RETZ / Festival: JEPHTHA von Georg Friedrich Händel. Leichtfertiges Gelübde – und die Folgen. Premiere

by ac | 8. Juli 2016 21:35

FESTIVAL RETZ

Georg Friedrich Händel:  „JEPHTHA“

Premiere: 7.7. 2016

Leichtfertiges Gelübde – und die Folgen

FestivalRetz2016_Daniel Johannsen © Claudia Prieler
Daniel Johannsen. Copyright: Claudia Prieler

 Israel in vorchristlicher Zeit. Man sucht einen Helden, um die „barbarischen Ammoniter“ in Schach zu halten. Einen Helden wie Jephtha. Einst verhöhnt, verstoßen und verbannt „als einer Fremden Sohn“ (die Umschreibung für: der Sohn einer  Prostituierten), ist er nun in den Augen seines (Halb)bruders Zebul der Geeignete, eine 18-jährige Tyrannei durch die Ammoniter zu beenden. Wenn er (Jephtha) den Krieg gewänne, so das fatale Gelübde, würde er das Blut jenes Menschen opfern, der ihm nach dem Sieg als erstes begegnet.

Die Geschichte nimmt Fahrt auf. Und Händel schwingt sich 1751/52 in seinem letzten Oratorium, wiewohl von Krankheit und fortschreitender Erblindung gepeinigt, noch einmal zu affektgeladener und ergreifender Musik der Reife, Abgeklärtheit und zugleich kühner Genialität, auf. Das leichtfertige Gelübde Jephthas hat grausame Folgen: Der erste Mensch, der Jephtha nach siegreicher Schlacht freudig entgegen tritt, ist: Seine Tochter Iphis (Man kennt ähnliches aus Mozarts „Idomeneo“, als dieser ebenfalls ein unbedachtes Gelübde ablegt, wenn er ein Unwetter unbeschadet überstehen sollte – und natürlich ist sein Sohn Idamante beim großen Psychologen Mozart eine besonders attraktive Rolle!).

In der alttestamentarischen Version der Geschichte hat ein strafender, unbarmherziger Gott das Sagen. Mit allen tödlichen Folgen. In der Version von Händels Librettisten Thomas Morell tritt als „Deus ex machina“ ein Engel zwischen den Kriegsherrn und Gott. Letzterer hat ein Einsehen und das Leben der Tochter Iphis wird verschont. Ein barockes „lieto fine“ also – wenn auch für heutige Menschen nur ein halbes. Die im Stück sich anfangs anbahnende Lovestory zwischen Iphis und ihrem Verlobten Hamor findet kein glückliches Ende. Iphis wird das Leben geschenkt, wenn sie künftig als „jungfräuliche Priesterin“ ihr Leben bestreitet. Und was ist mit Hamor? Und mit Iphis als FRAU? …

Regisseurin Monika Steiner nimmt sich des Oratoriums mit Empathie an. Belässt der Morelli-Geschichte die damalige Zeitbezogenheit und stülpt ihr nicht eine Zeitverschiebung ins Heute über. Natürlich haben GENAU DAS andere vielfach auch überzeugend umgesetzt. Der Kirchenraum von St. Stephan in Retz widersetzt sich aber nicht einer Lesart, die „barockes Vokabular“ zulässt, auch mit einer Prise heutiger Ironie unterfüttert.

Alexander Löffler liefert die passende „Szenenfläche“ (das schräge Schwert/Kreuz?,  das die Bühne beherrscht und die ebensolche Schrägfläche, die für alles andere herhält, etwa für den „Verlobungs-Marsch“  Iphis/Hamor). Einfach, unprätentiös auf die Bretter gestellt. Geschmackvoll die Kostüme von Inge Stolterfoht, nicht in den Vordergrund drängend das feine Lichtdesign von Pepe Starman.

 Gekonnte Personenführung ist der Inszenatorin zu attestieren. Daniel Johannsen ist ein anfangs bis zur Arroganz selbstsicherer Krieger Jephtha, mit beinahe buffonesker Körpersprache. Sein biegsamer und absolut stilsicherer Tenor durchmisst alle Lagen bis weit ins Baritonale. Atemlos macht sein Entsetzen in dem Moment, als er nach gewonnener Schlacht seiner Tochter wieder begegnet sowie das kreatürliche Leiden, das er packend ausdrückt. Eine singdarstellerische Glanzleistung!

FestivalRetz2016_Bernarda Bobro_Ensemble © Claudia Prieler
Bernarda Bobro und Ensemble. Copyright: Claudia Prieler

Bernarda Bobro als Iphis setzt ihren schönen Sopran in mannigfaltigen Ausdrucksfacetten beeindruckend ein. Als „Giustizia divina“ hat sie mich erstmals 2010 im Rahmen von „Osterklang“ in der Wiener Minoritenkirche anlässlich von Johann Joseph Fux‘ Oratorium „Cristo nell‘ orto“ begeistert.

Jephtha hat auch eine Frau, die unendlich leidet: Storgé. Hat sie doch als Erste böse Vorahnungen (Arie: „Scenes of horror, scenes of woe“). Monika Schwabegger (Linzerin, mehrfache Leistungsstipendiatin während ihrer sängerischen Ausbildung in Wien, Meisterkurse u.a. bei Christa Ludwig) ist für mich die Entdeckung des Abends: Eine fabelhafte Darstellerin, treibt sie ihren natürlich geführten Mezzo  auch in dramatische Regionen bis hin zu effektvollem Sprechgesang.

Nicholas Spanos, griechischer Countertenor mit Altuslage, entledigt sich der undankbaren Rolle des Hamor respektabel. Etwas verschattet im Timbre, fühlt er sich in der höheren Lage wohler (schönes Liebesduett mit Iphis!), der Grenzbereich zur Bruststimme macht hörbar Mühe.

Günter Haumer bringt als Zebul mit einem ausladenden Accompagnato-Rezitativ die Geschichte in Gang. Der an der Volksoper engagierte Bariton zeigt sich als markanter Gestalter. Womit wir auch gleich bei zweien seiner Söhne sind: Emilio Haumer singt den Deus-ex-machina-Engel vom seitlich positionierten Orchester aus: Mit Autorität(!), selbstbewusst und mit schönem, schon leicht abgedunkeltem Knabensopran (keine Kindertrompete!), wirklich raumfüllend. Und Santiago, der jüngere Bruder, spielt den Engel pantomimisch aus dem Hintergrund.

Ewald Donhoffer ist ein kompetenter musikalischer Leiter des fabelhaften „Ensemble Continuum“; das LABYRINTHEvocalensemble (Chorleitung: Andreas Salzbrunn) bewältigt den schwierigen Chorpart souverän. Eindringlicher Höhepunkt dabei der Schluss des mittleren Aktes, „How dark, O Lord...“ mit der gottergebenen  Quintessenz: „Whatever is, is right…“

 Nach knapp drei Stunden wurden alle Mitwirkenden mit gut zehnminütigem Applaus samt verdientem Jubel belohnt. Ein großer Erfolg!

Das Festival Retz („Musik & Literatur – Offene Grenzen“) hat sich seit dem Fall des „Eisernen Vorhanges“ mittlerweile ein Vierteljahrhundert lang große Verdienste erworben, was das „Brücken bauen“ / „Grenzen öffnen“ betrifft. Die künstlerische Zusammenarbeit mit den tschechischen Nachbarn in Znojmo weitet sich aus – und wird 2021 in einer grenzüberschreitenden Landesausstellung gipfeln. Angesichts der aktuellen Flüchtlingsproblematik sieht der rührige Intendant seit 2007, Alexander Löffler, besondere Dringlichkeit, mit „Musik & Literatur – Offene Grenzen“ künstlerisch einen Kontrapunkt zu setzen zum „Grenzzäune – Errichten“.

Und man  hat den Ehrgeiz, Retz als unverwechselbares Festival der Kirchenopern und der szenischen Oratorien von Händel und Vivaldi über Komponisten aus dem österreichisch-tschechischen Kulturraum wie Jan Dismas Zelenka und Josef Mysliveček sowie von  Benjamin Britten bis zur unmittelbaren Gegenwart noch stärker zu positionieren und mit anspruchsvollen Literaturprogrammen abzurunden. Heuer waren übrigens Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann (Literarisch-philosophischer Abend: „Gott und die Welt“) sowie Norbert Gstrein zu Gast.

Für Juli 2017 wurde an Christoph Ehrenfellner (Salzburger, Geburtsjahrgang 1975, großes kompositorisches Vorbild: György Kurtág) ein Kompositionsauftrag (samt Libretto) für eine Kirchenoper vergeben: „Judas Iskariot“. Die Uraufführung erfolgt im Rahmen des Festivals Retz. Man kann darauf gespannt sein!

Mehr zum Festival: www.festivalretz.at und https://wemakeit.com (Für „Judas Iskariot“)

 

Karl Masek

 

 

 

 

 

 

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