Der Neue Merker

Phyllis McDuff: VILLA MENDL

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Phyllis McDuff: 
VILLA MENDL
Leben und Schicksal der Ankerbrot-Erbin Bettina Mendl
288 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 

Die Villa Mendl steht heute noch auf der Hohen Warte und wird von Mitgliedern der Familie bewohnt. Welche vergangene Schicksale dahinter stecken, das erzählt eine Frau aus der Ferne – Phyllis McDuff (heute 75) ist die Tochter jener Bettina Mendl (1909-1999), die (ungeachtet, dass es zwei Schwestern und zwei Brüder gab) das Ankerbrot-Imperium ihres Vaters Fritz Mendl (1864-1929) erbte.

Sie erlebte ein wildes, schillerndes Schicksal, das sich für die Tochter langsam aus persönlichem Zusammensein mit der exzentrischen Mutter, dann aus eigenen Recherchen zusammen gesetzt hat. Interessant und seltsam dabei, dass Phyllis McDuff, Tochter eines Australier und der emigrierten Wienerin, erst ganz spät die jüdische Abstammung mütterlicherseits begriffen haben will…

Phyllis McDuff, die 1942 im australischen Outback geboren wurde, bleibt in ihrem Buch und ausführlichen eigenen Jugendschilderungen lange in der australischen Welt, in der sie und ihre Eltern lebten (jahrzehntelang auf einer Farm, bis Bettina ins Altersheim kam), bevor sie die Welt betritt, die den Leser hierzuland interessiert: Wie eine reiche jüdische Familie lebte, wie das Schicksal einer jungen Frau verlief, die mit 22 Jahren (!) nach dem Tod des Vaters und eines Bruders die Anker-Großbäckerei zu leiten und das mehr als beträchtliche Vermögen der Familie (inklusive einem Schloß in Tirol!) zu verwalten hatte. Die Tochter beschreibt die Mutter als drahtig und laut, leidenschaftlich und intolerant, manchmal fast grausam, schön und furchterregend, kurz zumindest eine hoch interessante Frau.

Und verschlossen genug – es ist erstaunlich, wie viel von ihrer Lebensgeschichte offen bleibt, weil sie einfach nicht darüber reden wollte. Immerhin wird noch genügend über verrückten, exzentrischen Lebensstil und eine Familie voll von seltsamen Originalen klar. Bettina, die in Australien 1941 Joe McDuff, irischer Abstammung, geheiratet und mit ihm zwei Töchter hatte, war nach dem Krieg mit ihren Restitutionsforderungen recht tüchtig. So kam auch die junge Phyllis nach Europa, einbezogen in den unsteten Lebensstil der Mutter, wo es auch geheimnisvolle, nie erklärte Begegnungen mit der Vergangenheit gab (vielleicht waren Familienmitglieder für verschiedene Geheimdienste tätig?). 1952 konnten Bettina und ihre Töchter auch besuchsweise in die Villa Mendl einziehen. Man lebte ebenso in Italien, und lange Zeit schwankte Bettina zwischen Australien und der endgültigen Rückkehr nach Europa, wo sie allerdings mit der Familie – den Nachkommen der Geschwister – nicht wirklich auskam.

Rätselhaft bleibt bis zuletzt, was es mit den (angeblichen) Picasso-Zeichnungen auf sich hat, die sich in Bettina Mendls Besitz befanden, deren Echtheit aber nie wirklich bestätigt werden konnte. Nicht das einzige Rätsel rund um die wilden Ereignisse in der Ankerbrot-Familie…

Renate Wagner

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