Der Neue Merker

SALZBURG/ Felsenreitschule: LEAR oder DIE DESTRUKTIVE MACHT DER LIEBE von Aribert Reimann. Premiere

Salzburg/ Felsenreitschule: „LEAR“ ODER DIE DESTRUKTIVE MACHT DER LIEBE von  Aribert Reimann. Premiere (20.8.2017)


Gerald Finley (Lear). Copyright: Thomas Aurin/Salzburger Festspiele

Zuletzt gefrieren die vulkan-artigen Emotionen zu einer Eishöhle und das Publikum in der Salzburger Felsenreitschule hält den Atem an. Selten habe ich das Gefühl des Ausgeliefert-Seins und Betroffen-Machens so hautnah erlebt wie bei dieser Neuinszenierung von Aribert Reimann „Lear“, der vor 39 Jahren in München mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle uraufgeführt wurde. Ist schon die mehr als 400 Jahre alte Original-Text-Vorlage für das Opern-Libretto von Claus H. Henneberg von William Shakespeare ein „Depressions-Hammer“, so wird durch die „Vivisektion“ der Musik die Analyse der destruktiven Macht der Liebe ins Unermessliche gesteigert.

Die Salzburger Produktion mit dem ambitionierten „Intellektuellen“ Franz Welser-Möst am Pult der höchstmotivierten Wiener Philharmoniker, mit dem grandiosen Gerald Finley in der Rolle des unglücklichen König Lear – das alles in einer unkonventionellen Phantasie-Inszenierung des Briten Simon Stone (Bühne Bob Cousins + Mel Page Kostüme) – steigert die fatale Wirkung um eine zusätzliche Dimension. Und der Jubel am Ende für ein hochkarätiges Ensemble – inklusive des 84jährigen Komponisten – war ehrlich und enthusiastisch:  der Widerspruch einer Minderheit gegenüber der Regie wertete die große Zustimmung geradezu auf, die es insgesamt gab. Und die Ära von Markus Hinterhäuser kann auf eine weitere unbequeme Modell-Aufführung verweisen.


Gerald Finley (Lear) und Statistin. Copyright: Thomas Aurin/ Salzburger Festspiele

Dabei beginnt die Aufführung fast brav und bieder. Und das Anliegen des amtsmüden König Lear – Gerald Finley von Anfang intensiv und souverän mit seiner dunklen Prachtstimme – ist ja relativ harmlos: er will die Aufteilung seines Reiches an seine 3 Töchter davon abhängig machen, wie sie ihr Verhältnis zum Vater in Worte fassen vermögen. Zwei dieser Schwestern sind ehrgeizzerfressen und intrigant – Evelyn Herlitzius als hochdramatische Goneril sowie Gun-Brit Barkmin als „jungdramatische“ Regan: sie überschütten ihn mit Schmeicheleien und erhalten zur Belohnung das Drittel ihrer Schwester Cordelia – Anna Prohaska etwas zu lyrisch und eine Spur zu spröde. Diese Tochter, die Lear als einzige wirklich liebt aber schüchtern und introvertiert ist, ist das erste Opfer einer Gewalt-Eskalation ohne Gleichen. Die beiden „bösen Schwestern“ verjagen zunächst den Vater, dann ihre Schwester und alles endet in einem noch nie gesehenen Blutbad. Einem Freund Lears, dem Grafen von Gloster, werden die beiden Augen aus dem Leib gerissen, die Anhänger des alten Regimes enden in einem Blutbad.

Und die Inszenierung hat inzwischen ihren harmlosen Charakter verloren: wo am Beginn Blumenbeete und Zuschauer auf der Bühne dominierten, entlarvt ein autoritäres Regime sein wahres Gesicht. Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken machen aus Zuschauern Opfer und Mittäter, es fließt Blut, die Grausamkeiten überschlagen sich. Und dann zieht wieder eine surreale Idylle ein: der Narr-hinreißend Michael  Mertens-und Edgar – grandios der Counter-Tenor Kai Wessel als Edgar – stehen da als Clown und Mickey Mouse mit bunten Ballons. Dann geht wieder das große Schlachten im Namen der Liebe weiter. Zuletzt erstarrt die Welt wie in einem „Eistraum“ von einer besseren Welt.

Gerard Finley wächst in der Schlußszene über sich hinaus! Und die unbequeme und ganz und gar unromantische Musik von Aribert Reimann, die sich im Laufe der Vorstellung immer mehr in den Vordergrund „spielt“, geht wahrlich unter die Haut. Eine große Vorstellung mit pauschalem Lob an das gesamte Ensemble – Lauri Vasar als Gloster, Charles Workmann als Edmund, Derek Welton als Albany, Michael Colvin als Cromwell, Matthias Klink als Kent  sowie Tilmann Rönnebeck als König von Frankreich sowie die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Leitung Huw Rhys James). Reprisen noch am 23., 26., und 29.August 2017.

Jedenfalls -eine Neuinszenierung, die in die Annalen von Salzburg eingehen wird.

Peter Dusek

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