Der Neue Merker

Rodion Shchedrin: CARMEN SUITE

CD Carmen Suite

Rodion Shchedrin:
CARMEN SUITE für Streichorchester und Schlagwerk
stanmusic CD

Berührende Hommage an Maya Plissezkaja

Was kommt heraus, wenn ein russischer Komponist Themen eines französischen Kollegen, die wiederum auf spanischer Folklore basieren, sich vollkommen zu Eigen macht? Richtig. Die berühmte ganz der russischen Klangsprache verhaftete Carmen Suite, die Shchedrin für seine Frau, die unvergleichliche Ballerina und Choreographin Maya Plissezkaja geschaffen hatte. Uraufgeführt 1967 am Moskauer Bolshoi Theater, hat das Georgische Kammerorchester Ingolstadt nun in einem Konzert am 15.10.2015 in Angedenken an Plissezkaja (die 2015 in ihrer Wahlheimat München starb) aber auch als Vorgriff auf Rodion Shchedrins 85. Geburtstag im Jahr 2017 diese Carmen Suite mit aller erdenklichen Leidenschaft gespielt. Der Live Mitschnitt ist nun in technisch exzellenter Qualität als CD erschienen. 

Die Bearbeitung Shchedrins ist nicht Kitsch, sie ist vielmehr eine expressionistische Adaption nicht nur von Themen aus der Oper Carmen, sondern auch aus der zweiten Arlésienne Suite. Den finalen Farandole wandelt Shchedrin gekonnt in einen Bolero. Stilistisch hat Shchedrin mit dieser Suite veritable Ballett-Musik komponiert und wahrlich nicht die schlechteste. Die allseits bekannten Melodien aus Carmen erklingen rhythmisch und von der Instrumentation her geschärft und mit einem Schuss Wodka flambiert. Der kleine Schelm, der da manchmal mit Shchedrin durchbricht, ist nicht zuletzt auf Alberto Alonsos Ballett zurückzuführen, das auf die Dreiecksbeziehung zwischen Carmen, Don José und Escamillo abzielt. Die Handlung wird rückwärts erzählt. Mit der Hinrichtung Don Josés beginnend, wird in Rückblenden geschildert, wie es halt so kommen musste.

Plissezkaja verkörperte die Carmen von Shchedrin rund 350 Mal, zum letzten Mal 1990 mit 65 Jahren! Die vorliegende Aufnahme ist sicher die beste, die ich kenne, nicht nur brilliant gespielt, sondern auch eine wahre Liebeserklärung an großartige Künstler und ihren Glauben an Kunst, Freiheit und eine bessere Welt. Ruben Gazarian als feinsinnigem Dirigenten mit dem nötigen Biss und musikalischen Instinkt gebührt dafür große Anerkennung. Bravo.

Dr. Ingobert Waltenberger

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