SALZBURG/ Osterfestspiele DIE WALKÜRE damals und heute (1967-2017)

by ac | 18. April 2017 16:27

Salzburger Osterfestspiele 1967 – 2017

„DIE WALKÜRE“ damals und heute  – 17.4.2017 (Ostermontag)

Das Interessanteste an dieserJubiliäums-Osterwoche war gar nicht der direkte Vergleich zwischen  der „Walküre“-Inszenierung von 1967 und 2017, sofern erstere den Besuchern von damals noch in der Erinnerung haftete; und auch nicht die Frage nach der Qualität, sondern die uns vor allem durch die Begleitausstellung im Salzburg-Museum gebotene Möglichkeit, sich mit den Voraussetzungen für das Karajan-Festival im Jahre 1967 vertraut zu machen. Die damalige Inszenierung war die eines Musikers, von dem zu lesen war:

Ich kann zu einer wirklich tiefen Aussage des Werkes nicht kommen, wenn jemand Regie führt, der nicht mit meinen Augen sieht, mit meinen Ohren hört und nicht mein Herz hat“ (Der Spiegel, 29.8.1966)

Zur Illustration, wie der Maestro das auf seine musikalische Belegschaft übertrug, sah man Probenausschnitte, in denen Karajan den Sängern nicht nur musikalische Details markierend vorsang oder auf Akzente, Bögen, Lautstärke etc. hinwies, sondern er machte ihnen auch verschiedene Gänge oder Wendungen vor. So etwa zeigte er seinem Hunding Martti Talvela, in welchem Augenblick er sich zu Siegmund und Sieglinde drehen sollte, um ein Statement  zu bekräftigen. Verbale Erläuterungen zur jeweiligen Situation oder dem generellen geistig-seelischen Hintergrund des Werkes durften natürlich auch nicht fehlen. Wenn sich z.B: Wotan und Fricka während ihres Streits auf dem die Bühne dominierenden Ring immer mehr voneinander entfernen, so sei das dahingehend deutbar, dass ihre Meinungen bzw. Positionen immer mehr auseinander driften.

Wie sehr sich Karajan damals schon technischer Hilfen bediente, um eine perfekte Aufführung zustande zu bringen, zeigt seine Idee, zuerst eine komplette Tonaufnahme des Werkes zu machen, die nicht nur für die Nachwelt gedacht war, sondern ihm und den Sängern bei szenischen Proben eine große Hilfe war. Nur – leider, leider, leider gibt es keine komplette Video-Aufnahme der damaligen Vorstellung. Dafür war die Zeit noch nicht reif. Die Regisseurin der heurigen Produktion, Vera Nemirova, weist darauf hin, in welchem Ausmaß die heutigen, weit reicheren technischen Gegebenheiten die Bühnenarbeit beeinflussen.

Das wohl Wesentlichste, was diese Ausstellung zu bringen vermochte, waren „Die 10 Gebote eines Bühnenbildners“, wie Günther Schneider-Siemssen sie aufgelistet hatte:

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 Schneider-Siemssens 10 Gebote: Copyright: Pfabigan)

Ich warte an dieser Stelle auf Leserreaktionen wie: „Sowas gibt’s heute nimmer!“ und muss sofort entgegnen: Es gibt solche Künstler sehr wohl – die Frage ist nur: Wer engagiert sie?

Man trifft derart gekonnte Bühnenlösungen in China und Japan, aber auch in deutschen Landen, wo immer der Intendant den Mut hat, die richtigen Leute zu holen  Um bei Wagner zu bleiben:  in Frankfurt, in Chemnitz, in Minden, im schweizerischen Zürich oder Genf, an der MET oder gelegentlich an der Wiener Staatsoper. Mit Theatermenschen wie Harry Kupfer, Peter Stein, Michael Hampe, Dieter Dorn, Michael Heinicke oder John Dew als Regisseuren fahren diese Theater enorme Publikumserfolge ein. Man fragt sich: Ist das nicht wichtiger als die Zustimmung der sog. professionellen Presse???

Die Voraussetzungen, die Herbert von Karajan sich selbst geschaffen hatte, indem er – ohne reguläre Subventionen – das Osterfestival in seiner Heimatstadt auf die Beine stellte, waren natürlich seiner Persönlichkeit und seinem Können zuzuschreiben.

Der Versuch im Jahre 2017, die Ausmaße der Bühne inkl. Orchesterraum im Großen Festspielhaus für eine teilweise Rekonstruktion von Karajans und Schneider-Siemssens „Walküre“ zu nützen, kann im Großen und Ganze als gelungen bezeichnet werden.

Die Faszination der optischen Gestaltung beruht auf den zwei Elementareinfällen: der riesigen Weltesche für den 1. Akt und der gleichsam im Weltraum schwebenden und den kosmischen Schauplatz bildenden, beschreitbaren Ring-Konstruktion als Metapher für göttliches Walten. Diverse Lichteffekte erfüllen die übrigen Anforderungen an Theaermagie.

Interessant ist auch, dass die damalige Produktion keineswegs kritiklos angenommen wurde, wohl aber beim Publikum auf einhellige Begeisterung stieß. Sängerisch gab es damals wie heute Kritikpunkte. Für Salzburg stand Karajan nicht mehr die klassische Besetzung Hotter-Nilsson-Windgassen-Rysanek-Frick zur Verfügung, die seinen Wiener „Ring“ Ende der 50-Jahre zu einem wirklich singulären Persönlichkeitstreff gemacht hatte. Sein Salzburger Ensemble bestand aus Thomas Stewart, Josefine Veasey, Jon Vickers, Gundula Janowitz, Regine Crespin und Martti Talvela – Grund genug für Einwände. Unter seiner Universalführung wuchsen sie freilich alle über sich hinaus. Die heutige Besetzung kann sich im Vergleich dazu ohne weiteres sehen und hören lassen, wozu natürlich auch die Arbeit mit Christian Thielemann ihr Teil beiträgt.

Regisseurim Vera Nemirova, die in Frankfurt einen wirklich eindrucksvollen „Ring“ inszeniert hat (auf DVDs erhältlich!), muss sich ebenfalls, wie auch derVerantwortliche für die Bühnenrekonstruktion und die Kostüme, Jens Kilian, so manche Einwände von Kritiker- und Publikumsseite gefallen lassen. Dem angestrebten Ziel sehr nahe kommt auch heute die gekonnte Beleuchtung von Olaf Freese, bereichert durch Video-Beiträge von rosafilm.

Worin sich damals und heute alle einige waren, das war die musikalische Realisierung, damals mit den Berliner Philharmonikern, heute mit der Dresdner Staatskapelle.

Die gigantischen Ausmaße des Aktionsraumes wussten beide Dirigenten zu nützen. Dass die Wagnersche Musik mit ihrem weltbewegenden Größenanspruch wirklich einen Weltenraum füllt, macht sie zu einem Erlebnis, das uns einerseits ganz menschlich unter die Haut geht, andererseits jeden einzelnen Besucher in höhere Sphären erhebt.

Christian Thielemann hat sich sehr eingehend auch mit den akustischen Gegebenheiten des Hauses auseinander gesetzt und letzlich dafür gesorgt, dass die großen menschlichen Erregungsmomente ebenso wie die kosmischen Vorgänge und andererseits die Augenblicke innerer Einkehr voll zu ihrem Recht kamen. Was die Göttlichkeit der Hauptpersonen einschränkte, waren die wenig repräsentativen Kostüme vor allem Wotans und Brünnhildes, und dass die Arme eine 20-jährigen Schlaf barfuß und im weißen Ruderleibchen absolvieren muss, finde ich unentschuldbar.

Gesungen wurde durchwegs gut und – zumindest im Großen Festspielhaus für „live“Dabeigewesene – waren auch die Stimmen des Göttervaters und seiner Wunschmaid ausreichend. Bei Tonübertragungen mochte der Eindruck ein anderer gewesen sein. Vor allem, wenn die Sänger auf dem hinteren Halbkreis des Ringes platziert waren.

Eine unbestreitbare, damals weltweite Idealbesetzung wie weiland in Wien ist heutzutage nicht fixierbar. Es gibt auf der ganzen Welt hervorragende Wagner-Sänger und deren Verfügbarkeit ist wohl in erster Linie eine Terminfrage.

Die beiden Wälsungen waren ein eher ungleiches Paar. Peter Seiffert machte in zeitneutralen grauen Hosen und schäbigem Obergewand keinen besonders heroischen Eindruck, auch nicht unbedingt mit dem aus dem Stamm der Weltesche gezogenen Schwert. Als der Lyriker mit voluminösem Tenor, der er immer schon war, ließ er auch diesmal seine nach wie vor wohltimbrierte Stimme in schönen Legati und mit klarer Diktion hören. Die Mittellage, die er sich erst mit den schwereren Wagner-Rollen nach und nach ersungen hatte, erwies sich nun im fortgeschrittenen Karrierestadium wieder als relativ schwach im Vergleich zum souveränen Höhenregister. Zu einem gleichsam sportlichen Höhepunkt wurden Seifferts „Wälse“-Rufe, die er womöglich jetzt noch aushält. Er dürfte mit deren Länge sogar Lauritz Melchior geschlagen haben…

Seine Schwester und Braut in der attraktiven Gestalt von Anja Harteros war jeder Zoll ein Götterkind. Mit ihrem noblen, leuchtkräftigen Sopran, der vokalen Ausdrucksintensität, in allen Lagen sattelfest und jedem Wort Bedeutung verleihend, wusste diese Sieglinde, wer sie war, und sie wusste auch sichtlich das Privileg zu schätzen, dem „leuchtenden Bruder“ in die Arme fallen zu dürfen, und die Aussicht, „den hehrsten Helden der Welt“ im Schoße zu tragen, tat sie mit ekstatischer Freude kund. Eine ganz  starke Persönlichkeit!

Dass den hageren, vergrämten Hunding brennende Eifersucht plagte, sobald „ein fremder Mann“ das Haus betrat, machte Georg Zeppenfeld in beinah Mitleid erregender Weise verständlich. Dieser vortreffliche Bassist kann dank seiner wie selbstverständlich funktionierenden, ausdrucksstarken Stimme und markanter Wort-Ton-Behandlung in jeder Rolle übrzeugen. Ein ähnlicher Fall ist Christa Mayer, die ja im gesamten Mezzo-Repertoire reussiert. Diesmal auch als Fricka, im pompösen weißen Pelzgewand auftretend, von zwei Trägern flankiert, die ihr einen breiten Polstersitz, geziert mit Widderhörnern nachtrugen.


Vitalij Kowaljow und die Walküren. Copyright: Barbara Zeininger

Als Wotan konnte sich Vitalij Kowaljow mit exzellenter Textbehandlung und vokaler Souveränität profilieren. Mochte man an den nach überdimensionaler Stimmkraft verlangenden Höhepunkten diesen „göttlichen“ Aspekt vermissen, so gelangen ihm die Dialogszenen mit Fricka und Brünnhilde doch sehr eindringlich. Zweifellos wusste er, was er sang!

Besonders ihm und seiner Wunschmaid kam natürlich Thielemanns einfühlsames Dirigat besonders zugute. Anja Kampe sang die Brünnhilde sehr schön, mit jugendlich hellem Timbre und viel Höhenjubel, und spielte sie, wie alle ihre Rollen, mit großem Impetus in ihrer Kampfeslust und sehr liebevoll in ihrem Verständnis für den leidgeprüften Vater, von dem sie sich zuletzt mit Freude inmitten des um sie entfachten Feuers in den Schlaf singen ließ und gern sein Versprechen akzeptierte, dass nur ein Freierer als er, der Gott, sie würde erwecken dürfen.

Ihre 8 Schwestern  waren mitJohanna Winkel, Brit-Tone Müllertz, Christina Bock, Katharina Magiera, Alexandra Petersamer, StepankaPucalkova, Katrin Wundsam und Simone Schröder würdig besetzt.

Das „letzte Wort“ hatte freilich die Sächsische Staatskapelle mit einem Feuerzauber, den man geradezu „greifen“ konnte, den kein falsches Pathos verunzierte, sondern der sich durch elementare Kraft und Schönheit auszeichnete.  Den Löwenanteil an Publikumszuspruch, nicht zuletzt beim finalen Jubel des vollen Hauses, hat sich Christian Thielemman, der am Schluss auch die Musiker auf die Bühne holte, allemal verdient!

Sieglinde Pfabigan

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