Der Neue Merker

SALZBURG: STEHGEIGER UND SCHNÜRLREGEN – MOMENTAUFNAHME AUS SALZBURG

SALZBURG/ Festspiele: Stehgeiger und  Schnürlregen

Momentaufnahme aus Salzburg  – 10. und 11. August 2017

Ist es der Hinterhäuser-Effekt ? So voll war die Stadt an der Salzach  schon lange nicht – trotz der schwülen Hitze gefolgt von abendlichem Kälteeinbruch mit Schnürlregen. Familien mit kleinen Kindern, viele junge  Paare aus Asien , dazu die Festspielgäste – darunter viele von weit her angereist. So auch aus Russland, das Wirtschaftswachstum hat dort ja angezogen,  vielleicht sogar   aus dem 3650 km entferntem  Perm, wo der derzeit angesagteste  Jung-Dirigent Teodor Currentzis  beruflich zu Hause ist.  Angeblich ist er dem Ruf des Permer Bürgermeisters nur gefolgt, weil er Orchester und Chor seiner MusicAeterna aus Nowosibirsk , die er an seiner früheren Arbeitsstätte aufgebaut hatte,  mitnehmen konnte. Somit gibt es jetzt in der östlichsten Millionenstadt Europas  im Uralvorland  jeweils zwei dieser Klangkörper, wobei die „Ewigen“ ein halbes Jahr mit dem Chef auf Tournee sind, so  im Herbst im Wiener Konzerthaus und derzeit eben in Salzburg.


Patricia Kopatchinskaja, Teodor Currentzis. Copyright: Marco Borelli/ Salzburger Festspiele

Nach der Ehre der „ersten (Opern)Nacht “  mit La Clemenza di Tito und vorher dem Mozartrequiem in der Ouverture spirituelle folgte am 10.August  etwas  „Wienerisches“ , Alban Berg und Gustav Mahler. Die Felsenreitschule war für so ein anspruchsvolles Programm  sehr gut besucht, wenn auch nicht ganz ausverkauft . Das Orchester , mit seinem  Altersdurchschnitt könnte es dem Gustav Mahler Jugendorchester Konkurrenz machen, wurde mit freundlichem Applaus begrüßt. Alles wartete gespannt auf die Solistin Patricia Kopatchinskaja und den hochgewachsenen Dirigenten in den engsten schwarzen Jeans, die je ein 45jähriger bei der Arbeit getragen hat. Als das Paar sich zeigte, setzte wieder leise Applaus ein, worauf beide sofort stehen blieben. Das wiederholte sich noch einmal, bis alle im Saal begriffen hatten , „Dem Andenken eines Engel“ sollte  gleich zu Beginn mit angemessener Stille gedacht werde. Da die Violinvirtuosin  ein mehr als bodenlanges weißes Abendkleid trug, konnten die Wissenden auch kaum einen Blick  auf ihre bloßen Füße erhaschen. Der Applaus war heftig und lang.


MusicAeterna und Teodor Currentzis. Copyright: Marco Borelli/ Salzburger Festspiele

Nach der Pause waren manche im Zuschauerraum verwirrt . Im Gegensatz zu vorher  standen viele einsame  Notenpulte auf der Bühne, nur wenige Stühle. Anderen fiel das zuerst gar nicht auf. Erst als das Orchester zu spielen begann, wurde mit Erstaunen konstatiert, dass die Mehrzahl der Musiker und ( zahlreichen) Musikerinnen es im Stehen taten. Nur wo die Instrumente zu schwer zum Halten waren, gab  es Sitze, die Celli, die Bratschen,  die Fagotte, natürlich die Harfen.

Auch der Dirigent stand jetzt auf  einem Pult , trotz seiner Größe wäre er sonst nicht für alle sichtbar gewesen.  Was das für die erste Geige bedeutete, die in Gegensatz besonders zart gewachsen ist  –  darüber  und über die Sitz- bzw. Stehordnung wurde leise flüsternd viel gerätselt. Aber das hörte bald auf, denn immer wieder gab bei der Symphonie Nr.1 das leiseste pianissimo das die Felsenreitschule seit langem gehört besser gesagt erfühlt hatte. Dafür war der Schlußapplaus um so lauter, und nachdem die ersten Bewunderinnen aufsprangen, blieb auch den anderen nichts übrig als sich zu Standing ovations zu erheben. Dafür bekamen sie auch noch eine Zugabe.

Da der Regen inzwischen aufgehört hatte, war die nächtliche Stimmung bestens. Außer im In-Restaurant neben den Festspielhäusern, da wegen der Kälte die Außentische wegfielen und viele Hungrige weiterziehen mußten. Auch die „Glücklichen“ die für Samstag Karten für Jedermann haben, bangten, ob sie vom Unwetter, das große Teile Österreichs heimgesucht hat, verschont blieben.  Aber nachdem ein verregneter Freitag mit spätnachmittäglichen Sonnenstrahlen aufheiterte, stehen die Chancen nicht so schlecht.

Ulrike Messer-Krol

 

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