Der Neue Merker

SALZBURG/ Großes Festspielhaus: JEDERMANN. Premiere

EIN NEUER „JEDERMANN“ AM BEGINN: TRIUMPH FÜR TOBIAS MORETTI (21.Juli 2017)

 Das Wetter war ähnlich wie tags zuvor in Bregenz und die neue Leitung der Salzburger Festspiele war bis zuletzt wild entschlossen, den neuen „Jedermann“ am Original-Schauplatz vor dem Dom – quasi als Belastungs-Test des Publikums – zu starten. Doch als der Regen subtropische Mengen erreichte, übersiedelten die mehr als 2000 Besucher denn doch ins wettergeschützte nahegelegene Festspielhaus.

Und mit halbstündigen Verspätung begann eine Neudeutung des „Spiels vom Sterben des reichen Mannes“ von Hugo von Hofmannsthal mit Tobias Moretti in der Titelrolle durch den österreichischen Regisseur Michael Sturminger – eine Produktion, die vom Publikum am Ende mit Jubel-Geschrei, Begeisterungs-Pfiffen und „standing ovations“ überschüttet wurde. Die ersten Kritiken waren zwar durchaus kontroversiell, aber das passt ja wohl zur neuen Ära unter Markus Hinterhäuser und Bettina Hering (Theater). Die wollen es keineswegs nur bequem und kulinarisch haben. Nun zu der „Neudeutung“ eines Stückes, das -vielgeschmäht-längst zur Hauptattraktion der Salzburger Festspiele geworden ist: Der neue „Jedermann“ spielt also im Heute, das betrifft die Mode und die Bühnen-Technik, die aufwendig eingesetzt wird (Renate Martin und Andreas Donhauser); aber auch der Musik-Sound von Mathias Ruegg trägt dazu bei, dass man die beklemmende Aktualisierung des „Jedermann“ besonders spürt. Die alte Fabel vom Sterben eines Menschen, der in der Stunde des Todes mit seinem Gewissen nackt und allein gelassen ist, geht dennoch unter die Haut. Denn das Team um den gebürtigen Wiener Michael Sturminger („I Hate Mozart“) nimmt den Text ernst, versucht nicht die katholische Basis zu „überspielen“.  Tobias Moretti in der Titelrolle – für mich eine „Idealbesetzung“: ein Mensch am Zenit seines Lebens. Er gehört in die Kategorie der „Super-Reichen“, er ist attraktiv, sympathisch und deutet das Leben als permanente „Party“. Und er nützt die Chance seiner „letzten Stunde“. Großartig die Läuterung dieses Mannes, der in seinen stillen Momenten noch mehr berührt als in seiner hybriden Selbstüberschätzung.

Grandios auch die übrige Besetzung: Hanno Koffler in der Doppelrolle „Guter Gesell“ und „Teufel“: man kann sich den anziehenden End-Dreissiger in ein paar Jahren durchaus als neuen „Jedermann“ vorstellen. Bis dahin wird er wohl weiterhin die Verführbarkeit des Menschen auf die Bühne bringen. Wunderbar auch die Frauen-Riege: Edith Clever als unpathetische „Mutter“, Mavie Hörbiger als neurotische Inkarnation der „Werke“ und die geradezu monströs-hinreißende „Buhlschaft“ von Stefanie Reinsperger. Sie wertet ihre im Grunde kurze Rolle sowohl optisch wie akustisch auf. Geradezu virtuos! Aber auch Johannes Silberschneider als „Glaube“, Christoph Franken als komisch-virtuoser „Mammon“ oder Peter Lohmeyer als „Stimme des Herrn“ bzw. „Spielansager“ müssen lobend erwähnt werden. Ebenso wie Fritz Egger als „Schuldknecht“, Eva Herzig als sein „Weib“, Hannes Flaschberger als „Dicker Vetter“ und Stephan Kreiss als „Dünner Vetter“. Und vielleicht hat die witterungsbedingte „Auslagerung“ der Absicht des „leading teams“ sogar genützt, den „Jedermann“ als aktuelles Stück zu begreifen!

Peter Dusek

Diese Seite drucken