Der Neue Merker

Wien Staatsoper PLACIDO DOMINGO Betrachtungen zu einer Gala

Domingo Bodenkuss

Das sind die Bretter, die für
PLACIDO DOMINGO
die Welt bedeuten

Besonders jene des Bühnenbodens der Wiener Staatsoper, auf denen er am Tag der Gala auf den Tag genau vor 50 Jahren in Wien debütierte! Von damals an war es für den „Jahrhunderttenor“ eine weitere jener Wohlfühlarenen, in denen er sein Publikum mit seinem mitreißenden und scheinbar nie erlahmenden Einsatz und mit seiner Musikalität und einer tatsächlich auch heute noch erstaunlichen Stimmkraft erfreut und um das Phänomen Oper mit Erfolg wirbt.

Und auch im 21. Jahrhundert benötigt diese Kunstgattung weiterhin viele Domingos, um am Leben zu bleiben, denn mit der Ausrufung der OPER 4.0 allein ist es nicht getan, um dem Betrieb Leben einzuhauchen bedarf es der Ausstrahlung jenes Phänomens singender Menschen, welche den vertonten Leidenschaften wie Liebe und Hass, Triumphen und Niederlagen, all den Menschheitsmythen und den Alltagssorgen den richtigen Ausdruck zu verleihen in Stande sind. Und Placido Domingo sang uns dies alles vor, als wäre es die einfachste Sache der Welt, all das zu vermitteln, sei es die Liebe zu einer kleinen Näherin in Paris oder die Liebe zu einer äthiopischen Sklavin vor drei Jahrtausenden, sei es ein Held der französischen Revolution oder einer des italienischen Risorgimento, ein wagnerscher Heilsbringer oder ein eifersüchtiger Komödiant.

Was sagte damals der MERKER, jenes Organ der um Kurt Grisold gescharten Opernnarren und Kritikasten, das wie immer alles was neu war mit betonter Kennerschaft und vorsichtiger Distanzierung beurteilte, die jede voreilige Meinung vermied, über den Erstauftritt Domingos in Wien im „Don Carlos“ (damals noch mit dem Schillerschen S am Ende des titelgebenden Namens) am 19. Mai 1967:

„Neu war „il amico Carlo“. Placido D o m i n g o debutierte an der Wiener Oper. Er war dementsprechend aufgeregt. Man wird deshalb Nachsicht üben müssen. Der Tenor ließ schönes Material hören, aber mangelnde Sicherheit in dessen Behandlung. Außerdem hatte er zehn Hände zu viel. Die Chancen für eine Weltkarriere scheinen nicht überwältigend. Vielleicht ließe sich aus dem Sänger ein brauchbarer Haustenor á la Zampieri formen? Allein wird er es kaum schaffen.“

Aber es wäre nicht Domingo gewesen, hätte er nicht auf die Mängel seines Erstauftrittes reagiert. Schon in den nächsten beiden Aufführungen am 25. Und 28. Mai ändert sich der Ton in der Kritik schon mehr zu Gunsten des Debutanten:

„Der junge Mexikaner Placido D o m i n g o sang am 25. zum zweiten Mal in seinem Leben die Titelpartie und – wie man so schön sagt – berechtigte zu großen Hoffnungen. Nur ist die Staatsoper kein Haus für ein Rollendebut, davon zeugten einige rhythmische Unsicherheiten, vor allem zu Beginn, die bei sorgfältiger Probenarbeit natürlich zu vermeiden gewesen wären. Davon abgesehen war es eine Freude, dem Sänger zuzuhören- und -zuzusehen. Sein von steter innerer Spannung erfüllter natürlicher Ausdruck, sein trotz ihres zumindest vorläufig noch lyrischen Charakters dunkel und männlich timbrierte Stimme und last but not least sein wirklich prinzliches Aussehen ließen ihn aus dem Edelstatistendasein heraustreten, zu dem der Carlos so oft verurteilt wird und es auch diesmal leicht hätte werden können.“

Joan Holender, als unverfänglicher Zeitzeuge und damaliger Agent Domingos bestätigt das noch unter dem Vorzeichen der Unauffälligkeit stattfindende Debüt an der Wiener Staatsoper. Er hatte den „Spaniolen“, wie Betriebsdirektor Schneider den Sänger bezeichnete, zu einem Vorsingen vermittelt. Wenig später hatte Domingo sein Rollendebüt in der Tasche und trat ohne Orchesterprobe dazu an. Im Anschluss an den Abend wurde ohne großen Rummel eine Flasche Sekt beim Schillerdenkmal geleert.

 

Armiliato, Martinez, Nazarova, Domingo, Yoncheva

Armiliato, Martinez, Nazarova, Domingo, Yoncheva

Das Galakonzert…

…brachte konzertant drei Ausschnitte aus Placido Domingos Baritonrollen, der vierte Akt aus dem Maskenball, der zweite Akt aus der Traviata und der letzte Akt aus dem Simon Boccanegra.

Naturgemäß steigerte sich mit der Länge des Abends auch die stimmliche Präsenz des Baritons, und wenn man dem Nachklang des Timbres folgte, bekam man unwillkürlich den ehemaligen Tenor herauszuhören, eine durchaus reizvolle Mischung aus bronze-legierter Tiefe und Mittellage und einer  merklich tenoral klingenden Höhe eines hellen Kavalierbaritons. Sein Abschied vom Leben im Boccanegra war schon von einmaliger Klasse gekennzeichnet: musikalisch, stimmlich und vom beachtenswerten Durchhaltevermögen eines im achten Lebensjahrzehnt Stehenden.

Ich darf hinsichtlich der Sängerinnen und Sänger rund um Domingo und speziell des Dirigenten Marco Armiliato auf die Kritik im OnlineMerker unseres Redakteurs Johannes Marksteiner verweisen, wobei mir persönlich es wichtig ist auf Sonja Yoncheva als Traviata hinzuweisen, die mit einer Leistung aufwartete, wie sie ich seit dem Debüt von Anna Netrebko an diesem Hause und in dieser Rolle so intensiv nicht mehr erlebt habe.

 

Peter Skorepa
OnlineMerker

Alle Fotos Copyright P.SKOREPA

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