für Kühnheit, Wildheit, Ausgelassenheit, Lustbarkeit und insgesamt für eine künstlerische Haltung der Freiheit und überbordenden Kreativität. Laut Eigenbeschreibung der Entstehungsgeschichte des auf historischen Instrumenten spielenden Ensembles trafen sich im Jahr 2007 ein paar verrückte bis wahnsinnige, junge Musiker, die Lust hatten, Lärm zu machen. Es gab kein Konzert, das in Aussicht stand, keine CD-Produktion, also keine der üblichen „Motivationen“, gemeinsam regelmäßig Musik zu machen. „Wir zogen uns in ein altes Fabrikgebäude im Mannheimer Hafen zurück und spielten, experimentierten, studierten Quellen, hatten dabei sehr viel Spass und waren vor allem auf der Suche nach unserem eigenen Stil.“ Dass der Versuch geglückt ist, davon zeugt diese Neuerscheinung aufs Beste und Angenehmste. Die Konzertmeisterin Pia Grutschus fiedelt zum Niederknien schön, das Orchester lässt keinen Wunsch offen und spielt diese anonymen Konzerte so, als ob es nie etwas anders getan hätte. Traumwandlerisches Einvernehmen, eine goldene Balance der Gruppen, deklamatorischer Feinsinn und ein immenser Ausdruckswillen kennzeichnen ihr musikalisches Erzählen. Die Konzerte selbst könnten in ihrem mitreißenden Drive und ihrer virtuosen Pracht allesamt von berühmten Komponisten am Dresdener Hof stammen. 

 

Fazit: Eine CD wie geschaffen, um Freude und Zuversicht zu vermitteln. Sie wirkt garantiert gegen Winterdepression, Lichtknappheit und so manches Zipperlein. Einziger Einwand: Die Hörer könnten sich ärgern, dass – gerade weil das Album so schön dargereicht ist – aus der umfangreichen Sammlung nur 47 Minuten Musik eingespielt wurden…. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

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