Der Neue Merker

SAVONLINNA: DON GIOVANNI. Mehr als nur „Zweitbesetzung“

Savonlinna: Don Giovanni – mehr als nur ”Zweitbesetzung”, 18.7.2016

Alle 5 „Don Giovanni“-Vorstellungen sind beim diesjährigen Savonlinna-Opernfestival ausverkauft, damit alle etwaigen Zweifel ausräumend, ob die Burg Olavinlinna mit ihrer breiten, aber wenig Tiefe aufweisenden Bühne wirklich der rechte Austragungsort für diese Oper ist. Ob diese Zweifel auch für „Die Entführung aus dem Serail“, die 2017 auf dem Programm steht, unberechtigt sind, wird sich dann erweisen.

Zwei Alternativbesetzungen machten gut eine Woche nach der Premiere am 9.7. den Besuch dieser Vorstellung lohnenswert. Für Waltteri Torikka sang der türkische, an der Hamburger Staatsoper verpflichtete Bariton KARTAL KARAGEDIK die Titelrolle, und von Tapani Plathan, der seinerseits vom Masetto zum Leporello aufgestiegen war, übernahm der Finne ARTTU KATAJA den Diener Giovannis, beide Umbesetzungen – um das Fazit vorwegzunehmen – zum Vorteil der Aufführung, die in der Premiere einige empfindliche Schwachpunkte aufgewiesen hatte.

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Kartal Karagedik als Don Giovanni (Foto: Hannu Luostarinen / Savonlinna Opera Festival)

Mit diesen beiden Künstlern bekam die Produktion endlich das stimmliche und darstellerische Zentrum, das in der Premiere noch schmerzlich vermisst worden war. Natürlich ist es nicht ganz unproblematisch, die Titelpartie mit einem reinen Bariton zu besetzen, und so fehlte Karagedik in wenigen Szenen die nötige Resonanz in der tieferen Lage und auch manchmal ein Mehr an Volumen, um sich in den Dimensionen der Burg-Bühne gegen ein zeitweise zu lautes Orchester durchzusetzen. Aber mit seinem viril-attraktiven, mediterran timbrierten Material gelang ihm eine überaus überzeugende Wiedergabe, gekrönt von einer rasanten Champagner-Arie und kulminierend in einem Ständchen, das für den Premieren-Sänger als eine Lehrstunde in Sachen perfekt durchgestütztem piano dienen könnte. Analog dazu die szenische Umsetzung, persönlichkeitsstark den zwischen Verführung und latenter Gewaltbereitschaft pendelnden Charakter Giovannis zum Zuschauer transportierend. Trotz leichter Einwände ein faszinierendes Porträt!

Karagedik kam dabei zugute, dass ihm als Leporello mit dem Finnen ARTTU KATAJA ein kongenialer Partner zur Seite stand, mit dem er sich in der quasi „regiefreien Zone“ dieser Produktion die Bälle zuwerfen konnte, den Wortwitz der Rezitative voll auskostend.

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Arttu Kataja als Leporello und Kartal Karagedik als Don Giovanni (Foto: Soila Puurtinen / Itä-Savo)

Auch in dieser Rolle profitierte Kataja, Ensemblemitglied der Berliner Staatsoper, von seiner großen Oratorien-Erfahrung und ließ einen perfekt durchgebildeten, weich timbrierten Bassbariton hören, eine Stimme, von der ich mir auch die Titelpartie vorstellen könnte.

Wie schon in der Premiere wiederholten Zerlina, Ottavio und Komtur ihre ausnehmend guten Leistungen, TUULI TAKALA mit einem schon auf größere Aufgaben (nächstes Jahr Gilda in Savonlinna) hinweisenden wunderschön lyrischen Material, der 70jährige JAAKKO RYHÄNEN, mit ungebrochenem Volumen als Komtur auftrumpfend, und TUOMAS KATAJALA, dessen exquisiter Don Ottavio in mir die Frage aufkommen ließ, warum sich die ganz großen Bühnen dieser Welt diesen Tenor bisher entgehen ließen – eine Stimme, kopfstimmenbetont wie die des legendären Kanadiers Leopold Simoneau, versehen mit einer Prise Fritz Wunderlich, dazu (in „Il mio tesoro“) mit virtuoser Agilität à la John McCormack – eine wunderbare Mischung!

Die übrigen Sänger bestätigten meinen in der Premiere gewonnenen Eindruck: GISELA STILLE als Donna Anna mit einem im Grunde lyrischeren Material, das unter Druck produziert hart und zunehmend unruhig klingt; HELENA JUNTUNEN als Donna Elvira mit einer jede vokale Linie fehlenden Interpretation einer schon älteren, von Giovanni verlassenen Frau sowie der brave, allzu unscheinbare Masetto JUSSI MERIKANTO’s.
 
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Kartal Karagedik (Foto: Hannu Luostarinen, Savonlinna Opera Festival)

JOHN STORGÅRD’s Dirigat begann in einer Manier, bei der ich, der ich in der Premiere die fehlende Dramatik moniert hatte, mich fragte, ob ich mich damals verhört hatte oder zu sehr von den Geschehnissen auf der Bühne abgelenkt war, doch im Verlauf des Abends entpuppte sich diese Dramatik mehr als manche Sänger zudeckende Lautstärke. Bei einigen Wackelkontakten mit den neuen Sängern, die ihre letzte Probe etwa zwei Wochen vor dieser Aufführung gehabt hatten, vermisste ich ein reaktionsschnelleres Einrenken.
Ein kleiner Einwand zum Schluss: So imponierend die überwältigende Klanggewalt des Chores in den reinen Choropern wirkt, hier empfand ich den Chor in seinen wenigen Aufgaben als zu voluminös klingend.

Sune Manninen

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