Der Neue Merker

SALZBURG / Osterfestspiele: DIE WALKÜRE (Generalprobe)

Osterfestspiele Salzburg
Richard Wagner: »DIE WALKÜRE«
5. April 2017
Generalprobe der Inszenierung von Vera Nemirova in den rekonstruierten Bühnenbildern von Günther Schneider-Siemssen

'Die Walküre', 3. Aufzug: Wotans Abschied und Feuerzauber im Bühnenbild Günter Schneider-Siemssens © Osterfestspiele Salzburg/Forster

»Die Walküre«, 3. Aufzug: Wotans Abschied und Feuerzauber im Bühnenbild Günter Schneider-Siemssens
© Osterfestspiele Salzburg/Forster

I.
Salzburg, Anfang April 2017: Trutzig dämmert die Festung an der Schwelle zwischen Winterschlaf und Frühjahrsmüdigkeit. Die Stadt gehört den Salzburgern. Keine Rede vom Hofmannsthalschen Schnittpunkt zwischen Ost und West, Nord und Süd. Im Untergrund jedoch: hektische Betriebsamkeit vor der samstäglichen Première der Walküre.

II.
Fünfzig Jahre ist es her, seit einer der großen Söhne der Stadt seinen Traum vom eigenen Festspiel in die Tat umsetzte, Synergien hob mit den Sommerfestspielen: — in Zeiten, da »Compliance« noch ein Fremdwort war, der künstlerischen Erfüllung alles galt. »Sein« Orchester, die Berliner Philharmoniker, dienten Herbert von Karajan als Vehikel zur Realisierung seiner Vorstellungen von Oper, Konzert und deren Vermarktung. Und da absolute künstlerische Freiheit nur in Unabhängigkeit erreicht werden kann, finanzierten sich die Osterfestspiele Salzburg zur Gänze privat. (Heute liegt der Eigendeckungsbeitrag bei 88 %.)

Alljährlich übersiedelte man am Beginn des Frühlings von der Spree an die Salzach, um einmal im Jahr szenisch Oper zu spielen. Nicht zuletzt dieses Alleinstellungsmerkmal bewog ein Karajan wohlgesonnenes Publikum, ihm zu folgen. Gemeinsam wurde man reich an Jahren, ehe auf den Zampano Karajan 1992 und 1993 Sir Georg Solti folgte. Wie’s guter Brauch und Sitte, übernahm 1994 mit Claudio Abbado wieder der Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters die künstlerische Leitung. 2003 folgte Abbado mit Sir Simon Rattle ein eher im Konzertsaal beheimateter Maestro. Mit Familienanhang und wechselndem künstlerischen Erfolg.

Seit 2013 übersiedelt man nicht mehr von der Spree, sondern von der Elbe an die Salzach: Die Staatskapelle Dresden mit ihrem künstlerischen Leiter Christian Thielemann bietet jenen, welche zuhören wollen, im Orchestergraben mehr als nur adäquaten Ersatz für die Kollegen aus Berlin.

Das Bessere ist eben immer auch der Feind des Guten.

III.
Das Publikum der Osterfestspiele Salzburg war von allem Anfang an ein distinguiertes. Es hebt sich damit ab von jenem der Sommerfestspiele. In Reih und Glied parken die schweren Wägen in den Höhlen des Mönchsbergs. Keine »Auffahrt«. Ohne Aufgeregtheit strömt man zu und von den Vorstellungen. Die schwarze Lederhandtasche mit dem oft kopierten Monogramm des bekannten internationalen Luxus-Labels: selbstverständliches Accessoire zum großen Dirndl, gefertigt in einem der Betriebe in und um die Stadt.

Man weiß, daß »die Dresdner« jedes Jahr zu Beginn mit der Umstellung auf den Raum kämpfen, zuhause intimer klingen. Aber man weiß auch um das fortgesetzte Bemühen aller Künstler und das ius primae noctis, noch dazu bei den — nun ja, durchaus elitären — Veranstaltungen der Opernvorstellungen am Beginn und Ende der Karwoche. Das verbindet.

'Die Walküre', 2. Aufzug: Peter Seiffert (Siegmund), Anja Harteros (Sieglinde) und Anja Kampe (Brünnhilde) © Osterfestspiele Salzburg/Forster

»Die Walküre«, 2. Aufzug: Peter Seiffert (Siegmund), Anja Harteros (Sieglinde) und Anja Kampe (Brünnhilde)
© Osterfestspiele Salzburg/Forster

IV.
Die Walküre also, in den Bühnenbildern des seligen Günter Schneider-Siemssen (1926–2015). Naturgemäß entzieht sich ein Bericht von einer Generalprobe jeder Wertung, zumindest aber der musikalischen Leistungen. Der Versuch eines Berichtes: Er sei trotzdem gewagt.

Daß ein Schneider-Siemssen sich nicht scheute, mit minimalistischem Aufwand der Majestät des Salzburger Bühnenportals zu huldigen, während heutige Kleingeister ihr Heil in der Verkleinerung der Spielfläche suchen… Wie sollte man es verschweigen?

Daß Vera Nemirova in ihrer Spielleitung nicht immer glücklich agiert, ebenfalls: Wenn Sieglinde Brünnhilde anfleht: »Schütze mich mit deinem Schwert!«, diese allerdings den ganzen Abend hindurch keines trägt… Wenn die Walküren davon singen, daß die auf ihren Pferden festgebundenen Helden einander nicht grün sind, dabei aber speerbewaffnet in Reih‘ und Glied am großen Ring stehen, während besagte Helden hinter ihnen wie im Kindergarten hin und wider laufend einander zu haschen scheinen… Wenn Siegmund im ersten Aufzug eine Felldecke hinter sich her schleift, als sei Linus von den Peanuts mit seinem Schnuffeltuch aus St. Paul, Minnesota, an die Salzach übersiedelt… Wenn Grane zu einem handlichen Steckenpferdchen mutiert, das Anja Kampe kindlich reiten soll…

Subsumiert man all dies unter »kognitivem Analphabetismus«?

V.
Fundament der Aufführung waren die Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann am Pult: Was man da an — für Wiener Ohren durchaus ungewohnten — Instrumentenklängen und Orchesterfarben hörte, wie Thielemann mit seinem untrüglichen Gespür für Agogik da das Tempo anzog, dort nachließ, sein Blick überall zugleich war, er die großen Bögen zu durchschreiten wußte: Am Mittwoch konnte man’s einmal erleben. — Es nicht erreicht zu haben, diesen Kapellmeister in jeder Spielzeit für ein oder zwei Serien an die Staatsoper zu binden: eines der schwerwiegendsten Versäumnisse Meyers.

VI.
Der erste Aufzug, Höhepunkt so vieler Walküre-Aufführungen, geriet selbst auf der Probe zu einer jener raren Stunden, deren man sich als Opernfreund gerne erinnert: Peter Seiffert, jeden Markierens abhold, erfreute als Siegmund nicht zuletzt mit Wälse-Rufen, wie man sie nicht alle Tage zu hören bekommt. Wie Thielemann da vom Pult aus den Sänger unterstützte, mit diesem atmete, gleichzeitig dem Orchester durch gespannte Neigung des Oberkörpers anzeigte, wann es weitergehen werde… Das vermögen nur wenige.

Georg Zeppenfeld war Hunding, mit profundem Baß und engagiertem Spiel. Ob hier nicht ein Sänger schon seit Jahren unter seinem Wert geschlagen wird? Könnte Zeppenfeld z.B. nicht auch als Ochs reüssieren? Denn ihm gelang, was doch Aufgabe jedes Sängers in jeder Oper jeden Abend wäre: die vollständige Gestaltung seiner Partie mit stimmlichen Mitteln: So geriet der im Vergleich zu Seifferts Siegmund zart gebaute Hunding kraft der gesanglichen Leistung Zeppenfelds zu jenem furchterregenden Widersacher, als welchen Wagner ihn imaginierte.

Und dazwischen: Anja Harteros als Sieglinde. Da jubelten Auge und Ohr. Gewiß, der Partie der Sieglinde eignen einige tiefe Passagen, welche diese immer schon auch zum Objekt der Begierde für Mezzosopranistinnen werden ließ. Und in diesen Momenten stieß die Stimme der Deutschgriechin an Grenzen. Aber mit welcher Raffinesse und technischem Wissen Harteros darum wußte, ihre überall sonst blühende Stimme durch diese Untiefen ihrer Partie steuerte: — daran erkennt einer die wirklich große Künstlerin.

'Die Walküre', 2. Aufzug: Anja Kampe (Brünnhilde), Christa Mayer (Fricka) und Vitalij Kowaljow (Wotan) © Osterfestspiele Salzburg/Forster

»Die Walküre«, 2. Aufzug: Anja Kampe (Brünnhilde), Christa Mayer (Fricka) und Vitalij Kowaljow (Wotan)
© Osterfestspiele Salzburg/Forster

VII.
Christa Mayer als Fricka und Vitalij Kowaljow als Wotan trafen im Rosenkrieg der Götter aufeinander. Mayer, angetan mit winterweißem Kleid und ebensolchem, pelzverbrämten Mantel, verteidigte mit Speer und allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln die Reinheit der Ehe. Gelungen die szenische Umsetzung ihres Widder-Wagens als einem von zwei Satyren mit Widdermasken getragenen, kubischen Fauteuil aus weißem Leder. Darauf Wotans Mantel aus echtem Wolfspelz. (Ersonnen von Kostümbildner Jens Kilian, gefertigt in den Schneidereien der Salzburger Festspiele unter der Leitung von Jan Meier.) So manche Besucherin hätte wohl nichts dagegen, dieses (durchaus auch für einen Mann kleidsame) Stück ihr eigen nennen zu dürfen…

Kowaljow scheute stimmlich wie darstellerisch keine Mühen für eine überzeugende Interpretation des Wotan. Daß er (wie andere Väter auch) die Kleider seiner Lieblingstochter wegräumen, ihr diese auf den (angedeuteten) Felsen legen mußte: — Tribut an die auch vor den Spielvogten nicht haltmachende Emanzipation. Berührend, wie Kowaljow im tragenden pianissimo auf der großen, fast leeren Salzburger Bühne Abschied nahm von Brünnhilde: große Oper. In Augenblicken wie diesen, da liegt der ganze Unterschied. 

VIII.
Die Brünnhilde der Anja Kampe ward angetan mit dunkelblauem Wams, eng sitzenden Hosen, Schnürstiefeln, Flügelhelm und Brustpanzer. Dazu langes, blondes Haar. Wotans Lieblingstochter eben. Intensiv im Spiel mit Siegmund. (Der Ring des Nibelungen ist ja eine einzige große Liebesgeschichte, mit dem meet cue der leading lady und des Helden fünf Stunden nach Beginn der Tetralogie.) Intensiv im Abschied von Wotan, hingeschmiegt an den Vater zwecks Durchsetzung ihres Ziels, der Erweckung durch Siegfried… Kampe ließ, obwohl es doch die Generalprobe war, keine Zweifel daran, daß sie heute zu den führenden Brünnhilden zählt. Sie dankte des Kapellmeisters Rücksichtnahme mit schlankem, gut geführtem Sopran und berechtigte für die Première zu den schönsten Hoffnungen.

IX.
All dies Impressionen von einer Probe, wo einiges nicht fertig, anderes noch im Versuchsstadium sich befand. Aber, nehmt nur, alles in allem: eine würdige Geburtstagsfeier.

Thomas Prochazka
MerkerOnline
8. April 2017

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