Der Neue Merker

SALZBURG/ Großes Festspielhaus: AIDA. Premiere

SALZBURG/Festspiele: AIDA – Pr. 6.8.2017

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Anna Netrebko, Ekaterina Semenchuk. Foto: Monika Rittershaus

„Aida“ von Guiseppe Verdi ist immer eine sichere Bank für einen großen Publikumserfolg. Eigentlich ist es egal, wie das Regiekonzept aussieht, das Thema und die Musik stehen für sich als Erfolgsgarantie. Und noch sicherer ist dieser Erfolg, wenn der Weltstar Anna Netrebko mit der Titelpartie sein Rollendebut gibt, neben einer den Salzburger Festspielen überaus würdigen erstklassigen Besetzung.


Benedetta Torre (Oberpriesterin), Franceso Meli (Radamès), Dmitry Belosselskiy (Ramfis), Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor

Viel hatte man allerdings schon im Hinblick auf die Interpretation von der iranischen Multikünstlerin Shirin Neshat erwartet, die sich bisher vor allem mit bildender Kunst, Fotografie und Film beschäftigt hat. In einem Interview im Vorfeld der Festspiele ließ sie wissen, dass sie bisher kaum Opern gesehen habe und auch die „Aida“ nicht im Detail kannte. Bei aller Würdigung einer in einigen Momenten vor allem optisch ansprechenden Inszenierung war denn auch zumindest bis zum Ende des 2. Aktes zu merken, dass Neshat auch in ihrer Opernregie stark von der bildenden Kunst und der Fotografie, also dem Schaffen von Bildwirkungen, beeinflusst ist. Im Mittelpunkt ihres Konzepts (Dramaturgie Bettina Auer) stehen zwei vom Bühnenbildner Christian Schmidt entworfene schlichte weiße gemauerte Quader, die jeweils zu zwei Seiten offen sind und sich so in verschiedenen Formen miteinander kombinieren bzw. verschachteln lassen, aber auch getrennt voneinander immer neue Spielräume ergeben. Auf den Seitenflächen werden bisweilen Videoproduktionen (Martin Gschlacht) eingespielt, so mehrmals das Bild von Flüchtlingen in Assoziation mit den gefangenen Äthiopiern wenn Aida von ihrer Heimat singt, oder das dunkle Wasser des Nils im 3. Akt.

Es handelt sich also gewissermaßen um ein variables Einheitsbühnenbild, das auch durch eine – manchmal zu häufige – Rotation auf der Drehbühne von verschiedenen Seiten bespielt wird. Dabei kommt es allerdings immer wieder zu einer erheblichen Einengung der Spielfläche. Was jedoch in den ersten beiden Akten nahezu vollkommen fehlte, um diese Bilder auch theatralisch zu beleben, war eine dezidierte Personeneregie, die in der Lage wäre, die starken emotionalen Konflikte, denen die Protagonisten hier ausgesetzt sind, nachvollziehbar, bzw. überhaupt zu vermitteln. Stattdessen war oftmals Rampensingen angesagt, und die Sänger bewegten sich allzu statisch, ja bisweilen, wie beispielsweise Amneris, mit einer stereotypischen Operngestik, fast wie in einer Opernregie von Robert Wilson.

Bis auf Anna Netrebko! Sie zeigte mit ihrem einnehmenden und emphatischen Spiel, was in dieser Hinsicht möglich (gewesen) wäre. Hier stimmten mimischer Ausdruck mit Bewegung und der ohnehin wieder hervorragenden gesanglichen Leistung überein, wenngleich ihre Leonore im Salzburger „Troubadour“ 2015 souveräner zu klingen schien. Die Aida war aber immerhin ihr Rollendebut, und die Erwartungen und damit vielleicht auch eine gewisse Nervosität waren sehr groß. Anna Netrebko vermochte jedoch in diesen Szenen die Emotionen zu vermitteln, die andere Protagonisten, gerade auch Radamès und Amneris, wegen mangelnder Personenführung vermissen ließen. Manchmal hatte man den Eindruck, dass sie sich einfach mit der unterkühlten Ästhetik des Regiekonzepts von Shirin Neshat, welches auch durch die beiden weißen Quader und die kaum Stimmungen verstärkende Lichtregie von Reinhard Traub im wahrsten Sinne des Wortes untermauert wurde, nicht abfinden wollte oder aufgrund ihres Temperaments nicht konnte. Immer wieder machten das Bühnenbild und die allzu kontrollierten Handlungen der Akteure einen gewissermaßen aseptischen Eindruck. Den Höhepunkt bildete das große Tableau des Triumphmarsches am Ende des 2. Akts, das aufgrund der Regungslosigkeit wie ein riesiges Bild wirkte. Da man von einem hier oft üblichen pompösen Ballet absehen wollte, kam eine Gruppe von Tänzern oder Akrobaten(?) mit Stierschädeln zum Einsatz, die aber, auch aufgrund ihrer Choreografie (Thomas Wilhelm) in ihrer dramaturgischen Bedeutung im Dunkeln blieben. Die äußerst geschmackvollen Kostüme von Tatyana von Walsum waren gut auf die optische Ästhetik der Bilder abgestimmt und unterstrichen die Zeitlosigkeit des Regiekonzepts.


Anna Netrebko und Luca Salsi im Nilakt. Copyright: Monika Rittershaus

Im Nilakt wendete sich jedoch das Blatt zum Besseren. Mit dem Auftritt von Luca Salsi als Amonasro kam intensive Bewegung in die Aktion der Protagonisten. Die Szene zwischen Aida und ihrem Vater wurde so zu einem der dramatischsten Momente des ganzen Abends, natürlich auch aufgrund der enormen darstellerischen Intensität und Authentizität Anna Netrebkos und des mit einem ausdruckskräftigen Bariton singenden und ebenfalls schauspielerisch intensiven Luca Salsi. Auch die folgenden Auseinandersetzungen der Protagonisten waren von mehr Lebhaftigkeit geprägt, zumal es ja auch in die finalen emotionalen Entscheidungen ging, sodass diese „Aida“ im 2. und 3. Akt „opernmäßig“ etwas aufblühte. Das Schlussbild mit dem dunklen Verließ von Aida und Radamès und der gescheiterten Amneris davor konnte dann durch seine düstere Hoffnungslosigkeit überzeugen.

Neben Anna Netrebko überzeugte vor allem ab dem 3. Akt Ekaterina Semenchuk als Amneris mit einem dunkel gefärbten und zu dramatischen Ausbrüchen fähigen Mezzosopran. Francesco Meli sang einen jugendlichen und attraktiven Radamès mit einem gut geführten und auch zu heldischen Steigerungen fähigen Tenor sowie schönem goldenem Timbre. Roberto Tagliavini war ein von der Regie wegen der Statuarik in seinen Szenen vernachlässigter König, sang sie Rolle aber mit seinem klangvollen Bass würdevoll und souverän. Dmitry Belosselskiy war eine sehr guter Ramphis mit tiefem und klangvollem Bass. Bror Magnus Todenes gab einen auch in seiner kurzen Szene überzeugenden Boten. Auf höchstem Niveau und mit großer Transparenz sang die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor unter der Leitung von Ernst Raffelsberger.

Wenn Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern Verdi dirigiert, ist allerhöchste Qualität angesagt, und so war es auch diesmal wieder. Die musikalische Interpretation des italienischen Maestros setzte an diesem Abend die erwarteten starken Akzente und wusste die Optik der Bilder auf eindrucksvolle Weise zu untermalen. Als nur ein Bespiel sei hier der Triumphmarsch genannt. Aber auch die feinen Piani im Nilakt waren von übernatürlicher Schönheit und verbanden sich musikalisch einzigartig, wie auch an anderen Stellen, mit den Sängerstimmen.

Insgesamt ein großer Abend im Festspielhaus, wenngleich diese Lesart der „Aida“ keine neuen Maßstäbe setzen konnte. Am Ende gab es großen Applaus für alle Mitwirkenden und die Regisseurin, die aber auch ein paar Buhrufe entgegen nehmen musste, sich daraufhin aber der handfesten Unterstützung von Maestro Muti erfreuen konnte.

Klaus Billand

 

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