Rosa Mayreder: DER LETZTE GOTT

by R.Wagner | 10. Februar 2013 14:50

Rosa Mayreder:
DER LETZTE GOTT
Hrsg: Tatjana Popovic
216 Seiten, Böhlau Verlag (2008)

Rosa Mayreder (30.11.1858 bis 19.1.1938) ist ein interessanter Fall in der österreichischen Frauengeschichte. Zuerst: ein Multitalent, wie man selten eines findet. Sie war eine begabte Malerin (zu ihren Lehrern zählte die berühmte Tina Blau), die ihre Werke nicht nur im Wiener Künstlerhaus, sondern auch etwa bei der Weltausstellung in Chicago ausgestellt fand. Sie war auch Mitbegründerin der „Kunstschule für Frauen und Mädchen“, die sich für bessere Kunstausbildung des weiblichen Geschlechts einsetzte.

Rosa Mayreder war ebenso eine äußerst fähige Schriftstellerin auf vielen Gebieten – unter Musikfreunden ist die Tatsache bekannt, dass sie für „Der Corregidor“, die einzige Oper von Hugo Wolf (uraufgeführt 1896 in Mannheim) das Libretto schrieb. Dazu kamen Novellen, Romane, Dramen (sie wagte sich sogar an einen „weiblichen Faust“), theoretische Schriften, darunter vor allem femistische Essays. Sie verkehrte auch in den Kreisen der Philosophen der Zeit, darunter Rudolf Steiner.

Ihren Ruhm bei den Zeitgenossen erwarb sie vor allem als unermüdliche Frauenrechtlerin in Zeiten, als diese Rechte – ja, die Anerkennung der Frau als gleichwertigem menschlichem Wesen – noch schwer erkämpft werden mussten. Theoretisch hoch gebildet, war sie führend beim Allgemeinen österreichischen Frauenverein dabei, hat bei Frauenversammlungen gesprochen, einschlägige Artikel in einschlägigen Zeitschriften veröffentlicht.

Rosa Mayreder, die zu ihrem 70. Geburtstag 1928 zur „Ehrenbürgerin der Stadt Wien“ ernannt wurde, erwarb bei ihren Zeitgenossen höchste Reputation, starb 79jährig hoch geehrt. Aber die Nachwelt hat sie weitgehend vergessen. Man kann bestenfalls über sie in der Emanzipations-Literatur nachlesen, ihre Leistungen aus erster Hand sind schütter greifbar. Als es noch den Schilling gab, hat sie zumindest vom 500 Schilling-Schein auf die Nachwelt herabgesehen…

Will man der „echten“ Rosa Mayreder näher kommen, kann man nun, zu ihrem 75. Todestag, auf ein Buch zurückgreifen, das vor einigen Jahren zu ihrem 150. Geburtstag erschienen ist, immer in der Hoffnung, sie in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zurück zu holen. Sie hat den Band „Der letzte Gott“ im Jahr 1932 bei Cotta in Stuttgart veröffentlicht, nun liegt er wieder vor, sorglich ediert von Tatjana Popovic, mit einem Vorwort von Hermann Böhm, und zeigt auf etwa 200 Seiten den Versuch einer Frau, die sich lebenslang auch mit den großen Philosophen (sprich: vor allem Nietzsche und Schopenhauer) befasst hat, die aber dennoch, wie der Herausgeber betont, eine „philosphische Autodidaktin“ ist, ihr Weltbild schreibend in den Griff zu bekommen.

Wird sie damit, wie Böhm bezweifelt, nicht nur als Frauenrechtlerin, Soziologin, Literatin, sondern auch als Philosophin wahrgenommen werden? Nehme man es doch als interessantes Stück von Gedankenexperimenten, die teilweise ganz spannend nachzuvollziehen sind. Persönliche Verzweiflung spricht allerdings immer wieder aus den Zeilen – Rosa Mayreder, geborene Obermayer, hat mit dem Architekten Karl Mayreder lange Zeit eine glückliche Ehe geführt, bis er in schwere Depressionen versank und in diesem Zustand 1935 starb. Unter diesen Belastungen versteht man auch, dass sich ein allgemein gehaltenes Buch immer wieder um das (so persönlich erlebte) Leiden dreht. Vor allem aber war es die Nachkriegszeit nach dem Ersten Weltkrieg (die wir heute als Zwischenkriegszeit erkennen), die mit ihren geistigen Umwertungen Rosa Mayreder um ein gültiges Wertsystem ringen lässt (wobei sich manches, aus unserer Sicht, auch ein wenig pathetisch liest – aber geht uns das nicht mit den meisten „Philosophen“ so?). Sie möchte den Glauben an das „bessere Selbst“ des Menschen, nicht verlieren, das für sie den titelgebenden „Letzten Gott“ bedeutet. Und sie hofft innigst, dass alles Leiden auf Erden den Sinn habe, den Menschen zu einem besseren Geschöpf zu machen…

„Sich nicht begnügen mit dem, was ist! Sich nicht in die Welt finden, wie sie nun einmal beschaffen ist! Wer sich zufrieden gibt, verliert seinen Anteil am Werden“ – diese Worte stehen nahezu am Ende ihrer Ausführungen. Zeugnis für eine Frau, eine Kreative, eine Denkerin, die nie aufgegeben hat.

Renate Wagner

 

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