Der Neue Merker

RETZ/ Festival: JUDAS – Kirchenoper von Christoph Ehrenfellner. Die Premiere – ein Triumph

FESTIVAL RETZ: Uraufführung der Kirchenoper „JUDAS“ – Die Premiere, ein Triumph

6.7.2017 – von Karl Masek

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Stephen Chaundy, Günther Haumer. Copyright: Claudia Prieler

 Das Land Niederösterreich hat für das Festival Retz – Musik&Literatur – Offene Grenzen 2017  einen Kompositionsauftrag für eine Kirchenoper vergeben. Der gebürtige Salzburger Dirigent, Komponist und Geiger Christoph Ehrenfellner entschied sich gemeinsam mit der Intendanz des Festivals, eine der widersprüchlichsten Figuren der neutestamentlichen Überlieferung, Judas Iskariot, in den Mittelpunkt zu stellen.

 Diese Frage stellten sich Ehrenfellner und der rührige Intendant, Alexander Löffler: Wer war dieser Judas wirklich? „Ein Visionär, ein Fanatiker? Ein schäbiger Verräter oder doch Teil der Fügung in einem übergeordneten, göttlichen Plan?“  Der Komponist begnügt sich nicht mit einer überbordenden Legendenbildung, schürft tiefer in der vielschichtigen Persönlichkeit und versucht, den leidenschaftlich Liebenden, den Glaubensfanatiker sichtbar zu machen. Einen Menschen mit tragischem Schicksal, in frühester Kindheit ausgesetzt. Einer, der immerzu auf der Flucht ist, vor sich selbst und vor seinem Schicksal, wie aus der Inhaltsangabe hervorgeht. Er spielt ein Doppelspiel zwischen den römischen Unterdrückern und den Rebellen. Hat aber auch Blut an den Händen. Mord am Ziehbruder und am leiblichen Vater Ruben, Flucht aus Zypern nach Jerusalem, seiner Geburtsstadt. Verwalter bei Pontius Pilatus und seiner Gattin Claudia Procula (samt deren unbedingtem Verlangen nach ihm). Heirat mit Cyborea. Ist sie seine Mutter? Sie wählt jedenfalls den Freitod, um Judas die unerträgliche Erkenntnis, wie Ödipus seinen Vater Ruben getötet zu haben und die eigene Mutter unwissentlich geheiratet zu haben, zu ersparen. Das Jesus – Erlebnis, zugleich die Enttäuschung, dass sich der „Liebet-eure-Feinde“-Prediger nicht der Rebellion gegen die Römer anschließt. Und natürlich der Verrat an Jesus, die Geschichte mit den dreißig Silberlingen, Judas‘ Habgier betonend. Sein Umkommen durch Selbstmord. Das sprachmächtige Libretto (der Komponist ist sein eigener Librettist) macht dies alles schon auf spannende Weise deutlich, folgt aber nicht den Judasklischees, die spätestens seit den mittelalterlichen Passionsspielen Platz gegriffen haben.

  • Christoph Ehrenfellner, seit Sängerknaben-Zeiten und frühkindlicher Ausbildung an der Violine als Vollblutmusiker bezeichnet, ist mittlerweile einer der meistaufgeführten Komponisten der Gegenwart. Er fühlt sich einer erweiterten Tonalität verpflichtet, wobei der Rahmen seiner Vorbilder von Beethoven bis György Kurtag gezogen wird. Wobei er auch in gekonnter Weise seinen „musiktheatralischen Trieb“ auslebt, Hochdramatisches mit Kontemplativem virtuos mischt. Besondere Inspirationsquellen nennt er dabei bereitwillig selbst: Opern von Richard Strauss von Salome und Elektra bis Die Frau ohne Schatten. Die Titelrolle hat in Tessitura und Klangfarben manches vom Jochanaan, für die weiblichen Protagonistinnen standen Elektra und Kaiserin Er schließt effektvoll an traditionelle Opernformen an, wie Ouvertüre, Ensemble, Terzett, Arie, Tableau mit Chor, Monolog, Lamento, Chor a capella. Und: Er schreibt, effektbewusst, kantabel,schreibt FÜR STIMMEN, schreibt FÜR EIN PUBLIKUM. All die doktrinären Atonalen der zweiten Hälfte des 20. Jhts. drehen sich im Grab um!

 Die SängerInnen fühlen sich augen- und ohrenscheinlich wohl, setzen sich brillant in Szene.

Günter Haumer in der Titelrolle ist mit beherrschender Bühnenpräsenz der vielschichtige Judas, singt die hochdramatische Rolle mit höhenexpansivem Bariton prachtvoll und lässt mit der Selbstmordszene den Atem anhalten.

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Sandra Trattnigg. Copyright: Claudia Prieler

Ursula Langmayr (Cyborea, Frau und Mutter des Judas Iskariot) setzt ihren jugendlich-dramatischen Sopran mit Leuchtkraft ein. Ihr großes „Lamento“ mit dem Sophokles-Text rührt ans Herz. Sandra Trattnigg bietet mit hochdramatischen Elektra-Tönen ein fabelhaftes Psychogramm einer gewaltigen, schier erdrückenden Persönlichkeit als Claudia Procula. Ihre große Arie Strahle, schwarzes Auge, leuchte in der Nacht, beginnt gleich einmal mit einem hohen C! Chapeau, der Ehrenfellner traut sich was!

Stephen Chaundy vertrat die Stimmlage Tenor sehr ehrenvoll mit der Doppelrolle Dysmas (Rebellenführer)/Pilatus, der Dresdner Bass Meinhardt Möbius gab mit dem Rebellen Gestas ein gelungenes Retzer Debüt.

Doman Krizaj stattet den in Esoterik-Weiß gewandeten Jesus mit markantem Bariton erfreulich wenig salbungsvoll aus.

 Eine Spitzenleistung kam vom TERPSICHOREvocalensemble. Ehrenfellner verlangte ihm beim Chortableau Habt ihr sie gesehen, wie sie auf uns spucken?! Fluch den Römern…! das Äußerste an Intonationssicherheit und Kraft, beim a capella-Intermezzo nach Ciboreas Freitod ein Maximum an Farbschattierungen ab. Eindrucksvoll! Und großes Lob dem Chorleiter Andreas Salzmann für die perfekte Einstudierung!

 Das Orchester Festival Retz unter der  bewährten, umsichtigen Leitung von Andreas Schüller war auch diesmal wieder der sichere Qualitätsgarant aus dem linken Seitenschiff. Das hatte Champions-League-Niveau!

 Und was wäre das Festival Retz ohne den Intendanten und Heimspiel-Bühnenbildner Alexander Löffler und ohne die Könnerin am Regiepult, Monika Steiner? Mit vergleichsweise geringem Budget und noch geringerer Raumausbreitung im Sakralraum zaubern die beiden ganz unprätentiös Musiktheater vom Feinsten. Immer werkgetreu, dezent Modernität einfließen lassend. Ein schräger Theaterrahmen, ein weißer Vorhang, das ist schon fast alles. Der gesamt Kirchenraum, auch die Orgelempore, ist Spielfläche. Claudia Procula hat ihre Dialoge mit Judas teilweise von der rotsamtenen Kanzel aus. Kongenial unterstützt von Inge Stolterfoht (Kostüme) und Pepe Starman mit dem ästhetischen Lichtdesign.

 An alle, die vor „moderner“ Musik zurückschrecken: Diesmal würden sie eine echte Sternstunde versäumen. Packendes Musiktheater bei einem kleinen, aber höchst feinen, unverwechselbaren Festival, verdient auch bei den Reprisen ein volles Haus!

 Großer, fast eine Viertelstunde währender Applaus, Bravorufe, Ovationen für den Komponisten und alle anderen Mitwirkenden. Große Stimmung im Sakralraum. Ein Premierentriumph.  Übrigens: Diesmal beehrte auch Kardinal Schönborn die Festspiele mit seiner Anwesenheit und wurde in der Pause beim angeregten musikalischen Fachsimpeln mit dem Komponisten beobachtet…

 (Weitere Vorstellungen: 9./14./16./21./23.Juli)

 Karl Masek

 

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