Der Neue Merker

SALZBURG / Landestheater: DIE PILGER VON MEKKA von Chr. W. Gluck

SALZBURG / Landestheater: DIE PILGER VON MEKKA am 12.12.2013 (Werner Häußner)

 Zum Thema Christoph Willibald Gluck fällt den meisten Theatern nichts anderes ein als seine Version des unverwüstlichen Dauermythos‘ von „Orpheus und Eurydike“. Das wird sich, so das Ergebnis einer statistischen Vorschau, auch im Gluck-Jahr 2014 nicht wesentlich ändern. Der am 2. Juli 1714 in Erasbach bei Berching in der Oberpfalz geborene Komponist bekommt zwar eine Briefmarke der Deutschen Post, steht aber in den Spielplänen im Schatten des übermächtigen Jahres-Jubel-Regenten Richard Strauss (1864 geboren) – und in der Trübnis einer Rezeption, die ihm auf der einen Seite die edle Einfalt und stille Größe des Klassizismus unterschiebt, auf der anderen Seite vergeblich versucht, Gluck durch irgendwelche Regie-Übertreibungen für unsere Zeit zu retten.

Wenn es dann doch zu einer der seltenen kongenialen Regie-Taten kommt, dann beweist sich die hinter vorgehaltener Hand für nobel zurückhaltend bis gepflegt langweilig eingeschätzte Musiksprache Glucks als beseelt von bewegender Gefühlstiefe. Vor Jahrzehnten gelang das zum Beispiel Achim Freyer mit einer so kühnen wie erschütternden „Iphigenie auf Tauris“ in München (1979) und später Stuttgart. Oder Peter Konwitschny mit „Orpheus und Eurydike“ 1990 in Nürnberg.

Das Salzburger Landestheater hat sich nun an ein lange verschüttetes Werk Glucks gemacht: „Die Pilger von Mekka“, einst eine beliebte komische Oper, eine der ersten „Türkenopern“ und – von Mozart freilich souverän überholtes – Vorbild für die „Entführung aus dem Serail“. Hoch anzuerkennen, auf was sich Salzburgs Intendant Carl Philip von Maldeghem da im Vorgriff auf das Gluck-Jahr eingelassen hat. Immerhin gibt es in Salzburg schon seit 1966 eine Forschungsstelle, die gemeinsam mit der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz eine Gesamtausgabe der Werke Glucks besorgt.

Das praktische Ergebnis bestätigt allerdings erneut, wie schwer Gluck auf die Bühne umzusetzen ist. Hat Vera Nemirova in München und Nürnberg 2008 „La Rencontre imprévue“ – so der Originaltitel – bis zur Unkenntlichkeit regielich zersetzt, verlässt sich Jacopo Spirei in Salzburg nun auf eine bestätigende, gefällige Ästhetik und setzt die Oper damit in den Sand, der den Rundhorizont der Salzburger Bühne von Nikolaus Webern überzieht – auch wenn uns auf den ersten Blick ein angenehm zu schauendes Öperchen präsentiert wird.

Das geht nicht schief, weil der Schauplatz, ein Vergnügungsdampfers auf dem Nil, nicht funktioniert. Im Gegenteil: Die Agatha-Christie-Anklänge, die auf den Film von John Guillermin (1978) mit Peter Ustinov und Bette Davies anspielen, schaffen eine wohltuende Distanz zur schablonisierten Handlung. Nur ist Spirei nicht der Regisseur, der dem exzentrischen Maler Vertigo (Simon Schnorr), dem schmachtend verliebten Prinzen Ali (Sergej Romanovsky), dem alle orientalischen Klischees bedienenden Calender (Alexey Birkus) oder dem Diener-Tolpatsch Osmin (Leif Aruhn-Solén) eine Existenz jenseits einer italienischen Ausstaffierungs-Opernregie ermöglichen würde.

Wären da nicht die Damen Rezia (die in jeder Hinsicht reizende Laura Nicorescu), Dardané (selbstbewusst und stimmschön: Emily Righter) und Balkis (proper und nicht auf den Mund gefallen: Tamara Gura) – die Geschichte würde komplett in den ratlosen Standbildern Spireis ersticken. Meist bleibt es bei schalen Operngesten, fixiertem Blick zum Dirigenten und – in den Kostümen Bettina Richters ansehnlichen – Figuren-Arrangements, die uns von der Bühne herunter nichts, aber auch gar nichts zu sagen haben.

Wäre es wenigstens gelungen, dem internationalen Ensemble die neuen deutschen Dialoge von Jakob Nolte – gesungen wird in einigermaßen identifizierbarem Französisch – beizubringen! Aber der mühselige Vortrag der Sänger war nicht dazu geeignet, Glucks Story vom Prinzen, der seine Geliebte sucht, bei einem Sultan findet und vergeblich zu entführen versucht, plausibel oder gar witzig auszuformen.

Ein hübsch anzuschauender Fehlschlag also, der auch durch eine ambitionierte musikalische Bemühung nicht zu retten war. Denn so sehr sich Adrian Kelly und das Mozarteumorchester bemühen, Glucks nicht unoriginelle Musik historisch informiert, flott und transparent umzusetzen: der Rhythmus bleibt oft hölzern, das Tempo schematisch. Der Phrasierung fehlen Elastizität und Eleganz, dem Metrum ein lebendiger Puls. Dabei hat Glucks farbige Musik Potenzial für Feuer, Inspiration und Ironie. Manchmal taucht das auf, etwa im „exotisch“ anmutenden Schlagwerk, oder im hintersinnig-sinnlosen Gelalle des berechnenden Calender, der Rossinis dadaistische Lautsilben-Virtuosität vorwegnimmt.

Nicht mehr als gepflegte Nettigkeiten auch im Ensemble: Sergej Romanovsky (Ali) beschäftigt sich zu sehr mit tenoraler Tonproduktion statt den Tönen Sinn zu geben; Alexey Birkus (Calender) drückt die Stimme in eine harte Position, Leif Aruhn-Solén braucht als Osmin einige Zeit, um einen qualligen Tonfall zu verschlanken und seinen Tenor zu fokussieren. Simon Schnorr (Vertigo) hat den anderen voraus, dass er Zwischentöne findet und in Rede und Gesang ausdrücken kann. Unter den Damen ist Emily Righter (Dardané) diejenige mit der geschmeidigsten Stimme.

Was steht sonst an Gluck-Bemühungen für das kommende Jubiläumsjahr an?

Von den großen deutschen Bühnen schaut nur Stuttgart auf den Wiener aus der Oberpfalz: Dort wird die scheidende „Leitende Regisseurin“ Andrea Moses im Juli 2014 „Iphigénie en Aulide“ inszenieren – neben einem „Orphée“ von Christian Spuck. In Nürnberg soll es ebenfalls im Juli bei den Gluck-Festspielen eine der unbekannteren großen Opern geben.

Ansonsten können sich – wieder einmal – vornehmlich kleinere Häuser das Verdienst anrechnen, Gluck auf seine Relevanz für die Gegenwart zu befragen; ein Zeichen dafür, wie wichtig die Vielfalt der Theaterlandschaft ist. In Altenburg erscheint „Iphigénie en Tauride“, Coburg, Cottbus, Görlitz und Trier kündigen „Orpheus und Eurydike“ an. Kaiserslautern wird im Rahmen eines Antiken-Projekts im Februar „Iphigénie en Aulide“ neu herausbringen. In Lübeck inszeniert Michael Wallner zum 28. Februar die „Armide“. Und in Ulm stellt Igor Folwill ab 6. März die tauridische Iphigenie zur Diskussion.

In Wien – wo Gluck über 30 Jahre lebte und wirkte, kündigen die bisher vorliegenden Spielpläne keine Aufführung an; in Paris – einem zentralen Schauplatz seiner Opernreform – gibt es lediglich Pina Bauschs schon arg weitgereiste Version des „Orpheus“: Nicht eben ein Zeichen für Kreativität des kostspieligen Opern-Großbetriebs.

Werner Häußner

 

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