Der Neue Merker

RACHMANINOV: „TURNING POINT“

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RACHMANINOV: „TURNING POINT“ –EKATERINA LITVINTSEVA – Profil CD

Morceaux de Salon Op. 10, Variationen über ein Thema von Chopin Op. 22

Weder diätetischer noch exzentrischer Klang und wahrscheinlich auch wegen ihrer Herkunft aus der Tundra des nördlichen Polarkreises am Beringmeer in Anadyr ist dies beileibe keine kalkulierte oder intellektuell besserwisserische CD geworden. Die Pianistin Ekaterina Litvintseva mit dem großen russischen Herz und Temperament interpretiert auf ihrem neuen Album zwei Stücke aus der frühen Schaffenszeit von Sergej Rachmaninov. Der Biographie nach hat Litvintseva Klavier zuerst an der örtlichen Musikschule am Eismeer, dann in Moskau an der Staatlichen Chopin Schule erlernt und später in Köln und Würzburg perfektioniert. Die Musikerin selbst betont die Bedeutung der in Deutschland betonten analytischen Seite des Klavierspiels, das Hörbarmachen des Aufbaus, der Struktur von Phrasen. Gerade bei Rachmaninov, bei dessen Musik sich die Emotionen oft verselbständigen, ist es wichtig, ein durchsichtiges und klares Klangbild anzustreben und nicht nur mit Bravour und laut zu spielen. 

Hört man die selten gespielten Chopin-Variationen (Thema nach der Prélude in C-Moll Op. 28 des großen polnisch-französischen Vorbilds plus 22 Variationen), dann eröffnet sich ein pianistischer und stilistischer Kosmos der Sonderklasse. Ungemein gelöst und souverän geht Litvintseva an diese „imaginäre Sonate in drei Sätzen“ heran, nichts wird zur bloßen virtuosen Nummer (obwohl die Künstlerin eine technisch unglaublich artistische Virtuosin ist) oder in expressive Extreme gezwängt. Und das wichtigste: Litvintseva verfängt sich nicht in der Rachmaninov-Falle, das Pedal bleibt sparsam eingesetzt, die Konturen des Notentextes bleiben stets scharf gezeichnet. Die Interpretation ist dennoch nichts weniger als leidenschaftlich oder passioniert, der Etüdencharakter mancher Stücke kommt ohne Zeigefinger aus. Nachdenklichkeit und Melancholie legen sich manchmal wie ein unsichtbarere Schleier über diese romantischen Preziosen. Dass Litvintseva Rachmaninov ein Anliegen ist, davon kann sich der Musikfreund anhand der drei bereits erschienen CDs mit frühen Werken Rachmaninovs überzeugen. Gerade dieses persönliche Engagement macht auch dieses Album mit so ausgeprägter pianistischer Eigenhandschrift zu etwas Besonderem. Von den einleitenden Salonstücken Op. 10 gefallen besonders die in durchaus eigenwilligen Rubati getanzte Valse und die duftig poetische Barcarolle. Einfach wunderbar!

Dr. Ingobert Waltenberger

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