Der Neue Merker

POESIE FÜR KINDER UND EIN TRAUMSCHIFF FÜR DIE SENIOREN

DIESMAL NICHT STAATSOPER, SONDERN FESTSPIELE (die Staatsoper schlummert bis in den September hinein! )

POESIE  FÜR  KINDER  UND  EIN  TRAUMSCHIFF  FÜR  DIE  SENIOREN

 Seefestspiel Mörbisch kontra Opernworkshop St. Andrä-Wördern: Großes Werbespektakel oder ein regionaler Bildungsauftrag für die Jugend?

 Eine Glosse von Meinhard Rüdenauer

 Dies ist jetzt kein seriöser, kein wirklich erlaubter Vergleich. Doch trotzdem, es muss bei unserer derzeitig so profillosen und allzu oft an Verkaufsquoten orientierten Bildungs- und Kulturpolitik in Österreich darüber nachgedacht werden: Heute fließen die Steuergelder überwiegend in den Kulturkommerz, in populäre Events, in Tourismus-Attraktionen, die sich groß bewerben und einigermaßen auch verkaufen lassen – oder müsste doch dem kulturellen Bildungsauftrag für die jungen Menschen ganz eindeutig der Vorzug gegeben werden?

 M ö r b i s c h : Am Ufer des westlichen Neusiedlersees gelegen. An die 2.260 Einwohner und dazu die überdimensionierte Seebühne mitten im Schilfgürtel. Für Johann Strauss´ „Eine Nacht in Venedig“ werden auch heuer wieder die Besucher mit Bussen in langen Autoschlangen angekarrt.

S t.  A n d r ä – W ö r d e r n : Am Rande des nördlichen Wienerwaldes gelegen. Zirka 7.780 Einwohner und Naturschönheiten auch hier, wie die vormals so gern durchwanderte romantische Hagenbachklamm. Und im Sommer …. „Oper unter Sternen“ mit Opernworkshop für Fünf- bis Vierzehnjährige und einer „Jungen Sommerakademie“.

Bildergebnis für mörbisch am see

Mörbisch/ Seebühne

 Zum Neusiedlersee zuerst, nach Mörbisch: Die Langzeit-Intendanz von Verkaufsgenie Harald Serafin und seine großsprecherischen „Mekka der Oper“ oder seine flippigen „Lets Mörbisch“-Werberufe klingen noch sanft nach. Sind diese von Serafin durch gezielte Marketingstrategien erarbeiteten früheren Erfolge im Sinne eines Kulturtourismus noch zu halten, vielleicht gar zu übertreffen? Seine Nachfolgerin als Intendantin, Sopranistin Dagmar Schellenberger, wählt ebenfalls solche Stücke aus, in denen sie  sich als ordentliche Gesangsdiva präsentieren kann. Der Szenenbeifall am Premierenabend dieser herrlich melodienseligen Operette des Johann Strauss ist jedoch eher bescheiden ausgefallen. Viel aufgezwirbelte Action, viel Hin und Her und lange Abgänge der gewaltigen Schar an Mitwirkenden, eine kaum auch echte Spannung aufkommen lassende, eher verwirrende dramaturgische Bearbeitung. Insgesamt ist ein passables Produkt mit bunter, abwechslungsreicher Szenenfolge zu sehen. Wohl ansprechend für ein breites Publikum, welches sich auch ohne ein besonders stimmiges oder poesievolles Musikerlebnis zufrieden geben kann.

 Aber auch – noch viel mehr als früher?  – Werbung, Werbung, Werbung – Werbung überall im weiten Areal. Die für Events ausgerichteten großen neuen Zubauten zur Seebühne wirken zwar wie nüchterne Sporthallen, sprechen nicht gerade für ein gepflegtes burgenländisches Architektur–Feeling. Doch wohin der Blick auch fällt: Den Werbesprüchen kann man nicht entkommen. Slogans für einen Happy Drink, Bio natürlich; für ein anspruchsvolles („das“) Autohaus; für prickelnde oder stille („sind tief“) Wasser; für eine ganz, ganz spezielle Boxenstraße, die unsere „Herzen höher schlagen“ lässt; für ein Romantik-Hotel in Rust ….. viel, viel mehr noch. Alles klar, hat schon seinen Wert. Die Präsentationen der Winzer mit ihren erstklassigen Weine der Region gehören sicherlich hierher. Bitte, noch dazu, als besonderer Werbegag, direkt auf der Bühne sogar: Eine Kreuzfahrten-Linie (www.XXXkreuzfahrten.at) mit dem Trend zur Empfehlung „mediterraner Lebensart“ sponsert mit, dass aus Guido, dem liebeshungrigen Herzog von Urbino, Mitte des 18. Jahrhunderts, der jetzt namenlose Käpten eines luxuriösen Ozeanliners mit dem XXX-Logo am Bug und mit dem Namen „Herzog von Urbino“ geworden ist. Und dieses weiße Monstrum taucht da mit seinem riesigen Aufbau auf der Drehbühne auf und erregt ein bisschen Staunen, stört aber wohl doch die Ansätze zu einer poetischen venezianischen Operetten-Idylle.

S
St. Andrä Wördern/ Burg Greifenstein

 Jetzt in den Wienerwald, nach St. Andrä-Wördern: 10 Jahre wird hier nun schon am Hautplatz „Oper unter Sternen“ gezeigt. Filme nur. Mit Eberhard Wächter und Otto Schenk in der „Fledermaus“, mit Anna Netrebko in „La Bohème“. Auch „Singing in the Rain“ oder „Udo!“, unser Udo Jürgens, gehören dazu. So klein das Budget auch ist, lokale Sponsoren helfen mit. Wie der Gasthof „Zum lustigen Bauern“ oder das „Entdecken sie FACE!“ –Studio mit seinen Anleitungen zu effektivem Gesichtsmuskel-Aufbau und für einen rosigen Teint. Doch Titus Hollweg, der Initiator und Manager all dieser künstlerischen Aktivitäten hier, ist nicht an Kulturtourismus interessiert, sondern an einem geistig-künstlerischen Aufbau für junge Menschen, für die Kinder, für die Jugendlichen der Region. Ein Anliegen, um welches man sich heute trotz einiger Ansätze in ganz Österreich weit intensiver bemühen müsste. An fünf Tagen wurde von Hollwegs Team eine originelle Musical-Version, eine textlich angedeutete, vereinfachte und mit vielen Coversongs beschwingt-beschönte Kürzestversion von Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ erarbeitet. Nicht so betitelt, doch so eine Art „Swinging Yederman for Kids“. Geglückt!

 Nochmals: St. Andrä-Wördern kontra Mörbisch ist keine erlaubte Gegenüberstellung. In St. Andrä-Wördern wird versucht, den heimischen jungen Menschen geistiges zu vermitteln, ihnen mit  Kultur und Poesie eine aufbauende Kraftnahrung zu geben. In einer Zeit, in der von der Wirtschaft geklagt, dass so viele Schulabgänger nicht richtig zu lesen oder schreiben vermögen. Der Mörbisch-Besucher mit den alten Strauss-Hits im Ohr scheint dadurch beglückt, das sich ein Traumschiff in den Neusiedlersee verirrt hat  – weder von capitano Schettino auf Grund gesenkt und auch kein von der Libyschen Küste angeschwemmter verrostet Kahn hier gestrandet ist – und sich Bella Venezia dem Massentourismus und unerotischen Liebesspielen nicht entziehen kann. Auf den Punkt gebracht: Die Vermarktung gelingt in Österreich, hat Vorrang im politischen wie kulturellen Denken. Doch um aus der akuten Bildungsmisere heraus zu kommen und die jungen Menschen mit verfeinerter Kreativität oder wenigstens einE Spur etwas vergeistigterem Denken zu stärken – da werden wir, allzu oft jedenfalls, mit Ratlosigkeit konfrontiert.

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