Der Neue Merker

REGULA MÜHLEMANN: CLEOPATRA

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REGULA MÜHLEMANN: CLEOPATRA – Barockarien; SONY CD

Das reinste Stimmwunder, diese Mühlemann!

Veröffentlichung: 8. September 2017

Die Terminkalender eines Künstlers ist der beste Karriere-Seismograph. Die junge Luzerner Sopranistin (lyrische Koloratur) Regula Mühlemann befindet sich ihren Daten und den klug gewählten Rollen nach zu schließen genau auf dem richtigen Weg: viel Mozart in Genf (Debüt Susanna), Neapel, Salzburg, London und Baden-Baden (wo sie an der Seite von Rolando Villazon als Papageno! die Papagena singen und für die Deutsche Grammophon aufnehmen wird), Haydn in Philadelphia, Budapest und Hamburg, die Fidelio Marzelline im Theater an der Wien, die 4. Mahler in der Semperoper in Dresden.

Dreimal steht auch das Programm der aktuellen CD, „Cleopatra“, auf Konzertankündigungen in München, Ludwigsburg und Fulda. Die Besucher dieser Konzerte dürfen sich freuen. Eine so gut geführte und technisch ausgereifte Stimme bei einer jungen Sängerin ward selten vernommen. Schon in der ersten wetterleuchtenden Arie „Tra le procelle assorto“ aus der Oper „Cesare e Cleopatra“ von Carl Heinrich Graun überzeugt Mühlemann nicht nur mit ihrer stupenden Virtuosität in den Koloraturen, den perlenden Sechszehntelgirlanden und aberwitzig temporeichen Verzierungen, sondern führt einen lyrischen Sopran der Sonderklasse mit warmer Tiefe, golden leuchtender Mittellage und akkurater Höhe vor. Eine Meisterin in lupenklarer Intonation, verständlicher Diktion und affektgeladener Wortausdeutung, findet Mühlemann noch genug Aufmerksamkeit, um aus den Arien kleine Dramen zu formen. Die Unbedingtheit und den Perfektionsdrang in stimmlicher und künstlerischer Hinsicht, dieses Glühen für die Sache und die hohe Präsenz hat sie mit der in ebenfalls in der Schweiz lebenden Cecilia Bartoli gemein. Mühlemanns Sopran funktioniert absolut bruchlos, der enorme Stimmumfang und der unbeschwerte und zu natürlicher Dramatik neigende Vortrag können bei vorsichtiger Entwicklung mittelfristig eine Verbeiterung des Fachs vermuten lassen. Jetzt müsste sie nur noch Triller wie einst Joan Sutherland lernen….

Zuerst wollen wir uns aber an der neuen CD erfreuen, die gespickt von Raritäten, nicht zuletzt dank der fetzigen Begleitung durch das La Folia Barockorchester unter dem temperamentvollen und zupackenden Dirigat von Robin Peter Müller garantiert jede schlechte Laune vertreibt. Zu den spektakulären wilden Barockfeuerwerken gehören Johann Adolf Hasses „Morte col fiero aspetto“ aus der Serenade „Marc’Antonio e Cleopatra“ sowie die kontrastreiche Wahnsinnsarie „Squarciami pure in seno“aus Antonio Vivaldis „La virtù trionfante dell’amore e dell’odio, ovvero Il Tigrane“ (zu der er nur den zweiten erhaltenen Akt verfasst hat). Hier darf die Sängerin die rot lackierten Krallen ausfahren.

Wer Bekannteres sucht, wird bei der Arie der Cleopatra aus Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare in Egitto“ fündig werden. Schon Cecilia Bartoli wandelte anlässlich ihrer ersten Spielzeit als Intendantin der Pfingstfestspiele in Salzburg 2012 auf Cleopatras und Händels Spuren. Dass Frau Mühlemann auch in dieser Rolle exzellente Figur macht, wird so manchen Operndirektor freudig aufhorchen lassen. Aber auch einfachere, liedhafte und intimere Stücke wie Giovanni Legrenzis „Se tu sarai felice“ aus der Oper „Antioco il Grande“ oder „Vò goder senza contrasto“ aus Alessandro Scarlattis Kammerkantate „Marc‘Antonio e Cleopatra“ verfehlen ihre Wirkung nicht. Das überaus erfreuliche Album schließt mit zwei deutsch gesungenen Arien aus Johann Matthesons Oper „Die unglückselige Cleopatra, Königin von Egypten oder Die betrogenen Staats-Liebe“. Eine Anekdote will wissen, dass bei dem an der Hamburger Gänsemarktoper uraufgeführten Werk anlässlich eines abstrusen Duells vor dem Theater den 19-jährigen Georg Friedrich Händel nur ein breiter Metallknopf vor dem tödlichen Degenstoß Matthesons bewahrt hatte. Tja, das war halt damals so. Der Komponist war auch Sänger der Hauptrolle und wollte nach seinem Bühnentod die musikalische Leitung der Oper von Händel übernehmen, was letzterer trotz derberer Handgreiflichkeiten ganz und gar nicht gestattete.

Warum bei 58,11 Minuten Spielzeit die Arie „Quando voglio“ von Antonio Sartorio aus dessen Oper „Giulio Cesare in Egitto“als Bonus Track ausgewiesen ist, mag verstehen wer will. Auf jeden Fall kommt das durch die Harfenistin und Sängerin Katerina Ghannudi angenehm verstärkte Stück (der Arie wurde eine Tarantella aus der Region Basilicata vorangestellt) höchst kokett und verführerisch daher.

Dass das neue Stimmwunder experimentierfreudig ist, hat sie u.a. in Paris 2014 bewiesen, als sie mit einem Undercover Kamerateam „bewaffnet“ in Parks und in der rammelvollen U-Bahn Sanftes versuchte und Koloraturen abschmetterte. Link: https://www.srf.ch/kultur/musik/regula-muehlemann-3-3-die-arie-am-falschen-ort

Wer sich dafür interessiert, wie charmant und sympathisch Mühlemann beim Singen agiert, der sehe und höre sich auf Youtube Mozarts „Exsultate Jubilate“ – ZDF Adventskonzert 2016 aus der Frauenkirche in Dresden mit der Staatskapelle Dresden – an 

Dr. Ingobert Waltenberger

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