Der Neue Merker

REID ANDERSON – 20 Jahre Intendanz des Stuttgarter Balletts

REID ANDERSON – 20 Jahre Intendanz des Stuttgarter Balletts –

„Meine Universität ist mein Leben“

Gala des Stuttgarter Balletts 24.07.2016 Ballettintendant Reid Anderson beim Schlussapplaus (c)Stuttgarter Ballett

Gala des Stuttgarter Balletts 24.07.2016
Ballettintendant Reid Anderson beim Schlussapplaus
(c)Stuttgarter Ballett 

Die Bilanz, die Reid Anderson zu seinem 20.jährigen Dienstjubiläum als Lenker des Stuttgarter Balletts ziehen kann, ist gewaltig: welche andere klassisch geprägte Compagnie kann auf ein Arsenal von bald 100 Uraufführungen zurück blicken, ohne dabei die Pflege des Erbes vernachlässigt zu haben? Die Förderung des Neuen zusammen mit der beständigen Wahrung der John Cranko-Schöpfungen und des sonstigen klassischen und neoklassischen Repertoires sind die Stützen seines Stuttgarter Spielplans und haben nicht nur in der Vielfalt der Werke jederzeit für Abwechslung und gegenseitige Befruchtung gesorgt, vielmehr hat Anderson die Neugier durch mehrfache Besetzungs-Varianten aufrecht erhalten. Womit ein weiterer wesentlicher Aspekt seines Erfolges und seiner Verdienste angesprochen ist: sein instinktsicheres Auge für große Talente, zu einem Zeitpunkt als sich zumindest in einigen Fällen so mancher Ballettbesucher über einen frühen Hauptrollen-Einsatz oder eine Beförderung gewundert hat. Bald danach war immer klar, dass er Recht gehabt hatte. Die frühe Förderung junger Tänzer/Innen in Form von Rollenvergaben als Chance sich zu beweisen, sorgte immer für Spannung und letztlich für den Aufbau seines Ensembles, um dessen zahlreiche Frontmänner Stuttgart besonders beneidet wurde und wird. Nicht nur als hochgradige Techniker, sondern gleichzeitig als mit viel Persönlichkeit und Aussagekraft ausgestattete Charaktere, so wie Stuttgarts Ballettruhm einst durch John Cranko geprägt wurde. Außer dieser individuellen Ausstrahlung wusste Anderson aber auch den familiären Geist der Compagnie, das beständige Miteinander aller Beteiligten zu wahren, was auch immer wieder von außen hinzu kommenden Gästen bestätigt wird. Von ganz speziellen Anlässen und Galas abgesehen verzichtet er auf eingekaufte Tänzer, um dem eigenen Ensemble umso mehr Raum zu geben und damit auch das Einmalige des Stuttgarter Balletts aufrecht zu erhalten – nach der Maxime: Stuttgart braucht keine Stars, es hat seine eigenen, die z.T. auch weltweit gastieren und großes Renomee genießen.

Bei der Förderung nachkommender Generationen liegen Anderson aber die Choreographen genauso am Herzen. In Fortsetzung der von den Noverre-Abenden ausgegangenen Karrieren heute berühmter Schrittmacher starteten weitere von ihnen wie Mauro Bigonzetti oder Kevin O’Day ihren internationalen Durchbruch in Stuttgart. Einmalig ist auch die Installation gleich mehrerer Hauschoreographen, angefangen 2002 bei Christian Spuck (heute Direktor des Balletts Zürich), fortgesetzt mit Marco Goecke und Demis Volpi, die derzeit parallel in dieser Funktion eingesetzt sind. Nicht zu vergessen all die ehemaligen Ensemble-Mitglieder wie u.a. Douglas Lee, Bridget Breiner, Ivan Cavallari, Sue Jin Kang, Robert Conn, Eric Gauthier oder Filip Barankiewicz, die derzeit oder künftig Ballettdirektorenstellen in aller Welt innehaben.

Ein Teil von Reid Andersons Erfolg beruht sicher auf seiner Vertrautheit mit dem Stuttgarter Ballett, seit er 1969 als knapp 20jähriger nach Ausbildung in seiner Heimat Kanada und an der Royal Ballet School London in John Crankos Compagnie gekommen war und dort mit dem Aufstieg bis zum Ersten Solisten 1978 fast das gesamte Repertoire getanzt hatte und für seine Charakterstärke und sein Partnerschaftsgeschick bekannt geworden war. Doch wie kam er zu den Fähigkeiten ein so großes Ballettensemble zu managen und vor allem die 1996 etwas überalterte Stuttgarter Compagnie  aus seiner Talsohle zu befreien und für die Zukunft fit zu machen? In einem Gespräch zwei Wochen vor der ihn ehrenden Festwoche bekannte er ganz überraschend in diese Schiene hinein gekommen zu sein, ohne spezielle Ausbildung. „Meine Universität ist mein Leben“ – so äußerte sich der vielseitig interessierte Kanadier. Angefangen hatte es nach seinem Stuttgarter Tänzer-Abschied 1986 mit einer zweijährigen Leitung des Ballet British Columbia in Vancouver, gefolgt von sieben Jahren in gleicher Funktion beim National Ballet of Canada in Toronto. Von Anfang an sind ihm ein breites Repertoire, die Befruchtung durch Novitäten und die Förderung des Nachwuchses am Herzen gelegen, und so öffnete er dem Publikum in seiner Heimat für dortige Verhältnisse mit einem durchaus mutigen Programm die Augen für die Vielfalt und die Entwicklung des Bühnentanzes. Als dann die Neubesetzung des Stuttgarter Postens zur Debatte stand, konnte er mit diesem Konzept die Findungskommission von allen Kandidaten am meisten überzeugen. Der Übergang mit zahlreichen Kündigungen verdienter, teils schon nahe ihrem Karriereende stehender Tänzer war sicher schmerzhaft, ermöglichte aber gleichzeitig mit 21 neuen Ensemble-Mitgliedern den Grundstein für die Zukunft. Bereits nach einem Jahr wurde er vom Künstlerischen Direktor zum Intendanten umernannt und steuerte die Compagnie innerhalb von zwei Spielzeiten, auch auf einer großen USA-Tournee, wieder zu ihrem früheren Ruhm. Parallel dazu war und ist er als Coach und Einstudierer von Crankos Balletten in aller Welt gefragt.

2006 wurde Reid Anderson mit dem Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet, 2009 erhielt er die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg, 2011 erfolgte die Ehrung als Compagnie des Jahres.

Die Ballettstadt Stuttgart hat ihm viel zu verdanken. Die Neugier auf innovative Arbeiten vermochte er ebenso zu steigern wie für eine beständig hohe Besucher-Auslastung mit bis zu 98 % zu sorgen. Und durch die dieses Jahr zum 10.Male erfolgende Übertragung zweier Vorstellungen auf eine Riesenleinwand im Park vor dem Opernhaus die Außenwirkung weiter zu erhöhen. Und als allerletzten Trumpf den von ihm stets erkämpften dringenden Neubau der John Cranko-Schule, aus der mittlerweile etwa drei Viertel der nachrückenden Tänzer hervorgehen, durchgesetzt zu haben. Rechtzeitig zum Ende seiner Intendanz im Sommer 2018 soll die Einweihung stattfinden.

DANKE für alles REID ANDERSON sagt auch > Udo Klebes

 

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