Der Neue Merker

WIENER STAATSOPER: EISERNER VORHANG – – 20 Jahre künstlerische Verhüllung. Reflexionen zu einem Kunstprojekt,

Wiener Staatsoper: EISERNER VORHANG – 20 Jahre künstlerische Verhüllung

Reflexionen zu einem Kunstprojekt,

zur Entstehung, zur Motivation und zu mehr oder weniger seriösen Stellungnahmen

Bildergebnis für wiener staatsoper eiserner vorhang 2017

 

Am 18.10.2018 wurde dem Publikum nun schon zum zwanzigsten mal das Projekt der „Verdeckung des Eisernen Vorhanges“ mit einem Werk der modernen Kunst vorgestellt.

Das Jubiläumsexponat wurde vom international rennomierten Künstler John Baldessari geschaffen und stellt fotografisch die Graduation an einer amerikanischen Universität dar, bei der fünf Personen verschiedenfärbig unkenntlich gemacht bzw optisch hervorgehoben wurden.

Alle seit 1998 ausgestellten Werke können im Marmorsaal der Wiener Staatsoper im Rahmen der Ausstellung „Curtain – Vorhang“ besichtigt werden.

Das Projekt, den wunderschön gestalteten Brandschutzvorhang zu verstecken, geht auf die undifferenzierten, antifaschistischen Ansichten des damaligen Operndirektors Ioan Holender zurück. Da die Beseitigung des Originals aus Gründen des Denkmalschutzes nicht zulässig war, wurde von der Organisation „museum in progress“ die temporäre Verhüllung mit einem Werk der modernen Kunst angeregt und umgesetzt. Die ausgewählten Exponate lösen seither jedes Jahr sowohl begeisterte Zustimmung als auch leidenschaftliche Ablehnung aus – so gesehen also ein gelungenes Projekt.

Erfreulicherweise hat Dir. Holender im Jahre 2002 seine ablehnende Haltung überdacht und steht – wie auch sein Nachfolger Dir. Meyer – vorbehaltlos zur Erhaltung des Originalvorhanges und zur Akzeptanz des Künstlers.

Mythologie Ringstrasse

Es muss aber erlaubt sein, die Sinnhaftigkeit und die Notwendigkeit dieser Maßnahme zu hinterfragen. Es scheint unumstritten, dass sich der von Rudolf Hermann Eisenmenger im Jahr 1955 gestaltete Vorhang mit Motiven aus der Gluck-Oper Orpheus und Eurydike hervorragend in das optische Konzept des Zuschauerraumes einfügt und auch die historische Bedeutung gibt diesem Kunstwerk einen besonderen Stellenwert. Die österreichische Bevölkerung hat in wirtschaftlich schweren Zeiten mit der „Goldplättchenspende“ die Finanzierung ermöglicht – diese Vorhanggestaltung stellt somit ein Symbol zur Identität, zur Zustimmung und zur Liebe zu diesem neu erstehenden Österreich dar. Mit etwas gutem Willen hätte man für die Präsentation von riesigen Kunstwerken auch wesentlich verhüllenswertere Lokalitäten (zB einen Flakturm) finden können.

Die Präsentation eines neuen Werkes wird noch immer gerne zur Darstellung der eigenen, aufrechten, antifaschistischen Einstellung genutzt, wobei die Recherche der historischen Zusammenhänge meist auf der Strecke bleibt. Heuer hat Almuth Spiegler in der Tageszeitung „Die Presse“ gezeigt, dass das Prinzip der alternativen Fakten auch in den seriösen Printmedien Einzug gehalten hat. Zur Erinnerung bzw zur Aufklärung: Der Originalvorhang ist von Saisonbeginn bis Mitte Oktober frei sichtbar – ein unverhülltes Jahr ist deshalb zwar wünschenswert, aber nicht nötig. Das Jahreskunstwerk ist nicht nur für zu früh kommende Besucher, sondern auch in den Pausen ungestört zu bewundern.

Ärgerlicher als der ungenaue Bericht in der „Presse“ über den operativen Ablauf ist die undifferenzierte Ablehnung des Werkes und dessen Schöpfer Prof. Rudolf Hermann Eisenmenger. Der allseits geschätzte Maler trat im Jahr 1933!!! als Ausdruck der Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien in die NSDAP ein und befürwortete den Anschluss an das Deutsche Reich. Er wurde auch von den Führern des Nazi-Regimes künstlerisch hoch geschätzt und geehrt. Als menschlich und charakterlich untadeliger Künstler wurde er im Jahre 1938 von Kollegen gedrängt, die Leitung des Künstlerhauses zu übernehmen. Im Juni 1939 war er dann dazu bereit, um einen radikalen, politisch aktiven Nationalsozialisten als Künstlerhausdirektor zu verhindern. Unter seiner Leitung konnten Werke von Kokoschka, Schiele und Hauser vor der GESTAPO versteckt und die Umwandlung des Künstlerhauses in ein Munitionsdepot verhindert werden. Die monatliche Leitungsvergütung von RM 200 hat er zur Gänze für rassisch verfolgte Kollegen zur Verfügung gestellt. Nach dem Ende des Nazi-Terrors wurde Eisenmenger suspendiert, im Zuge der Entnazifizierung aber als unbelastet eingestuft und bereits 1947 vollständig rehabilitiert – es wurde ihm niemals persönliche Schuld nachgewiesen.

Im Jahre 1955, nach dem Gewinn mehrerer Wettbewerbe wurde er mit der Gestaltung des Eisernen Vorhanges beauftragt und stieg so zu einem der prägenden Gestalter der Wiener Staatsoper auf. Seine 1950 geschaffenen Tapisserien nach Themen von Mozarts Zauberflöte sind im Mahlersaal (Gobelinsaal) zu besichtigen – eigenartigerweise sind sie nie so sehr ins Kreuzfeuer der Kritik geraten wie der Vorhang.

Der Umgang mit Personen mit einer Biografie wie Prof. Eisenmenger wirft grundsätzliche Fragen auf. In der öffentlichen bzw veröffentlichten Beurteilung werden Menschen, die vor dem Nazi-Terror ins sichere Ausland emigriert sind, meist hoch geschätzt und als aufrechte Antifaschisten geehrt. Menschen, die in der Heimat blieben und versuchten, sich, ihre Familie und ihre Freunde mit Anstand durch den Alltag zu bringen und am Leben zu erhalten, haben da schon weniger gute Karten. Sehr leicht geraten sie in Kollektivverdacht und müssen mühsam um ihre Reputation kämpfen.

Bekanntestes Beispiel dazu ist wahrscheinlich Richard Strauss, der einen langen, gefährlichen Kampf für seine Familie im Allgemeinen und seine jüdische Schwiegertochter im Besonderen führte. Seine Übersiedlung in den Kriegsjahren nach Wien war keine berufliche Entscheidung, sondern die Flucht vor der Verfolgung durch die NSDAP in der Nazi-Hochburg Garmisch-Partenkirchen/Oberbayern. Die Familie Strauss war mit dem Theaterintendanten (Weimar und Wiesbaden) Carl von Schirach befreundet uns deshalb konnte man in Wien, wo der Sohn Baldur von Schirach Gauleiter war, etwas sicherer leben.

Die moralische Frage, ob man sich gegen einen großen Kriegsverbrecher von einem Verbrecher gegen die Menschlichkeit helfen lassen darf, erhält sicher im Umfeld einer Diktatur eine andere Antwort als in der geborgenen Atmosphäre einer humanen Demokratie. Unsere Generation, die über siebzig Jahre in Frieden, Sicherheit und Freiheit lebt, sollte bei der Beurteilung von Menschen und ihrer Handlungen gewissenhafter und verständnisvoller sein. Auch ein bisschen Demut und Dankbarkeit für unsere privilegierte Lebenssituation wäre angebracht. Es gibt in der aktuellen Situation in Österreich, in Europa und global so viele bedrohliche Strömungen wie Populismus, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und egoistische Unmenschlichkeit. Dagegen anzutreten ist sicher lohnender, als un- bzw gering belasteten Personen ihre vermeintlichen Verfehlungen in schwierigen Ausnahmesituationen vorzuwerfen.

Die „Bespielung“ des Eisernen Vorhanges ist derzeit eine vertraglich vereinbarte Tatsache und sollte in Zukunft mit ehrlichen Argumenten vertreten werden. Es handelt sich um eine einzigartige Form der Präsentation von moderner Kunst mit großer Werbewirksamkeit bei einem Publikum, das sonst für diese Kunstform nur schwer erreichbar wäre.

Nach Ablauf der Verträge mit „museum in progress“ würde die dauerhafte Präsentation des Originals – und somit des „Gesamtkunstwerkes Zuschauerraum“ sicher die Mehrheit der Opernbesucher – Stammgäste und Touristen – erfreuen. Mit den durchwegs sehenswerten Ausstellungen in den Nebenräumen und Gängen ist die Wiener Staatsoper erfolgreich bemüht, das Erlebnis eines Opernabends aufzuwerten und abzurunden – der hervorragende Bilderzyklus „Winterreise“ des Ensemblemitgliedes Herbert Lippert ist dafür ein gutes Beispiel.

 

Maria und Johann Jahnas

Quellen:

WEB – Seite                          www.mip.at  (museum in progress)

WEB – Seite                          www.art4life.at

Biografie                                Rudolf Hermann Eisenmenger www.rhe.eisenmenger.at

Die Presse vom 18.10.           „Kunst verdeckt. Und das ist gut so“  von Almuth Spiegler

Persönliches Gespräch           mit Dr. Christian Strauss – 2015 in Garmisch-Partenkirchen

 

 

 

 

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