Der Neue Merker

PIRÄUS/Griechenland: CALIGULA . eine Tragödie der Erkenntnis

Städtisches Theater Piräus: CALIGULA

Besuchte Vorstellung am 18. März 2017

 Eine Tragödie der Erkenntnis

pira

 Das Städtische Theater in Piräus pflegt einen vielfältigen Spielplan, in welchem Aufführungen klassischer Dramen einen besonderen Platz einnehmen. Nun hat man sich Albert Camus‘ modernen Klassiker „Caligula“ vorgenommen. Das 1939 entstandene Stück wurde vom Autor in seinen Zyklus des Absurden eingeordnet, wobei er es keineswegs als philosophisches Lehrstück ansah. „Caligula ist eine Tragödie der Erkenntnis“, bekannte Camus. In der Figur des römischen Kaisers Caligula formuliert sich der menschliche Drang nach dem Unmöglichen. „Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich.“ Zu dieser Einsicht gelangt der mit dem Tod seiner Schwester und Geliebten hadernde Herrscher. Indem er die bestehenden Werte umkehrt, geht er fortan über Leichen, um am Schluss seine eigene Tötung zu befördern, erkennend, dass sein Weg falsch was und zu Nichts führt. Camus‘ „Caligula“ zeigt ein Experiment bzw. ein Spiel im Spiel, ist dabei eine Absage an Ideologie wie Utopie und legt offen, dass extremes Unrecht Werte wie Aufrichtigkeit oder Solidarität nicht beseitigt, sondern gerade hervortreten lässt. Wenn man sich in der aktuellen Weltpolitik umschaut, kommt man nicht umhin, die Aktualität des Stücks zu anzuerkennen.

 Die Inszenierung von Aliki Danezi-Knutsen betont überzeugend die Versuchsanordung des Autors. Zu Beginn versammelt sich das Ensemble auf der Bühne, tritt sozusagen zum Spiel an. Caligula kommt nach wenigen Minuten hinzu, er tritt im Lauf des Abends mehr und mehr als Spielmacher in Erscheinung. Besonders im zweiten Teil der Aufführung, wenn Caligula im Ballettrock und mit rotem Kopfaufsatz seine Umgebung ‚inszeniert‘ und terrorisiert, gewinnt dieser Aspekt des planmässigen Spiels an Signifikanz. Das Bühnenbild von Paris Mexis zeigt ein Wegesystem, das Möglichkeiten des Spiels andeutet und, metaphorisch gesprochen, die Abgründe der Natur mit dichtem Pflanzenwuchs markiert. Videoprojektion (Nikos Dragonas) und Spiegel vervielfachen und verstärken Emotionen bzw. schaffen überhaupt erst so etwas wie einen psychischen Raum, in welchem sich zeitlos daherkommende Figuren bewegen und interagieren (Kostüme: Marina Hatzilouka). Die Musik von Blaine Reininger sorgt für beklemmende Resonanzen in diesem existenziellen Spiel.

 Yannis Stankoglou besticht als Caligula, er weiss den kalkulierten Wahnsinn so spielerisch leicht wie präzise überlegt darzustellen. Er gewinnt dem unbedingten Streben nach dem Unmöglichen eindrückliche gestische Facetten ab. Das übrige Ensemble bietet eine geschlossene, hochstehende Leistung. Die unterschiedlichen Charaktere – vom Mitläufer bis zum Tyrannentöter – sind dabei überzeugend gezeichnet. Da das Theater keine Besetzungsliste vorlegt, sei den Darstellerinnen und Darstellern summarisch gedankt: Theodora Tzimou, Ieronymos Kaletsanos, Michalis Afolayan, Dimitris Kitsos/Kostas Nikouli, Aristotelis Aposkitis, Haris Emmanouil, Giorgos Nakos, Dimitris Liolios, Stratos Sopilis, Kostas Laskos und Anastasia Georgopoulou. Das Publikum dankte mit herzlichem Applaus für eine gelungene, sehr gut gespielte Aufführung.

 Ingo Starz

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