Der Neue Merker

Pittsburgh Symphony Orchestra: Schostakowitsch / Barber

coverCD Schostakowitsch

Dmitri Schostakowitsch: Symphonie Nr. 5
Samuel Barber: Adagio
Pittsburgh Symphony Orchestra
Dirigent: Manfred Honeck

CD Reference Recordings / Hybrid SACD – DSD

Für den aus Vorarlberg stammenden österreichischen Dirigenten mit internationaler Reputation, Manfred Honeck, wird die nächste Saison bereits die zehnte sein, der er dem Pittsburgh Symphony Orchestra (kurz PSO) als Music Director vorsteht. Zwei Werke gibt es nun neu auf CD:  Die Live-Aufnahmen sind zwar nicht ganz neu (die Werke wurden 2013 in der berühmten Heinz Hall – ja, sie heißt nach den Stiftern, der Ketchup-Familie – aufgezeichnet), aber sie klingen frisch genug. Es ist bereits die siebente Aufnahme einer „Pittsburgh Live!“-Serie und wird mit aller technischen Kunstfertigkeit aufgenommen und ediert.

Mit Werken von Dmitri Schostakowitsch und Samuel Barber, entstanden zeitlich in unmittelbarer Nähe, aber auf zwei Kontinenten, in zwei Welten, bietet die CD einen wirklich spannenden Kontrast – und dabei passen sie passen unglaublich gut zusammen. Denn wenn zuerst die 5. Sinfonie in d-Moll op. 47 von Dmitri Schostakowitsch erklingt, die im Jahre 1937 entstanden ist, dann fügen sich zu diesen rund 50 Minuten noch die 10 Minuten des „Adagio“ des Amerikaners Samuel Barber, entstanden ursprünglich 1936, wie ein elegischer Epilog daran, um eine packende Stunde Musik noch „runder“ zu machen.

Die Fünfte von Schostakowitsch – man kennt das Problem. Ein Komponist, Jahrgang 1906, der schon in seinen jungen Jahren mit seinen ersten Symphonien berühmt wurde, und das auch außerhalb Russlands. Ein Avantgardist, dessen Oper „Die Nase“ beispielsweise noch heute verblüffend modern anmutet, dessen „Lady Macbeth von Mzensk“ ab 1934 die Opernbühnen eroberte. Und doch geriet er gerade mit diesem Werk in das Blickfeld Stalins und, da Diktatoren offenbar immer einen rückwärts gewandten Geschmack haben, in dessen Kritik. Was macht ein Künstler, der seine Heimat nicht verlassen kann und will? Die „Fünfte“ gilt als Werk der Anpassung, aber wer den „Sound“ von Schostakowitsch kennt, weiß, dass er sich nicht untreu geworden ist, dass er vielleicht äußerlich ein wenig gefälliger scheinen mochte, aber trotzdem ein komplexes, packendes Werk geschrieben hat, aus dem die Machthaber ihren befohlenen Jubel heraushören mochten, wenn sie denn wollten – immerhin beginnt der vierte Satz mit nahezu Tschindarassa-Paukelwirbel, den man einst als Diktatorenfutter begreifen konnte. Aber wie ist das weiter geführt, durchgeführt! Wie führt das nie in billige tonale Abfolgen und schlichte Rhythmik!

Die Nachwelt hört genau, zumal wenn man die Politik einmal außer Acht lässt, dass es sich hier um große Musik handelt, und das Orchester unter Honeck spielt alle Stückeln von Schattierungen und Emotionen, hier ist technisch und interpretatorisch einiges zu leisten – und es geschieht.

Der Amerikaner Samuel Barber (1910-1981) war gewissermaßen ein Zeitgenosse von Schostakowitsch (1906-1975), doch der Teil der Welt, in dem er leben durfte, bescherte ihm ein vergleichsweise ungestörtes Künstlerdasein. Zu seiner Zeit war Barber so populär, dass man ihm die Auftragsoper für die Eröffnung der neuen Met im Lincoln Center erteilte, aber „Anthony and Cleopatra“ (1966) ist von der Nachwelt ebenso vergessen wie sein anderes Opernwerk, „Vanessa“ (1958). Tatsächlich lebt er fast ausschließlich mit dem „Adagio“ als seinen zehn Minuten Weltruhm in den Konzertsälen weiter – der zweite Satz eines Streichquartetts von 1936, von ihm selbst mehrfach arrangiert. Das Werk wird des tragischen Untertons wegen gern bei Begräbnissen – u.a. von John F. Kennedy – gespielt. Auch als Filmmusik kehrt es oft wieder, bei You Tube wurde es tatsächlich viele Millionen Male abgerufen. So, wie Honeck und die Pittsburgher diese elegische „Draufgabe“ zu Schostakowitsch spielen, meint man die Verwandtschaft zwischen zwei großen Komponisten in einer geteilten Welt zu spüren, die durch die Musik bekanntlich immer zusammen geführt werden kann.

Renate Wagner

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