Der Neue Merker

SACHSENS NEUE INDUSTRIEKULTUR-ROUTE BIETET BESONDERES

Sachsens neue Industriekultur-Route bietet Besonderes, 24.11.2014

von Ursula Wiegand

 Wie schön und vielfältig Industriebauten sein können und was sich aus ihnen machen lässt, zeigt eine Reise durch Sachsen, Deutschlands führende Wirtschaftsregion vom Ende des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Selbst in kleinen Städten und Dörfern stellten Unternehmen Maschinen und Produkte her, die sie zu Weltmarktführern machten.

 Görlitz,Uhren am Rathausturm
Görlitz, Uhren am Rathausturm. Foto: Ursula Wiegand

 Ihrer Zeit voraus waren auch einige Firmenchefs, die sich moderne Häuser errichten ließen. Zu 51 solcher Bauten und Fabrikationsstätten führt die neue Route „Industriekultur in Sachsen“. Warum nicht mal Sachsen statt Salzburg oder Sansibar? Manchmal wird solch eine kleine Reise fast zum „Abenteuer-Trip“.  Schau’n wir mal, was die Stunde geschlagen hat.

 
Dresden, das Blaue Wunder von 1893
Dresden, das Blaue Wunder von 1893. Foto: Ursula Wiegand

 Ausgangspunkt sei Dresden, und schon die Bezeichnung „das Blaue Wunder“ für die Loschwitzer Elbbrücke von 1893 zeigt die Hochachtung für diese erste Hängebrücke mit über 100 Meter Spannweite, eine Stahlträgerkonstruktion ohne stützende Pfeiler, geplant und ausgeführt von Hans Martin Krüger (Architekt) und Claus Köpke Ingenieur).

 

Dresdens Erlweinspeicher, nun Maritim-Hotel, das Atrium
Dresdens Erlweinspeicher, nun Maritim-Hotel, das Atrium. Foto: Ursula Wiegand

 Wie sich Altes heutzutage bestens neu nutzen lässt, beweist der Umbau des Erlweinspeichers, errichtet 1914 unter der Ägide des Dresdner Stadtbaurats Hans Erlwein. Das imposante, jedoch stark lädierte und vernachlässigte Bauwerk wurde von der Hochtief Solutions AG für die Maritim Hotelgesellschaft über einen Dachdurchbruch komplett entkernt. Auf diese Weise entstand ein spektakuläres Atrium vom Boden bis zum Dach. Nach nur 18 Monaten Bauzeit wurde das 328-Zimmer-Hotel plus Internationalem Congress Center 2006 eröffnet. Eine besondere Bleibe. (www.maritim.de/dresden).

 Löbau, der Gusseiserne von 1854, Carl Gottlieb Lippert
Löbau, der Gusseiserne von 1854, Carl Gottlieb Lippert. Foto: Ursula Wiegand

 Danach geht’s weiter gen Osten, ins beschauliche Städtchen Löbau. Etwas außerhalb reckt sich der 28 m hohe „König Friedrich August Turm“ empor, im Volksmund der „Gusseiserne“, errichtet 1854 von Carl Gottlieb Lippert und finanziert durch Bäckermeister Bretschneider.

 

Löbau, der Gusseiserne,von 1854 mit Durchblick
Löbau, der Gusseiserne von 1854 mit Durchblick. Foto: Ursula Wiegand

 1993 hat man den Turm abgebaut, saniert und genau ein Jahr später wieder auf die Anhöhe gestellt, diesen filigranen Riesen mit Aussicht. Auch beim Auf und Ab über die 120 Stufen bieten sich schöne Landschaftsblicke. (www.loebau.de)

 

Löbau, Haus  Schminke, Hans Scharoun, 1933, die Gartenseite
Löbau, Haus Schminke, Hans Scharoun, 1933, die Gartenseite. Foto: Ursula Wiegand

 Löbaus Clou ist jedoch das Haus Schminke von Hans Scharoun, das er von 1930-1933 für den Nudelfabrikanten Fritz Schminke errichtete. Der wollte ein modernes Haus für 2 Eltern, 4 Kinder und 1-2 gelegentliche Gäste und bekam es. Scharoun baute ihm ein familiengerechtes, praktisches Domizil mit Terrassen, direktem Gartenzugang und Blick ins Grüne.

 

Löbau, Haus Schminke, das Wohnzimmer
Löbau, Haus Schminke, das Wohnzimmer. Foto: Ursula Wiegand

 Der lichte Wohnraum war der Mittelpunkt des Familienlebens. Das 4 Meter lange Sofa, auf dem die Kinder herumtobten, hat nicht überlebt, doch der Wintergarten mit den roten Deckenleuchten und den (nachgekauften) Mies van der Rohe-Schwingstühlen entspricht dem Original.

 Löbau, Haus Schminke, Hans Scharoun, 1933, Wintergarten
Löbau, Haus Schminke, Hans Scharoun, 1933, Wintergarten. Foto: Ursula Wiegand

 Platz und Schritte sparend dagegen die sog. Frankfurter Küche, eine Idee der Wienerin Margarete Schütte-Lihotzky. Spartanisch die Kinderschlafzimmer im 1. Stock. Die Klamotten kamen in die Einbauschränke im Flur.

Im größeren Elternschlafraum steht das Bett von Fritz Schminke mittig, das seiner Frau rechts an der Ostseite, links die von Scharoun entworfene Dreieckscouch. Bauingenieurin Julia Bojaryn zeigt auch den für mehrere Personen gleichzeitig nutzbaren Sanitärbereich mit separater Toilette, einer Dusche und einem größeren Bereich mit Badewanne, zweiter Toilette und Handwachbecken.

 

Löbau, Haus  Schminke, Elternschlafzimmer
Löbau, Haus  Schminke, Elternschlafzimmer. Foto: Ursula Wiegand

 Für Scharoun, der 1963 die Berliner Philharmonie errichtete, war es nach eigenen Worten das liebste Haus, das er je gebaut hat. Aus der Beziehung Bauherr-Architekt wurde eine echte Freundschaft. Auf alten Fotos steht Scharoun in Badehose zusammen mit der Familie am Teich auf der attraktiven Gartenseite des Hauses, dessen Nordostecke durch Abbildungen in Fachmagazinen bald berühmt wurde.

Nach der Beschlagnahme im Jahr 1945 durch die Sowjetarmee und Enteignung der Nudelfabrik zogen die Schminkes nach Celle bei Hannover. Zu DDR-Zeiten wurde das Haus von den jungen Pionieren bevölkert, 2009 von einer Stiftung übernommen. Seither ist es donnerstags bis sonntags von 12 – 17 Uhr geöffnet und kann als Ganzes gemietet und benutzt werden! Schlafen und wohnen bei Scharoun, ein bezahlbares Erlebnis. (Preise inklusive Endreinigung und Küchennutzung / pro Nacht: Kinder bis 3 Jahre frei, Übernachtung mit bis zu 3 Personen für 250 Euro, jede weitere Person 60 Euro. Telefon: +49 (0) 35 85 / 86 21 33, Internet: http://www.stiftung-hausschminke.eu).

 

Niesky, Konrad-Wachsmann-Haus, 1927
Niesky, Konrad-Wachsmann-Haus, 1927. Foto: Ursula Wiegand

 Anders in Niesky. Das nach jahrelanger Restaurierung kürzlich wieder eröffnete Konrad-Wachsmann-Haus dient als Museum und vermittelt durch die Dauerausstellung „Holzbauten der Moderne“ viel Wissenswertes. (www.wachsmannhaus-niesky.de). Der schwarz-weiße Bau im Stil der klassischen Moderne überrascht drinnen durch satte Farbgebung.

Die bei der Sanierung entdeckten Farbreste halfen bei der Annäherung an den früheren Eindruck.

 Niesky, Konrad-Wachsmann-Haus, 1927, Treppe
Niesky, Konrad-Wachsmann-Haus, 1927, Treppe. Foto: Ursula Wiegand

 Wachsmann (1901-1980), Pionier der industriellen Holzbauweise, konzipierte das Haus 1927 für einen Direktor der Firma Christoph & Unmack. Die wurde Europas größter Holzbau-Produzent. In Niesky stehen diese aparten, privat bewohnten Häuser unter Denkmalschutz, das Baukastensystem ist ihnen nicht anzumerken. „Alles was dann kam und in Berlin, New York, Tokio, Chicago, London, Moskau, Paris, Rom, Zürich oder Warschau geschah, das alles begann in Niesky“, so Wachsmann.

 

Görlitz, sanierte Gründerzeitbauten
Görlitz, sanierte Gründerzeitbauten. Foto: Ursula Wiegand

 In Görlitz kündet ein ganzes Gründerzeitviertel von früherer Wirtschaftskraft. Eine Wohnung in den durchsanierten Häusern gibt’s für 5,50 – 6,00 Euro/qm Kaltmiete. Mit zusätzlichen Vergünstigungen werden Umzügler erfolgreich angelockt, weiß der Architekturhistoriker und Hochbau-Ingenieur Dr. Andreas Bednarek.

Das Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz, auch die kleine Semperoper genannt, sorgt mit Theater-, Opern- und Operettenaufführungen, Konzerten und Leseabenden dafür, dass sich Kulturliebhaber nicht langweilen.

 Görlitz, Sonnenorgel von 1703 in der Peterskirche
 Görlitz, Sonnenorgel von 1703 in der Peterskirche. Foto: Ursula Wiegand

 Herrliche Klänge entströmen überdies der Sonnenorgel (von 1703) in der Peterskirche.

Insgesamt zählt Görlitz mit seiner komplett erhaltenen Altstadt zu den schönsten Städten Deutschlands und ist auch als Filmkulisse – Spitzname „Görliwood“- gefragt. Besucher können sich im Hotel Börse (von 1706) am historischen Untermarkt geschichtsgerecht betten (www.boerse-goerlitz.de) und nach einem Besuch der Landskron-Brauerei, einem imposanten Backsteinbau auf der Industriekultur-Route, vielleicht einen kleinen Rausch ausschlafen.

 

Landskron, private Brau-Manufaktur, ganz modern
Landskron, private Brau-Manufaktur, drinnen ganz modern. Foto: Ursula Wiegand

 Umgewandelt in eine private Brau-Manufaktur hat sie nach der Wende die Kurve gekriegt und 2014 den Bundesehrenpreis gewonnen, die höchste Auszeichnung Deutschlands im Ernährungsbereich. (www.landskron.de)

 

Energiefabrik  Knappenrode, 1914, a
Energiefabrik  Knappenrode,  von 1914. Foto: Ursula Wiegand

 Dagegen ist in der 1914 errichteten und 1948 wieder erbauten Energiefabrik Knappenrode der Ofen aus. Die Dampf- und Elektropressen zur Brikettherstellung dröhnen nur noch bei Besucher-Führungen. (www.saechsisches-industriemuseum.com). Mit einem Audioguide kann man/frau auch selbst durch die zugigen Hallen gehen, alles ist ausgeschildert und gut erklärt. Harte, aber gut bezahlte Arbeit in ansehnlichen Backsteinbauten.

 

Teigwaren Riesa, Nudeln machen glücklich
 Teigwaren Riesa, Nudeln machen glücklich. Foto: Ursula Wiegand

 In einem solchen fertigt die privatisierte Teigwarenfabrik Riesa nordwestlich von Dresden erfolgreich ihre Pasta-Spezialitäten, auch Bio-Ware. Mit 30 % Marktanteil ist sie Marktführer in Ostdeutschland und fasst auch im Westen Fuß. (www.teigwaren-riesa.de)

Seit 2003 betreibt sie ein Nudelcenter mit gläserner Produktion, ein Nudelmuseum und veranstaltet Kochkurse und Küchenpartys. Wer im dortigen Restaurant isst, fühlt sich nachher echt gut genudelt und fit für weitere Entdeckungen.

 

Döbelner Pferdestraßenbahn, bereit für Gäste
Döbelner Pferdestraßenbahn, 2007 wiederbelebt. Foto: Ursula Wiegand

 Beispielsweise für eine Fahrt mit der Pferdestraßenbahn durch Döbeln, ein Stück südlich von Riesa. Dort ist die Industriekultur seit Juli 2007 tatsächlich wieder ins Laufen gekommen. Kutscher Mario Lommatzsch mit dem Vierbeiner Elko wartet nahe dem Bahnhof und fährt die Gäste im originalen Straßenbahnwagen ins Zentrum, wie einst von 1892-1926.

Die von einem Verein wiederbelebte Pferdestraßenbahn verkehrt allerdings nur von Mai bis Oktober an jedem 1. Samstag im Monat von 10-17 Uhr, doch aus ganz Europa, den USA, Japan und China kommen die Fans, rd. 2.000 pro Jahr, freut sich Uwe Hitzschke, Vorsitzender des Vereins. (www.doebelner-pferdebahn.de).

 

Im Deutschen  Pferdebahn-Museum Döbeln
Im Deutschen Pferdebahn-Museum Döbeln. Foto: Ursula Wiegand

 Weltweit gab es mal 1.700 Pferde-Straßenbahnen, die erste ab 1832 in New York, in Wien eine ab 1840, lässt sich im Deutschen Pferdebahnmuseum Döbeln lernen. In mehr als 90 deutschen Städten taten sie gute Dienste, in Berlin ab 1865, in München von 1876–1900. Doch überall stehen die Wagen in den Museen, in Döbeln rattert die Industriekultur höchst lebendig durch das fein in Stand gesetzte Städtchen. Eine Verlängerung bis zur Nicolaikirche (von 1485) ist in Planung.

Generelle Infos unter www.sachsen-tourismus.de

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