Der Neue Merker

SALZBURG/ FESTSPIELE/Ouverture spirituelle: GIGANTISCHER MESSIAEN mit Kent Nagano und dem BR-Symphonieorchester

SALZBURGER FESTSPIELE / Felsenreitschule: Gigantischer Messiaen mit Kent Nagano, Chor & Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

22.7. 2017 – Karl Masek

Es gibt sie weiterhin: Die ‚OUVERTURE SPIRITUELLE‘ am Beginn der Festspielsaison in Salzburg.

Bildergebnis für markus hinterhäuser
Markus Hinterhäuser. Copyright: SF Neumayr

 

Das Wort ‚Festspiel‘ ist für den neuen Intendanten Markus Hinterhäuser ein kostbarer Begriff, „… viel reicher als etwa Festival. Die Gründer haben ihn klug gewählt. Sie haben uns mit der Kombination von FEST und SPIEL  …  zu einer Verabredung, zu einer Versammlung außerhalb unseres Alltags aufgefordert“, so Hinterhäuser in einem seiner aktuellen Interviews zum Intendanten-Einstieg.

Hinterhäuser lädt das Publikum dezidiert zu „Versammlungen außerhalb unseres Alltags“ ein:  Er definiert ja „Spiel“ assoziativ, verbindet das Wort mit „Nachdenken“, Spiel sei ohne Nachdenken gar nicht möglich.

‚Transfiguration‘ lautet die Überschrift zu insgesamt 11 Chor-, Orchester- und Kammerkonzerten von Monteverdi und Josquin Desprez über Mozart und Bruckner bis hin zu Schostakowitsch, Alfred Schnittke und (am Eröffnungsabend) Olivier Messiaen (1908-1992), gekoppelt mit György Ligeti (1923-2006).

Messiaens La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ und Ligetis Lux aeterna haben Gemeinsamkeiten, obwohl der kulturelle Hintergrund der Komponisten unterschiedlicher kaum sein kann: Ligeti: jüdische Wurzeln, nicht religiös. Messiaen: in der katholischen Lehre verwurzelt, tief gläubig, ja fromm. Beide treffen einander bei einer Art „transzendenten Idee“: Das über – irdische Licht.

Lux aeterna (uraufgeführt 1966 in Stuttgart) ist für 16-stimmigen gemischten Chor a cappella gesetzt. Eine „Schleierwolke“ äußerster, filigraner Klanglichkeit, die für etwa 10 Minuten den Saal einhüllte. Der verhaltene, feine Weichzeichnerklang hat ungemein Beruhigendes, man fühlt sich augenblicklich „außerhalb des Alltags“ (der an diesem heißen Hochsommertag in Salzburg und durch das ‚Fest zum Festspielbeginn‘ an mehr als 30 Schauplätzen viel von wirbelndem Trubel hatte!). Man assoziiert Ferne – ob Stratosphäre, ob Meerestiefe, beides scheint denkbar. Der Chor des Bayerischen Rundfunks setzte Ligetis „Mikropolyphonie“ meisterhaft in Klang um – was geeignet war, für diese Minuten die Welt rundum zu vergessen. Wie ein Kind, wenn es konzentriert in ein ‚Spiel‘ vertieft ist. Magische Momente, wo anschließender Applaus fast störte…

Dann Messiaens gigantische (mitunter gigantomanische) Klangfülle einer Verklärungsmusik.  Ein größerer Gegensatz zu Ligetis Klangökonomie sei kaum denkbar, so der Journalist und „ www.beckmesser.infoMax Nyffeler beim Vergleich der beiden so unterschiedlichen Komponistentypen im Programmheft. Messiaens oratorisches Monumentalwerk  ist die musikalische Darstellung einer „religiösen Offenbarung“, wie sie der Evangelist Matthäus in seinem Evangelium beschreibt. Die portugiesische Gulbekian-Stiftung Lissabon hatte das Werk in Auftrag gegeben, 1966 sollte es zur Uraufführung kommen. Doch das Projekt nahm immer größere Ausmaße an, Messiaen wurde nicht rechtzeitig fertig. Das neunteilige Oratorium schwoll im wahrsten Sinn des Wortes auf 14 Teile an, erreichte am besprochenen Abend eine Dauer von über 100 Minuten. Neben dem Matthäus-Evangelium wurden u.a.Texte der Psalme 48 und 104, von Thomas von Aquin und dem ‚Buch der Weisheit‘ vertont. Schließlich fand die Lissaboner  Uraufführung mit drei Jahren „Verspätung“ unter Leitung des französischen Dirigenten Serge Baudo statt.

Für den Dirigenten des Abends, Kent Nagano, war Messiaen ein besonderer Mentor, ein besonderes Vorbild. Aber auch ihm war Messiaens Tonsprache, „die starken Wechsel zwischen sinnlicher Unmittelbarkeit und abstrahierender Distanz, anfangs ein Rätsel“, wie er von Habakuk Traber im Buch Kent Nagano – Musik für ein neues Jahrhundert, 2002 zitiert wird. In der Tat erschließt sich Messiaens Tonsprache auch dem Hörer nicht so leicht. Das sind keine Stücke „fürs Abonnement“, und schon gar keine Werke für „flüchtigen Kunstgenuss“. Etwas Besonders, für FEST-SPIELE, in jedem Fall, wenn man bereit ist, Alltag hinter sich zu lassen und sich auf Klangfarbenvielfalt, blockhafte Akkordballungen bis an die Grenze der Durchhörbarkeit, Konstruktionsprinzipien der indischen Musik und die vielfältigen Vogelstimmen-Wahrnehmungen des besten Ornithologen unter den Komponisten einzulassen.

Vielfältiges Schlagzeug (etliche TamTams in allen Größen, Becken, Xylorimba, Marimba, Vibraphon und die bei Messiaen fast ‚leitmotivisch‘ verwendeten Glocken) geben dem Oratorium klangliches Gepräge. Der Chor des Bayerischen Rundfunks – die Chormeister Howard Arman und Robert Blank leisteten perfekte Einstudierungsarbeit! – ist unglaublich gefordert. Mit etlichen a-capella-Stellen, die an Gregorianische Choräle einer längst vergangenen Zeit gemahnen, mit der Bewältigung von großen Intervallsprüngen und der Treffsicherheit bei clusterhaften Klang- und  Akkordballungen. Er meisterte all  dies großartig. Dass man die Texte nur bei dauerndem Blick ins Programmheft (und auch das nur rudimentär!) mitverfolgen und verstehen konnte:  Wer wollte es dem tollen Chor verübeln? Das lag schon an der schweren, sozusagen „dicken“ Instrumentation des Meisters von Sainte-Trinité! Wer sonst würde bei beim abschließenden „Choral vom Licht der Herrlichkeit“ auch drei Basstuben verwenden?

Der 1957 in Lyon geborene französische Meisterpianist Pierre-Laurent Aimard, eine Schlüsselfigur zeitgenössischer Musik und unermüdlicher Entwickler und Gestalter innovativer Programme, zurecht überhäuft mit Preisen und Awards, spielte den diffizilen und technisch wie klanglich herausfordernden Klavierpart mit all seiner Erfahrung.

Wir kommen zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Gleichermaßen suggestiv im blockhaften Tutti wie in kompliziert verästelten Soli (Cello, Flöte, Klarinette), konzentriert bis in die Haarspitzen die Intentionen des großartigen Kent Nagano umsetzend. Mit Souveränität, mit Gespanntheit, mit Sicherheit die Klangmassen steuernd, bereitete er einen mehr als 100-minütigen Spannungsbogen, bis  monumentale, übereinander geschichtete Dreiklänge in einer gigantischen Schlussapotheose münden.

Tosender Applaus, Ovationen. An diesem Abend ging Markus Hinterhäusers „Nachdenk-Fest-SpielKonzept“ voll auf.

Karl Masek

 

 

 

 

 

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